Was wissen wir eigentlich von der Geschichte unserer Nachbarn?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von El Quijote, 14. Mai 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich behaupte, die meisten Deutschen - und ich schließe uns Geschichtsinteressierte ein - wissen so gut wie nichts von der Geschichte unserer Nachbarn.

    Dänemark: Wikinger, heute Königreich. Deutsch-dänischer Krieg

    Polen: Vielleicht Polnische Teilungen. Mit Focus auf Personalunion russischer Zar/polnischer König. Dtld. hat Gebiete an Polen verloren nach 1. und 2. WK (aus dem Gedächtnis heraus ist aber, dass Dtld./Preußen zuvor von den polnischen Teilungen profitiert hat). 2. WK, Polenfeldzug, Polen als Standort der Vernichtungslager; danach Warschauer Pakt-Staat. Polens Rolle bei der Wende.

    Tschechien: Prager Fensterstürze (ohne tiefergehendes Detailwissen) - Teil der Tschecheslowakei - Besetzung der Sudeten, Besetzung der Resttschechei. Nach dem Krieg Warschauer-Pakt-Staat, Prager Frühling.

    Österreich: Erster Weltkrieg, der Braunauer Gefreite war Österreicher.

    Schweiz: Helvetier - zumindest wer Latein hatte; Wilhelm Tell und die Eidgenossen. Da war doch was mit 'nem Apfel? Neutralität und Abnehmer von Raubgold.

    Frankreich: Gallier (kennt man von Asterix und aus dem Lateinunterricht), Karolinger, Ludwig XIV. (+ regional ist der Pfälzer Erbfolgekrieg vielleicht noch bewusst), Französische Revolution, Napoleon. Evtl. Rittertum, Päpste in Avignon, Auflösung des Templerordens (gleichwohl wird zwischen dem päpstlichen Exil in Avignon und der Rolle des Papstes bei der Auflösung des Templerordens kein Link hergestellt), Frankreich der "Erbfeind".

    Belgien: wenn's hoch kommt vielleicht die Kolonialzeit in Belgisch-Kongo

    Niederlande: VOC, Monarchie, verkappte Deutsche, die Raucher wissen noch von Java und Indonesien.

    Lichtenstein und Luxemburg? :hmpf::weinen:

    Zu pessimistisch? :fs:
    Muss man mehr wissen? :D
    Ich mein jetzt nicht unbedingt als Durschnittsdeutscher sondern als historisch Interessierter...
     
  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Du bist zu optimistisch. Die meisten unserer Mitbürger kennen kaum unsere eigene Geschichte.

    Bezüglich uns Geschichtsinteressierter, kann ich das nicht beurteilen. Ich interessiere mich jedenfalls auch für andere Länder (und nicht nur die spanischsprachigen) und stehe oft frustriert vor der jeweiligen Sprachbariere. Wenn ich irgendwo hinreise (oder das vorhabe), versuche ich mich über deren Geschichte zu informieren. Ich wollte mal nach Rodhos und besorgte mir einige Bücher darüber. Die Reise fand am Ende nicht statt, ich habe jedoch alles durchgelesen, von der Antike bis zum 2 WK im Dodekanes.
    Aber auch oft ohne Grund, nehme ich mir irgend eine Gegend oder Ära zum Thema und lese darüber was ich kriegen (und verstehen) kann.

    Ich denke andere werden es ähnlich machen, hier gibt es ja viele Experten über recht exotische Themen wie z.B. Apvar und sein Niederländisches Marinethread, unsere verschiedenen nordischen Fachleute oder die Antikenrunde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2015
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Man muss ja nicht gleich die RTL-, Sat1- oder Stefan-Raab-Sendungen, in denen dösbadellige Jugendliche sich blamieren zum Maßstab nehmen.
     
  4. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Ich sagte "kaum" und nicht "überhaupt nicht." :D

    Die Mehrheit hat ein paar vage Erinnerungen aus dem Geschichtsunterricht und den Guido Knopp-Sendungen.

    Und der Geschichtsunterricht soll ja jetzt auch noch zusammengestrichen werden.
     
  5. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nicht nur Jugendliche wissen da wenig- ich erlebe das immer mal wieder wenn ich mit Leuten aus meinem Bekanntenkreis unterwegs bin- durchaus alles gebildete Menschen mittleren Alters, aber selbst da gibt es teilweise erhebliche geschichtliche Defizite
    Wir waren unjüngst mit unserer Truppe in der Hauptstadt Lothringens
    Verdun war den meisten noch ein Begriffs aber mit den lothringischen Bistümern Toul und Metz,mit Stanilas I oder Karl dem Kühnen konnte man schon nix mehr anfangen

    Man kann sagen,in der Breite reichen Kenntnis und geschichtliches Bewußtsein maximal bis zum ersten Weltkrieg-was mich angesichts der Flut historischer Romane doch ziemlich verwundert t
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    In den historischen Romanen lernt man ja auch nur, dass Heldinnen des Alltags sich im MA besonders gern gegen das Patriarchat durchgesetzt haben ;)
     
  7. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    War’s nicht so, dass sich die Stärkeren nie so stark für Schwächere interessiert hatten? So könnte man eine Behauptung, wie »Huch, ich bin so mies, ich weiß nichts von meinen Nachbarn!« (unter ganz anderen Umständen natürlich) auch als Koketterie verstehen. :schau: In kleinen Ländern lernt man sehr wohl die Geschichte der Nachbarn.
     
  8. Morifea

    Morifea Neues Mitglied

    Nimm ruhig den durchschnittlichen Abiturienten als Maßstab, viele werden schon Schwierigkeiten haben alle deutschen Nachbarstaaten aufzuzählen.

    Die in Beitrag Nr. 1 genannten Punkte kann und sollte man wissen... auch wenn sie nicht im Geschichtsunterricht behandelt werden.

    Gottlob gibt es auch andere Wissensquellen..... z.B. Bücher, diese tollen Wanddekorationen mit Papierfüllung (kleiner Hinweis für die Leute die hierrüber gestolpert sind, weil sie gerade Ihre Geschichtshausaufgaben googlen).
     
  9. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Ich (einfacher Geschichtsinteressierter und kein Berufswissenschaftler) denke neben dem vorausgesetzten Interesse für die Historie im Allgemeinen ist das auch eine ideologische Frage.

    Anders gesagt. Als gebürtiger Sachse (oder Bayer ect.) ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit über die Geschichte Deutschlands bescheid zu wissen, selbst wenn der Schwerpunkt des Interesses regionalgeschichtlich angelegt ist. Gleiches gilt für mich im größeren europäischen Maßstab. Als Nationaleuropäer sollte sich der Interessenshorizont folglich über den deutschen Tellerrand hinaus erstrecken, wobei man allerdings anerkennen sollte, dass die Geschichte der europäischen Nation(!) eine enorme Vielfalt darstellt, bei der man wohl nicht umhinkommt sein Interesse auf gewisse Regionen und Gebiete zu Beschränken, möchte man dieses vertiefen.

    Aber das wunderbare an dieser großen Geschichte ist doch sowieso, dass alles irgendwie miteinander zusammen hängt. Liest man über Karl den Großen und das Frankenreich ist man schnell über die Wikinger in Skandinavien und über die Mauren in Hispanien. Frankreich und England, die hatten über Jahrhunderte weg eigentlich eine gemeinsame Geschichte. Auf den Kreuzzügen erreicht man Griechenland und den ganzen östlichen Mittelmeerraum. Usw. Und Deutschland hat den wunderbaren Vorteil mitten drin zu sein. Da kann man ja eigentlich nicht anders, als sich auch mal mit den lieben Nachbarn zu beschäftigen.

    Ich denke, die uninteressierte Allgemeinheit bezieht ihr Geschichtswissen heute in erster Linie über populäre Massenmedien (TV, Belletristik). Großbritannien?, da gibt es doch Henry VIII, Elizabeth und Victoria (die Cate Blanchett und Judy Dench-Fans), vielleicht noch ein par Highlandromantiker die William Wallace kennen. Frankreich, eben Louis XIV und Napoleon, über die ZDF und ARTE duzente Dokus hat, vielleicht noch ein paar die sich über Eleonore und Löwenherz ins Mittelalter verirren. Und Österreich, ja das ist doch die Sissi und Franz-Josef jedes Jahr zu Ostern. Aber schon bei Polen und Osteuropa wird es für viele schwierig, da gabs nur WK Teil 2 und ein bisschen Ostblock, jedenfalls was Guido Knopp davon erzählt und man selbst noch in Erinnerung hat.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ich denke eher, Du bist zu optimistisch.

    Die meisten Leute, denen ich selbst in Museen begegne, wissen ein paar Namen und können diese nichtmal historisch irgendwie sinnvoll einordnen.

    Frankreich: Napoleon! Wenn es hoch kommt: Der Sonnenkönig. Wobei der Sonnenkönig oftmals als eine Art universeller Herrscher gesehen wird, der irgendwie die ganze Zeit zwischen Mittelalter und Napoleon abdeckt.

    Das Wissen scheint mir aber auch ein bisschen eine Generationsfrage. Die Lehrpläne scheinen vor so 30 Jahren andere gewesen zu sein. Bei Leuten um die 50 kann ich mit Namen wie "Friedrich der Große", "Madame de Pompadour" oder "Maria Theresia" eher etwas ankratzen, was dann ein bisschen verschüttetes Wissen freilegt. Freilich habe ich bei Halbwissen dann auch nicht selten mit veralteten Geschichtsbildern zu kämpfen, die von einer borussischen Geschichtsschreibung herrühren (Franzosen dämliche dekadente Schwächlinge, Preußen tolle Kämpfer etc..).

    Die Medien, ich will jetzt mal nicht TV-Formate wie die "Dokumentationen" mit Knopp, M. Schell oder Hape Kerkeling ansprechen, spielen sicherlich eine große Rolle. Dabei scheint mir auch die hundertste "Musketier"-Verfilmung nicht unbedingt dazu beizutragen, das "Wissen" über das franz. 17. Jh. zu mehren. Hinzu kommt insbesondere bei neueren Filmen, dass der historische Hintergrund meistens just das ist, was völlig verzerrt, falsch oder kaum dargestellt wird (nur bezogen auf die Dumas-Verfilmungen).

    Sehr interessant für das Verständnis des Auslands über deutsche Geschichte ist es, bspw. auf YT nach franz. Dokus zu schauen und was da schwerpunktmäßig behandelt wird. Derzeit schaue ich mir immer wieder Folgen der Reihe "Secrets d'histoire" an - wobei die "Geheimnisse" hier eher weit gefasst sind und teilweise auch absolut selbstverständliches als Geheimnis hingestellt wird.
     
  11. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Was ist daran veraltet? :D

    Witz beiseite, das ist tatsächlich so.

    Aber nicht nur bei uns: Vor kurzem hörte ich von einem Spanier folgenden (m.W. britischen) Witz: "Wozu haben die Franzosen so schöne Alleen an ihren Chausseen angelegt? Damit die Deutschen im Schatten marschieren können."

    Relativ gute Geschichtsprogramme gibt es in GB. Nicht nur "Blackadder" (der sich trotz seiner humoristischen Hauptfunktion sich doch durch eine sehr präzise historische Ambientierung auszeichnet) sondern auch verschiedene bescheidene aber gut gemachte Programme für Kinder und Jugendliche. So etwas vermisse ich bei uns komplett.
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Bei "Blackadder" würde ich allerdings eher sagen, dass es weniger Geschichte vermittelt, sondern mit der Grundannahme an den Zuschauer herantritt, dass dieser die Geschichte bereits kennt. Solche Gags wie wenn Dr. Samuel Johnson und Lord Byron zusammen kommen, schnallt man doch nur, wenn man wenigstens halbwegs einen Plan von (Literatur-)Geschichte hat.
    Ich habe festgestellt, dass Leute, die keine Ahnung von Geschichte haben, mit "Blackadder" logischerweise nichts anfangen können, da die Witze einfach dann unverständlich werden.

    An der (bezeichnenderweise deutschen) Doku zu Law, die neulich auf Arte lief, hat man gut gesehen bzw. gehört, dass man in Dtl. Angst hat den Zuschauer mit zuvielen Infos zu überfordern. So war es "ein Adliger", der als erster das Papiergeld gegen Gold zurückwechselte. Nach einer solchen Doku hat man oftmals den Eindruck der Leere, weil man gefühlt nichts dazu gelernt hat.
    Im Gegensatz dazu füttern viele britische Dokus, sogar welche, die allgemeinere Themen behandeln, den Zuschauer mit vielen Details. Diese Details sind aber auch witzig oder spannend aufbereitet, so dass man nicht überbeansprucht wird. Ich denke da bspw. an die Dokus zu den frühen "Georgians" mit Dr. Lucy Worsley.

    Anders als in Deutschland gibt es von der BBC viele Dokus, welche die Zuschauer an ihren Vorurteilen packen: bspw. nicht vorhandene Rechtsprechung im Mittelalter, dumme erste Hannoveraner auf dem engl. Thron usw. ...
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Mai 2015
  13. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Einerseits: Ja. Als Österreicher weiß ich tatsächlich deutlich mehr über die Geschichte Deutschlands als über die Sloweniens. Andererseits aber: Dass im österreichischen Geschichtsunterricht Deutschland relativ ausführlich behandelt wird, dürfte weniger mit der Größe/Stärke Deutschlands zu tun haben, sondern eher damit, dass Österreich die meiste Zeit seiner Geschichte selbst Teil des HRR bzw. des Deutschen Bundes war, es sich bei der deutschen Geschichte also zu einem Gutteil auch um die eigene handelte. Dann kam schon bald der 1. WK und wenig später das 3. Reich, also wieder Ereignisse/Zeiten, in denen Österreich eng mit Deutschland verknüpft war, sodass sich eine Beschäftigung mit Deutschland gar nicht vermeiden lässt.
    Zum Vergleich: Italien ist - im Vergleich zu Österreich - auch ein großes Nachbarland, aber trotzdem wird seine Geschichte im österreichischen Geschichtsunterricht nur spärlich behandelt.
     
  14. Rovere

    Rovere Premiummitglied

    "Geschichte der Nachbarländer"......was ist damit gemeint?

    Eigentlich zeigt bereits die Frage die vorherrschende Ahnungslosigkeit - denn gerade dieser zentraleuropäische Raum ist beispielhaft für die Schwierigkeit einer "linearen Geschichte" die doch alle so gerne erzählen möchten.
    Denn welche Geschichte wird erzählt? Beispiel Slowakei - man kann die Geschichte des heutigen Landes erzählen. Man kann die Geschichte des Königreich Ungarns erzählen, mann kann den Schwerpunkt auf des "Königlich Ungarn" von 1550-1700 legen, man kann die Geschichte der Slowaken erzählen, usw.

    Die Geschichtswissenschaft ähnelt doch sehr der Theologie. es um die Deutung und Auslegung von hinterlassenen Quellen (Vorsicht: Ironie).

    Und heute, auch hier im Forum, dominiert wie zu allen Zeiten diese Lust an der Suche einer "Geschichtserzählung" - ein Ereignis führt zum anderen, Ziel ist es, eine "Story" zu erzählen, Geschichte als zielgerichtetes Handeln zu interpretieren. Ereignisse werden dabei interpretiert um aktuelle Ereignisse zu legitimieren - oder (was viel häufiger passsiert) persönliche Eitelkeiten zu objektivieren (ich bin besser als Du weil mein Land dies und jenes erreicht hat).

    Aber egal, der Wettbewerb "ich weiss mehr Details über dänische Nachttopf-Produktion als Du" ist ja sehr unterhaltsam....
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2015
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  15. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Logisch.

    Die Geschichte Italiens ist wahrscheinlich (außerhalb Italiens) überall ein Stiefkind, da sie recht zerstückelt und komplex ist.

    Zu meinem obigen Einspruch muss ich hinzufügen, dass man eigentlich überall viel lieber die Geschichte der Stärkeren weitergibt. So wissen wir z.B. meist viel mehr über die Geschichte der USA, als z.B. über die Geschichte von Brasilien (haben die überhaupt eine Geschichte?) Der Geschichtsunterricht ist im Wesentlichen nicht viel mehr, als das Eintrichtern, wer, wo, wann die Macht hatte. Kein Wunder, dass sich manche der Schüler querstellen, weil sie die Geschichte des Machismo schlicht nicht interessiert.
     
  16. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das mit der Kleinstaaterei kennen wir aber auch in Deutschland und hängt eng mit Sonderwegstheoriedebatten zusammen.

    Das liegt aber daran, dass die Milestones of English und die Milestones of American History zu den Standards des Englischunterrichts gehören. Und natürlich an der Abhängigkeit unserer Kinos von Hollywood. Aber mal Butter bei die Fisch: Wie viel weißt du denn - ohne nachzuschlagen oder zu wikipedieren - tatsächlich von amerikanischer Geschichte?
    Die Frage musst du nicht beantworten, sie gilt nur der Selbstüberprüfung.

    Sicher ist jedenfalls, dass, wäre Portugiesisch hierzulande erste Fremdsprache Nr. 1, dass dann die Geschichte Portugals und Brasilien stärker in den Fokus rücken würde. Dann hätten wir nicht die Milestones, sondern die Miliários da História de Portugal/Brasil.

    Wo und vor allem wann hast du Geschichtsunterricht genossen?! :nono:
     
  17. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Von »genießen« kann keine Rede sein, doch daran teilgenommen in mehreren Ländern. Über die US-Geschichte bin ich zufällig nicht mal so schlecht informiert, vielleicht auch, da ich mal dort gelebt habe.
     
  18. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Ja schon, aber die Geschichte Deutschlands ist - zumindest wie sie in Österreich unterrichtet wird - zum Gutteil die Geschichte des HRR von oben, d. h. die Geschichte der Könige und Kaiser, nicht die Geschichte der kleinen Fürstentümer. Dieser Zugang ist auch sachgerecht, da diese Könige/Kaiser auch die Könige/Kaiser waren, die über Österreich standen. Die einzelnen Territorien und ihre Herrscher spielen nur insofern eine Rolle, als sie entweder in Bezug auf die Könige/Kaiser eine Rolle spielten (z. B. Heinrich der Löwe) oder auf die Geschichte Österreichs (also insbesondere Preußen ab Friedrich d. Gr.).
    Auf die Kleinstaaten Deutschlands wurde ansonsten ebensowenig eingegangen wie auf die Kleinstaaten Italiens.

    Das mag auf Deutschland zutreffen, aber in Österreich wurde zumindest zu meiner Zeit im Englischunterricht nicht die Geschichte der USA behandelt und auch kaum die Großbritanniens. Trotzdem spielte die Geschichte der USA im Geschichtsunterricht eine große Rolle, die Brasiliens hingegen gar keine. Die Ursache sehe ich nicht in der Sprache, sondern schlichtweg darin, dass die USA ab dem 2. WK und noch heutzutage der weltweit mächtigste und einflussreichste Staat sind, der direkt oder indirekt in der Politik der halben Welt mitmischt. Brasilien hingegen spielte in den 90ern weltpolitisch keine Rolle und hat auch seither eigentlich nur wirtschaftlich (etwas - wenn man die Zahlen und Fakten nüchtern betrachtet, wird die weltwirtschaftliche Bedeutung einiger der BRICS-Staaten doch recht übertrieben dargestellt) an Bedeutung gewonnen. Klar werden eher die "wichtigen" Staaten näher behandelt.
     
  19. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und trotz deines im Rückblick negativen Verhältnisses zum Geschichtsunterricht interessierst du dich für Geschichte?
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Dramatik dieser Situation hat viele Gesichter. Eines ist, dass das Wissen über die deutschen Staaten, wie das 3.Reich, die DDR, die BRD und Deutschland defizitär ist, wie Deutz-Schröder (Ungleiche Schwestern? ApuZ 32-34/2012,S.19 ff) zeigen. Bereits in diesem Fall ist das historische Wissen defizitär und es ergeben sich erschreckende Beurteilungen, vor allem für das 3.Reich und die DDR.

    Die Konsequenz sollte sein, das Vermitteln von Fakten und Zusammenhängen wieder zu fördern. Und der subjektiven, häufig fehlerhaften, Ausdeutung von historischen Ereignissen zu widersprechen.

    Ähnlich problematisch verhält es sich mit dem “Russlandbild“ der Deutschen und dem wieder zunehmendem Versuch in den Massenmedien, der traditionellen russophoben Einstellung in Deutschland, eine neue - alte - Ausrichtung zu geben.

    In diesem Sinne basiert das prekäre Bild über uns und unsere Nachbarn auf zu wenig objektiven Informationen und auf bewusst manipulierten Stereotypen,die bestimmten Formen der Außenpolitik nützlich erscheinen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2015

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