Wie auch bei anderen historischen Romanen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren publiziert wurden (ich denke da nur an "Der Name der Rose" von Umberto Eco) erzählten diese historischen Romane damals nicht nur eine Geschichte vor historischen Hintergrund, wobei so Geschichte vermittelt wurde, sondern waren auch Schlüsselromane zu gegenwärtigen Geschehnissen.
Ob zu gegenwärtigen Geschehnissen (das wäre ja recht konkret) weiß ich nicht, aber Historische Romane (ich unterscheide zwischen
historischen Romanen [Romane die alt sind] und
Historischen Romanen [Gattung]) erzählen tatsächlich
oft mehr über die Gegenwart als über die erzählte Vergangenheit.
Eine Romanverfilmung, Bestseller, m. E. aber ein eher schlechtes Buch, sowohl von der literarischen Qualität als auch vom Inhalt, der m.E. deutlich gegenwärtiges Geschehen aufgreift, war Gordons
Medicus. Ich habe den Roman nur abgelesen, nachdem ich den Film gesehen hatte, daher dieser seltsame Wechsel, ich weiß halt nicht, wie eng sich die Verfilmung an Gordons Vorlage hält, da diese zu den wenigen Büchern gehört, die ich absichtsvoll nicht zu Ende gelesen habe.
Aber Romanschriftstellerinnen und -schriftsteller oder früher die Dramatikerinnen und Dramatiker haben nun einmal eine andere Zielsetzung als seriöse Historikerinnen und Historiker. (Selbst wenn sie tatsächlich gut recherchiert haben.)
Inhaltlich gebe ich dir Recht, aber ich würde diesen Gegensatz nicht so aufmachen, Romanautor vs
seriöser Historiker. Ein Romanautor muss aus Gründen der Dramatik, wo der Historiker eben sagen muss, dass wir gewisse Leerstellen nicht füllen können, genau diese Lehrstellen füllen. Da gibt es Romanautoren, denen das besser und solche, denen das schlechter gelingt.
Wenn ich als Historiker einen Sachverhalt aus den Quellen ergründe und beschreibe, komme ich um "das Atmosphärische" gut drumherum. Der Romanautor hingegen nicht. Und da wird es dann sehr leicht peinlich.