Weiß ich nicht. Es gibt da ein Zeitzeugeninterview, das ein Historiker (leider ist mir der Name gerade nicht präsent) mit einem ehem. Ordnungspolizisten Ende der 90er in einem Altersheim geführt hat. Der ehem. Ordnungspolizist hatte sich bereit erklärt mit dem Historiker zu sprechen, aber unter der Bedingung, dass er eine Flasche Schnapps bekäme. Das Interview ist also unter erheblichem Alkoholeinfluss des Befragten geführt worden und gibt teilweise Rätsel auf. So habe der Befragte, das ist einer der gut zu verstehenden Teile des Interviews, sich die Befreiung vom Erschießungskommando erwirkt, indem er angegeben habe, seine Schießbrille nicht dabei zu haben. Es wird deutlich, dass er das eine Mal nicht geschossen hat, aber nicht, ob er andere Male geschossen hat, es gibt eine unklare Formulierung dahingehend, dass er andere Male doch an Erschießungen teilgenommen hat. Der Befragte weint während des Interviews, das ist sicherlich zum Teil dem starken Alkoholeinfluss zuzuschreiben, vielleicht aber auch Gefühlen, die irgendwo zwischen Selbstmitleid und sich die Last von der Seele reden schwanken. Wirklichen Erkenntnisgewinn bringt das Interview leider nicht, man kann eben nur ahnen, dass der Mann an Erschießungen direkt beteiligt war, vieles geht eben im Alkohol unter. Aber ein Gefühl wird doch deutlich: Scham.
Es kam ja immer wieder vor, das Täter mit dem Töten nicht zurechtkamen, die sich töteten, die wahnsinnig wurden. Simon Wiesenthal erzählte mal dass ein schwer verwundeter SS-Offizier, eine Art Beichte ablegte. Einer der "Schindler Juden", ich glaube, es war Leopold "Poldek" Pfefferberg, berichtete von einer Begebenheit, die sich bei einer der Partys von Amon Göth ereignet haben musste. Ein SS-Offizier, der viele Juden auf dem Gewissen hatte, ließ sich immer wieder und wieder den ungarischen Chanson Szomuru vasernab Gloomy Sunday vorspielen.
Der Chanson, 1932 komponiert, ging wegen seiner schwermütigen Melodie als der Suizid-Song in die Geschichte ein. Der Komponist selbst und zahlreiche Zeitgenossen gingen mit Gloomy Sunday aus dem Leben, weshalb der Chanson auch vielerorts, u. a. in Polen, verboten wurde.
Dieser Gast von Amon Göth ließ sich immer wieder den Chanson vorspielen und schoss sich zuletzt mit seiner Pistole eine Kugel in den Kopf.
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass es manchmal aus Zeitzeugen förmlich herausbrach, dass sie über Erfahrungen berichteten, die sie über Jahre traumatisiert hatten.
Meine Oma war Sekretärin auf einem Truppenübungsplatz, wo sie auch meinen Opa kennenlernte, der damals Berufssoldat war. Sie erzählte mir einmal, dass sie sich einmal eine Exekution angesehen hat. Das muss schon ziemlich gegen Ende des Krieges gewesen sein. Da ging es um eine ganze U-Boot-Besatzung. Vom Kapitänleutnant bis herunter zum jüngsten Mann.
Weshalb man sozusagen eine Kollektivstrafe gegen eine ganze Besatzung vollstreckte, wegen welcher konkreten Vorwürfe man die exekutierte, habe ich nie herausfinden können.
Ein Vorgesetzter hatte gesagt: "Die werden morgen früh erschossen, und ihr Mädels könnt euch das auch ansehen!" Das waren sehr junge Frauen, und ich nehme an, dass sie aus einer Mischung aus Neugier und Sensationsgier sich das ansahen.
Einer der Exekutierten war ein ganz junger Mann, ein halbes Kind noch, wesentlich jünger noch, als die ebenfalls noch sehr jungen Sekretärinnen. Bevor er erschossen wurde, reckte er ironisch den Arm hoch zum deutschen Gruß, brach zusammen, brauchte noch einen Fangschuss.
Ich muss dazu sagen, dass meine Oma ein sehr neugieriger, aber überhaupt kein harter, brutaler, kalter Mensch war, im Gegenteil!
Das war 1944 und mitten in Deutschland, in den besetzten Gebieten, im Hinterland oder im Frontbereich wurden viele Deutsche auf irgend eine Art Zeugen oder auch Mittäter Imo Moskowiecz Holocaust-Überlebender, später Regisseur erzählte, dass bei einem der letzten Todesmärsche zwei Hitlerjungen die größten Totmacher waren, die alle niederschossen, die nicht Schritt halten konnten.
Im Kriegsverlauf müssen sich unzählige Kriegsverbrechen ereignet haben aus Zynismus, aus Bequemlichkeit, um sich ein Problem vom Hals zu schaffen, weil man nicht 10 km bei eisiger Kälte laufen wollte, um Gefangene abzuliefern, weil man Lebensmittelrationen nicht teilen wollte.
Aber es ist eben noch ein Unterschied, auf einen Gegner zu schießen, der zurückschießt oder eben auf Wehrlose, auf Frauen, Kinder Alte, auf Unbewaffnete. Man muss nah heran, und es haben dann doch die meisten Leute noch ein Gewissen, selbst wenn es noch so verschoben ist,
oder sie spüren zumindest noch, dass sie mal eines hatten oder dass sie eins haben sollten. Jeder muss sein Gewissen eigenhändig tot schlagen.
Auch von den Mittätern, auch von den Leuten, die Verbrechen begangen haben, haben einige das Unrecht ihrer Taten eingesehen oder es hat sie irgendein Ereignis beschäftigt, was besonders krass, gemein brutal war, das sie beim besten Willen nicht rechtfertigen konnten, selbst wenn sie noch so loyal waren.
Bei einigen hatte man den Eindruck, dass es sie irgendwie auch erleichterte, darüber zu sprechen. Ich wurde vor vielen Jahren in einer BBC Doku über Auschwitz aufmerksam auf Oskar Gröning den Buchhalter.
@ursi hat die Doku damals eingestellt.
Damals war Gröning auch noch bedeutend vitaler als bei seinem Prozess. Gröning, war kein Tötungsarbeiter, aber er war doch Teil eines total korrupten, korrumpierten Systems.
Gröning sprach ziemlich offen, in manchem auch etwas zynisch, aber er wirkte dennoch nicht unsympathisch, und er unterschied sich von anderen Tätern und Mittätern, dass er offen sprach, auch wenn er damals in der Doku sagte, dass er nicht die geringsten Skrupel habe, dass er es sich auf seinem Druckposten so angenehm wie möglich machte, aber wenn man ihm zuhörte, so war doch unverkennbar, dass er sich schuldig fühlte, dass es ihm ein Anliegen war, mit all den Lügen einmal aufzuräumen. Er hätte ja nicht sich für die Doku zur Verfügung stellen müssen.
Es gab immer wieder mal Leute, die jahrzehntelang Austern gewesen ware, die dann aber plötzlich von Erlebnissen berichteten auch von eigenen Taten, von Fehlverhalten, das man einmal für richtig hielt.
Auch den Leuten, die sich einer Aufarbeitung verweigerten, zumindest einigen von ihnen, muss man durchaus zugestehen, dass sie sich immerhin weiter entwickelten, dass sie Bedauern oder Reue empfanden.