18. Jahrhundert, größte Unterschiede zu heute?

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Jahrhundertzeit, 30. März 2014.

  1. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Im Sozialstaat mit dem damals nicht zu rechnen war. Alleine die Unfallversicherung im späten 19. Jahrhundert hätte die Leute zum Erstaunen gebracht. Von einer Krankenversicherung ganz zu schweigen.
    Und wenn ich mir heute die Lebensmittelvielfalt in den Geschäften das ganze Jahr über angucke. Sowie das in Europa kaum gehungert werden muss.
    Oder guck Dir die Wohnungen heute an, meist mit einer Zentralheizung.

    Apvar
     
  2. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Selbstbestimmung und soziale Mobilität.

    Egal ob Bauer oder Edelmann: für einen Menschen des 18. Jahrhunderts war es sicher unvorstellbar, als Handwerkerkind geboren zu werden und als Unternehmer zu sterben. Oder als Bundeskanzler. Oder Bischof.


    Oder auch nur zum Beispiel in Holstein geboren zu sein und in den USA zu leben.
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    In Ordensgemeinschaften konnte man als Kind aus bescheidenen Verhältnissen aber ziemlich weit nach oben gelangen.
    Da konnte aus einem Bauernsohn schon mal ein Reichsfürst werden:

    Zum Beispiel:
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Sehr richtig. Das soziale Gefüge war nun auch nicht so arg fest gefügt.

    Mir fallen auf Anhieb allerhand Bürgerliche ein, die bisweilen sogar aus ganz ganz kleinen Verhältnissen stammten und es nicht nur zu Adel sondern auch gewaltigem Vermögen brachten.
    Typische Aufsteiger waren (abgesehen von der geistlichen Laufbahn):
    - Graf von Gotter Gustav Adolf von Gotter ? Wikipedia
    - Pierre Terray, vicomte de Rosière (allerdings im Zuge des Aufstiegs seines geistlichen Bruders Joseph Marie Terray) - hier sogar aus bäuerlichen Verhältnissen
    - Paul Henri Thiry d'Holbach, Sohn von Winzern Paul Henri Thiry d?Holbach ? Wikipedia
    - Thomas von Fritsch Thomas von Fritsch ? Wikipedia später einer der bedeutensten Staatsmänner Sachsens in der Nach-Brühl-Ära

    Eine übliche Laufbahn war die Beamtenlaufbahn. Man studierte oft Jura, erntete das Interesse eines großen Herrn und wurde dann geadelt. Nach meinem Dafürhalten war dies üblicher als der Aufstieg im Militär oder der noch exotischere bspw. als Künstler wie Louis de Silvestre, der unter August dem Starken geadelt wurde.

    Damen hatten gewisse Chancen zum einen als Gattinnen besagter Aufsteiger, bisweilen auch wenn Adlige aus finanziellen Gründen Töchter aus bürgerlichem Hause heirateten. Schließlich gab es die Möglichkeit als Mätresse den Aufstieg in den Adel zu schaffen oder aber als angetraute eines Souveräns zur Linken.
    Beispiele:
    - Marianne Camasse, später Comtesse de Forbach, Gattin Herzog Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld (von Louis XV geadelt)
    - Françoise Després-Verneuil, spätere Gräfin von Parkstein, Mätresse des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz
    - Maria Josepha Seyffert, spätere Gräfin von Bretzenheim, Mätresse des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz
    - Anna Luise Föhse, spätere Reichsgräfin von Anhalt, Gattin (legitimiert!) Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau

    Marianne Camasse, Mlle. Després-Verneuil ebenso wie Maria Josepha Seyffert waren alle Tänzerinnen aus mehr oder minder bürgerlichem Umfeld. Anna Luise Föhse brachte es von einer Apothekerstochter bis zur regierenden Reichsfürstin!
     
  5. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Möglichkeit, weit herumzukommen, gab es schon, wenn auch komplizierter und gefahrvoller als heute. Handwerksburschen gingen auf Wanderschaft, und nicht nur sie fielen häufig Werbern für die Armee in die Hände. Wer weit weg wollte, schlug sich am besten nach Amsterdam durch und ließ sich dort in einer Hafenkneipe von Werbern für ein Schiff der Vereinigten Ostindischen Kompanie anheuern. Dann war man schneller (oder auch nicht, wegen der Länge der Fahrt) in Surinam, am Kap oder gar in Batavia, als einem lieb war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. April 2014
  6. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ein Literaturtipp zur eigenwilligen Eingangsfrage:
    Arno Schmidt, Goethe und einer seiner Bewunderer (Erzählung)
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1. Ich war da auch mal erstaunt, welche Distanzen trotz Kleinstaaterei und all den damit verbundenen Mühen überwunden wurden. Gerade Tiroler Zimmerleute scheinen sehr gefragt gewesen zu sein und da schaute man dann sogar nichteinmal darauf, dass sie evtl. die falsche Konfession hatten, wenn sie nur begehrte Arbeitskräfte waren. Ansonten wehrte sich das angestammte Handwerk vor Ort mit Händen und Füßen gegen missliebige, fremde Konkurrenz.

    2. Wenn nicht als Matrose, dann als Soldat. Ich fand schon einige in den Quellen, die aus dem Schwäbischen kamen, sich von den Niederländern haben anwerben lassen und dann nach ein paar Jahren wieder heim kamen - oftmals einfach, um dann dort wieder Kriegsdienste anzunehmen. Wenn man sich die vielen Subsidienverträge anschaut, welche die Niederlande mit den Mittel- aber auch Kleinstaaten abschlossen, hatten diese wohl ständig Bedarf an deutschen Truppen.

    Das ist wohl auch ein erheblicher Unterschied zu heute. Damals war es nunmal usus, dass die Landesherren entweder selber Truppen aushoben, um diese an andere Mächte zu vermieten oder aber den fremden Mächten zugestanden, auf eigene Faust in einem vertraglich geregelten Rahmen Soldaten auf dem Territorium anzuwerben.
    Ein eigenwilliger Gegensatz zur sonst oftmals augenfällig zelebrierten Untertanentreue zum Landesherren und Vaterlandsliebe desselben gegenüber seinen Untertanen.
     

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