Warum konnte sich der Absolutismus überhaupt durchsetzen?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Marie Lavoisier, 22. April 2013.

  1. Marie Lavoisier

    Marie Lavoisier Neues Mitglied

    Hallo zusammen,
    ich gehe seit einigen Wochen der Frage nach, warum sich das System Absolutismus genau zu diesem Zeitpunkt durchsetzen konnte. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass es den Absolutismus in seiner Reinform nie gegeben hat. Er ist von den Gegnern des monarchischen Despotismus kreiert wurden, um poltische Ziele zu erreichen. (Ich kennen auch die derzeitige Diskussion um die Verwendung als Epochenbegriff)

    Meine ersten Überlegungen befassen sich natürlich mit den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Nach dem anfänglichen Glaubenskrieg, welcher zunehmend, insbesondere durch das Eingreifen durch Frankreich, immer mehr zum Streben nach Machtvergrößerung wurde, wurden die Bestimmungen des Augsburger Religionsfrieden übernommen. Die Religion der Menschen hing mit der Religionswahl des Landesherren zusammen.

    Politische Folgen waren Verluste der Gebiete. Soziale Folgen waren Menschen, die kein Leben außerhalb des Krieges kannten und somit perspektivlos waren. Darüberhinaus tausende Tote. Es gab teilweise entvölkerte Landschaften. Wirtschaftlich gesehen wurde die Landwirtschaft und die Bausubstanz der Städte in erhebliche Mitleidenschaft gezogen. Die Menschen hatten viele Jahre mit den Folgen des Krieges zu kämpfen.

    Bereist Ludwig XIV versuchte Frankreich zu zentralisieren und legte so den idealen Grundboden für den weiteren Ausbau Ludwigs XVI. Er gilt mithin als Paradebeispiel für den Absolutismus, auch wenn ihm die Zentralisierung nicht gelungen ist und er nicht absolut in allen Bereichen des Staates regierte. Wie auch immer. Zürück zu meiner Frage also: Warum konnte sich der Absolutismus genau zu dieser Zeit durchsetzen?

    Lag es daran, dass die Menschen sich nach Sicherheit und Ordnung sehnten? Genug mit den Folgen des Krieges zu tun hatten? Sich durch ihren starken Herrscher nach außen hin sicher wähnten?
    Den Adel beispielsweise konnte Ludwig XVI. durch Versaille an sich binden, auch wenn er stets finanzielle Unterstützung ihrerseits nötig hatte. Aber warum konnte er den Adel so domestizieren? In der Literatur steht, dass der Adel nur dort die Chance hatte, zu Ansehen zu gelangen und Aufzusteigen.
    Könnte es sein, dass der Monarch deshalb so "erfolgreich" war, weil er durch den Ausbau der Armee und des Beamtenapparats das Bürgertum, welches so aufsteigen konnte, auf seine Seite zog?
    Staatstheoretisch wird der absolutistische Herrscher durch beispielsweise Jean Bodin legitimiert. Er spricht von einem Gesellschaftsvertrag zwischen Untertanen und Monarch. Der Monarch sichert Frieden und Ordnung zu und die Untertanten geben dafür ihre Rechte auf. Warum haben die Menschen sich darauf eingelassen??? Klar Gedanken der Aufklärung waren dort noch in der Wiege, aber welche Mentalität hat zu diesem Zeitpunkt geherrscht, um solch ein Vorgehen zu begründen?

    Mit dem Wirtschaftssystem des Merkantilismus versuchte der Herrscher die Wirtschaftlichkeit des eigenen Landes zu stärken ohne die der anderen Länder ebenfalls zu stärken. Wieso traf dieses System bei den Untertanen auf Zustimmung?

    Ich weiß, meine Überlegungen sind ziemlich unstrukturiert. Aber daran könnt ihr sehen, dass sich meine Gedanken bei dem Versuch der Frage auf den Grund zu gehen, überschlagen. Ich hoffe, ihr könnt mir Denkanstöße geben. Es kann natürlich auch sein, dass ich völlig unlogisch an diese Frage heran gehe. Auch dann bin ich über Kommentare dankbar!
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Salut, irgendwie verwechselst Du eine ganze Menge.

    1.
    Woher hast Du denn das?
    Eben der Westfälische Frieden ging gerade in der konfessionellen Frage über den Augsburger Religionsfrieden hinaus. Es wurde eben genau das Gegenteil von dem festgelegt, was Du erzählst. Die Untertanen sollten eben NICHT den Glauben ihrer Herrscher haben müssen! Westfälischer Friede ? Wikipedia
    Die Gegenden, die nicht die Konfession ihres Landesherrn hatten (wichtig z.B. in der Kurpfalz nach dem Übergang auf die kath. Linie) durften ihre Konfession, ausgenommen Österreich, behalten (Stichwort: Normaljahresregelung!).

    2.
    Ludwig XVI. gilt als Paradebeispiel für den Absolutismus? :confused: Wenn dann doch eher wie man es nicht machen sollte.

    3.
    Die "Menschen" wurden doch nirgends gefragt, ob sie sich nach dem oder dem sehnten. Ich denke mal mit "die Menschen" meinst Du die einfachen Leute, so 90 % der Bevölkerung(?).

    4.
    Zur Zeit von Louis XVI war es doch schon ein Problem mit der Bindung des Adels an Versailles. Was Du wahrscheinlich meinst ist die erste glanzvolle Phase unter Louis XIV. :grübel:

    5.
    Zustimmung? Woran machst Du sowas fest? Wurde irgendein Bauer danach gefragt. Die wenigen, die sich dafür interessierten, werden zwiegespalten gewesen sein. Auf der einen Seite, war es natürlich einem Teil höchst angenehm, dass die eigenen Waren im eigenen Land durch die hohen Zölle davor geschützt wurden von fremden Erzeugnissen ausgestochen zu werden. Konsumenten aber von Luxusgütern, welche sie evtl. aus dem Ausland beziehen mussten, werden sich über die Zölle geärgert haben.
    Tiefsinnigere Gedanken und Lösungswege zur Abschaffung des Merkantilismus suchten natürlich eher die Gebildeten.

    6.
    Was Du schreibst, finde ich recht strukturiert. Ich habe eher den Eindruck, dass Du vieles verwechselst, vor allem Louis XIV (gestorben 1715) und Louis XVI (König 1774-1792).


    Warum sich der Absolutismus durchsetzen konnte, halte ich für eine sehr individuell zu beantwortende Frage. In manchen Gebieten wie in Frankreich und Österreich war der Absolutismus mit einer entschieden konfessionellen Komponente verbunden.
    Ob es sich eher und stärker ausprägte, hing meines Erachtens von ganz unterschiedlichen Faktoren ab. Am deutlichsten wird für mich der Wandel in Brandenburg, vergleicht man den Staat von 1620 mit dem von 1720.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. April 2013
  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Genau zu welchem Zeitpunkt denn?

    Im Grunde versuchte schon Ludwig XIII. oder besser gesagt sein Premierminister Kardinal Richelieu den Absolutismus und eine zentrale Verwaltung durchzusetzen, wobei Richelieu und sein Nachfolger Mazarin auch recht große Erfolge hatten. Als Kind wurde Louis XIV. allerdings mit der Adelsrevolte der Fronde konfrontiert und musste aus Paris fliehen.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Frankreichs und Österreichs Monarchen nannten sich "allerchristlich" oder apostolisch, Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. versuchten allerdings auch massiven Einfluss auf die Kirche auszuüben, und das tat wohl noch wesentlich radikaler Peter I. mit der russisch orthodoxen Kirche, unter deren Altgläubigen nicht wenige den Zaren für den Antichristen hielten, der Kirchenglocken zu Kanonen umgießen ließ.

    Der Wandel zum zentralistisch regierten absolutistischen Staat wurde meiner Meinung nach am radikalsten in Russland unter Peter I. zwischen 1690 und 1725 umgesetzt, und selten haben sich die Lebensbedingungen der Bevölkerung so rapide und radikal geändert wie unter Peters Regentschaft.
     
  5. Marie Lavoisier

    Marie Lavoisier Neues Mitglied

    @Brissotin: Ja du hast völlig Recht. Die Namen hab ich vollkommen durcheinander geworfen. Ich meinte natürlich Ludwig XIII. hat die Zentralisierung bereits begonnen. Ludwig XIV gilt als Paradebeispiel. Ludwig XVI hab ich wohl im Kopf, weil ich mich zeitgleich mit der Französischen Revolution beschäftige.

    Das mit dem Westfälischen Frieden habe ich irgendwo gelesen. Natürlich kann ich es jetzt nicht in meinen Unterlagen finden, aber ich schaue das nochmal genauer nach.

    Du schreibst, was ja auch einleuchtend ist, dass der Großteil der Bevölkerung nicht daran gefragt wurde, was sie sich wünschen. Aber dann frage ich mich natürlich welche Mentalität zu Grunde lag. Ist es die Tatsache, dass kein anderes als das monarchische gekannt wurde und dass der König nun einmal die Aufgabe hatte für seine Untertanen zu sorgen?

    Dann frage ich mich aber wiederum, warum Ludwig (egal ob der XIII. oder der XIV) sich dieses "System" ausgesucht hat. Warum wollte er den Staat so zentralisieren? Aus irgendeinem Grund muss die Idee des Absolutismus doch geschaffen worden sein. Wenn du zu Recht behauptest, dass "die Menschen" nicht gefragt wurden, frage ich mich warum nicht weiter so regiert wurde wie vorher...?

    Könnte man vielleicht sagen, dass man auf die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges irgendwie reagieren musste und dies halt die Reaktion war? Aber warum ist dies ausgerechnet im 17. Jahrhundert passiert? Hängt es mit der Spaltung der Kirche und dem damit einhergehenden Legitimationsverlust zusammen, dass ein neues System benötigt wurde. Die Kirche demzufolge als Refugium ausschied? Aber wieso reagierte der Herrscher dann in dieser bestimmten Weise? Das hat es vorher nicht gegeben und zu Recht auch nachher nicht mehr. (zumindest versuchten die Verfassungen zu verhindern, dass eine Person Exekutive, Judikative und Legislative inne hat)

    Meine Gedanken überschlagen sich schon wieder. Aber ich denke ich konnte nun endlich formulieren was meine Frage eigentlich ist.
    Achso ich beziehe mich hierbei vorwiegend auf Frankreich, da hier der Absolutismus am ehesten umgesetzt werden konnte. (zumindest wird dieses Beispiel in den Schulen verwendet)
     
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  6. hatl

    hatl Premiummitglied

    [Nummerierung durch mich]

    [1] vielleicht weil er konnte?
    [2] Iwan der IV von Russland war schon vorher absoluter Herrscher gemäß der Definition.
    Ich nehme an, dass sich weitere finden lassen.
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Es gab in Europa eine Vielzahl von "Systemen" und viele Alternativen zum Absolutismus.
    Nehmen wir nur einmal das 17. Jh.. Hier zeigen sich ja besonders bemerkenswerte nichtmonarchische Herrschaftsformen: England nach der Enthauptung von Charles I. und die Niederlande entweder unter den Oraniern oder in der Zeit des Eeuwig edict (1667). Es war ja keineswegs von vornherein klar, dass es in England auf eine Diktatur Cromwells hinauslaufen würde und dass er letztlich das Parlament mehr oder minder nach Gutdünken dank seiner Macht auflösen und wieder zusammensetzen (Rumpfparlament) könnte.
    Dann gab es noch unzählige Stadtstaaten in Dtl. und alte Republiken wie Venedig und Genua.
    Die polnische Adelsrepublik, der ein König vorstand, wurde bisweilen schlichtweg Republik genannt.
    Das Wahlkönigtum in Polen und Deutschland ist auch so ein eigenes Thema für sich.
    Wenn es um Frankreich geht, ist es natürlich etwas anderes. Die Franzosen kannten in ihrer Heimat nur eine Monarchie.

    2.
    Die Beweggründe für den Absolutismus waren sicher unterschiedlich. Natürlich spielte in Frankreich die heikle Position der Krone im 16. Jahrhundert - man denke nicht nur an die Religionskriege, auch an die teilweise schmachvolle Behandlung, die Henri III von seinen Untertanen zugemutet wurde - eine wichtige Rolle. Letztlich war es die Frage, wer regieren sollte. Der König? Ein König mit begrenzten Befugnissen, der ein Spielball des Adels und der Parlements war? Der Adel mit einer eher symbolischen Rolle des Königs wie in Polen dann unter August II.? Vor allem im Vergleich zu den teilweise chaotischen Zuständen vor seiner Herrschaft und in seiner Jugend, wirkte natürlich die Herrschaft von Louis XIV um so strahlender. Schon sein Vater hatte es geschafft zumindest in den letzten Jahren seiner Regierung Frankreich so "fit" zu machen, dass man im Dreißigjährigen Krieg mit territorialen Zugewinnen mitmischen konnte.
    Wie Scorpio schon sagte, hatte der franz. Absolutismus mehrere Vordenker. Wie jeder Einzelne darauf kam, würde ich in Biographien nachschlagen. Meines Erachtens lag es daran, dass sich Mazarin und sein Vorgänger als Staatsmänner im wahrsten Sinne des Wortes sahen. Dem Staat konnten die inneren Unruhen nur schaden. Der legitime Herrscher war in einem überwiegend monarchischem Europa immernoch der König. Also musste sich auf ihn die Macht bündeln. Egoiostische Motive, wie das Anhäufen gewaltigen Vermögens durch die leitenden Staatsmänner würde ich eher bei der Untersuchung vernachlässigen. Auch von schwachen Herrschern konnte man sich bereichern.

    3.
    Jetzt bist Du wieder beim Dreißigjährigen Krieg. Dieser scheint mir eher relevant für die deutschen Staaten. Willst Du nun über sie oder Frankreich diskutieren? Das alles in einen Topf zu werfen, fällt mir ein bisschen schwer.
     
  8. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Gut, nehmen wir Frankreich. Der Westfälische Frieden kann als Zäsur bei der Betrachtung des frühmodernen Staatsbildungsprozesses in Frankreich weitgehend außen vor bleiben, da z.B. der Spanisch-Französische Krieg noch bis 1659 andauerte. Insofern hat Frankreich diesbezüglich eine ganz eigene Chronologie. Eine ideengeschichtliche Betrachtung wurde jüngst anhand des Konflikts zwischen La Rochelle und dem König vorgenommen:
    SEHEPUNKTE - Rezension von: Das Andere der Monarchie - Ausgabe 13 (2013), Nr. 4
    Das 'System Absolutismus' ist hier vielleicht als Begriff hinderlich. Frühmoderner Staatsbildungsprozess wäre präziser und führt die Langfristigkeit der Entwicklung vor Augen.

    Kann es sein, dass du den Gesellschaftsvertrag zu wörtlich genommen hast? Bodin geht von einem hypothetischen Urzustand aus. Die Untertanen/Menschen haben in der Frühen Neuzeit ihre Souveränität nicht aufgegeben, da sie nicht im Besitz derselben waren. Der Machtgewinn des Königs führte nur zu einem Machtverlust der französischen Eliten. Die Frage müsste also lauten, warum sich La Rochelle, der Adel, etc. auf die Aufgabe ihrer Rechte eingelassen haben. (Im Fall von La Rochelle lässt sich diese Frage relativ einfach beantworten :devil:)
    Die Nichtexistenz von Gewaltenteilung ist für weite Teile der Geschichte der Normalfall.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. April 2013
  9. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Absolutismen gab es min. soviel wie Monarchien. Bei der Entsteheung des Absolutismus spielte allerdings oft (immer?) die Entwicklung bzw Einführung stehender Heere eine Rolle, die auf diesen absoluten Herrscher eingeschworen waren.

    Ein beispiel wäre der schon erwähnte Peter I in Rußland. Er schaffte die bisher militärisch dominierenden Strelitzen ab (und machte viele einen Kopf kürzer), und ersetzte sie durch eine Armee nach westeuropäischem Vorbild.

    Petrinische Reformen ? Wikipedia

    Auch in Brandenburg-Preußen spielte die Etablierung eines stehenden Heeres, seine Finanzierung und die damit verbundenen politischen Auseinandersetzungen eine große Rolle. Auf der einen Seite vergrößerte dies die Macht des Kurfürsten (später Königs), auf der anderen Seite musste dieser dem Adel Zugeständnisse (bspw Steuervorteile) machen, um dessen Zustimmung (bes. in Finanzierungsfragen) zu erhalten.
    Friedrich Wilhelm (Brandenburg) ? Wikipedia
     
  10. Marie Lavoisier

    Marie Lavoisier Neues Mitglied

    Wie du ja sicher bemerkt hast, ist mein Wissen nicht so detailliert. Ich habe zwar im Kopf, dass der Dreißigjährige Krieg überwiegend auf deutschem Boden ausgetragen wurde, aber der Religionskonflikt bestand doch auch in Frankreich (und Großteil Europas...?)?
    Könnte also daraus der Schluss gezogen werden, dass die Kirche ihre "Stellung" weitesgehend eingebüßt hat und der Monarch sich dies zu Nutze machte und sie als Refugium ablöste? Im Endeffekt also durch die Kirchenspaltung die Chace erhielt diese als Nebenfigur darstehen zu lassen...?

    Ich habe in einem Buch gelesen, dass man den Absolutismus als geschichtsphilosophisches Moment betrachten solle. Damit kann ich nur leider absolut nicht anfangen...

    Wenn man sich also nach der Idee fragen würde, die hinter dem Absolutismus steckt, was könnte man darauf wohl antworten?

    Achso und vielen Dank für die rege Beteiligung :yes:
     
  11. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    L’État c'est moi. (Der Staat bin ich.)

    Selbst wenn Ludwig XIV. dass nicht gesagt hat, drückt es den Grundgedanken des Absolutismus aus: Der Staat wird durch die Person des Königs repräsentiert, er ist "der Souverän", der Ausgangspunkt aller staatlichen Gewalt. Selbst wenn er diese Macht delegieren muss, da er als Person nicht überall sein kann, gibt es kein Gesetz, keine Autorität, die ihn bindet, und er kann jeden Staatsdiener jederzeit entlassen, versetzen, einstellen, befördern oder degradieren. Er kann staatliche Handlungen und bürokratische Abläufe regeln oder ändern oder nach belieben in sie eingreifen, er ist als Haupt der Exekutive und Oberbefehlshaber des Militärs an keine Kontrolle gebunden, und er ist sowohl Gesetzgeber als auch letzte Instanz der Rechtsfindung und Jurisdiktion.

    Interessant ist der Zusammenhang mit dem Merkantilismus als Wirtschaftsprinzip. Mit diesem sollte der "Gesamtertrag" des ganzen Landes erhöht werden. Einerlei, ob das auf breite Zustimmung, Ablehnung oder allgemeine Indifferenz stieß: Die staatlichen Gesetze und Investitionen wurden so eingesetzt, dass sich "der Untertan" zu fügen hatte... oder halt schmuggelte, Steuern hinterzog, Bücher fälschte oder andere Dinge tat, die Kaufleute tun, um die größten Profite unter Missachtung des Gesetzes zu machen. Dass gerade Kaufleute und andere Gewerbetreibende durchaus ein Interesse an einer Änderung der Zuständen hatten, wird aber nach 1789 ziemlich evident... ;)
     
  12. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Die mittelalterliche und neuzeitliche Gesellschaftsordnung nahezu aller europäischen Nationen war geprägt von einem Obrigkeitsdenken der Menschen. Über dem Bauer stand der Grundherr, über dem Grundherr der Fürst und über dem Fürst der König. Nach diesem kam nur noch Gott. Von der Obrigkeit erwarteten die Menschen vor allem die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung und des Friedens, wobei von dem König als die höchste weltliche Instanz als erstem, besonders in Frankreich, ausgestattet mit dem Gottesgnadentum, die Durchsetzung und Aufrechterhaltung des Rechtsfriedens erwartet wurde.

    Zunächst einmal, was ist der Absolutismus. Im Grunde nichts weiter als die Monarchie (vom griechischen monarchia = Herrschaft des Einzelnen) in Reinform. In Frankreich war der Absolutismus unter den Bourbonen keine neue Sache, er wurde nicht von ihnen erfunden. Der Gedanke, dass das Königtum die Quelle allen Rechts, der Garant für die Gott gewollte Gesellschaftsordnung auf Erden ist, hatte frühstens seit der Herrschaft Karls des Großen bestanden.

    Die fränkisch-französischen Könige der Karolinger und Kapetinger hatten stehs an ihm festgehalten, all die Jahrhunderte hindurch. Nur war es eine Frage von Anspruch und Wirklichkeit inwieweit diese Vorstellung verwirklicht werden konnte. Die Karolinger waren damit gescheitert, nachdem ihr Reich und damit ihre Allmacht in ein Flickenteppich verschiedenster Fürstentümer zerfallen, und Frankreich somit in die sogenannte "feudalen Anarchie" vom 8. bis 12. Jahrhundert übergegangen war. In dieser von andauernden Feudalkriegen geprägten Zeit hatte sich wiederum die Vorstellung nach einem starken Königtum als erste Ordnungsmacht geniert, das in der Lage war, die Fehden zu beenden und den Zustand eines Rechtsfriedens herzustellen. Der Durchbruch dahin war schließlich im 13. Jahrhundert den Kapetingern gelungen, unter den Regierungen Philipps II. August und Ludwigs IX. dem Heiligen.

    Reinecke hat oben die König Ludwig XIV. zugeschriebene Deviese L’État c'est moi. (Der Staat bin ich.) zitiert. Ich möchte diese durch die seit dem 13. Jahrhundert geltende Herrschaftsauffassung der kapetingischen Könige ergänzen, die von dem Rechtsgelehrten Jean de Blanot formuliert wurden war:

    Nam rex Franciae in regno suo princeps est, nam in temporalibus superiorem non recognoscit.
    ("Der König von Frankreich ist in seinem Königreich Kaiser, denn er anerkennt in weltlichen Fragen keinen Oberherrn.")

    Diese Auffassung von einem Königtum ausgestattet mit einer kaiserlichen Höchstgewalt basierte auf einer päpstlichen Dekretale (Per Venerabilem) aus dem frühen 13. Jahrhundert, in welcher der Papst festgestellt hatte, dass der König von Frankreich keine juristische und damit herrscherliche Instanz über sich stehend besitze. Dem französischen König wurde also seit dem 13. Jahrhundert die herrscherliche Höchstgewalt in seinem Reich zugeschrieben, nun war es nur noch eine Frage der Durchsetzungsfähigkeit dieses Anspruches. Im Mittelalter war bereits Philipp IV. ziehmlich erfolgreich damit gefahren, unter ihm war Frankreich bereits ziehmlich weit zentralstaatlich erfasst, er konnte Adelsrevolten unterdrücken und sogar den Papst zu seiner Marionette machen. Dieser "Frühabsolutismus" wurde allerdings vom hundertjährigen Krieg und nach diesem von den Religionskriegen zurückgeworfen. Erst unter den Bourbonen, nachdem alle innere Opposition (Fronde) beendet war, konnte die monarchische Allmacht (Absolutismus) vollendet werden.
     
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  13. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Hm, schwierig, das Ringen um die Hoheit in kirchlichen Belangen zwischen absolutistischer Monarchie und Heiligem Stuhl hielt sich in Frankreich bis weit ins 18.Jh..
    Wichtig für Frankreich waren Jansenismus und Gallikanismus:
    Jansenismus ? Wikipedia
    Gallikanismus ? Wikipedia
    Die katholische Kirche in Rom hatte den Kampf also längst nicht aufgegeben. Der König befand sich in diesem Ringen in einer Mittlerrolle, wollte er es sich doch weder mit dem Papst, noch mit einem großen Teil der Bevölkerung verderben.

    Das 17./18.Jh. war auf jeden Fall noch ein extrem konfessionell geprägtes Zeitalter. Egal ob der Landesherr wie in lutherischen Staaten der Landeskirche vorstand oder einer immernoch mächtigen kath. Kirche mit ihrem Anspruch gegenüberstand, war das doch noch immer mit Reibungspunkten verbunden.
     
  14. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Verzeiht diesen unqualifizierten Beitrag meinerseits, aber doch würde ich gerne meine Gedanken dazu veröffentlichen.

    Auf die Frage, weshalb sich der europäische Adel (ich beziehe mich auf Louis XIV., Friedrich II. und Joseph II.) für die Herrschaftsform der absoluten Monarchie entschieden haben, würde ich spontan antworten, dass der König natürlich den größtmöglichen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ausüben wollte und so seine Macht vergrößerte. In England zum Beispiel war der Monarch in seinen Befugnissen relativ durch das Parlament beschnitten und auch aus dem Heiligen Römischen Reich kannte man einen Herrscher, den römisch-deutschen König und Kaiser, der zwar nominell das Oberhaupt und der höchste Herrscher des Reichsgebietes, im Endeffekt aber doch von seinen Reichsfürsten abhängig war, die sich auch gegen ihn hätten stellen können (wie es zum Beispiel bei Friedrich V. von der Pfalz ("Winterkönig") der Fall war).
    Der Monarch wollte also in seinen eigenen Landen das unangefochtene Oberhaupt sein und weder auf die adligen Vasallen noch auf sonstjemanden angewiesen sein.
    Außerdem begründete der Monarch seine Herrschaft mit dem Gottesgnadentum, das da besagt, Gott selbst habe dem König die Herrschaft gegeben. Somit duldeten die europäischen Monarchen auch in religiöser Hinsicht keinen Widerspruch.
    Die Ideologie, die dahinter steckt, muss also folgende gewesen sein: Wenn der König das Zentrum des Staates ist, so muss er zwangsläufig auch alle Vollmachten besitzen und nur der König darf und muss diese Regierungsmachten besitzen, da er von Gott eingesetzt wurde und unbestritten (gehen wir nicht von Thronfolgestreitigkeiten aus) der Herr und Fürst des Staates, des Volkes und all seiner Vasallen ist.

    Welche machtpolitischen Hintergründe noch katalysierend gewirkt haben, vermag ich nicht zu sagen.
     
  15. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Der Wunsch des Königs, seine Machtposition auszubauen, sozusagen zu "verabsolutieren", ist ja naheliegend, und wie Joinville sagt auch keineswegs neu. Danke für den kurzen Ausblick auf`s Mittelalter, und dass die Idee des Königs als einziger und absoluter Ausgangspunkt der staatlichen Gewalt auch da schon vorhanden war. :winke:

    ME entscheidend für die Umsetzung dieser Idee, die dann zum Absolutismsu eines Louis XIV führte, ist die reale Zentralisierung der Macht bei Institutionen, die vom König bzw seinem Hof direkt kontrolliert werden konnten. Dafür bot die Bürokratisierung eine ideale Voraussetzung in der Zivil- und Finanzverwaltung, und das Entstehen eines stehenden Heeres die militärische Absicherung. Bei beiden Punkten spielen verschriftliche Reglements, eine bürokratische Hierarchie und strikte Subordination eine große Rolle; alles Punkte, die einer zentralisierten Machtausbübung Vorschub leisten.

    Auch wenn es Ansätze davon schon im Mittelalter gab (kenn ich mich nur eingeschränkt aus), gab das Lehenssystem mWn den bedeutenden Lehensnehmern doch eine große Unabhängigkeit, die einer absoluten königlichen Macht entgegenstehen konnten, Gott, König und Eide usw hin oder her. Interessant der Hinweis, dass der 100jährige Krieg negativ für die Entwicklung der Zentralisierung in Frankreich war. Das könnte darauf hindeuten, dass die militärische Macht, die eben nicht beim König gebündelt war (oder nur theoretisch) durch den langen Kriegfsverlauf starken Einfluss auf das allgemeine staatliche Handeln nahm; oder: Da der König auf seine Lehens- und Bannerherren angewiesen war, konnten die wieder (mehr) machen, was sie wollten.

    Wirtschaftspolitisch ist es ähnlich: Eine Politik wie die des Merkantilismus kann nur durchgeführt oder überhaupt erwogen werden, wenn es eine zentrale staatliche Finanzverwaltung und eine funktionierende Zollbehörde gibt, die das Ganze umsetzen. Solange jeder Graf oder whatever seine eigene Wirtschaftspolitik betreibt, eigene Zölle erhebt und seine eigenen Handwerker/Manufakturen fördern will, geht das nicht. Obwohl viele dieser Dinge mWn bis 1789 eine Rolle spielten (sehr zum Unwillen vieler "Bürgerlicher"...), gab es doch schon vorher zentrale Institutionen, die "den Merkantilismus" und damit eine gesamtstaatliche Wirtschaftspolitik umsetzten, und sei es in einigen wichtigen Wirtschaftszweigen (Manufakturwesen, Handel mit Kolonialwaren, Salzhandel, Rüstungsindustrie etc.).
     
  16. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Der Absolutismus ist für mich vor allem mit Frankreich verbunden, zumindest mit der Ausprägung von Louis XiV.
    Was war den der Grund für die Machtkonzentration auf den Königshof, weg von Grafen und Herzögen als mittler zwischen dem König und dem Rest vom Land?
    In Frankreich waren im Mittelalter die Herzöge und Grafen so mächtig, das der König fast nur ein Frühstücksdirektor war. Also nur einer unter vielen, nur mit einer schöneren Krone als die anderen Herren im Land.
    Mit der Umgestaltung des Militärs, von Ritterheeren auf ein stehendes Heer konnten die Könige dann auf die Dienstpflichten ihrer Herzöge verzichten und das bewaffnete Gefolge der Vasallen dramatisch schwächen. Und der königliche Hof hatte auf einmal ein Druckmittel gegen seine wiederborstigen Untergebenen in der Hand. Natürlich musste eine vernünftige Verwaltung aufgebaut werden. Und da konnten sich dann die Adligen am Hof nützlich machen und waren gleichzeitig unter der Kontrolle des Souveräne.
    Habe irgendwo mal gelesen das der Adlige Name ad etwa 1700 fast nichts mehr mit der Aufgabe zu tun hatte. Graf von XY war eben nicht mehr der Chef in der Grafschaft XY.

    Apvar
     
  17. excideuil

    excideuil unvergessen

    Na, ja, - rein gefühlt - würde ich schon einen Zusammenhang zum Dreißigjährigen Krieg, besser zum Westfälischen Frieden sehen. Immerhin erhielt Europa zum ersten Mal eine politische Landkarte, die Anspruch auf Bestand haben sollte. Wer da als Macht - zum Erhalt oder Erweiterung -mitspielen wollte, konnte (durfte) sich nicht (mehr) in landesinnenpolitischen Machtkämpfen verlieren, umso mehr, wenn neue Mitspieler z.B. Rußland oder auch Preußen sich anschickten, die Landkarte zu verändern.

    Und daher sehe ich den Absolutismus als ein Erfordernis der Zeit. Bestes Beispiel ist wohl Preußen. Ohne die absolute Macht des Monarchen wäre der Aufstieg zur Großmacht wohl kaum möglich gewesen.

    Grüße
    excideuil
     
  18. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es ging uns ja nur um die Auswirkungen auf Frankreich.

    Auf Deutschland und einige Anrainer sind die Auswirkungen nicht zu übersehen.
     
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  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Kannst Du das mal näher erläutern? Ich verstehe kein Wort. :red:

    Geht es Dir um rein nominelle Titel? Die gab es ja schon immer.
     
  20. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Der neuzeitliche Adel in Frankreich unter den Bourbonen war nur noch ein reiner Titularadel, wo sich die Noblesse innhaltslose Titel verlieh um ihren gesellschaftlichen Status zu signalisieren. Anders als noch der Schwert- und Amtsadel des Mittelalters, wo ein Graf von Toulouse und Zeitgenossen noch echte Territorialfürsten waren.
     

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