Dort zählten Arminius und Segimer zu Varus‘ Tischgästen. Mit Segimer ist nicht Arminius‘ Vater gemeint (bei Velleius: Sigimer). Für einen regierenden Fürsten bliebe er in der Überlieferung seltsam blass und im Schatten seines Sohnes.
An diesem Satz von Preiß stören mich schon zwei Dinge. Segimer kommt überhaupt nur bei Cassius Dio als Tischgast Varus' vor, die Story ist eine andere, als bei Velleius oder Tacitus, wo Segestes indirekt als Quelle genannt wird und Segestes der Tischgenosse ist, der Varus den Plan von Arminius angeblich hinterbringt. Testis illa nox. Für Cassius spielt diese Erzählung gar keine Rolle, sondern er hebt mehr auf den Verrat der Germanen ab. Zudem muss man auch die Möglichkeit im Kopf behalten, dass Cassius Dio sich schlicht und ergreifend vertan hat, also aus Segestes unwillentlich Segimer (Σηγίμερος) gemacht hat.
Das zweite ist, dass er angeblich für einen regierenden Fürsten seltsam blaß bliebe. Aber mal Butter bei die Fische: erfahren wir bei Cassius über andere Germanenfürsten (Arminius einschließlich!) wirklich so viel mehr? Eigentlich nicht. Das Argument ist also nichtig.
Alle Kritik, alle innergermanischen Widerstände richteten sich gegen Arminius und nicht gegen dessen Vater, der zu Lebzeiten dem Treiben seines Sohnes doch einen Riegel hätte vorschieben können.
Damit kann ja eigentlich nur die Erzählung Segestes' gemeint sein, die dieser sechs Jahre später Germanicus auftischt. Somit ist die Schlussfolgerung fragwürdig:
Offensichtlich hatte Arminius seinen Vater bereits beerbt.
Weiter heißt es:
Um den zweiten uns bekannten Segimer, den Bruder von Segestes, handelte es sich ebenfalls nicht. Die beiden Brüder werden aus familiaren Interessen an einem Strang gezogen haben, ...
Den ersten Satz kann ich beipflichten, aber nicht der Begründung im zweiten Satz. Wir sehen ja, wie sehr familiäre Interessen eine Rolle spielen: Arminius' Onkel Inguiomer schließt sich Marbod an. Flavus bleibt romstämmig, Segestes' Tochter lebt 15 offensichtlich unwillentlich bei ihrem Vater, während sie von Arminius ein Kind erwartet, der hingegen belagert seinen "Schwiegervater", weil er seine Frau zurück haben will (und vielleicht auch aus anderen Gründen). Familiäre Interessen? Es gibt zu viele kontraindizierende Infos, als auf solche, zudem nur unterstellt, irgendeine Form von Argumentation sinnvoll aufbauen zu können.
...überdies verziehen die Römer Segimer später „leichten Herzens“, wie Tacitus schreibt.
Das finde ich, wie gesagt, nicht.
Dies spricht gegen eine freiwillige oder gar federführende Mitwirkung beim Überfall auf Varus. Offenbar begegnet uns hier ein dritter, ansonsten unbekannter Adliger dieses Namens. Er war wichtig genug, um Erwähnung zu finden, aber dann doch nicht so bedeutend, um mehr als seinen Namen zu überliefern.
Wie oben: die Infos, die wir über germanische Adelige haben, sind allenfalls schlaglichtartig, das Argument also absolut nicht valide.
Positiver hingegen ist die Stelle zu bewerten (aber leider auch nicht ausschließlich):
Varus hielt sein Heer an der Weser nicht zusammen, sondern schickte Abteilungen bald hierhin und bald dorthin. Die Soldaten eskortierten Proviantkolonnen oder nahmen Polizeiaufgaben wahr. Dio bemängelt das Vorgehen, doch ungewöhnlich war es nicht. In Gallien hatte Caesar Truppen des Öfteren disloziert. Und für Germanien bestätigt die Archäologie Wachposten und Kleinlager. Dios Kritik beruht auf dem Wissen des Rückblickenden, der den fatalen Ausgang kennt – die Posten wurden gleich zu Beginn der Kampfhandlungen niedergemacht.
Was aber auch hier zu bemängeln ist, ist, dass Preiß sich hier zu sehr auf die Darstellung bei Cassius stützt.
Bereits der materielle Gewinn für den Sieger war enorm: Die Varuslegionäre führten rund 200 Tonnen Eisen (Rüstung, Waffen, Werkzeuge
etc.) mit sich, schätzt Michael Meyer, den Tross nicht mitgerechnet. Um diese Menge selbst herzustellen, hätten die Germanen, so rechnet Meyer vor, 3 bis 6 Quadratkilometer Wald zur Holzkohlegewinnung roden und 25 000 bis 50 000 Einwegrennöfen errichten müssen. Sehr viel einfacher war es, erschlagenen Legionären die Rüstung auszuziehen. Hinzu kam der Gewinn, den versklavte oder freigekaufte Römer einbrachten. Bei der Varusschlacht fiel überdies eine Unmenge an Münzen in die Hände der Sieger.
Tacitus berichtet von einem Versuch der Germanen, im Jahr 16 n. Chr. römische Soldaten mit hohen Geldsummen zum Überlaufen zu bewegen. Die Mittel stammten gewiss nicht aus den Ersparnissen, die die Cherusker von ihrem früheren Hilfstruppensold zurückgelegt hatten. Nur die im Teutoburger Wald erbeutete Kriegskasse machte die Offerte möglich.
Die auf Meyer basierenden Überlegungen sind sehr interessant, besonders in Bezug auf a) die Motivation der Germanen und b) auf den zu erwartenden Fundniederschlag. Seltsam quellenunkritisch ist die Bezugnahme auf Tacitus, die Germanen hätten den Überläufern das angebotene Geld auch tatsächlich auszahlen wollen, anstatt sie gleich zu erschlagen oder zu versklaven. Selbst im spanischen Bürgerkrieg haben Soldaten und Milizen ihre Gegner noch mit Inaussichtstellung von guter Versorgung zum Überlaufen bewegen sollen (eigentlich ging es darum, dem Gegner, der darauf reinfiel 'nen Kopfschuss zu verpassen).