Vieles von dem was wir tun berührt Grundsätzliches, die Art wie wir die Welt sehen.
Die Varusschlacht ist ein Aufeinandertreffen dieser Sichtweisen, und das sowohl bei uns als auch bei den damaligen Akteuren.
Bevor die Römer kamen, gab es eine Wirtschaftskrise.
Der latènezeitlche Wirtschaftsboom hatte einerseits zu einem breiteren Wohlstand, andererseits zu einem gewissen Machtverlust der Fürsten geführt. Der Prunk der Hallstadtzeit war lange schon vorbei.
Monopole auf
- Sklavenhandel wie in Manching,
- Kontrolle der Fernhandelswege wie z.B. bei der Heuneburg,
- Eisenproduktion wie in Böhmen, im rheinischen Schiefergebirge oder im Noricum
- Exklusive Absatzmärkte in Gallien oder in Norditalien
- Salzgewinnung wie in Bad Nauheim
- das alles gab es nicht mehr. Stattdessen Bevölkerungswachstum und innergermanische Konflikte. Eisenzeit in Germanien.
Und jetzt waren die Römer da, hatten germanische Stämme besiegt und hatten klare wirtschaftliche Interessen:
- Provinzialisierung der Germania
- Sicherung der politischen wie der wirtschaftlichen Machtposition des Kaiserhauses
- Steuereinnahmen
- Ausbeutung der Bodenschätze, wie Blei, Kupfer und Eisenerz, auch Salz
- Perspektivisch Nutzung der reichen Agrarlandschaften Germaniens
- Kontrolle des Ostseehandels, Ausbau der binnenländischen Schiffahrtswege vom Mittelmeer zur Nordsee
- Gewinnung von Soldaten in römischen Diensten.
Und derjenige, der das Ganze mit organisieren sollte, war Varus. Angehöriger des Kaiserhauses, Vertrauter des Augustus.
Dieser Mann hatte ein Relief des römischen Mitteleuropas im Kopf.
Und er wird, wie Tiberius, die Landschaften der Germania gekannt haben, aus seinen alltäglichen Entscheidungen und den großen Plänen.
Das Gleiche trifft aber für seine Gegner zu: In der Figur des Arminius, in der Flächigkeit der Aktionrnund in der Mobilität der germanischen Heeresverbände sehen wir auch ein enormes Raumverständnis.
Jemand wie Varus verläuft sich nicht im germanischen Wald, ist nicht bequem und gesättigt, sondern erfahren.
Und der spätere Sieg der Germanen erklärt sich auch dadurch, dass sie zu denken gelernt hatten wie die Römer, römisch militärisch geschult waren.
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Schleuderbleie:
Damit bin ich nicht einverstanden. Solche Waffen dienen auch dazu, schon vor dem Treffen der Schlachtreihen einzelne Gegner zu verletzen, auszuschalten, in Terror zu versetzen und die gegnerischen Schlachtreihen ggf. aufzureißen.
Ja, ganz unbestritten. Schleuderbleie sind eine tödliche Fernwaffe. Aber Varus war nicht auf dem Alpenfeldzug, Germanien war bereits erobert.
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Umweg: Der Weg zum Aufstand, wenn die Geschichte denn stimmt, wird nicht auf einer bequemen und lange vorher geplanten Route gewesen sein, unabhängig davon, ob Varus in die Winterquartiere wollte oder nicht. Deshalb "Umweg", nicht unbedingt "Umweg auf dem Weg in das Winterquartier".
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Noch etwas anderes: Wenn beim Triumph des Germanicus die bestraften Stämme bis an die Elbe genannt werden, kann sich Varus genau so gut in all diesen Regionen aufgehalten haben. Wir wissen es nicht, dürfen es aber auch nicht ausschließen.