Immerhin waren sie sehr vorausschauend, als sie sich rechtzeitig gegen die Bedrohungen aus Schottland, Britannien, Gallien, Hispanien, Numidien, Mauretanien, Libyen, Ägypten, Syrien, Kleinasien, Dakien, Illyrien, Pannonien, Germanien und dem Norikum absicherten.
Also gut:
Schottland wurde nie römische Provinz.
Hispanien nahmen die Römer dem Kriegsgegner Karthago ab.
Numidien durfte sogar nach dem langwierigen Krieg gegen Iugurtha seine Unabhängigkeit unter einem neuen König behalten. Erst als der numidische König Iuba die Republikaner militärisch gegen Caesar unterstützte, verlor das Land seine Selbstständigkeit.
Mauretanien ist tatsächlich einer der wenigen Fälle für eine grundlose Annexion. Caligula ließ den mauretanischen König Ptolemaios bei einem Staatsbesuch in Rom töten und das Land einziehen (was erst nach schweren Kämpfen gelang). Allerdings galt Caligula schon den Römern nicht gerade als Vorzeigeexemplar. (Im Gegenteil, da gibt es eher heute Versuche, ihn weißzuwaschen.)
Ägypten war eineinhalb Jahrhunderte lang ein römischer Klientelstaat und wurde erst im Zuge des Krieges zwischen Octavianus und Marcus Antonius/Kleopatra annektiert.
Syrien war ein „failed state“: Das Seleukidenreich schrumpfte nach dem Verlust Palästinas an die Hasmonäer und Mesopotamiens an die Parther auf Syrien und Teile Kilikiens, wurde aber von unaufhörlichen Bürgerkriegen heimgesucht, bei denen bis zu sechs Seleukidenkönige gleichzeitig um die Macht kämpften. Entsprechend war das Land leichte Beute für den Armenierkönig Tigranes (und wäre es später auch für die Parther gewesen). Nach dem römischen Sieg über Tigranes (der und dessen angestammtes Reich übrigens nicht unterworfen wurden!) wurde das Seleukidenreich wiederhergestellt (!), aber es machte bald dort weiter, wo es aufgehört hatte. Als Klientelstaat war es so nicht mehr zu gebrauchen. Die Römer hatten also nur die Wahl, es ganz aufzugeben (und ihren Feinden zu überlassen), ständig zu intervenieren oder es gleich zur Provinz zu machen.
Kleinasien: Nach dem Sieg über den Seleukidenkönig Antiochos III. annektierten die Römer die eroberten seleukidischen Gebiete nicht (!), sondern überließen sie Pergamon und Rhodos. Pergamon erbten sie testamentarisch, ebenso später Bithynien. (Das war eben so, dass hellenistische Herrscher ihre Reiche als persönliche Verfügungsmasse betrachteten.) Pontos wurde sogar nach den drei Kriegen gegen Mithridates und dem Sieg Caesars (veni, vidi, vici) noch nicht vollständig und nicht auf Dauer annektiert, sondern bis in die Kaiserzeit hinein immer wieder als Klientelstaat wiederhergestellt. Die anderen von Mithridates eroberten Gebiete in Kleinasien sackten die Römer nicht gleich selber ein, sondern stellten sie als Klientelstaaten wieder her. Kilikien wurde unterworfen, weil es als Schlupfwinkel für Piraten fungierte.
Der Unterwerfung Dakiens waren schwere Einfälle der Daker ins Reich vorausgegangen, bei denen sogar ein Prätorianerpräfekt gefallen war.
In Illyrien setzten sich die Römer fest, um die illyrische Piraterie in der Adria zu bekämpfen. Erst einmal festgesetzt, wurden sie laufend in Auseinandersetzungen mit Nachbarstämmen verwickelt.
Der zeitweisen Eroberung von Teilen Germaniens waren ebenfalls germanische Einfälle nach Gallien vorausgegangen.
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Umgekehrt Karthago: Welche Rechtfertigung hatte es, sich die anderen phönizischen Städte des westlichen Mittelmeerraums zu unterwerfen sowie Tunesien, Sardinien, Teile Siziliens sowie Teile Spaniens zu erobern? Welche Bedrohung ging für Karthago von den Sarden oder den Iberern aus?