Quellenkritik: Die Karten des Klaudios Ptolemaios/Claudius Ptolemäus

El Quijote

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Wenn wir als Historiker einen Sachverhalt klären wollen, suchen wir uns die geeigneten Quellen dazu. Im Prinzip wird ein Dokument oder Monument erst dann zur Quelle, wenn wir die richtigen Fragen an das Dokument (Überrestquelle) oder das Monument (Traditionsquelle) stellen.

Nun diskutieren wir gerade in einem anderen Thread seit Tagen über die Geographie (Γεωγραφικὴ Ὑφήγησις - Geographike Hyphegesis) des alexandrinischen Gelehrten Klaudios Ptolemaios bzw. Claudius Ptolemäus.

Die Quellenkritik bzgl. der Geographike Hyphegesis muss dabei auf mehreren Ebenen erfolgen.

Zunächst einmal die Äußere Q-Kritik: Die Geographike Hyphegesis entstand um 150 n. Chr. in Alexandria. Exemplare von ihr bestanden offensichtlich noch im 6. Jhdt. in Italien, danach haben wir keine Nachricht über die Geographike Hyphegesis aus Westeuropa. Vermutlich gingen existierende HSS in den folgenden Jahrhunderten verloren, weil sie eben nur auf griechisch vorlagen und Griechischkenntnisse im lateinischen Mittelalter selbst unter den gelehrten Mönchen selten bis exotisch waren. Griechische HSS würden also auch nicht kopiert werden.

(Womöglich wird man an der einen oder anderen Stelle noch Fragmente entdecken, als Palimpsest z.B., also ein rasierter Text, der mit modernen Mitteln wieder lesbar gemacht wird, oder durch anderweitige Nutzung kaputter Pergamente - so sind etwa Teile des Nibelungenliedes als Umschlagmaterial für andere Codices auf uns gekommen.)

Um 1290 entdeckte der griechische Mönch Maximos Planoudes (WIkipedia: Maximus Planudes) im Kloster Chora in Konstantinopel eine Ausgabe der Geographike Hyphegesis. Diese stellt den Archteyp der heute bekannten spätmittelalterlichen griechischen und lateinischen HSS der Geographike Hyphegesis (Planoudes besorgte auch eine lateinische Übersetzung der Geographike Hyphegesis) dar. Unser terminus ante quem (taq, also der Zeitpunkt bevor dem diese HS entstand) ist also das späte 13. Jhdt. Über 1000 Jahre nachdem Ptolemaios seine Daten sammelte und ordnete. Archetyp heißt nicht, dass keine früheren Exemplare existiert hätten, sondern, dass dies die älteste Fassung ist, auf die alle heute bekannten Fassungen zurückgehen.

Nun ist die Äußere Q-Kritik hier auf die Überlieferungsgeschichte beschränkt, da nun weder der Archetyp vorliegt, noch eine HS von Planoudes. In der Äußeren Q-Kritik würde man auch über das Material und die Beschaffenheit bzw. den Zustand der HSS schreiben (also ist die einzelne HS vollständig, oder fehlen Seiten, sind Seiten beschädigt, wodurch sind sie beschädigt (verlaufene Tinte durch Wasserschaden, Tierfraß (Motten, Mäuse...), wie ist die HS paläographisch zu datieren, sind mehrere Hände zu identifizieren....)

Die Innere Quellenkritik befasst sich mit den Inhalten. Was war Ptolemaios' Interesse? Wie kam Ptolemaios an seine Informationen, lässt sich etwas über seine Informanten herausfinden? Ist durch Übersetzungen und andere Stille-Post-Effekte eine Information verderbt? Also, wenn wir über ein Gebiet außerhalb des römischen Reiches sprechen, sind etwa Ortsnamen aus der lokalen Sprache phonetisch korrekt ins Lateinische übertragen worden (das ist kaum feststellbar) und wie verhält es sich mit der Übertragung aus dem Lateinischen ins Koiné-Griechisch?

Da wir einen sehr späten Archetypen haben, ist auch der Inneren Q-Kritik hier eine Grenze gesetzt, wir können also Abweichungen in verschiedenen HSS um dem ptolemaiischen Original näher zu kommen, nicht untersuchen. Wir haben also keine voneinander abweichenden Traditionen. Hätten wir diese, so gäbe es zwei Methoden, das Alter festzustellen. Die eine wäre über die Paläographie, also dass man die Handschrift anhand der Buchstabentypen datieren würde. Nun kann es allerdings sein, dass man von einem Text eine HS aus dem 9. und eine aus dem 12. Jhdt. hat, die jünge HS aber die ältere Fassung birgt. Also {ältere HS = ältere Fassung} funktioniert leider nicht. Hier haben die Theologen eine Methode entwickelt, die auch in der Geschichtswissenschaft angewandt wird: die lectio dificilior potior - die schwierigere oder sperrigere Lesung ist die bessere. Das hat folgende Bewandtnis: Man geht davon aus, dass beim Abschreiben die Kopisten unübliche Worte durch gängigere Worte ersetzen, grammatisch schwierige Parts geglättet haben. Diese Prozesse können sowohl absichtlich als auch unbeabsichtigt passiert sein (euch ist es sicherlich schon mal passiert, dass ihr einen Text abgeschrieben habt und bei der Kontrolle festgestellt habt, dass ihr ihn zwar sinngemäß korrekt kopiert habt, aber die grammatikalische Struktur leicht angepasst habt, ohne dies gewollt zu haben.) Daher geht man davon aus, sofern nicht offensichtliche Kopierfehler vorliegen, dass die schwieriger zu verstehende Fassung dem Original näher ist, als die offensichtlich geglättete.

Nun ist der originale Klaudios Ptolemaios, also seine Geographike Hyphegesis, ziemlich trockener Stoff. Von Menschen, dem eigentlichen Sujet des Historikers (Marc Blochs Credo war, dass der Historiker nicht die Vergangenheit studiert, sondern den Menschen in seiner Zeit) ist hier keine Rede. Stattdessen verortet Klaudios Ptolemaios Orte (πόλεις), Berge oder Gebirge - wobei er oft nur einen Punkt eines Gebirges nennt (καὶ τὸ Μηλίβοκον, οὗ τὰ πέρατα ἐπέχει μοίρας - und der Melibokus, dessen weitest entfernten Teile liegen bei) - und Flussquellen und Mündungen, selten aber den Verlauf.
Hier kommen wir nun zu einer weiteren Ebene der Q-Kritik, die speziell auf die Geographike Hyphegesis angewandt werden muss. Ob Ptolemaios je selbst Karten gezeichnet hat, ist unklar. Von ihm überliefert sind nur die Gradangaben der genannten Orte. Bereits Planoudes hat aber nach den Gradangaben Kartenzeichnungen gemacht. Anders, als etwa die tabula Peutingeriana, die eine spätmittelalterliche Abschrift einer karolingerzeitlichen Abschrift eines römischen Originals darstellt, sind also alle vormodernen Kartendarstellungen nach Ptolemaios nicht antiken, sondern spätmittelalterlich/frühneuzeitlichen Ursprungs.
Wenn wir uns die Karten nach Ptolemaios ansehen, dann sehen wir, dass diese erstaunlich gut sind (man erkennt, welche Region gezeigt werden soll), aber eben stark verzerrt:

Ptolemaios und die Realität.jpg

Die moderne Großbritannienkarte von Reginald Land Poole (Albion/Großbritannien und Hibernia/Irland 1902) und die hyperverlinkte Karte von Bill Thayer (nur Großbritannien) stellen dabei dar, wie Ptolamaios Karte aussähe, wenn man sie 1:1 von den Gradangaben auf Papier übertragen würde.
Oder auch die Karte der Magna Germania:
10.gif

Die Flüsse sind - mit Ausnahme der Donau, von der Ptolemaios mehrere Verlaufspunkte nennt - als gerade Linien dargestellt. Spätmittelalterliche/Frühmoderne Kartographen haben sich aber nicht an Ptolemaios gehalten, sondern versucht, Ptolemaios Angaben mit ihrem geographischen Weltbild zu vereinen. Sie haben also Flüsse nicht als Linien gezeichnet, sondern, wie es der geographisch erfahrbaren Realität entspricht, mäandernd.
Das ist schöner als die nüchternen Darstellungen Lande Pools oder Thayers, zeitigt aber Probleme: Es handelt sich eben nicht mehr um die Darstellungen Ptolemaios', sondern um Interpretationen davon, wie berechtigt diese auch immer sein mögen. Wenn ein Fluss in einer Darstellung mäandert, verfestigt sich z.B. viel stärker der Eindruck, dass ein Ort links oder rechts des Flusses läge, als wenn dieser die unnatürlich statische Gerade einnimmt, für die uns Ptolemaios die Daten - nämlich Quelle und Mündung - liefert.
Aber auch Küstenverläufe. Wenn wir uns mal die Ptolemaios-Interpretation einer Hispanienkarte aus dem SpätMA ansehen:

Ptolomeo verzerrt II.jpg

Wir sehen in der spätmittelalterlichen Karte Hispanien, können vielleicht im Norden in dieser fast gleichschenkligen Aussparung den Ártabro-Golf (A Coruña) ausmachen. Interssant ist auch die Darstellung der Balearen, die sehr nah an ihrer tatsächlichen Form sind, gleichwohl es dafür bei Ptolemaios keine HInweise gibt.
In der Escorial-Fassung der ptolemaiischen Karte, die bzgl. der Umrisse der iberischen Halbinsel (PI) fast identisch ist, sehen die Balearen eher aus wie Brotlaibe.

Lenken wir unsere Aufmerksamkeit in den Südwesten. Das Vinzenzkap (Cabo de São Vicente) bei Sagres (West-Algarve*) ist hier überdeutlich zu sehen und auch zu erkennen, auch wenn es anstatt nach Südwesten nach Westen zeigt, ist es unzweifelhaft zu erkennen. Aber was sagt uns das über die Zeichnung? Sie sagt uns, dass der Zeichner dieser Karte Portolane kannte und diesen realen Extrempunkt einerseits mit den Daten des Ptolemaios wiedergegeben hat, sich aber andererseits an die Darstellung ihm bekannter Portolankarten gehalten hat.



*Funfact: Algarve kommt von arabisch al-gharb, was mit dem Sonnenuntergang (ergo Westen) zusammenhängt.
 
(...) dass diese erstaunlich gut sind (man erkennt, welche Region gezeigt werden soll), aber eben stark verzerrt:
hierzu aus laienhafter Neugier eine Frage abseits der unverzichtbaren Quellenkritik zur wohl nur marginal (und fragmentarisch) überlieferten Rezeptionsgeschichte: hätte römischen Landmessern/Straßenbauern oder dem Militär jeweils vor Ort anhand der Windrose in erschlossenen Gebieten, die arg verzerrt bei Ptolemaios erscheinen (etwa das römische Britannien), die eklatante Abweichung bzgl Entfernungen und Richtungen nicht auffallen müssen, sofern sie überhaupt die Geographike zur Hand gehabt hätten? Oder sollte man annehmen, dass die Geographike eher ein Nischendasein in den Regalen der Gelehrsamkeit geführt hatte und in der Praxis keine Rolle spielte?

Die Verzerrung der "Germanien Karte" mit der absurd geradlinigen Ostseeküste ohne die großen Inseln macht sie in meinen Laienaugen völlig unbrauchbar für militärische Operationen/Ambitionen zwischen Rhein und Elbe (oder gar darüber hinaus)
 
hierzu aus laienhafter Neugier eine Frage abseits der unverzichtbaren Quellenkritik zur wohl nur marginal (und fragmentarisch) überlieferten Rezeptionsgeschichte: hätte römischen Landmessern/Straßenbauern oder dem Militär jeweils vor Ort anhand der Windrose in erschlossenen Gebieten, die arg verzerrt bei Ptolemaios erscheinen (etwa das römische Britannien), die eklatante Abweichung bzgl Entfernungen und Richtungen nicht auffallen müssen, sofern sie überhaupt die Geographike zur Hand gehabt hätten? Oder sollte man annehmen, dass die Geographike eher ein Nischendasein in den Regalen der Gelehrsamkeit geführt hatte und in der Praxis keine Rolle spielte?

Die Verzerrung der "Germanien Karte" mit der absurd geradlinigen Ostseeküste ohne die großen Inseln macht sie in meinen Laienaugen völlig unbrauchbar für militärische Operationen/Ambitionen zwischen Rhein und Elbe (oder gar darüber hinaus)
Ich würde meinen, dass sie genau das führte, ein Nischendasein. Einen praktischen Nutzen hatte die Arbeit Ptolemaios' nicht. Wege werden überhaupt nicht erwähnt und viele Orte sind einfach falsch lokalisiert. Vielleicht war die Idee, mittelfristig so etwas wie einen brauchbaren Atlas zu erschaffen. Für eine Einzelperson ist das, was Ptolemaios geleistet hat, wirklich bemerkenswert, aber letztlich ist das alles zu ungenau, um ein Gebrauchswerk zu sein. Ich würde es vom Nutzen her mit dem Globus im Kinderzimmer vergleichen. Ganz nett, gibt nen guten Überlick, aber zum Reisen nicht geeignet.
 
hierzu aus laienhafter Neugier eine Frage abseits der unverzichtbaren Quellenkritik zur wohl nur marginal (und fragmentarisch) überlieferten Rezeptionsgeschichte: hätte römischen Landmessern/Straßenbauern oder dem Militär jeweils vor Ort anhand der Windrose in erschlossenen Gebieten, die arg verzerrt bei Ptolemaios erscheinen (etwa das römische Britannien), die eklatante Abweichung bzgl Entfernungen und Richtungen nicht auffallen müssen, sofern sie überhaupt die Geographike zur Hand gehabt hätten?
Eigentlich ist es wohl eher andersherum abgelaufen: Antike Geographen dachten sich ihre Orts- und Entfernungsangaben nicht selbst im Studierzimmer aus, sondern griffen auf Informationen zurück. Daran gab es an sich keinen Mangel: Händler, Forschungsreisende, Militärlogistiker ... Informationen konnte man von überall her bekommen. Trotzdem waren die Angaben, die sich bei antiken Geographen finden, häufig höchst mangel- und fehlerhaft - und vor allem uneinheitlich. Das betrifft nicht nur exotische Regionen wie Britannien, Germanien oder gar Indien, sondern auch den Mittelmeerraum und sogar Griechenland. Ein Beispiel: Eratosthenes gab die Entfernung von Epidamnos (in Epeiros) zum Thermaischen Golf (zwischen Makedonien und Chalkidike) mit 900 Stadien an, Strabon mit mehr als 2000, also mehr als dem Doppelten. Die Entfernung von Alexandreia nach Karthago gab Eratosthenes mit mehr als 13000 Stadien an, Strabon mit nicht mehr als 9000. Also sogar in so gut bekannten und viel bereisten Regionen war es offenbar nicht möglich, exakte und zuverlässige Entfernungsmessungen vorzunehmen. Der Reiseschriftsteller Pausanias bereiste das von ihm ausführlich beschriebene Griechenland persönlich, trotzdem sind auch seine Angaben nicht immer zuverlässig.

Somit ist es aber freilich ziemlich absurd, irgendwelche abgelegenen Orte in Germanien anhand von Ortsangaben bei Ptolemaios exakt lokalisieren zu wollen.
Man stelle sich vor, die Lage von Karthago wäre heute unbekannt, man wüsste nur, dass es irgendwo westlich von Alexandreia und in Küstennähe lag. Man könnte also von Alexandreia ausgehend einen Ort an der nordafrikanischen Küste in der richtigen Entfernung suchen - bloß in welcher? Wer sich auf Eratosthenes stützt, kommt zu einem völlig anderen Ergebnis als wer Strabon benützt.
Das sollte vielleicht einmal all jenen zu denken geben, die glauben, mit Ptolemaios zuverlässige Lokalisierungen vornehmen zu können. Zu bedenken ist bei ihm obendrein, dass Zahlenangaben beim Abschreiben besonders fehleranfällig sind.
 
zumal der Atlas, nach allem was wir wissen, nicht als Kartenwerk vorlag, sondern als Schriftwerk, die Karten spätmittelalterlich/frühmodern sind.
Nach allem, was wir wissen, wurde der Atlas bereits in der Antike als Schrift- und Kartenwerk tradiert.

Florian Mittenhuber, Text- und Kartentradition in der Geographie des Klaudios Ptolemaios. Eine Geschichte der Kartenüberlieferung vom ptolemäischen Original bis in die Renaissance, Bern 2009


Tatsächlich verfügte man um 560 bereits in dem bei Scylaceum in Bruttium gelegenen Kloster Vivarum über entsprechende Exemplare der Geographie des Ptolemaios, denn in dem von Dir zitierten Abschnitt der Institutiones, Lib. II, 25 Cosmographie de monachis legenda heißt es ja :

Dass Cassidor seine Mitbrüder aufforderte, Ptolemaios zu lesen, etwa im Abschnitt über die Kosmographie (Lib. II, 25: Cosmographie de monachis legenda):

tum si vos notitiae nobilis cura flammaverit, habetia Ptolemei codicem, qui sic omnia loca evidenter expressit, ut eum cunctarum regionum pene incolam fuisse judicetis. Eoque fiat ut uno loco positi sicut monachus decet animo percurratis, quod aliquorum peregrinatio plurimo labore collegit​

Mittenhuber kommentiert die Cassiodor-Stelle wie folgt:

"Wenn man sich vor Augen führt, dass der Text des Ortskataloges der Geographie grösstenteils aus höchst unanschaulichen Listen von topographischen Namen mit Koordinaten besteht, fällt es schwer zu glauben, dass Cassiodor hierfür den Ausdruck omnia loca evidenter expressit gebraucht. Für Kartendarstellungen ist der Ausdruck jedoch treffend gewählt. Das Zeugnis kann sich somit nur auf ein Exemplar - eindeutig in Codex-Form - der ptolemaischen Geographie beziehen, welches Karten enthielt." (S. 336)
 
"Wenn man sich vor Augen führt, dass der Text des Ortskataloges der Geographie grösstenteils aus höchst unanschaulichen Listen von topographischen Namen mit Koordinaten besteht, fällt es schwer zu glauben, dass Cassiodor hierfür den Ausdruck omnia loca evidenter expressit gebraucht. Für Kartendarstellungen ist der Ausdruck jedoch treffend gewählt. Das Zeugnis kann sich somit nur auf ein Exemplar - eindeutig in Codex-Form - der ptolemaischen Geographie beziehen, welches Karten enthielt." (S. 336)
Ich denke, es hängt davon ab, wie man evidenter interpretiert. Ich würde die Phrase übersetzen „[der] alle Orte offenbart“ (ich habe evidenter expressit zu einem Wort zusammengezogen, weil die wortwörtliche ÜS offenbar ausdrückt in meinen Ohren im Deutschen einen spekulativen Klang hat, der dem lateinischen evidenter nicht gerecht wird).
Ich gebe zu, dass man diese Stelle so interpretieren kann, als läge alles klar vor Augen. Aber ich sehe nicht ein, dass man sie so interpretieren muss. Dagegen, dass die überlieferte Listendarstellung gemeint ist, spricht hier imho gar nichts.
 
Ich denke, es hängt davon ab, wie man evidenter interpretiert. Ich würde die Phrase übersetzen „[der] alle Orte offenbart“ (ich habe evidenter expressit zu einem Wort zusammengezogen, weil die wortwörtliche ÜS offenbar ausdrückt in meinen Ohren im Deutschen einen spekulativen Klang hat, der dem lateinischen evidenter nicht gerecht wird).
Ich gebe zu, dass man diese Stelle so interpretieren kann, als läge alles klar vor Augen. Aber ich sehe nicht ein, dass man sie so interpretieren muss. Dagegen, dass die überlieferte Listendarstellung gemeint ist, spricht hier imho gar nichts.
Ich habe falsch übersetzt. Die Rede ist ja von loca (Gebiete) und nicht locos (Orte).
Ich korrigiere also „[der] alle Orte offenbart“ zu „[der] alle Gebiete offenbart“.
 
Ich habe falsch übersetzt. Die Rede ist ja von loca (Gebiete) und nicht locos (Orte).
Ich korrigiere also „[der] alle Orte offenbart“ zu „[der] alle Gebiete offenbart“.

Nach meinem Wörterbuch wäre loca auch der Plural von locus 'Ort', die Übersetzung 'Orte' halte ich für völlig korrekt.


Ich denke, es hängt davon ab, wie man evidenter interpretiert. Ich würde die Phrase übersetzen „[der] alle Orte offenbart“ (ich habe evidenter expressit zu einem Wort zusammengezogen, weil die wortwörtliche ÜS offenbar ausdrückt in meinen Ohren im Deutschen einen spekulativen Klang hat, der dem lateinischen evidenter nicht gerecht wird).

Der erste Schwachpunkt in Deiner Übersetzung ist, dass Du das sic unübersetzt lässt, das bezieht sich auf evidenter ('augenscheinlich, einleuchtend, offenbar').
Der zweite Schwachpunkt ist, dass das Verb exprimere praktisch verschwindet, das hat außer der wörtlichen Bedeutung 'ausdrücken' auch die Bedeutung 'abbilden, darstellen, wiedergeben'.

Eine Übersetzung, die all dem Rechnung trägt, wäre also: "der alle Orte so augenfällig abgebildet/dargestellt hat" (expressit ist Perfekt).
 
Der erste Schwachpunkt in Deiner Übersetzung ist, dass Du das sic unübersetzt lässt, das bezieht sich auf evidenter ('augenscheinlich, einleuchtend, offenbar').
In dem Kurzzitat von Mittenhuber war das sic nicht.
Ich habe aber mittlerweile von Stückelberger Planudes und die Geographia des Ptolemaios in Museum Helveticum. Schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft 53.2 (1996) einen Artikel gelesen, der bessere (klarere) Argumente für die Existenz von Karten vor Planoudes bringt.
 
Ich habe aber mittlerweile von Stückelberger Planudes und die Geographia des Ptolemaios in Museum Helveticum. Schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft 53.2 (1996) einen Artikel gelesen, der bessere (klarere) Argumente für die Existenz von Karten vor Planoudes bringt.

Die sicher noch aus der Antike stammende Notiz "Auf Grundlage der acht Bücher der Geographie des Klaudios Ptolemaios habe ich, der Ingenieur Agathodaimon aus Alexandria, die gesamte Oikumene zeichnerisch dargestellt." ist Dir doch schon seit längerem bekannt.

Ich habe mich nur auf die Cassiodor-Stelle fokussiert, weil diese explizit diskutiert wurde.
Diese wertet ja auch Stückelberger als Beleg für eine Kartentradition:
"Nicht zu vergessen ist schliesslich, dass auch im lateinischen Kulturbereich spätantike Ptolemaios-Handschriften mit Karten belegt sind: Um etwa 560 n. Chr. stellt uns Cassiodor in einer Art Bibliothekskatalog mit ähnlicher Begeisterung wie Planudes, freilich in schlichterer Form, einen solchen farbenprächtigen Ptolemaios-Atlas vor"

Bei Mittenhuber wird auch al-Masʿūdī zitiert, u. a. mit dem Satz "Alle diese Meere sind in dem Buch Geographie mit verschiedenen Farben gezeichnet und unterschiedlich geformten Ausmassen dargestellt." (S. 345)

Der Hauptteil des Buchs befasst sich jedoch mit der Untersuchung der verschiedenen erhaltenen Handschriften; bereits anhand dieser lässt sich "eine weit zurückreichene, sicher vorplanudeische Kartentradition belegen. Insbesondere zeigen die Karten in einigen Fällen verschiedene Gemeinsamkeiten untereinander, die sich nicht aus dem Text ableiten lassen und nur durch eine bis zu einem gewissen Grade selbständige Kartentradition erklärt werden können." (S. 321)
 
Ich habe aber mittlerweile von Stückelberger Planudes und die Geographia des Ptolemaios in Museum Helveticum. Schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft 53.2 (1996) einen Artikel gelesen, der bessere (klarere) Argumente für die Existenz von Karten vor Planoudes bringt.

s. hier: https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=mhl-001:1996:53::394

Also hat Planoudes höchstwahrscheinlich noch eine Abschrift gefunden, die eine Karte aus dem Werk von Ptolemaios aus der Antike zeigt.

(ah, @Sepiola hat schon früher und ausführlicher geantwortet)


Übrigens haben wir hier schon zwei Threads zu antiken Karten:


 
Die sicher noch aus der Antike stammende Notiz "Auf Grundlage der acht Bücher der Geographie des Klaudios Ptolemaios habe ich, der Ingenieur Agathodaimon aus Alexandria, die gesamte Oikumene zeichnerisch dargestellt." ist Dir doch schon seit längerem bekannt.
Ich habe sie in einer Diskussion von 2020 gefunden und damals sicher gelesen. Aber auf dem Schirm hatte ich sie jetzt nicht.
 
Inzwischen wurde unter Leitung von Alfred Stückelberger eine Neuausgabe der Geographike hyphegesis erstellt (erschienen 2006-2009, der von mir zuletzt verlinkte Text ist im Ergänzungsband von 2009 enthalten).

aus: Datierungsprobleme der Tabula Peutingeriana

Von dem gleichen Autor, Alfred Stückelberger, habe ich auch noch einen Aufsatz von 2016 gefunden:

Die Illustration als Verständnishilfe in antiken wissenschaftlichen Texten

in:
Auf S. 8 (= S. 10 in der PDF-Ansicht) finden sich auch Abbildungen aus dem Codex Seragliensis, der über Vorlagen auf eine antike Abbildung zurückgeht.


Auf eine noch schönere Abbildung aus dem Codex Seragliensis in der FAZ hat @Sepiola schon hingewiesen:


Im Beitrag findet sich die Abbildung kopiert, hier der Link zum Originalartikel: Der Erdkreis zum Einwickeln
 
Ob Ptolemaios je selbst Karten gezeichnet hat, ist unklar.
Die mit Koordinaten versehenen Verzeichnisse der Städte, Flüsse, Berge und Landschaften bildeten für gewöhnlich den Anhang zu einer Karte, die im Falle des Ptolemaios jedoch von ihren Registern getrennt wurde. Bei Nicolaus Germanus und Maximos Planoudes finden wir beides wieder in der üblichen Weise vereint. Ptolemaios ist meines Erachtens mit Sicherheit auch Kartograph gewesen, wie zuletzt Olivier Defaux anhand des Papyrus 522 der John Rylands Library nachwies. https://edition-topoi.org/download_pdf/bsa_051_00.pdf Vermutlich wird auch das Itinerar des Antoninus Pius ursprünglich mit einer Landkarte verbunden gewesen sein. Catalogue of the Greek papyri in the John Rylands library, Manchester : John Rylands Library : Free Download, Borrow, and Streaming : Internet Archive Die erhalten gebliebenen Verzeichnisse der Toponyme stellen die Basiskategorie der Geographie und der Topographie dar und würden ohne das dazugehörige Kartenwerk ihre Sinnhaftigkeit verlieren.
 
Zuletzt bearbeitet:
Um 1290 entdeckte der griechische Mönch Maximos Planoudes (WIkipedia: Maximus Planudes) im Kloster Chora in Konstantinopel eine Ausgabe der Geographike Hyphegesis. Diese stellt den Archteyp der heute bekannten spätmittelalterlichen griechischen und lateinischen HSS der Geographike Hyphegesis (Planoudes besorgte auch eine lateinische Übersetzung der Geographike Hyphegesis) dar. Unser terminus ante quem (taq, also der Zeitpunkt bevor dem diese HS entstand) ist also das späte 13. Jhdt. Über 1000 Jahre nachdem Ptolemaios seine Daten sammelte und ordnete. Archetyp heißt nicht, dass keine früheren Exemplare existiert hätten, sondern, dass dies die älteste Fassung ist, auf die alle heute bekannten Fassungen zurückgehen.

Da gibt es auch noch einiges zu korrigieren:

Planudes hat zwar einiges ins Lateinische übersetzt, die Geographike Hyphegesis war jedoch nicht dabei. Die erste Übersetzung ins Lateinische wurde von Manuel Chrysoloras begonnen und von Jacopo Angelo um 1406 vollendet.

Der Archetyp geht auch nicht auf Planudes zurück, sondern ist sehr viel früher anzusetzen. Für die Zeit des Planudes lassen sich drei unterschiedliche Überlieferungen nachweisen. Das Stemma bei Stückelberger/Mittenhuber sieht so aus:


1720900598154.png

 
Möglicherweise führt hier der um 820 entstandene Kanon des MSS Leidensis graecus 78 weiter, https://www.jstor.org/stable/44079536

Siehe auch:
oder:

Siehe vor allem S. 43; sehr viel weiter führen die Hinweise nicht.
 
Aus besagtem anderen Thread:

Ich denke, wir werden uns darauf einigen können, dass es auch nach Cassiodor, der sich um 560 in Konstantinopel aufhielt, in der Zeit bis um 1100 in Italien eine wiederholte Rezeption der Werke des Ptolemaios gegeben hat und diese also dort vor Ort verfügbar gewesen sein müssen

Nein, darauf werden wir uns wohl leider nicht einigen können. Nach Cassiodor finden wir zwar zahlreiche Erwähnungen des Ptolemaios in der lateinischen Literatur, diese hat Patrick Gautier Dalché zusammengetragen:


Wie man sieht, lässt indes kein einziger der lateinischen Autoren erkennen, dass er das Werk des Ptolemaios oder auch nur nennenswerte Auszüge jemals zu Gesicht bekommen hat. Vor dem Bekanntwerden arabischer Autoren, die Ptolemaios zumindest indirekt rezipiert hatten, hatte man nur sehr vage Vorstellungen vom Inhalt des Buchs.
Besieht man sich außerdem die Karten, die im europäischen Mittelalter im Umlauf waren, kommt man zum selben Ergebnis.
 
Wie man sieht, lässt indes kein einziger der lateinischen Autoren erkennen, dass er das Werk des Ptolemaios oder auch nur nennenswerte Auszüge jemals zu Gesicht bekommen hat.

Entschuldige, aber das ist offenbar falsch, wie schon der bei Gautier Dalché auf Seite 84 eingestellte Bericht des Wando, abbé de Saint-Wandrille der Jahre 742-747, zeigt. In seiner Sammlung historischer Texte sagt Wando über die Getica des Jordanes aus : "In hoc corpore continentur cronica Iordani episcopi Ravennatis civitatis de origine ac vocabulis gentis Gothorum aedita ad Castalium sumptaque ex auctoribus ... Strabone, Cornelio, Claudio Tholomeo."

Wando von Saint-Wandrille hatte demnach nicht nur eine Abschrift der Getica zur Hand, sondern wusste, die dort gemachten Angaben des Iordanis über die in Griechenland eingezogenen Goten und die Bezeichnung ihrer Stämme auf einen Wortschatz zurückgriffen, der aus den Werken des Strabo, Tacitus und Ptolemaios geschöpft worden ist. Wando (ca. 696-756) war demnach mit den geographischen Standardwerken der Antike noch bestens vertraut, wie sein Kommentar zur Getica des Jordanes eindeutig erkennen lässt.

Zu dieser Rezeption bemerkt der von Dir angeführte Gautier Dalché : "La position en fin de liste accorde à Ptolémée une place éminente à tout le moin remarquable." In der Tat sehr bemerkenswert. ;)

Ebenda werden zudem Paulus Diaconus und Ekkehard von Aura (um 1000) genannt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Wando von Saint-Wandrille hatte demnach nicht nur eine Abschrift der Getica zur Hand, sondern wusste, die dort gemachten Angaben des Iordanis über die in Griechenland eingezogenen Goten und die Bezeichnung ihrer Stämme auf einen Wortschatz zurückgriffen, der aus den Werken des Strabo, Tacitus und Ptolemaios geschöpft worden ist. Wando (ca. 696-756) war demnach mit den geographischen Standardwerken der Antike noch bestens vertraut, wie sein Kommentar zur Getica des Jordanes eindeutig erkennen lässt.

Ich habe den Aufsatz von Dalché nur so überflogen, aber ich verstehe diesen Text von Wando ein wenig anders.

Auf S. 82 werden aus der Getica einige Zeilen zitiert, aus denen hervorgeht, dass Jordanes sich auf Ptolemaios Werk bezieht, d. h. Wando mußte nicht unbedingt die Geographia kennen, sondern nur die Getica.

Vielleicht liegt Deiner Aussage eine Interpretation des lateinischen vocabulum als Wortschatz zugrunde. Hier wäre m. E. Bezeichnung oder Name besser übersetzt.

 
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