War Luther schuld an Hitler?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von collo, 1. April 2005.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    In allen Punkten D´accord! Nur eine kurze Anmerkung dazu. Obwohl die Nachricht vom Tod Ernst von Raths die deutsche Öffentlichkeit erst am 8. November erreichte und von der Tagespresse verarbeitet wurde, begannen in Kurhessen und wenn ich mich nicht täusche in Magdeburg und Teilen des heutigen Sachsen-Anhalts die Pogrome schon am Spätnachmittag des 7. Novembers. Was Kurhessen betrifft, so war Nordhessen (mit Ausnahme des "roten" Kassel) und vor allem der heutige Schwalm-Eder Kreis (1974 entstanden durch Zusamenlegung der Kreise Ziegenhain, Fritzlar-Homberg und Melsungen) eine Nazihochburg. Vor allem in den agrarisch geprägten Gebieten Nordhessens war die NSDAP schon vor 1933 stark vertreten. In Kassel, Zierenberg und Bebra wurden die Synagogen verwüstet und angesteckt. Auf einem alten Foto (leider kann ich nicht sagen, wo es entstand, die Zeitzeugin ist leider verschieden) sind Feuerwehrleute und feixende Passanten zu sehen, die Nachbargebäude, nicht aber eine Synagoge löschen. Die Aktion war als ein Probelauf gedacht. Obwohl leider eine Menge von Nachbarn mitmachten, denen die meisten jüdischen Mitbürger so etwas nicht zugetraut hätten, war nach Gestapoberichten die Reaktion der Bevölkerung nicht die erwünschte. Sicher gab es Gaffer, Schadenfreude und Sensationsgier wie man sie bei jedem Unfallort beobachten kann. Insgesamt stießen die Aktionen eher auf Empörung und Scham, als auf Zustimmung. Manche mögen nicht einmal aus Mitgefühl für die Juden peinlich berührt gewesen sein, sondern wegen der Tatsache, dass es sich nicht gehört, Gotteshäuser abzufackeln, egal wie man zum "Allmächtigen" steht. Mancher machte sich auch Sorgen um die eigene Kirche, auch wenn die Zahl der Kirchenaustritte bis 1938 stark zunahm und von den ansässigen Lehrern blieb nur ein Einziger Mitglied in der (reformierten) Kirche. Als ich die Ereignisse rekonstruierte, konnte oder wollte mir nur eine ältere Grundschullehrerin Auskunft geben, die Augenzeugin wurde. In meiner Heimatstadt wurde die Synagoge "nur" geschändet und die Torahrollen auf die Straße bzw in den Festungsgraben geworfen, weil ein SA- Mann neben der Synagoge wohnte. Der 2. Pastor fischte sie heraus und übergab sie nach dem Krieg der jüdischen Gemeinde. Ein Beamter namens Hermann Witkugel, der der bekennenden Kirche nahestand, verhinderte (noch) Schlimmeres und erstattete Strafanzeige gegen einige Einwohner. Die Anzeigen wurden natürlich eingestellt und Witkugel nach Schlesien (straf)versetzt, der aber nach dem Krieg nach Kurhessen zurückkehrte.
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied


    Na ja,
    ein bisserl als " als eine Art Robert Koch" spielt er sich 1453 schon auf.
    "Unsern Oberherrn, die Juden unter sich haben,
    wünsche ich und bitte, daß sie eine scharfe Barmherzigkeit
    gegen diese elenden Leute üben wollten, obs doch etwas,
    wiewohl es mißlich ist, helfen wollte, wie die treuen Ärzte
    tun: wenn das heilige Feuer in die Knochen gekommen ist,
    fahren sie mit Unbarmherzigkeit zu und schneiden, sägen,
    brennen Fleisch, Adern, Knochen und Mark ab. Also tue
    man hier auch. Verbrenne ihre Synagogen, verbiete alles,
    was ich droben erzählt habe, zwinge sie zur Arbeit und
    gehe mit ihnen nach aller Unbarmherzigkeit um, wie
    Moses in der Wüste tat, der dreitausend totschlug, daß
    nicht der ganze Haufe verderben mußte. Sie wissen
    wahrlich nicht, was sie tun, wollens dazu wie die
    besessenen Leute nicht wissen, hören noch lernen. Darum
    kann man hier keine Barmherzigkeit üben, sie in ihrem
    Wesen zu stärken. Will das nicht helfen, so müssen wir sie
    wie die tollen Hunde ausjagen, damit wir nicht, ihrer
    greulichen Lästerung und aller Laster teilhaftig, mit ihnen
    Gottes Zorn verdienen und verdammt werden. Ich habe
    das Meine getan; ein jeglicher sehe, wie er das Seine tue.

    Martin Luther "

    https://archive.org/stream/VonDenJu...in-VonDenJudenUndIhrenLuegen154318S._djvu.txt
     
  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Novemberprogrome sind ein besonders schwieriges Thema. Wer die entscheidende Idee dazu hatte, ist nur schwer aufzuklären. Dass es "spontaner Volkszorn" war, wie die NS-Propaganda weißmachen wollte, ist auszuschließen. Von wem genau die Initiative für die frühen Progrome in Kurhessen ausging ist umstritten. War es die originäre Idee des kurhessischen Gauleiters Gernand oder hatte er Befehle aus Berlin? Kannte Gernand Luthers Maßnahmenkatalog?
    Der reichsweite Progrom zwei Tage später waren durch die Taten in Kurhessen inspiriert.

    Ausschlaggeebende Brandreden für die Taten vom 7. November sind nicht bekannt. In den späteren Zeitungsartikeln der NS-Presse bleibt es auch unkonkret.

    "Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als ,ausländische Hausbesitzer` das Geld deutscher Mieter einstecken." Völkischer Beobachter 8. November

    "Die Schüsse von Paris bleiben nicht ungesühnt, davon kann die Judenheit überzeugt sein!" Völkischer Beobachter 9. November

    Laut Thomas Kaufmann faz gibt es eigentlich keinen Grund daran zu zweifeln, wessen originäre Idee das gewesen ist:
    Bereits im November 1938 später wurde die "Reichskristallnacht" durch Vertreter der evangelischen Kirche in Zusammenhang mit Luthers Maßnahmenkatalog gesetzt.
    Mit einem konkreten Hitler-Zitat etc. lassen sich die konkreten Taten vom 7. November erstmal nicht in Verbindung bringen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Dezember 2015
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