Wirtschafts- und Sozialpolitik in der Weimarer Republik / vgl. zu Nachkriegszeit bis 1970

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von AntonG99, 18. März 2020.

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  1. AntonG99

    AntonG99 Neues Mitglied

    Hi Leute, liebe Geschichtsexperten/ - innen!

    Ich lese derzeit "Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne" von Andreas Reckwitz.

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    Mal eine ganz grobe Einleitung zu meiner Frage:

    Um den Unterschied zwischen Kultur, Politik und Ökonomie der Nachkriegszeit/Industriemoderne (1945 - 1968) und der Spätmoderne (also ca. 1990 bis jetzt, Übergangszeit ab 68) darzustellen, skizziert er auch sehr grob eben diese Unterschiede zwischen Vorkriegs- und Nachkriegszeit, um die Nachkriegszeit/Industriemoderne besser verständlich zu machen.

    Die Spätmoderne mit ihrer grundlegenden Liberalisierungstendenz, also verschiedenste Emanzipationsbewegungen wie Feminismus, LGBT+ Rechte, Aufbrechen alter Familienmodelle und patriarchaler Strukturen und einer neoliberalen, globalisierten Wirtschaft ("Dynamisierungstendenz"), war laut Reckwitz eine Antwort auf die Probleme der Nachkriegstzeit ("Regulierungstendez"): Hier wurde in der Politik kulturelle Homogenität gefördert, in der Abweichung von der Normalität unter Verdacht stand. Patriarchale Strukturen, Diskriminierung von sexuellen und ethnischen Minderheiten waren Alltag. Gleichzeitig herrschten noch ökonomische Rahmenbedingungen der klassischen Industriemoderne, die eine breite Mittelschicht ermöglichte, im Gegensatz zu heute, wo sich die Schere anscheinend mehr zu einer hochqualilfizierten Mittelschicht und einem gleichzeitigen Präkariat im Dienstleistungssektor geöffnet hat.

    Durch einen kulturell liberalen Wertewandel und eine fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft, welche anscheinend soziale Gleicheheit nicht mehr so gut gewährleisten kann wie eine national geschlossenere, plus eine Bildungsexpansion, hat sich die Gesellschaft also von einer egalitären, kollektivistischen Gesellschaft in einem sozialpolitisch starkem Staat zu einer individualisierten, kulurell offeneren aber auch ungleicheren Gesellschaft, mit weniger Zustimmung für Sozialpolitik, gewandelt.

    So weit, so grob & ungenau. Falls ihr bis hier her Verbesserungen/Korrekturen oder auch konkrete Beispiele! für diese sehr allgemein zusammenfassenden Text, bitte schreiben!

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    Nun zu meinem eigentlichen Anliegen: ich schreibe derzeit an einer Zusammenfassung des Buches, bei der ich auch mehr konkrete eigene Beispiele nennen möchte, um mir den ganzen Stoff besser verständlich zu machen und ihn mir besser merken zu können.

    Ich fange hier ganz vorne an, wobei ich die nur sehr kurz im Buch angerissene Ausgangslage für die wie oben beschriebene Nachkriegszeit+Industriemoderne etwas ausführlicher beschreiben möchte.
    Ich habe Fotos von den entsprechenden Seiten im Buch im Anhang dieses Posts hochgeladen.
    Leider ist mein historisches Wissen, auch was die Weimarer Republik und den zweiten Weltkrieg angeht, sehr begrenzt.

    Reckwitz schreibt, dass die politische Förderung einer kulturell und sozial nivellierten Mittelstandsgesellschaft, also mit Aufbau eines “Sozialstaats mit Versicherungen + Regulierung des Arbeits- und Wohnungsmarktes, sowie der Errichtung einer homogenen” (und ich nehme an auf geringes Konfliktpotenzial abzielend) “Gesellschaft mittels Volksparteien, Kirchen, Berufsverbänden, Firmen mit Dauerbelegschaft” als Antwort auf die “massiven Krisenerfahrungen der 1930er und 1940er Jahre” zu verstehen sei. Damals sei die “Unfähigkeit eines wirtschaftspolitisch schwachen Staates während der Weltwirtschaftskrise 1930 demonstriert worden”. Des weiteren soll eine kulturelle Krise allgegenwärtig gewesen sein, in Form einer “normativen Entleerung” auf Grund des Übergangs einer Argrar- zu einer Industriegesellschaft, welche mit Émile Durkheim als Anomie zu bezeichnen sei und sich auch in politischer Polarisierung in den 1930er Jahren äußerte, welche im Systembruch des Faschismus mündete.

    So, das klingt alles sehr interessant, eine wage Vorstellung von dem was Reckwitz meint glaube ich auch zu haben, allerdings ist das alles eine sehr abstrakte Beschreibung und mir fehlen glaube ich das nötige Hintergrundwissen und konkrete Beispiele um tatsächlich zu verstehen.

    Kennt sich jemand von euch aus und kann mir beschreiben, worin genau die “normative Entleerung” in den 30er/40er Jahren bestand bzw. was genau mit Anomie in dem Kontext gemeint ist? Was die politische Polarisierung betrifft, so weiß ich nur, dass es eine starke Polarisierung zwischen Sozialisten und Völkischen Rechten gab und viele damit verbundene Putschversuche, gewaltsame Ausschreitungen und Morde (z.B. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht), außerdem kleinere separatistische Bestrebungen die von Frankreich unterstützt wurden. Wie hängt diese politische Zersplitterung mit der oben erwähnten Anomie auf Grund des Übergangs von Agrar- zur Industriegesellschaft zusammen?

    Was die Sozialpolitik betrifft: waren Sozialversicherungen, Gewerkschaften und Arbeiterrechte nicht schon zu Zeiten Bismarcks und auch in der Weimarer Republik etabliert? Meint Reckwitz mit der “Unfähigkeit eines wirtschaftspolitisch Schwachen Staates” die Unfähigkeit im Sinne von Inkompetenz, mit den schlechten Rahmenbedingungen der Reparationszahlungen und Inflation nach dem Ersten Weltkrieg umzugehen und Arbeitslosigkeit zu vermeiden, oder “wirtschaftspolitisch schwach” im Sinne nicht aussreichender Eingriffsbefugnisse des Staates in die Wirtschaft um den Menschen in Armut zu helfen?

    Nun zu den “Antworten der Politik” auf diese Probleme nach 1945. Kennt jemand von euch ein paar ganz konkrete Beispiele, wie ein “Stück Gemeinschaft in die Gesellschaft integriert" wurde? Wurden z.B. Kirche, Vereine, Schulen und Firmen mit Dauerbelegschaft aktiv staatlich gefördert, oder wie kann ich mir die “politisch aktive Förderung einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft” genauer vorstellen?

    So, ich weiß, das ist eine Menge Text und Fragen die wahrscheinlich eigentlich ein ganzes Buch als Antwort ausfüllen könnten. Falls sich unter euch Experten/ -innen befinden, die sich die Mühe gemacht haben das alles durchzulesen, und sogar noch Lust haben mir eine einfache aber nicht zu unterkomplexe Antwort zu schreiben, wäre ich super dankbar!!!

    LG

    Anton
     

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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ein durchaus interessantes Thema, aber eine bzw. viele und umfangreiche Antworten wären notwendig. Hilfreich wäre eine Eingrenzung, sofern noch Interesse vorhanden ist.
     

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