Ich hatte den Fadentitel so verstanden, dass es um intellektuelle (kreative, künstlerische, wissenschaftliche) Leistungen in Gefangenschaft gehen soll: da passt Karl May nicht.
Du hast ja recht! In Haft hat er noch nicht geschrieben, und als er die ersten Werke veröffentlichte, lag die Haft schon einige Zeit zurück.
Was bedeutet eigentlich Schreiben? Wir sollten das nicht zu eng fassen, also im Sinne von mit einem Schrift etwas festzuhalten. Das Schreiben beginnt im Kopf und wer nach der Gefangenschaft seine Erfahrungen niederschreibt, der hat mitb dem schriftstellerischen Prozess sicher schon früher begonnen.
Träumen vom Exil Bei Charlotte Beradt finden sich einige Träume vom Exil, vom Auswandern, aber geträumt in Deutschland. Eine Hausfrau Anfang 30 träumt folgenden Traum 1936 in Berlin. „ Ich komme nach langer Wanderschaft in New York an. Man darf aber nur bleiben, wenn man einen Wolkenkratzer...
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@Traklson spricht einen Punkt an, den ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Viele Gefangene, die über Erfahrungen berichten, die traumatisierend sind, brauchen dazu ein wenig Zeit und auch eine gewisse Distanz, um objektiv darüber berichten zu können, man braucht Zeit, um es zu verarbeiten, um es zu analysieren.
Die Bedingungen in einem Gefängnis haben ganz eigene Regeln und Gesetzmäßigkeiten, einen ganz eigenen Normen- und Ehrenkodex. Die Mauern, die Schlösser, die Gefangenschaft das macht etwas mit einem Gefangenen. Ein Verurteilter braucht Zeit, um anzukommen, er macht eine Metamorphose aus einem Verurteilten ein Knacki geworden ist, bis er gelernt hat, sich den Bedingungen anzupassen, die in einem Gefängnis herrschen,
Natürlich braucht ein Gefangener auch Zeit, bis er wieder in freier Wildbahn angekommen ist, bis er sich wieder den Bedingungen in Freiheit angepasst hat.
Mein Bewährungshelfer hat damals mir geraten, über das was mir bevorstand ein Buch zu schreiben, er wusste, dass ich schriftstellerisch tätig bin, dass ich auch schon etwas veröffentlicht hatte.
Ich dachte damals nur, wer um Himmelwillen soll so etwas lesen? Ich habe noch in Gefangenschaft damit angefangen, Material zu sammeln, aber ich habe über drei Jahre gebraucht, bis ich darüber schreiben konnte, es hat mich einfach zu sehr belastet, es hat mich wütend gemacht, wenn ich darüber nachdachte.
Inzwischen liegt meine Entlassung schon fast sechs Jahre zurück. Ich brauchte drei Jahre, bis ich genug Distanz hatte, und zwei Jahre bis das Manuskript fertig war und noch ein halbes Jahr bis ich das Ganze so verarbeitet hatte, dass ich mit dem Manuskript an die Öffentlichkeit gehen konnte.
In Hünfeld hat die Gefangenen-Seelsorge eine Anthologie herausgebracht, an der sich Gefangene beteiligen konnten. Ich habe damals das Lektorat und die Redaktion übernommen, und da oft die Erfahrung gemacht, dass andere genau die gleichen Erfahrungen machten, dass die Erinnerung sie stark emotionalisierte. In der Gefangenschaft selbst hat man dazu einfach noch nicht die nötige Distanz, das Schreiben war da für viele eher Belastung als Befreiung.
Aus den genannten Gründen ist es häufig bei Gefangenschafts-Literatur so, dass Gefangene diese erst schreiben können, wenn sie schon wieder frei sind, einfach weil sie Zeit und Veränderung brauchen, um die nötige Distanz zu bekommen.
Aber ich würde
@Traklson Recht geben. Ja, wirklich gute Gefangenen-Literatur wird meist erst in der Zeit nach der Haft zu Papier gebracht, es braucht oft erst einige Zeit um die Gefangenschaft zu verarbeiten, um etwas Distanz zu gewinnen, um sine ira et studio über etwas schreiben zu können, das vielfach extrem belastend und traumatisierend ist.
Es klingt die Geschichte natürlich viel besser, wenn es heißt, dass ein Gefangener in Gefangenschaft den Zugang zur Literatur, in die Welt des geschriebenen Wortes gefunden hat. Früher Gangster, heute Anti-Gewalttrainer und ein anerkannter Autor oder Drehbuchautor. Jeder liebt solche Geschichten, auch wenn sie nicht ganz stimmen. Autoren wie Max Pollux ist der Erfolg nicht in den Schoß gefallen, und die Arbeit, die dazu gehört, ein Buch zu schreiben, die Arbeit mit Verlagen und Literaturagenturen das alles das schafft man in der Regel nicht vom Gefängnis aus. Man braucht dazu Internet, man braucht dazu Freiheit, und man braucht einen freien Kopf.
Viele Werke aus dem Genre Gefangenschafts-Literatur erwecken den Eindruck, dass sie unmittelbar in Gefangenschaft entstanden sind. Wenn man das genau überprüft, wird man in den meisten Fällen feststellen, dass es nicht ganz stimmt, nicht ganz stimmen kann. Was aber meistens stimmt, dass ist die Feststellung, dass die Gefangenschaft und die Erlebnisse in Gefangenschaft meist die Initial-Zündung war. Ohne die Gefangenschaft wäre der Gefangene nicht der geworden, der er ist, ohne Gefangenschaft wäre die Geschichte nicht erzählt worden. Die Gefangenschaft, die Mitgefangenen, das, was man erlebt hat, das ist der Fundus, aus dem man schöpft.
In der Regel aber muss der Gefangene wieder ein freier Mann sein, er braucht einen PC, er braucht Verlage und Literaturagenturen, er braucht Internetanschluss, Literaturzentren, -Cafés um Lesungen zu organisieren, um Verlage anzuschreiben, er braucht die Freiheit um frei schreiben zu können. Aus diesen Gründen wird Gefangenen-Literatur meist erst Jahre nach der Gefangenschaft verfasst.
Doch den Initial-Funken, die Idee die bekommt man in der Regel in Gefangenschaft. Ohne die Gefangenschaft gäbe es die meisten Geschichten nicht, der Autor wäre nicht der, der er ist ohne die Erfahrung der Gefangenschaft. Aus diesem Grund würde ich da auch Werke, die nach der Haft entstanden sind noch als Gefangenen-Literatur akzeptieren, auch wenn die meisten Autoren erst in Freiheit die Möglichkeiten haben, auf einem professionellen Niveau zu arbeiten. Ein Gefangener hat in der Regel in Haft nicht mal einen PC. Selbst wenn man in Gefangenschaft schon die nötige Distanz hat, wenn man sich weiterentwickelt hat, so fehlen einem in Gefangenschaft elementare Dinge. Um auch nur ein Manuskript an einen Verlag oder eine Agentur verschicken zu können, bräuchte man enormes Wohlwollen der JVA-Leitung. Das, was nötig ist, ein druckreifes Manuskript herzustellen, das hat man in der Regel erst in Freiheit. Es gehört aber einiges dazu, nicht nur, um ein Buch zu schreiben, sondern um es zu veröffentlichen. Die eigentliche Arbeit am Manuskript, Verhandlungen mit Verlagen und Agenturen das alles ist sehr schwer, eigentlich kaum vom Gefängnis aus zu organisieren.
Als Axiom ausgedrückt: Für authentische Gefangenen-Literatur braucht es einen Gefängnisaufenthalt, um zu wissen, was und worüber man schreibt, aber um Gefangenen-Literatur auf professionellem Niveau schreiben zu können, um es vermarkten und verarbeiten zu können, da braucht ein Autor die Freiheit zu, er braucht Hilfsmittel, er braucht Verlage, Literaturagenturen und ein Publikum. Das alles aber ist schwer oder kaum vom Gefängnis aus möglich, und deshalb wird Gefangenen-Literatur auch meist erst nach der Gefangenenschaft verfasst.
Mir ist übrigens eingefallen wie das Kinderbuch von Max Pollux heißt: Die Zimtrevolution, in dem die Steuerfahndung den echten Weihnachtsmann jagt.
Pollux sagte mal in seinem Podcast, dass ein Justizbeamter der JVA Straubing, der für die Arrestzelle zuständig war ihn inspirierte zu der Figur des Bösewichts in "Die Zimtrevolution"