Wurde der Kommunismus in Russland aufgearbeitet?

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Huhu1, 16. März 2012.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das klingt zwar nach Widerspruch, ist aber keiner, denn die Sowjetzeit wird vor allem von Russen - weil Russland die führende Nation der SU und des gesamten Warschauer Pakts war - als Zeit der nationalen Größe wahrgenommen.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Putin war KGB-Offizier. Sein Denken ist im Rahmen seiner politischen Sozialisation weitgehend durch den nationalistischen Stalinismus geprägt worden in Kombination mit einem autoritären Polizeistaatsdenken.

    2. Putin als Zeugen zu zitieren, liegt dabei durchaus auf der Linie des pragmatischen stalinistischen imperialen Denkens, und spiegelt damit auch das zaristische Großmachtdenken wider, das in beiden Fällen historisch geprägt ist durch die zentrifugalen Kräfte eines Vielvölkerstaats. Und nein, Stalin wollte keine "Welteroberung", trotz imperialen Vorstellungen.

    3. Dass Putin den Prozess als Niedergang beschreibt ist aus seiner post-stalinistischen Sichtweise zwar nachvollziehbar, man kann ihm aber mit Gorbatschow widersprechen. Er sah in der Perestroika eine große Chance die Verkrustungen und die vielen Fehler der historischen Entwicklung der UdSSR einzugestehen und kritisch zu fragen, was alles falsch gelaufen ist. Und endlich mit "ewigen Wahrheiten" Schluss zu machen. (1987a, S. 207ff)

    Und die Chance galt nicht nur für den "Ostblock", sondern wurde auch für die internationale Zusammenarbeit und die Abrüstung gesehen. Deswegen gab es die Hoffnung auf eine weltweite "Friedensdividende". (vg. 1987b, S. 225ff)

    Deswegen ist die friedliche Umgestaltung des Ostblocks nicht die größte Katastrophe, sondern die bemerkenswerteste und am wenigsten erwartete Veränderung des 20ten Jahrhundert.

    Die größten Katastrophen waren die globalen Kriege, der WW1 und WW2, aber nicht diese friedliche Revolution.

    Gorbachev, Mikhail Sergeevich (1987a): Perestroika. Die zweite russiche Revolution ; eine neue Politik für Europa und die Welt. München: Droemer Knaur.
    Gorbačov, Mihail Sergejevič (1987b): Was ich wirklich will. Wien: Orac.
     
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  3. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied


    Zunächstmal möchte ich den von El Quijote und thanepower genannten Punkten vollumfänglich zustimmen.

    Darüber hinaus, würe ich auch an El Quijotes Beitrag anschließend behaupten wollen, dass die gesammte Organisation der UdSSR hinter dem schleier der internationalistischen Propaganda einen wesentlich nationalistischeren Charakter hatte, als das gemeinhin angenommen wird.

    Das beginnt mit der Implementierung der zentralistischen Strukturen des Staatsapparates, setzt sich während des russischen Bürgerkrieges im Form der faktischen Annexionen der Ukraine und des Kaukasus, wie auch, der zumindest teilweise stattgefundenen inneren Organisation des Imperiums nach ethnischen Kriterien, wie das z.B. Baberowski herausgestellt hat, fort.

    Während der Stalinära, kommt noch die Gleichschaltung der ausländischen K-Parteien via der Komintern und deren Zuschnitt auf moskauer Wünsche und Bedürfnisse hinzu.
    Auch bemerkenswert, ist die Art der Propagandasprache, die in der Stalinära zunehmend "ausländische Spezialisten" für angebliche Sabotageakte für verantwortlich erklärte, so wie auch der Umgang mit den europäischen Exilanten innerhalb der Sowjetunion während der 1930er und 1940er Jahre, wie dass in letztere Zeit Sabrow in "Die Moskauer" noch einmal anschaulich aufgearbeitet hat.

    Ich bin nun persönlich kein Freund irgendwelcher Determinismen, würde aber auch, was die weltanschauliche Basis angeht meinen, dass mit dem Übergang vom Paradigma der Permanenten Revolution und der damit verbundenen Spekulation der Altbolschewiki auf eine internationale Lösung hin zum "Aufbau des Sozialismus in einem Land", die weitgehende Abkehr vom Internationalismus und Implementierung deutlich nationaler, bis nationalistischer Strukturen, ein gutes Stück von vorn herein intendiert hat.

    Die wiederherstellung des alten Imperiums, in seinen Territorialen Grenzen, wie das bereits unter Lenin mit den angesprochenen Annexionen der ukrainischen und kaukasischen Territorien, fortgesetzt unter Stalin, seit dem Pakt mit Hitler in den baltischen und den zwischen der Sowjetunionj und Polen umstrittenen Gebieten, bildeten, setzt darüber hinaus ja auch einen gewissen Chauvinistischen Charakter voraus, der sich mit dem vorgeblichen Antiimperialismus schwer vereinbaren lässt.
     

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