Allmachtsparadoxon

1. Ad MAL:
Wäre ja nicht das erste Mal. Abgesehen davon ist Religion – darum dreht es sich ja hier vorwiegend – geschichtlich durchaus wirkmächtig gewesen. Wenn’s unbedingt sein muss -> Smalltalk.

2. Ad Vordiskutanten
Durchaus interessant, aber anderswo schon früher Ergebnislos diskutiert.

3. Ad Thema:
Zum Paradoxon und ähnlichen Problemstellungen haben sich Religion und ihre Trompeter (die Theologen) schon längst auf die finale Rückzugposition zurückfallen lassen: Gott ist mit menschlichen Mitteln nicht erkennbar, er kann nicht erkannt werden und jeder Versuch, dies zu tun, muss ohnehin scheitern. Gott muss geglaubt werden, es gibt keinen anderen Weg.
Gott sei Dank, sagen Sie, gibt Gott sich dem Menschen zu erkennen (Offenbarungen), so dass sie dadurch seinen Willen erfahren können. Blöderweise, so sagt der Atheist in mir, offenbart er sich nur selten und wenn, dann auch nur wieder Menschen, deren Aussagen wir glauben können – oder auch nicht.
In der Hoffnung religiöse Gefühle damit nicht besonders verletzt zu haben: das wär’s.
 
1. Ad MAL:
Wäre ja nicht das erste Mal. Abgesehen davon ist Religion – darum dreht es sich ja hier vorwiegend – geschichtlich durchaus wirkmächtig gewesen. Wenn’s unbedingt sein muss -> Smalltalk.
Ja, aber sind diese Ausführungen "geschichtsrelevant"?
Du schreibst selber "...-geschichtlich durchaus wirkmächtig gewesen." Diesen Punkt sehe ich hier nicht wirklich, für mich sieht das eher nach "philosophischer Erklärung/Vereinbarkeit aus.
 
Der Abwechslung halber möchte ich gerne mal auf Dinge zu sprechen, die mit Geschichte zu tun haben:

Das von mir erwähnte institutionelle "Verbot des kritischen Nachmessens" und der große Grabenbruch kam tatsächlich erst später, als die Messergebnisse anfingen, an der institutionellen Deutungshoheit der Kirche zu kratzen.

Es gab kein "Verbot des kritischen Nachmessens", und die Messergebnisse können nicht kratzen, auch an keiner institutionellen Deutungshoheit. Kratzen können nur die Leute, die die Messergebnisse interpretieren.
Und das taten sie auch, allerdings erst viele Jahre nach Kopernikus. Dessen Lehre war dem Vatikan seit spätestens 1533 bekannt, Kopernikus' Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium wurde ab 1543 publiziert; es war Papst Paul III. gewidmet und blieb viele Jahrzehnte von kirchlicher Seite unbeanstandet. Mit einer fundierten naturwissenschaftlichen Hypothese, die dem Wortlaut der Bibel widersprach, konnte die institutionelle Theologie gut leben. Was man Galilei krumm nahm, war seine Forderung, die Interpretation der Bibel - sofern es sich um wissenschaftliche Aussagen ginge - müsse sich naturwissenschaftlichen Theorien unterordnen.
Dabei hatte er durchaus theologische Unterstützung, namentlich durch Paolo Antonio Foscarini. Der biss damit allerdings auf Granit; sein Buch wurde 1616 auf den Index gesetzt; sicherheitshalber wurde gleich auch noch De revolutionibus orbium coelestium zumindest suspendiert.



  • Die Historie: Das ist der wichtigste Satz aus meiner Sicht für Historiker – der unaufhaltsame Zerfall von Zivilisationen. Ein geordnetes Konstrukt (das Römische Reich, das British Empire) aufrechtzuerhalten, erfordert einen gigantischen, permanenten Energieaufwand in Form von Steuern, Militär und Bürokratie. Sobald diese Energiezufuhr auch nur minimal stockt, kollabiert die Ordnung unweigerlich ins Chaos (z.B. in die Kleinstaaterei des dunklen Mittelalters). Geschichte ist der ständige Kampf der Menschheit gegen den gesellschaftlichen Zerfall.

Von derlei quasi-naturgesetzlichen Thesen halte ich offen gesagt gar nichts. Wie will man denn "Energiezufuhr" bei Staaten oder gar Zivilisationen messen? Es gibt in der Geschichte Staaten, die nach wenigen Jahren kollabierten, andere hielten sich jahrhundertelang oder fanden nach einer chaotischen Phase wieder zu alter Größe zurück. Wenn ich Parolen wie "dunkles Mittelalter" lese, verbirgt sich dahinter in den meisten Fällen eine unzureichende Beschäftigung mit der Geschichte des Mittelalters. Und das Etikett "Kleinstaaterei" ist zur Charakterisierung des Mittelalters ein unangemessener Begriff. (Im Bezug auf das antike Griechenland oder das Heilige Römische Reich nach 1648 hätte ich gegen den Begriff weniger einzuwenden.)
 
Nehmen wir mal an, es gibt einen Dämon namens Eumolp, der folgende Eigenschaften hat:
- er kann alles Mögliche erschaffen
- aber er kann kaum etwas anheben, kaum seine eigene Kaffeetasse, geschweige denn einen Stein.
Nun schafft Eumolp einen Stein, den er nicht heben kann.
Wo liegt hier ein Problem? Nirgends.

Im nächsten Schritt ordnen wir dem Dämon Allmacht zu. Der kann nun alles, insbesondere auch Steine heben. Es zeigt sich aber, dass er einen gewissen Stein nicht anheben kann. Er hat ihn zwar erschaffen, er kann ihn aber nicht anheben.
Wo ist jetzt das Problem? Die Zuordnung der Allmacht war falsch. Dämon Eumolp ist nicht allmächtig, denn er kann ja zumindest diesen einen Stein nicht anheben. Ob er ihn erschaffen hat oder nicht, ist gleichgültig. (*)
Aber wo liegt hierin ein Paradox?
Antwort: das ist kein Paradox (wie etwa der Satz "Ich lüge"), sondern eine falsche Attribuierung. (**)

Um zur Geschichte zurückzukehren: ich bin davon überzeugt, dass diese "Lösung" zum sog. Allmachtsparadoxon schon einmal formuliert wurde, kann aber nicht sagen, von wem.

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(*) Ein Mensch kann vieles erschaffen, worüber er keine Macht hat. Z.B. einen Vertrag mit einem Partner, der nur dann Realität erhält, wenn der Partner ihn einhält. Über die Absichten des Vertragspartners hat aber dieser Mensch keine Macht.

(**) Das ist so ähnlich wie der Satz: "Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen". Der ist auch kein Paradox, sondern besagt nur, dass einige Kreter lügen.
Immerhin ist der Kreter-Satz geschichtsträchtig. Denn schon den hellenistischen Poeten Philetas soll das Problem dermaßen mitgenommen haben, dass er darüber gestorben ist. Und für den Plan von Gottlob Frege, die Mathematik widerspruchsfrei auf die Logik zu gründen, bedeutete die verschärfte Version dieses Satzes (das Lügner-Paradoxon "Ich lüge") und seine Verallgemeinerung im Gödelschen Unvollständigkeitssatz den Todesstoß. Zumindest für die Geschichte der Logik bzw. Mathematik hatte er also eine große Bedeutung. Allerdings war er auch wirklich ein Paradox (als Lügner-Paradox wohlgemerkt!).
 
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