Gerade habe ich folgendes Büchlein vor mir:
Herbert und Sibylle Obenaus (Hrsg.), "Schreiben, wie es wirklich war..." Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens aus den Jahren 1933-1945, Hannover 1985
"Die Aufzeichnungen Karl Dürkefäldens verdeutlichen in eindrucksvoller Weise, was man über die politische Realität in Deutschland 1933-1945 erfahren konnte, wenn man nur wollte." (Umschlagstext)
Dürkefälden war ab 1934 in der Celler Maschinenfabrik tätig. Da die Fabrik zu den kriegswichtigen Betrieben gehörte, war er vom Wehrdienst freigestellt.
Er erfuhr eine Vielzahl von Scheußlichkeiten im Gespräch mit Kollegen, mit Familienangehörigen, beim Friseur oder unterwegs in öffentlichen Verkehrsmitteln.
Einige Ausschnitte:
In Celle hörte ich [wahrscheinlich gegen Ende 1941] noch folgendes: Ein einzelner Soldat war beauftragt, 15 Gefangene zurückzubringen. Nach einiger Zeit war der Soldat wieder bei seiner Truppe; er hatte sich der Gefangenen entledigt.
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Mein Schwager Walter Kaßler schreibt aus Rußland an seine Eltern: "Kiew, den 31. Dez. 1941. . . . Juden gibt es hier überhaupt nicht mehr, wo sie geblieben sind, muß ich Euch selbst erzählen.
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Am Sonnabend, dem 6. Juni 1942, besuchten uns Walter und Bertchen [Kaßler]. Walter hat etwa 2 1/2 Wochen Urlaub. Walter erzählte uns, daß er in Kiew Bauführer gewesen sei bei einer Kriegsbrücke, die über den Dnjepr gebaut wurde. [...] Walter zeigte mir Selbstaufnahmen von der Brücke und von den Juden, die dort arbeiteten. Die Juden zogen in langen Reihen an Tauen. Zogen wahrscheinlich Brückenteile durch den Schnee. Anfang März seien 3000 Menschen bei dem Brückenbau beschäftigt gewesen aus allen möglichen Ländern. Diese vielen Menschen unterstanden allerdings alle dem Walter Kaßler. Walter erzählte, daß auch die Ukrainer Schläge bei der Arbeit kriegen, aber die Behandlung der Juden sei grauenhaft. "Wer gibt sich denn dazu her und schlägt die so furchtbar?" fragte ich. "Die Deutschen hauptsächlich". [...] Nun kam ein Oberpolizeiwachtmeister zu meinem Schwager und meldete oder ordnete an, daß denjenigen Juden, die nicht mehr voll einsatzfähig seien, gesagt werden solle, sie kämen zurück in ihre Heimat in ein Lazarett; in Wirklichkeit würden sie aber erschossen. Walter berichtete weiter, daß er das den Juden nicht selbst habe sagen wollen und habe anderen dazu den Auftrag gegeben. [...] Die Juden wurden nun zu je sechs Mann herausgeholt und in die Grube gestellt. Deutsche Polizeibeamte, die ebenfalls in der Grube standen, erschossen die Juden durch Genickschuß. [...] (Besser gesagt: Angehörige der deutschen Polizei, es können auch Hilfspolizisten gewesen sein.)
Ende März 1942 wurden von den 165 Juden 118 in dieser Grube erschossen. "Hast Du das gesehen?" fragte ich. "Ich habe 20 m davon entfernt gestanden."
Auf meine Anspielung, wie Walter über die Tat denkt, antwortete er: "Früher habe ich es nicht begriffen, jetzt weiß ich es, es geht um Sein oder Nichtsein." "Aber das ist doch Mord", antwortete ich. "Gewiß hat man es soweit getrieben, daß die andern es mit uns so machen, falls wir den Krieg verlieren sollten." . . .
Nachdem die Brücke fertiggestellt ist, sind die Juden, die von den 165 Mann übrig geblieben sind, auf andere Plätze verteilt [worden]. Niemand kehrt in seine Heimat zurück. "Wir können uns freuen, daß wir nicht Juden sind", betonte Walter mehrmals. "In der Ukraine gibt es keine Juden mehr", erzählte er weiter, "was nicht geflüchtet ist, wurde erschossen [...]"
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Am Montag, dem 19. Januar 1942, sagte mir Ing. H[ildebrandt], daß am Donnerstag, dem 15. Januar, drei Waggons russische Gefangene auf die Kleinbahn rangiert wurden. Man machte nun die Viehwagen auf, angeblich um den Russen Brot zu geben. Kein Lebender war mehr darin. In jedem Waggon lagen 50 tote Russen. Diese Angaben machte ein dem Herrn H[ildebrandt] bekannter Eisenbahner in der Bahnhofswirtschaft Celle-Vorstadt. "Was macht Ihr nun mit den Russen?" "Die werden mit einer Hacke herausgezerrt, in eine Kieskuhle gebracht und zugeworfen."
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[...] am 17. Februar 1942 [...] in Peine kam ich an dem Abend auf dem Bahnhof in Lehrte in ein Gespräch mit einer etwa 45jährigen Frau. Sie war aus Königslutter bei Braunschweig und erzählte, daß die Heilanstalt für Geisteskranke dort eine Stadtteil ausmache. In dem größten Teil der Heilanstalt seien jedoch jetzt Verwundete. Die unheilbaren Geisteskranken seien nach Göttingen gebracht, bekämen dort eine Spritze und damit erlischt das Leben.
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Als ich an dem genannten 17. Februar 1942 von Peine und Hämelerwald zurückkam, hatte ich im Zuge Lehrte-Celle Gelegenheit, einen Soldaten sich richtig aussprechen zu hören. Dieser Soldat war Anfang der 40er. Hatte das Eisenkreuzband und, wie er sagte, den [Ersten] Weltkrieg auch mitgemacht. Solche Massenvernichtungen seien im vorigen Kriege nicht vorgekommen. Die russischen Gefangenen hinter der Front müßten die schweren Benzinfässer transportieren "[...] Sie bekommen ein breiiges Essen von einer Grütze oder sowas, auch mittags. Aber die Russen fallen bei der Arbeit um und wer liegen bliebt, kriegt eine Kugel." "Die werden erschossen?" fragte ich. "Jawohl! Wer liegen bleibt, kriegt die Kugel"
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Am Sonnabend, den 20. Juni 1942, erzählte unser Fabrikbesitzer Richard Schäfer, sein Sohn (etwa 20 Jahre alt) befände sich in der Ausbildung bei der Luftwaffe und flöge zur Zeit schwere Maschinen bei Bialystok in Rußland. Kürzlich sei er als Infant[e]rist eingesetzt worden zur Bekämpfung von Partisanen. Ein ganzes Dorf wurde ausgerottet. Sämtliche Frauen und alle Kinder wurden getötet. Es wäre schrecklich gewesen. Sein Sohn wünschte so etwas nicht wieder zu sehen.
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Für den 30. August 1942 hatte sich die [hannoversche] Gartengemeinschaft, der meine Schwiegereltern angehören, verpflichtet, Verwundete einzuladen und Kuchen und dergleichen zu verabreichen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Verwundete, der bei meiner Schwiegermutter war: "Wir haben in Rußland zehntausend Juden umgelegt". [...] An allen Stellen, wo Deutsche hinkamen, ist mit den Juden grausam umgesprungen [worden]. So hörte ich, daß bei dem Einrücken der deutschen Soldaten in Weißrußland Tausende von Juden zusammengeschossen wurden. Auch bei dem Vormarsch 1942 in Südrußland wurde weitergewütet. Walter [Kaßler] schickte uns Ende Oktober ein Paket mit acht Eiern aus der Ukraine. In dem Paket lagen auch einige Zeitungen in hebräischer Schrift. "Können Sie hebräisch" fragte ich spaßhalber einen Maurerpolier, eine solche Zeitung im Büro in der Hand haltend. "Die armen Juden", antwortete dieser, "mein Schwager war aus dem Kaukasus im Urlaub. Sämtliche Juden wurden dort niedergemacht, ganz gleich ob schwangere Frauen oder Kinder oder Säuglinge."
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17. Januar 1943. Bei mir im Büro war ein früherer Angestellter der Firma, jetzt schon lange Soldat in Wilna. [...] Über die Juden gefragt, sagte der Soldat: Nach Angaben der Juden gab es vor diesem Kriege 70000 bis 80000 Juden in Wilna. 8000 bis 10000 sind nur noch vorhanden. Der Soldat fügte hinzu, daß die Juden aus Frankreich und anderen besetzten Ländern nach Polen geholt und dort teils erschossen, teils vergast wurden.