Ursachen größerer Bevölkerungsunterschiede

Dieses Thema im Forum "Sonstiges in der Neuzeit" wurde erstellt von Alex74, 5. April 2012.

  1. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    Hallo allerseits,

    ich habe manchmal den Eindruck, daß Europa - relativ zu seiner im Prinzip meist recht fortschrittlichen Geschichte - relativ dünn besiedelt ist; oder andersherum: daß Amerika, China und Indien für mich unerklärlich dicht besiedelt sind.

    Ich schicke voraus daß ich von der Thematik selbst keine Ahnung habe, aber gerne wissen würde ob mein Eindruck stimmt bzw. ob das Bild, das ich von der Bevölkerungsentwicklung der Menschheit im Kopf habe so in etwa richtig ist.

    Ich will vor allem auf die historischen Grundlagen hinaus, weniger auf die neuzeitliche Entwicklung; mir ist klar daß ein großer Bevölkerungsunterschied auch aus der in Europa anderen Haltung zur Kinderfrage kommt und erst im 20.Jahrhundert zum heute großen Unterschied beitrug. Aber es muß ja schon vor 100 Jahren in Indien und China eine sehr große Bevölkerung gegeben haben, die Basis für den heutigen Stand war.

    Meine Infos dazu sind:

    -Europa hat heute insgesamt rund 740 mio. Einwohner lt Wikipedia (also das geographische Europa inkl. Ural und Kaukasus).
    -China bringt es dahingegen alleine in den Küstenprovinzen auf über eine Milliarde Einwohner.
    -Ähnlich mit Indien: weitaus kleiner als Europa an sich, das Klima ist definitiv nicht milder als hier, trotzdem auch weit über 1 Milliarde Einwohner.
    -Amerika hat insgesamt rund 920 mio. Einwohner, die meisten davon europäischstämmig.

    Da Europa sicher nicht unfruchtbarer ist als China oder Indien, sich hier aber trotzdem keine erheblich größere Bevölkerungszahl entwickelte als in Indien oder China und in vergleichsweiser kurzer Zeit sogar die Vermehrungsrate in Amerika die in Europa weit überflügelt haben muß, habe ich einige Vermutungen angestellt darüber, wieso Europa heute nicht so stark bevölkert ist wie z.B. China;

    -Die Pest im 14.Jhd.trat nur in Europa auf und raffte hier ein Drittel der Bevölkerung dahin, was Europa in der Bevölkerungsentwicklung weit zurück warf.
    Dazu würde passen daß Europa bis heute im Westen (Spanien, Frankreich) dünner besiedelt ist als im Osten, wo die Pest weniger Opfer forderte.

    -Auswanderung in die Neue Welt 16.-20.Jhd.; daß Europa hier große Mengen Menschen verlor ist ebenfalls leicht vorzustellen, bedenkt man daß in Amerika heute 920 mio.Menschen leben und der Großteil davon aus Europa stammt.

    -Kriege im allgemeinen: das glaube ich weniger, da Kriege, nichtmal der 2.Weltkrieg, in den Bevölkerungsdiagrammen kaum ablesbar sind.

    Meine Fragen sind (ums mal endlich auf den Punkt zu bringen) also:

    1. Hatte Europa bis etwa 1900 also tatsächlich weniger Einwohner, als es klimatisch/sozial möglich und wahrscheinlich gewesen wäre?
    2. Wenn 1. zutrifft, kann dies auf die Pest oder den Exodus in die Neue Welt zurückgeführt werden?
    3. Wenn 1. und 2. zutreffen, ist Indien und China in ihrer Geschichte von vergleichbaren Ereignissen verschont geblieben?

    Gruß Alex

    PS.: Ich war mir nicht ganz sicher wo das Thema am besten hineingehört, habe es mal zur Neuzeit gesteckt da es weitgehend um den Stand 20.Jahrhundert geht und wie es dazu kam.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2012
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das kann eigentlich nicht sein, da die Pest den Nahen Osten, Indien und China genauso betraf, wie Europa.

    ...und Afrika ...und - gerade in den letzten Jahrzehnten wieder verstärkt - aus Asien.
     
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich hatte mal gelesen, dass in Frankreich der Geburtenrückgang schon vor der französischen Revolution einsetzte. Generell ist zu verzeichnen, dass Frankreich seinen Vorsprung als bevölkerungsreichstes Land in dem Teil Europas einbüßte.
    Hier wird die Stagnation später angesetzt: Frankreich ? Wikipedia
    :winke:
     
  4. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Moment mal. Von der heutigen Bevölkerungszahl kannst du nicht sagen, dass ein Grossteil aus Europa stammt, denn das hiesse, sie wären alle erst kürzlich ausgewandert (1. Generation). Du könntest höchstens in den Raum stellen, dass ein Grossteil der Vorfahren/Ahnen aus Europa stammt. Wobei auch das nicht stimmt, wie El Quijote bereits anmerkte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2012
  5. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    Siehe meinen Beitrag:
    Es geht also um die Herkunft historisch und den Verlust an Bevölkerung durch Auswanderung. Ich dachte ich hätte das genau genug formuliert.

    Zur Zusammensetzung der Bevölkerung Amerikas lt.Wikipedia:
    (USA betreffend)
    lt. erdkunde-wissen.de sind auch in Brasilien 54,4% "Weiße".
    Ich gehe nicht davon aus daß der Rest Amerikas an der Aussage daß ein sehr großer, wenn nicht der größte Teil der Bevölkerung auf ausgewanderte Europäer zurückgeht noch etwas drehen kann.

    Genauso - sicher?
    Mein Halbwissen darüber sagt daß die Pest in ihrer massiven Auswirkung den asiatischen Bereich nicht, oder nicht so stark betraf.
    So sind z.B. in allen von der Pest betroffenen Ländern Wunschformeln beim Niesen üblich; "Gesundheit" in Deutschland, "Lebe lange" in der Türkei, etc. - weil Schnupfensymptome oft die ersten Anzeichen einer Pestinfektion waren. Derlei gibt es unter Asiaten meines Wissens nirgends, weder in Indien, noch in China.

    Gruß Alex
     
  6. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    Ich hätte die betreffende Passage wohl markieren sollen:
    Das meint 1. Generation.
     
  7. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Also eigentlich kann man nicht sagen, Europa hätte für seine äußerst geringe Größe (es ist nach Australien der zweitkleinste Kontinent) eine zu kleine Einwohnerzahl. Vielmehr gibt es auf der Welt außer Südasien keine größere Region, die dichter besiedelt ist als Europa; seine Bevölkerungsdichte ist sogar ein Beweis für die unglaubliche wirtschaftliche Stärke, die Europa (und zwar besonders Westeuropa!) schon seit Jahrtausenden charakterisiert. China ist lange nicht so dicht besiedelt wie Europa, und die USA enthalten - was viele verblüfft - kaum mehr als 30 Einwohner auf dem Quadratkilometer. Ich kann deine Punkte nicht nachvollziehen.
     
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  8. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Oh ja. Eher noch mehr. Ich meine mal irgendwo gelesen zu haben, dass die Pest in China fast zwei Drittel aller Einwohner umgebracht hat - da China schon früh über organisierte Volkszählungen verfügte, kann man das ziemlich gut zurückverfolgen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2012
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Kannst du bitte diese Stammtischausdrücke unterlassen. Es gibt andere Bezeichnungen für Menschen aus China - Chinesen wäre da mein Vorschlag.
     
  10. Alex74

    Alex74 Aktives Mitglied

    Hm, man findet dazu wenige Quellen im www aber in einigen Artikeln wird in Nebensätzen erwähnt daß sie auch im 14. Jhd. in China verheerend wütete.

    Den Ausdruck Reisfresser verbitte ich mir, ich würde auch nicht Sauerkrautfresser genannt werden wollen.

    Relativ zu den bevölkerungsstarken Gebieten ist Europa tatsächlich eher dünn besiedelt; wie gesagt ist der Großteil der chinesischen Bevölkerung alleine im Osten des Landes untergebracht und Indien ist auch viel kleiner als Europa.

    Amerika nannte ich nur weil es in historisch eher kurzer Zeit Europa überholt hat und Afrika blende ich aufgrund der völlig unterschiedlichen klimatischen Bedingungen mal aus.

    PS:
    Sehr guter Vorschlag. Irgendwie stimmig :)

    PPS:
    Nochmal was zur Verteilung der dichtestbesiedelten Gebiete:
    Diese befinden sich bei praktisch allen Kontinenten bevorzugt an den Küsten.
    Wie erwähnt auch im Falle Chinas.
    Sind fruchtbare Küstenregionen also ausschlaggebend für eine gute Bevölkerungsentwicklung gewesen, dann sollte Europa hier erst recht einen guten "Nährboden" gehabt haben und relativ wegen der Küstenanteile also eine wiederum eher höhere Bevölkerungszahl aufweisen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2012
  11. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Tut mir leid, ich wollte hier niemanden beleidigen und hatte es eher scherzhaft gemeint. Na ja - schlechter Scherz, Asche auf mein Haupt, weiter in der Diskussion.
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Davon kann überhaupt keine Rede sein, denn die Bevölkerungsdichte pro Quadratkilometer sagt etwas ganz anderes:

    So hat z.B. China 139 Einwohner pro km², die USA sogar nur 31 Einwohner pro km². Demgegenüber hat

    Deutschland 230 pro km²

    Großbritannien 251 pro km²

    Niederlande 396 pro km²

    Frankreich 115 pro km²

    Italien 199 pro km²

    Spanien 99 pro km²

    Polen 122 pro km²

    Nimmt man den Querschnitt der europäischen Einwihnerzahl (exklusive des Sonderfalls Russland), so liegt die Bevölkerungsdichte über der Chinas und bei weitem über der der USA. Afrika und Südamerika sind noch viel dünner besiedelt.
     
  13. Caro1

    Caro1 Neues Mitglied

    @Alex74
    Nachtrag:
    Die von dir genanntenetwa 920 Millionen meinen die Gesamtbevölkerung der USA und Lateinamerikas, die USA allein hatte 2011 etwa 313 Millionen.
    Das genannte Splitting der Bevölkerungsanteile "Erdkunde-Wissen" bezog sich jedoch auf die USA. Denn in Lateinamerika sieht das Verhältnis wieder ganz anders aus.
     
  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wie es um die Bevölkerungsdichte der USA im Vergleich zu den Staaten Europas bestellt ist, kannst du meiner Aufstellung oben entnehmen. Sie ist minimal und das gilt, nicht ganz so drastisch, auch für China. Die südamerikanischen Staaten haben eine ganz dünne Bevölkerungsdichte. So leben in Brasilien nur 23 Einwohner pro km², in Argentinien sind es sogar nur 14. Demgegenüber Deutschland 230 Einwohner pro km² (siehe oben).
     
  15. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Der Zeitpunkt, zu dem China und besonders Indien Europa nach der Bevölkerungsdichte erreicht bzw. überholt haben, liegt wohl eher in der näheren Vergangenheit. Vor einiger Zeit habe ich "Der Alltag - 15. bis 19. Jhdt." von Fernand Braudel gelesen, in dem der Autor in einem Kapitel auch übliche Bevölkerungsschätzungen für verschiedene Kontinente zusammenträgt und sie dann bewertet. Dabei werden folgende Zahlen aufgeworfen (Ozeanien ist hier glaube ich nicht von großer Bedeutung):

    1350

    Europa: 80 Mio. (vor der Pest)
    Amerika: 40 Mio.
    Asien: 180 Mio. (davon ca. 80-100 Mio. China)
    Afrika: 30 Mio.

    1650

    Europa: 100 Mio.
    Amerika: 10 Mio. (spanische Eroberung)
    Asien: 260 Mio. (davon ca. 120 Mio. China)
    Afrika: 40 Mio.

    1850

    Europa: 270 Mio.
    Amerika: 60 Mio.
    Asien: 700 Mio. (davon ca. 430 Mio. China)
    Afrika: 100 Mio.

    So wacklig diese Schätzungen auch sind, so ist doch erkennbar, dass vor Beginn des 20. Jahrhunderts Europa stets mehr Einwohner hatte als alle anderen Kontinente (ausgeschlossen das riesige und teilweise ähnlich weit entwickelte Asien). Dabei variiert die Einwohnerzahl Chinas aufgrund einer abwechslungsreichen Geschichte voller großer Blütezeiten, Bürgerkriegen und Epidemien sehr stark. Doch während spätestens ab dem Zweiten Weltkrieg in Europa die Geburtenraten tendenziell zurückgehen, erfreuen sich (oder erfreuen sich auch nicht) die Schwellen- und Entwicklungsländer bis heute eines unglaublichen Wachstums. Hier liegt meiner Meinung nach die historische Ursache dafür, dass Europa heute weniger Einwohner hat als Afrika oder Amerika.

    Nichtsdestotrotz muss man hervorheben, dass Europa immer noch ein wirtschaftlich-demografisch extrem überprivilegierter Bereich dieser Erde ist; wie gesagt gibt es außer Indien, Indonesien und mit Abstrichen China kein dichter besiedeltes Gebiet auf der Welt. Und vor dem 20. Jahrhundert war dieser Vorsprung noch größer.
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die absolute Zahl von Einwohnern je Kontinent sagt natürlich wenig aus. Aussagekräftig ist vor allem die zur Fläche des Kontinents in Beziehung gesetzte Zahl von Menschen, also die Bevölkerungsdichte.

    Und da ist dem Threadersteller zu widersprechen: China, die USA, Südamerika oder gar Afrika sind erheblich dünner besiedelt als Europa.
     
  17. ketzer97

    ketzer97 Neues Mitglied

    Richtig, ich hätte natürlich auch noch die Bevölkerungsdichte ausrechnen können, das hätte den Eindruck wohl noch verstärkt. Dann liegt Asien nämlich auch hinter Europa, von den anderen Kontinenten ganz zu schweigen. :)
     
  18. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    So isses! :winke:
     
  19. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Da möchte ich allerdings ergänzen, dass die Bevölkerungsdichte allein auch nicht sehr viel aussagt, da in vielen Staaten nicht alle Flächen gleichermaßen besiedelbar sind. Wüstenregionen, Urwälder und Gebirge sind normalerweise bekanntlich weniger bevölkert. Während in den meisten europäischen Staaten der Großteil der Fläche nutzbar ist, sieht es in Staaten wie China und den USA mit Wüsten- und Gebirgsregionen anders aus. Ein Extremfall ist Ägypten, wo sich trotz großer Fläche fast die gesamte Bevölkerung im Niltal und -delta konzentriert. Entscheidend ist also die Bevölkerung pro besiedelbarer Fläche.
     
  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es ging um eine ganz einfache Frage:

    Und da muss man sagen: Europa ist dichter besiedelt.

    Du kannst jetzt gern anfangen, noch Wüsten, Tundra und Taiga herauszurechnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. April 2012

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