Wie wurde Hitler Antisemit?

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von JottHa, 24. November 2017.

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  1. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    H. hatte, m.E auch in M.K., vehement Kritik an aus seiner Sicht diversen 'schöngeistigen' 'Salon-Antisemitismen' verschiedener Coleur geübt, auch der Vorkriegszeit.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ob Sandgruber was belastbar Neues ergibt?
     
  3. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Danke für den Hinweis.

    Instruktives Interview mit Sandgruber im SPIEGEL, heute online veröffentlicht.
    Belastbar Neues? Auch Sandgruber stellt die neueste Tendenz der H.-Forschung, H. sei vor München "gar kein Antisemit'" gewesen, zur Diskussion mit Hinweis, es seien neue Beweise aufgetaucht (die er im Interview nicht benennt/erläutert), dass H. in Linz stark antisemitisch dachte, und Linz habe auch ein ausgeprägtes antisemitisches Milieu gehabt, und Eichmann wie Kaltenbrunner hätten dort die Realschule bzw. das Realgymnasium besucht - wie H. Usw.
    Neue Beweise...gemeint ist eine inzwischen aufgetauchte Urfassung von 1943 des 1953 veröffentlichten Buches von H.s Jugendfreund Kubizek über H., die Sandgruber auswerten konnte. Sandgruber meint, die Urfassung lege nahe, H. habe bereits in Linz massive antisemitische Einstellungen aufgebaut - steht wohl alles in Sandgrubers neuem Buch...
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Die Rolle des Vaters im Rahmen der primären - familiären - Sozialisation kann man nur historisch korrekt einordnen, sofern man sich auf entsprechende theoretische Konstrukte bezieht. Und den Einfluss des Vaters - anhand der neuen Quellen - versucht angemessen sozialisationstheoretisch einzuordnen.

    2. Dieses ließe sich erweitern im Rahmen einer Frage nach den ersten Einflüssen im Zuge der politischen Sozialisation durch das Elternhaus und die Kontakte mit dem "Milieuumfeld" der Familie Hitler.

    Mangels plausibler Alternativen übernimmt er - wie so viele Historiker vor ihm - die verbreitete Annahme zur Wirkung von Sozialisation im Sinne der "Prägung". Und so schreibt Sandgruber in diesem Sinne: "Es ist klar, dass Sprache, Ess- und Wohngewohnheiten, Umgangsformen, Bildung, Religion, Weltanschauung und sexuelle Gewohnheiten des jungen Hitler vom Elternhaus und von der Umgebung entscheidend vorgeprägt wurden."

    Dieses formuliert er vor dem Hintergrund der mosaikhaften quellengestützten Kenntnis der Biographie von Hitler.

    3. Sandgruber diskutiert die schwierige Quellenlage einmal mehr. Und verweist auf die deutlich unterschiedlichen Fassungen, die Kubizek angefertigt hat und diskutiert sie im Zusammenhang mit der Arbeit von Jetzinger.

    4. Sofern Sandgruber sich auf die "Urfassung" (1943) bezieht, schreibt er u.a.: "....sondern wegen jener Teile, die 1943 enthalten waren und 1954 gestrichen wurden und die antiklerikalen, antimodernistischen und rassenbiologischen Tendenzen beim jungen Hitler sehr viel deutlicher erkennen lassen."

    Dass Sandgruber damit "massive antisemitische Einstellungen" meint, ist eine Frage der Interpretation. Ob Sandgruber es so sieht, erscheint mir persönlich angesichts seiner obigen Aussage zweifelhaft.

    5. Relevant sind m.E. zwei Hinweise von Sandgruber zur "Persönlichkeitsentwicklung" von Hitler. Zum einen sieht er bei Hitler eine gewisse Stabilität im Einstellungssystem, sozialpsychologisch ausgedrückt im "internal locus of control" ("Kontrollüberzeugungen"), und er verweist neben dem Einfluss des Vaters auf die Erfahrungen des Vielvölkerstaates.

    Diese Stabilität von Einstellungen über die Zeit deckt sich mit einer bereits zitierten Dissertation, die durch inhaltsanalytische Vergleiche von - antisemitischen - Schlagzeilen der Wiener Presse und späteren immer wieder auftretenden stereotypen Floskeln - auch im Rahmen der "Tischgespräche" - von Hitler, die Bedeutung der Wiener Zeit für sein Denken betont.

    6. Die bisherigen Ergebnisse von Sandgruber scheinen die Interpretation zu stützen, dass Hitler in einem "deutschnationalen" Milieu aufgewachsen ist, mit den für die damalige Zeit typischen allgemeinen und typischen Alltagsrassismus, der auch "unspezifisch" antisemitisch aufgeladen war.

    Mit der Wiener Zeit verfestigte sich diese Sicht, ohne aus dem Status eines "Alltagsrassimus" hinaus sich zu entwickeln. Ob es bereits zu diesem Zeitpunkt "massive antisemitische Einstellungen" bei Hitler gab, erscheint mir persönlich unwahrscheinlich. Auch deswegen, weil es noch kein konsistentes ideologisch begründetes Denken war.

    7. Diese ideologische Aufladung des vorhandenen Antisemitismus erfolgte erst in der Münchner Zeit nach 1918, angeregt durch die erfahrenen politischen Schulungen.

    Sandgruber, Roman (2021): Hitlers Vater. Wie der Sohn zum Diktator wurde. Wien: Molden Verlag.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. Februar 2021
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  5. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    d'accord
     
  6. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Kubizeks Freundschaft mit H. in Linz währte von Ende 1905 zwei Jahre und nochmals 4 Monate in Wien (1908) (Sandgruber, 15). 1938, dreissig Jahre später, begegnen sie sich erstmalig wieder, kurz in Linz. 35 Jahre später, 1943, verfasst Kubizek die hier genannte 'Urfassung'.

    Was mir persönlich dabei aufgefallen ist, leicht verspätet..., zielt auf die Frage, ob die 'Urfassung' nicht genauso von dem Zeitpunkt bzw. dem Umständen der Entstehung abhängig war, dem Jahr 1943 und im Auftrag der NSDAP, wie jene von 1953. Naheliegend und plausibel bzw. wahrscheinlich ist dies zumindest. Mitnichten bietet die Fassung von 1943, während des Vernichtungskrieges, des Völkermordes, des Kriegszustandes, in der tiefsten NS-Zeit geschrieben und im 11. Jahr von H.'s Diktatur, einen automatisch oder wissenschaftlich gesicherteren, besseren Einblick in die Linzer Zeit H., meine ich.

    Beispiel: Die NSDAP tritt ab 1942/1943 an Kubizek heran, seine Erinnerungen niederzuschreiben [an die gemeinsame Zeit der Freundschaft mit dem 'Führer', wohl nur für das parteiinterne Archiv zur Dokumentation/Sicherung, Anm. von mir] (Sandgruber, 15). Und das war vor allem die Linzer Zeit. Und nun sind in Kubizeks 'Urfassung', folgt man Sandgruber, S. 17, die rassenbiologischen, antiklerikalen und antimodernistischen Tendenzen beim jungen Hitler 'sehr viel deutlicher' erkennbar - im Vergleich zur Kubizekschen Nachkriegsfassung von 1953...
    Kubizek verstärkt die Bedeutung der Linzer Jahre H.s., mithin der gemeinsamen Freundschaftszeit in Linz, in der 'Urfassung' von 1943 entsprechend den Zeitumständen und dem Auftraggeber zugunsten auch seiner selbst ...und mildert sie in der Nachkriegspublikation, ebenfalls zugunsten seiner Freundschaftszeit in Linz mit H., entsprechend den Zeitumständen.
     
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  7. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Dass Kubizek "seinen" Hitler für die NSDAP als Ur-Antisemiten, gewissermaßen von Kindesbeinen an, hinstellen wollte, leuchtet mir ein. Dass er nun aber 1953 den Antisemitismus Hitler in die Wiener Zeit verlegen soll, nicht so ganz. Wollte er von sich selbst als Antisemiten ablenken nach dem Schema: Hitler kannte ich erst in Wien als Antisemiten, zuvor (2 Jahre, die längere Zeit also) hatte er nichts davon - und damit ich auch nicht? Oder sind noch andere Motive vorstellbar?
    M.a.W: sind die Erinnerungen von K. bezüglich Hitler nur Konstrukte eigener Loyalität - einmal im Sinne der Nazis, das andere Mal im Sinne der Anti-Nazis? Fungiert somit Hitler immer nur als Instrument der Konstruktion der eigenen Biographie?
    Dann hätten sie wenig Wert.
     
  8. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Nichts genaues wissen wir nicht...;)

    Es geht hier weniger um eine bewusste wie umfassende Konstruktion 1943. Die (deutliche) Verstärkung der 'ideologischen' Bedeutung der Linzer Zeit H.'s in der Erinnerungsniederschrift Kubizeks auf Geheiß der NSDAP 1943 ist wohl ziemlich unvermeidlich, zeitbedingt, auftragsbedingt, Abstandsbedingt nach 35 Jahren. Und immer in Zusammenhang mit der Stellung und Bedeutung Kubizeks als hauptsächlicher Freund in der Linzer Zeit und kurze Zeit noch in Wien 1908 in Relation zum Auftrag der NSDAP und den Umständen.

    Kubizeks Buchveröffentlichung 1953 entstand in Zusammenarbeit mit weiteren Personen mit NS-Hintergrund, die wohl Einfluss nahmen. Dass Kubizeks in der Buchveröffentlichung 1953 die Freundschaftszeit zwischen H. und ihm 1905-1908 im Vergleich zur Urfassung 1943 ideologisch 'entschärft' und mehr H.s. M.K. angleicht, hat ihm sicherlich eher genützt.

    Kubizek hat in Wien 1908 nur wenige Monate mit H. ein Zimmer geteilt, und während Kubizek im Herbst 1908 mehrere Wochen an einer Militärübung teilnahm, zog H. ohne Nachricht aus. Sie hatten dann keinen Kontakt mehr.

    Für eine valide Sicht währe die Veröffentlichung der Urfassung notwendig, um Sandgrubers Einschätzung zu überprüfen zu können und die Unterschiede zwischen 1943 und 1953 zu sichten.
     
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  9. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    hm...Kubizek hebt in der Urfassung weniger seine gemeisame Zeit vor allem in Linz hervor...er hebt Linz hervor. 1943 offiziell 'Jugendstadt des Führers' sowie 'Patenstadt des Führers', die in der nationalsozialistischen (Kultur-) Ideologie die wichtigste Stadt Österreichs. Siehe diverse wissenschaftliche Artikel über Linz im Nationalsozialismus.

    War nach 1945 nicht 'gefragt'..dafür mehr die alte version schon aus M. K., mit Wien als Brennpunkt.
     
  10. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Es scheint mir auf jeden Fall historisch zu berücksichtigen,
    1. Kubizek erstellte 1943 die 'Urfassung' im Auftrag der NSDAP
    2. die Stellung von Linz hat sich seit Installierung des NS-Regimes in Österreich im März 1938 sehr verändert, es erfuhr eine enorme Aufwertung im System, in der Kulturplanung und (Kultur-) Ideologie des NS:
    • 'Patenstadt des Führers' , bereits ab März 1938
    • 'Jugendstadt des Führers', und
    • 'Führerstadt Linz' usw.,
    was Kubizek 1943 in der 'Urfassung' sehr wahrscheinlich entsprechend rezipiert hat.

    Daraus folgt plausibler weise:
    Doch ist die 'Urfassung' eben nicht, wie Sandgruber meint, gesichert näher an der Realität der Jahre 1905-1908.
     

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