Gefangen! Über die intellektuelle Leistungen in Gefangenschaft

Ja, er hat damals nur Berichte für den Direktor geschrieben, aber der Zugang zur Bücherei ist oft der erste Schritt in die Welt des geschriebenen Wortes.
Ich hatte den Fadentitel so verstanden, dass es um intellektuelle (kreative, künstlerische, wissenschaftliche) Leistungen in Gefangenschaft gehen soll: da passt Karl May nicht.
 
Ich hatte den Fadentitel so verstanden, dass es um intellektuelle (kreative, künstlerische, wissenschaftliche) Leistungen in Gefangenschaft gehen soll: da passt Karl May nicht.

Du hast ja recht! In Haft hat er noch nicht geschrieben, und als er die ersten Werke veröffentlichte, lag die Haft schon einige Zeit zurück.
 
Ich musste auch an Wolfgang Borchert denken. Ich bin zwar nicht sicher, ob er tatsächlich in Gefangenschaft geschrieben hat, aber er taucht unter dem Stichwort "Gefangenenliteratur" auf. Borcherts eindringliche Beschreibung hat mich mit 15 Jahren übrigens dazu veranlasst, mein erstes Gedicht (freiwillig) auswendig zu lernen. Ich wollte auf die Situation vorbereitet sein, ganz auch mich selbst zurückgeworfen zu sein. Ich dachte, ein wenig Literatur im Gehirngepäck würde dann helfen.

Was bedeutet eigentlich Schreiben? Wir sollten das nicht zu eng fassen, also im Sinne von mit einem Schrift etwas festzuhalten. Das Schreiben beginnt im Kopf und wer nach der Gefangenschaft seine Erfahrungen niederschreibt, der hat mitb dem schriftstellerischen Prozess sicher schon früher begonnen.

Es lohnt auch ein Blick auf die Umstände der Gefangenschaft. Die Haftbedingungen in der BRD etwa lassen sich sicher nicht mit denen eines Galeerensklaven vergleichen. Deshalb hatte ich auch gezögert Cervantes zu nennen.

Auch Viktor Frankl hat im Konzentrationslager geschrieben. Aber eben nur so, wie es unter den Bedingungen möglich war. Er ist tatsächlich mit einem Manuskript in das Lager gekommen, das ihm abgenommen wurde. Er hat auf wenigen Schnipsel Notizen gemacht, um dieses Manuskript zu rekonstruieren. Aber auch dass sein „Trotzdem ja zum Leben sagen“ in nur 9 Tagen entstanden ist und schon 1946 erscheinen it, deutet darauf hin, dass er den Inhalt schon gedanklich vorbereitet hat.

Ich möchte aber auch Charlotte Delbo anführen, die davon gesprochen hat, dass es unter den Bedingungen des KZ unmöglich wird, das Vorstellungsvermögen zu nutzen.

 
Andreas Marquardt war (ist?) Judo- und Karate-Profi (wurde sogar Europameister) und Zuhälter, ein brutaler Typ, der dem Motto "Hau druff!" nacheiferte. Er wurde als Kind vom Vater geschlagen, der traditionelle Weg in solche Karrieren.
Nachdem er eine Prostutierte zusammengeschlagen hatte, wurde er verknackt, auch wegen Zuhälterei, Menschenhandels, Waffenbesitzes.
Im Gefängnis begann eine mühsame Therapie, die darin gipfelte, dass er zusammen mit seinem Therapeuten eine Autobiographie schrieb.
Ein großer Schriftsteller ist Marquardt nicht geworden, nach dem Knast baute er lieber eine Sportschule auf. Immerhin wurde die Autobiographie von Rosa von Praunheim verfilmt und gewann sogar einige Preise. Und auf jeden Fall Renommée für den Autor.
Der große intellektuelle Durchbruch fand bei M. wohl nicht statt, Buch hin, Buch her. Aber sein Leben hatte sich grundlegend gewandelt, so entnehme ich das den verschiedenen Websites, und so darf man die Autobiographie durchaus als einen seelischen Durchbruch bezeichnen. Vielleicht ist das sogar noch wichtiger als ein bloß "intellektueller". Der Knast hatte dazu die nötige Muße bereitgestellt.
 
Zuletzt bearbeitet:
Ich musste auch an Wolfgang Borchert denken. Ich bin zwar nicht sicher, ob er tatsächlich in Gefangenschaft geschrieben hat, aber er taucht unter dem Stichwort "Gefangenenliteratur" auf. Borcherts eindringliche Beschreibung hat mich mit 15 Jahren übrigens dazu veranlasst, mein erstes Gedicht (freiwillig) auswendig zu lernen. Ich wollte auf die Situation vorbereitet sein, ganz auch mich selbst zurückgeworfen zu sein. Ich dachte, ein wenig Literatur im Gehirngepäck würde dann helfen.
Da fällt mir Günter Eich ein, der wahrscheinlich 1945 bereits im Rheinwiesenlager "Goldene Meile" Gedichte schrieb. Wikipedia schreibt, das sei nicht sicher, aber in Inventur bezeichnet er seinen Bleistift als seinen wichtigsten Schatz, was darauf deutet, dass er das Gedicht in Gefangenschaft geschrieben hat:

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.


Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.

Wikipedia wartet noch mit dieser für das Threadthema interessanten Info auf:

Erstmals publiziert wurde Inventur 1947 in der Anthologie Deine Söhne, Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener von Hans Werner Richter.​

Es lohnt auch ein Blick auf die Umstände der Gefangenschaft. Die Haftbedingungen in der BRD etwa lassen sich sicher nicht mit denen eines Galeerensklaven vergleichen. Deshalb hatte ich auch gezögert Cervantes zu nennen.
Cervantes war asaf kein Galeerensklave. Er war zwar Gefangener in Algier, aber wurde dort nicht auf die Galeeren gepresst. Es gibt Schriften, die Cervantes vielleicht in Algier begonnen hat, bzw. Schriften anderer Autoren, die Cervantes zugeschrieben werden, weil sie ihm im Stil ähneln.
So gibt es z.B. das 1612 erschienene Buch Topografía e historia general de Argel, als dessen Autor der Benediktinerabt Diego de Haedo firmiert. Man hat aber lange gesagt, dass nicht dieser, sondern Cervantes' Freund und Mitgefangener Antonio de Sosa, ebenfalls Benediktiner, der Autor dieses Buchs sei, schon weil Diego de Haedo nie in Algier war und daher die detaillierten Beschreibungen der Stadt gar nicht hätte leisten können.
Der renommierte amerikanische Hispanist Daniel Eisenberg stellte dann 2005 die These auf, dass der tatsächliche Verfasser dieses Buchs Cervantes war. Sosa kennen wir sonst nicht als Autor und der Stil ist sehr cervantinisch.

Den Quijote begann Cervantes aber im andalusischen Gefängnis.
 
Cervantes war asaf kein Galeerensklave.

Genau deshalb habe ich gezögert. Bei Wikipedia klingt das nämlich so:

"Miguel de Cervantes bezog aus der Zeit von 1575 bis 1580 als Galeerensklave die Inspiration für seinen Roman Don Quijote (1605)."





Noch nicht genannt war glaube ich:

Boethius: Trost der Philosophie

"Boethius verfasste die Consolatio um die Mitte der zwanziger Jahre des 6. Jahrhunderts, nachdem er auf Geheiß des Ostgotenkönigs Theoderich verhaftet worden war, weil er hochverräterischer Beziehungen zum oströmischen Kaiser verdächtigt wurde."


Und Nelson Mandelas Autobiographie " Der lange Weg zur Freiheit" wurde maßgeblich auf Robben Island verfasst.
"Mehrere hundert Seiten des Manuskripts schrieb Mandela heimlich in der Haft auf Robben Island. Er verfasste 10 bis 15 Seiten pro Nacht und brauchte rund drei Monate."
 
Andrei Tupolev wurde 1937 im Rahmen der großen Stalin'schen Säuberungen unter aberwitzigen Vorwürfen verhaftet.
Im Gefängnis entwickelt sein Team von 150 Gefangenen die Bomber Pe-2 und Tu-2.
(Overy, Bombing War, S. 200)
Ein ähnlicher Fall:
Gernot Zippe entwickelte mit einem ähnlichen Team in sovietischer Kriegsgefangenschaft die Gaszentrifuge für die Urananreicherung.
Das ist das Ding wegen dem vorgeblich derzeit der Iran bombardiert wird, und das Ding welches Pakistan zur Atommacht machte und Europa bei der Versorgung von KKW half.

Das sind große Leistungen die in Gefangenschaft erbracht wurden und der Tupolev wie der Zippe konstruierten und rechneten um ihr Leben.
Das ist ja direkt widerlich.
Ist denn nicht die Freiheit der Humus auf dem die Kreativität gedeihen kann?
Na, es gibt wohl auch andere mögliche Dünger.
Dessen sovietische Variante erwies sich als nicht nachhaltig.

Das ist immerhin tröstlich.
 
Genau deshalb habe ich gezögert. Bei Wikipedia klingt das nämlich so:

"Miguel de Cervantes bezog aus der Zeit von 1575 bis 1580 als Galeerensklave die Inspiration für seinen Roman Don Quijote (1605)."

Steht so auch im baugleichen engli...l_de_Cervantes']Miguel de Cervantes[/INDENT]
estuvo cautivo por piratas berberiscos como galeote en Argel entre 1575 y 1580, y de esta experiencia se inspiró para su novela Don Quijote. Cervantes comenzó a redactarlo mientras estaba en la cárcel.[4][5][6][7][8][9][10][11][12][13
Der Witz ist: Scheinbar wird dieser Umstand durch eine ganze Reihe an Fußnoten - 10 an der Zahl - gedeckt, nur wird lediglich in zweien seine algerische Gefangenschaft überhaupt erwähnt und keiner davon ist zu entnehmen, dass er Galeerensklave war, nur, dass er und sein jüngerer Bruder Rodrigo kurz vor Erreichen der spanischen Küste von algerischen/türkischen Piraten, die ihre Galeere aufbrachten, gefangen gesetzt wurde. In dem einen Link steht dann fälschlich, dass beide fünf Jahre in algerischer Gefangenschaft gewesen seien, das stimmt aber nicht, Miguel war fünf Jahre in Gefangenschaft, Rodrigo wurde von der Mutter früher ausgelöst.
 
Stehen sollte da eigentlicht afaik.
mutet einen Hauch orientalisch an, dieses "afaik" - ist das abgekürztes denglish für as for as i know? Ist so weit ich weiß außer Gebrauch gekommen?
________
Rosa Luxemburg, Dietrich Bonhoefer, Luise Rinser, Vaclav Havel sind zu erwähnen wegen ihrer in Haft/Gefängnis verfassten Schriften.
 
Von einer russischen Autorin, Nadeschda Usnikow gibt es anscheinend ein Buch, das Gefangenenliteratur und Gefangenen gewidmet ist, die in der Gefangenschaft geschrieben haben. Die Liste reicht von Phidias, Sokrates und Boethius über Vlad III. Tepes, Jeanne d`Arc bis zu Nelson Mandela und anderen.

Was ich interessant fand, dass Usnikow auch "Junker Jörg" Martin Luther auflistet, denn die Wartburg war ja eher ein Asyl und sicherer Zufluchtsort als ein Gefängnis für Luther. Luther musste sich nicht einer Hausordnung fügen und wurde nicht gegen seinen Willen gefangen gehalten. Das Buch von Nadeschda Usnikow klingt aber trotzdem interessant, ich würde es gerne lesen, soweit ich weiß gibt es aber noch keine Übersetzung.

Russische Gefangene, das ist ohnehin eine eigene Nummer. Ich lag mal mit einem Russen auf Zelle. Der Mann hätte einen internationalen Guide Michelin über Gefängnisse in der ganzen Welt schreiben können, und er war enorm erfinderisch. Aus verkohltem Leinen stellte er Zunder her, aus einer Feile, die er irgendwo hatte mitgehen lassen baute er sich einen Feuerschläger, und irgendwo her hatte er auch ein Stück Flint organisiert.

Wenn man das verkohlte Leinen imprägnierte mit einer Mischung aus russischen Streichhölzern und noch ein paar anderen Zutaten, fing der Zunder den kleinsten Funken. Im Maßregelvollzug ist rauchen auf Zelle verboten. Nachts tickten die Wände, Sergej kommunizierte über MMorsezeichen mit einem Landsmann auf einer anderen Station, von dem er wusste, dass er noch russische Streichhölzer hatte.

Wie die Nachricht bis auf die andere Station gelangte und wie die Streichholzschachtel auf den Hof kam, habe ich nie erfahren. Unsere Mitbewohner waren von der Klemm und Klau-Fraktion. Eine Schachtel Streichhölzer war ein Wertgegenstand, aber keiner der Russen, Kasachen und Ukrainer hätte Sergejs Streichhölzer angerührt.

Wenn er Zunder herstellte nahm er eine Niveadose, brachte ein paar Löcher an. In die Dose legte er Leinenfetzen. Es musste die Nieadose ins Feuer gelegt werden, quoll weißer Rauch hervor, dann war das Leinen ausreichend verkohlt. Eine sehr spannende Prozedur, denn man wollte ja nicht den Rauchalarm auslösen. Aus Leinenfetzen und russischen Streichhölzern konnte Sergej Zunder herstellen, der monatelang reichte.

Die abendliche Rauchsitzung und die anschließenden Schachpartien wurden bald schon zum Höhepunkt des Abends. Die erregende Erwartung, das pinken mit dem Feuerstahl bis der Funken eingefangen war und Sergej den Bong aus dem Versteck holte und zum Rauchgenuss einlud.

Sehr gerne hätte ich Sergej gefragt, was er alles erlebt hat, wo er das alles gelernt hat, aber Sprachschwierigkeiten begrenzten die Kommunikation. Er sprach gebrochen Deutsch und Englisch und ich hatte nur ein paar Brocken Russisch gelernt. Von allen Nachbarn und Mitbewohnern war er der Netteste und ausgebuffteste. Leider wurde er bald verlegt, und er schenkte mir den Feuerschläger. Den habe ich heute noch, ich habe ihn glücklich durch alle Kontrollen durchgeschleust.
 
Steht so auch im baugleichen engli...l_de_Cervantes']Miguel de Cervantes[/INDENT]
estuvo cautivo por piratas berberiscos como galeote en Argel entre 1575 y 1580, y de esta experiencia se inspiró para su novela Don Quijote. Cervantes comenzó a redactarlo mientras estaba en la cárcel.[4][5][6][7][8][9][10][11][12][13
Der Witz ist: Scheinbar wird dieser Umstand durch eine ganze Reihe an Fußnoten - 10 an der Zahl - gedeckt, nur wird lediglich in zweien seine algerische Gefangenschaft überhaupt erwähnt und keiner davon ist zu entnehmen, dass er Galeerensklave war, nur, dass er und sein jüngerer Bruder Rodrigo kurz vor Erreichen der spanischen Küste von algerischen/türkischen Piraten, die ihre Galeere aufbrachten, gefangen gesetzt wurde. In dem einen Link steht dann fälschlich, dass beide fünf Jahre in algerischer Gefangenschaft gewesen seien, das stimmt aber nicht, Miguel war fünf Jahre in Gefangenschaft, Rodrigo wurde von der Mutter früher ausgelöst.

Als Junge habe ich mal ein Buch gelesen, dass Abenteuergeschichten der Weltliteratur enthielt. Darin war auch eine Art Kurzgeschichte von Miguel Cervantes, in der er berichtet über seine Flucht aus Algier. Ich bekomme es aber nicht mehr zusammen.

Daniel Defoes Romanheld Robinson Crusoe gerät als junger Mann in die Gefangenschaft der Barbaresken. Er nutzt einen Angelausflug mit seinem Herrn und mit dem ausgeborgten Boot gelingt ihm die Flucht.

Du kannst sicher sagen, wo man Cervantes Bericht über die Flucht aus Algier nachlesen kann.
 
Christian Daniel Schubart verbrachte 10 Jahre auf dem Hohenasberg. Unter anderem hatte er in seinen Kappliedern und in der "Fürstengruft" den Herzog Karl Eugen von Württemberg kritisiert. Als er dann auch noch die Mätresse beleidigte (die eigentlich einen durchaus positiven Einfluss auf den Herzog ausübte) war Karl Eugen so wütend, dass er Schubart auf eine überaus linke Tour verhaften ließ.

Er lockte Schubart mit Hilfe eine Spitzels nach Blaubeuren, um ihn auf württembergischem Territorium zu verhaften. Schubart wurde auf dem Hohenasberg einer Art Umerziehung unterworfen und durfte in den ersten Jahren nicht einmal Lesen und Schreiben. Erst auf Initiative einiger Freunde und Gönner wurden die Haftbedingungen gelockert.

Ein Gedicht Schubarts wurde später von Franz Schubert vertont als "Forellenquintett".

In dem Gedicht wird beschrieben wie ein Schwarzangler am Ende die schöne Forelle durch List und Tücke fängt.

Das Schicksal der munteren Forelle wirkt wie eine Parabel auf das eigene Schicksal.
 
Ein Gedicht Schubarts wurde später von Franz Schubert vertont als "Forellenquintett".
ein bissel anders war das:
das Klavierquintett enthält einen Variationensatz über
Also: Schubert vertonte erst das Gedicht von Schubart und verwendete später sein Kunstlied als Thema des Variationensatzes im Quintett. Den Beginn des Gedichts von Schubart kennen wir sicher alle: "in einem Bächlein helle"
 
Von einer russischen Autorin, Nadeschda Usnikow gibt es anscheinend ein Buch, das Gefangenenliteratur und Gefangenen gewidmet ist, die in der Gefangenschaft geschrieben haben. Die Liste reicht von Phidias, Sokrates und Boethius über Vlad III. Tepes, Jeanne d`Arc bis zu Nelson Mandela und anderen.
Sokrates hinterließ doch gar nichts Schriftliches.
Von Phidias wäre mir auch neu, dass er in Gefangenschaft geschrieben haben soll.
 
Ich hatte den Fadentitel so verstanden, dass es um intellektuelle (kreative, künstlerische, wissenschaftliche) Leistungen in Gefangenschaft gehen soll: da passt Karl May nicht.
Du hast ja recht! In Haft hat er noch nicht geschrieben, und als er die ersten Werke veröffentlichte, lag die Haft schon einige Zeit zurück.
Was bedeutet eigentlich Schreiben? Wir sollten das nicht zu eng fassen, also im Sinne von mit einem Schrift etwas festzuhalten. Das Schreiben beginnt im Kopf und wer nach der Gefangenschaft seine Erfahrungen niederschreibt, der hat mitb dem schriftstellerischen Prozess sicher schon früher begonnen.



@Traklson spricht einen Punkt an, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Viele Gefangene, die über Erfahrungen berichten, die traumatisierend sind, brauchen dazu ein wenig Zeit und auch eine gewisse Distanz, um objektiv darüber berichten zu können, man braucht Zeit, um es zu verarbeiten, um es zu analysieren.

Die Bedingungen in einem Gefängnis haben ganz eigene Regeln und Gesetzmäßigkeiten, einen ganz eigenen Normen- und Ehrenkodex. Die Mauern, die Schlösser, die Gefangenschaft das macht etwas mit einem Gefangenen. Ein Verurteilter braucht Zeit, um anzukommen, er macht eine Metamorphose aus einem Verurteilten ein Knacki geworden ist, bis er gelernt hat, sich den Bedingungen anzupassen, die in einem Gefängnis herrschen,

Natürlich braucht ein Gefangener auch Zeit, bis er wieder in freier Wildbahn angekommen ist, bis er sich wieder den Bedingungen in Freiheit angepasst hat.

Mein Bewährungshelfer hat damals mir geraten, über das was mir bevorstand ein Buch zu schreiben, er wusste, dass ich schriftstellerisch tätig bin, dass ich auch schon etwas veröffentlicht hatte.

Ich dachte damals nur, wer um Himmelwillen soll so etwas lesen? Ich habe noch in Gefangenschaft damit angefangen, Material zu sammeln, aber ich habe über drei Jahre gebraucht, bis ich darüber schreiben konnte, es hat mich einfach zu sehr belastet, es hat mich wütend gemacht, wenn ich darüber nachdachte.

Inzwischen liegt meine Entlassung schon fast sechs Jahre zurück. Ich brauchte drei Jahre, bis ich genug Distanz hatte, und zwei Jahre bis das Manuskript fertig war und noch ein halbes Jahr bis ich das Ganze so verarbeitet hatte, dass ich mit dem Manuskript an die Öffentlichkeit gehen konnte.

In Hünfeld hat die Gefangenen-Seelsorge eine Anthologie herausgebracht, an der sich Gefangene beteiligen konnten. Ich habe damals das Lektorat und die Redaktion übernommen, und da oft die Erfahrung gemacht, dass andere genau die gleichen Erfahrungen machten, dass die Erinnerung sie stark emotionalisierte. In der Gefangenschaft selbst hat man dazu einfach noch nicht die nötige Distanz, das Schreiben war da für viele eher Belastung als Befreiung.


Aus den genannten Gründen ist es häufig bei Gefangenschafts-Literatur so, dass Gefangene diese erst schreiben können, wenn sie schon wieder frei sind, einfach weil sie Zeit und Veränderung brauchen, um die nötige Distanz zu bekommen.
Aber ich würde @Traklson Recht geben. Ja, wirklich gute Gefangenen-Literatur wird meist erst in der Zeit nach der Haft zu Papier gebracht, es braucht oft erst einige Zeit um die Gefangenschaft zu verarbeiten, um etwas Distanz zu gewinnen, um sine ira et studio über etwas schreiben zu können, das vielfach extrem belastend und traumatisierend ist.

Es klingt die Geschichte natürlich viel besser, wenn es heißt, dass ein Gefangener in Gefangenschaft den Zugang zur Literatur, in die Welt des geschriebenen Wortes gefunden hat. Früher Gangster, heute Anti-Gewalttrainer und ein anerkannter Autor oder Drehbuchautor. Jeder liebt solche Geschichten, auch wenn sie nicht ganz stimmen. Autoren wie Max Pollux ist der Erfolg nicht in den Schoß gefallen, und die Arbeit, die dazu gehört, ein Buch zu schreiben, die Arbeit mit Verlagen und Literaturagenturen das alles das schafft man in der Regel nicht vom Gefängnis aus. Man braucht dazu Internet, man braucht dazu Freiheit, und man braucht einen freien Kopf.

Viele Werke aus dem Genre Gefangenschafts-Literatur erwecken den Eindruck, dass sie unmittelbar in Gefangenschaft entstanden sind. Wenn man das genau überprüft, wird man in den meisten Fällen feststellen, dass es nicht ganz stimmt, nicht ganz stimmen kann. Was aber meistens stimmt, dass ist die Feststellung, dass die Gefangenschaft und die Erlebnisse in Gefangenschaft meist die Initial-Zündung war. Ohne die Gefangenschaft wäre der Gefangene nicht der geworden, der er ist, ohne Gefangenschaft wäre die Geschichte nicht erzählt worden. Die Gefangenschaft, die Mitgefangenen, das, was man erlebt hat, das ist der Fundus, aus dem man schöpft.

In der Regel aber muss der Gefangene wieder ein freier Mann sein, er braucht einen PC, er braucht Verlage und Literaturagenturen, er braucht Internetanschluss, Literaturzentren, -Cafés um Lesungen zu organisieren, um Verlage anzuschreiben, er braucht die Freiheit um frei schreiben zu können. Aus diesen Gründen wird Gefangenen-Literatur meist erst Jahre nach der Gefangenschaft verfasst.
Doch den Initial-Funken, die Idee die bekommt man in der Regel in Gefangenschaft. Ohne die Gefangenschaft gäbe es die meisten Geschichten nicht, der Autor wäre nicht der, der er ist ohne die Erfahrung der Gefangenschaft. Aus diesem Grund würde ich da auch Werke, die nach der Haft entstanden sind noch als Gefangenen-Literatur akzeptieren, auch wenn die meisten Autoren erst in Freiheit die Möglichkeiten haben, auf einem professionellen Niveau zu arbeiten. Ein Gefangener hat in der Regel in Haft nicht mal einen PC. Selbst wenn man in Gefangenschaft schon die nötige Distanz hat, wenn man sich weiterentwickelt hat, so fehlen einem in Gefangenschaft elementare Dinge. Um auch nur ein Manuskript an einen Verlag oder eine Agentur verschicken zu können, bräuchte man enormes Wohlwollen der JVA-Leitung. Das, was nötig ist, ein druckreifes Manuskript herzustellen, das hat man in der Regel erst in Freiheit. Es gehört aber einiges dazu, nicht nur, um ein Buch zu schreiben, sondern um es zu veröffentlichen. Die eigentliche Arbeit am Manuskript, Verhandlungen mit Verlagen und Agenturen das alles ist sehr schwer, eigentlich kaum vom Gefängnis aus zu organisieren.
Als Axiom ausgedrückt: Für authentische Gefangenen-Literatur braucht es einen Gefängnisaufenthalt, um zu wissen, was und worüber man schreibt, aber um Gefangenen-Literatur auf professionellem Niveau schreiben zu können, um es vermarkten und verarbeiten zu können, da braucht ein Autor die Freiheit zu, er braucht Hilfsmittel, er braucht Verlage, Literaturagenturen und ein Publikum. Das alles aber ist schwer oder kaum vom Gefängnis aus möglich, und deshalb wird Gefangenen-Literatur auch meist erst nach der Gefangenenschaft verfasst.

Mir ist übrigens eingefallen wie das Kinderbuch von Max Pollux heißt: Die Zimtrevolution, in dem die Steuerfahndung den echten Weihnachtsmann jagt.

Pollux sagte mal in seinem Podcast, dass ein Justizbeamter der JVA Straubing, der für die Arrestzelle zuständig war ihn inspirierte zu der Figur des Bösewichts in "Die Zimtrevolution"
 
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