B ... wie Bäderarchitektur, Betonbunker: Borkum

@Mittelalterlager das weiß ich nicht; Emden war Ende 19. / Anfang 20. Jh. keine Festung, auch sind weder an der Emsmündung noch an der Nordseeküste Artilleriestellungen aus dem Ersten Weltkrieg bekannt (Emden samt Küste war von Borkum, Juist, Norderney genug abgeschirmt), der nächste große Kriegshafen war Wilhelmshaven (was selber eine riesige Festungszone war)
 
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Recensement Place de Borkum, nummerierte Auflistung von Festungswerken / Festungsbauten. 59 solche werden gezählt, davon 28 Artilleriebatterien; letztere teilweise sehr groß (Strand-, Dünen-, Wiesen-, Wattbatterie) und teils mit mehr als 20 einzelnen "Bunkern" versehen, einige davon nur mit Munitionsnischen. Ohne jetzt in jedem Detailplan alles abzuzählen, kann man davon ausgehen, dass bis 1918 über 200 "Bunker" gebaut worden waren...
Nebenbei: in dieser Liste werden die Infanteriewerke als "Ouvrages" bezeichnet an Stelle von "abri de combat".
 
Emden war ein großer Handelshafen
@Mittelalterlager und wie ich gerade eben erst gesehen habe:
Bereits im ersten Jahr nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 spielte Emden zweimal eine Rolle im Seekriegsgeschehen: zum einen als Namenspate des Kreuzers Emden, zum anderen als derjenige Hafen, von dem das U-Boot auslief, das die Lusitania versenkte.
und
Die Kaiserliche Marine nutzte Emden als Kriegshafen, dort lagen Torpedoboote und U-Boote vertäut. Von seinem Stützpunkt Emden aus lief am 30. April 1915 das U-Boot U 20 unter dem Befehl von Kapitänleutnant Walther Schwiegeraus. Einen Tag später verließ das Passagierschiff LusitaniaNew York auf dem Weg nach Liverpool. Wenige Tage später wurde es vor der Küste Irlands von U 20 versenkt.[5] Der Untergang kostete 1198 Menschen das Leben und rief international, besonders in den bis dahin nicht als Kriegsteilnehmer beteiligten Vereinigten Staaten große Empörung hervor. Der später uneingeschränkte U-Boot-Krieg ließ die USA schließlich auf Seiten der Entente in den Krieg eintreten.
 
Ja, U-Boote, Torpedoboote und Räumboote sollten dort stationiert gewesen sein. Kleinere Einheiten lagen in einigen "zweitrangigen" Häfen.

Die Nordseewerke haben ja auch kleinere Marineeinheiten gebaut.
 
Ja, die leider üblichen Probleme bei der U-Boot-Bergung.

Man hatte zwar aus dem Unfall von U3 gelernt, aber insgesamt war so etwas ein schwieriges Unterfangen.
 
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Ja, U-Boote, Torpedoboote und Räumboote sollten dort (Emden) stationiert gewesen sein.
es soll eine sogenannte "zweite Halbflotille" in Emden stationiert gewesen sein. U 30 war in Emden repariert worden, fuhr dann nach Borkum, um dort die Druckprobe zu machen (Apfeld, Borkum, Festung im Meer S.31) Es sollen mehrere U-Boote und ein Torpedoboot zu dieser Zeit (um den 22.06.1915) auf der Reede auf Borkum gelegen haben
 
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Borkum: die Betoninsel?
Ohne jetzt in jedem Detailplan alles abzuzählen, kann man davon ausgehen, dass bis 1918 über 200 "Bunker" gebaut worden waren...
Die kaiserzeitlichen Festungsanlagen entstanden ab 1909. 1909-11 wurden die großen Batterien (Strand-, Süd-, Wiesen-, Watt-, Dünenbatterie) und drei die Infanteriewerke gebaut, hinzu kamen die Haupt-, Neben-, Peil- und Küstenrichtkreisstände, die MG-Stände, in den folgenden Jahren wurde bis 1918 kontinuierlich weiter fortifiziert (z.B. die Batterien Oldenburg und Haardt wurden 1917/18 gebaut) - schätzungsweise etwas über 200 "Bunker". Hinzu kommen zwei massive Batterieblöcke für vier Geschütze (Strand- und Dünenbatterie), das sind recht monströse Großbauten: ein langgestreckter Stahlbetonbau mit vier Geschützbettungen:
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(Ausschnitt Batterieblock Dünenbatterie)
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(der Batterieblock, Ausschnitt Batterieplan - siehe #9 - a Geschützbettungen, b Beobachtung/Richtstände)
Die anderen großen Batterien (Wissen, Watt, Süd, Hänisch) hatten Traversen, Mannschaft- und Munitionsbunker nicht in einem Baukörper (Batterieblock), sondern aufgereiht als einzelne Bauten wie die Batterie Aachen, siehe A-B-C-Darium der Küstenfestungen :) bis 1918

Aber in der Spätzeit der Belle Epoque waren es auf Borkum nicht allein die vielen Festungsbauten, die in Stahlbeton errichtet wurden! auch die Bäderarchitektur nutzte "Eisenbeton" - die Begriffe Eisenbeton und Monirbeton wurden im Sinn von Stahlbeton verwendet. Selbst ein Plan der Atlantikwall-Festung Borkum verwendet den Begriff "Eisenbetonbauten". 1911 baute ein privater Investor das Hotel Bismarck:
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siehe auch Gebäuderaten - Googeln normalerweise verboten
Das teils expressionistische Jugendstilgebäude ist eine Konstruktion mit Stahlbetonskelett.

Besonders prachtvoll ist die Borkumer Wandelhalle. Kam der mondäne Badegast 1911 vom Jugendstilbahnhof die Kaiserstraße hoch gelaufen, um dann von der Strand/Kurpromenade einen Blick auf die Nordsee zu werfen, so war er ohnehin an prachtvoller Bäderarchitektur entlanggelaufen. Und sowie er die Strandpromenade erreichte, links und rechts am Ende der Straße von mondänen Hotels flankiert, dann - ja dann musste er erstmal aufpassen, weil auf der Strandpromenade die Nordstrandbahn fuhr (diese war einerseits für die Badegäste, andererseits für die Militäranlagen!). Überquerte er die Gleise, dann: stand er auf der riesigen Wandelhalle. Er hatte die Wahl, links oder rechts eine große Treppe Richtung Strand herunter zu steigen: denn dann erst konnte er die Wandelhalle sehen!
diese exzellente Dokumentation bietet ausführliche Informationen zur Baugeschichte der Jugendstil-Wandelhalle, dem Prachtstück der Borkumer Bäderarchitektur. Für uns interessant: dieser Belle Epoque Prachtbau ist komplett aus Eisenbeton errichtet!

Borkum: Belle Epoque - Bäderarchitektur - Bunker - Beton!
 
hier ein Blick auf die Dimensionen des Eisenbetonbau Wandelhalle:
Die absolut unmilitärische, nämlich rein zivile Wandelhalle ist durchaus etwas größer als ein Batterieblock, allerdings benötigt sie kein 2-3m Wand- und Deckenstärke.

Soll man die Situation auf Borkum kurz vor dem Ersten Weltkrieg als skurril, putzig, merkwürdig betrachten? Im vorangegangenen Beitrag hatte ich einen fiktiven Badegast eingesetzt, der durch prunkvolle Bäderarchitektur*) vom Bahnhof zur Strandpromenade spaziert und dort, nach überqueren der Nordstrandbahn, das 1911 fertiggestellte Prunkstück - die Wandelhalle - besichtigt.

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Wer heute einen ausgedehnten 3,8km Spaziergang am Strand entlang vom Gasthaus "heimliche Liebe" zum Strandcafe "Seeblick" macht, der wäre damals - 1911-14 - abwechselnd an mondänem Badeleben und stacheldrahtabgezäunten Festungsbauten (kaum sichtbar hinter Sandaufschüttungen) entlang spaziert.
Der markierte Weg auf dem Festungsplan:
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- statt heimlicher Liebe ein MG-Stand (mit Blick zum Wasser von hier links vom Spaziergänger die Südbatterie)
- gleich nach den ersten paar Schritten die Gruppenbefestigung "Hauptstand II"
- nach ein paar Metern Dünen: die riesige Strandbatterie mit Nebenstand II links und MG-Stand (Vorfeldstreiche) - heute Kurpark & Gezitenland
- dann endlich zivil: die Strandhalle (Wandelhalle) mit Kurpromenade
- es geht am Badestrand entlang, rechts der große Leuchtturm, nach ein paar Spazierminuten das "Infanteriewerk Kinderheim"
- ein abzweigendes Seitengleis zum Scheinwerfer-Bunker
- auf der Höhe des nordwestlichsten Punkts rechts in den Dünen versteckt die Batterie Oldenburg
- Hauptstand Oldenburg & Nebenstand II Wiesenbatterie
- Nebenstand II Wattbatterie
- Nord/Zeppelinbatterie
- MG-Stand mit Untertrete-Raum statt Strandafé "Seeblick"
...und falls unser fiktiver Spaziergänger nicht gut zu Fuß wäre, hätte er diese Strecke komplett per Schmalspur-Tram zurücklegen können (allerdings für den Abschnitt MG-Stand bis kurz vor der Wandelhalle mit Sondergenehmigung des Militärs: denn diese südwestliche Fortsetzung der Nordstrandbahn war nur für die militärische Nutzung)
(die gestrichelte Linie entlang der "Spazierstrecke" ist die Nordstrandbahn von der Wandelhalle (die zivile Bahn zweigt vorm Bahnhof von der Kleinbahn**) ab) bis zum MG-Stand und der Nordbatterie - ihr Anschluß nach Südwesten ist die Militärbahn bis zum MG-Stand bei der Südbatterie: diese komplette Strecke wurde für fahrbare Scheinwerfer genutzt)

________
*) die Liste der Baudenkmäler auf Borkum ist instruktiv: Liste der Baudenkmale in Borkum – Wikipedia
**) zivil war die Kleinbahn von der Reede bis zum Bahnhof im Ort sowie der Abzweig Nordstrandbahn - militärisch mitgenutzt war die Nordstrandbahn - die komplette Ostlandbahn sowie sämtliche Abzweigungen zu den verstreuten Festungsbereichen war rein militärisch; parallel zur zivilen Kleinbahn war die zusätzliche Bahnlinie Reede-Bahnhof/Anschluß Ostlandbahn rein militärisch)
 
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das 1911 fertiggestellte Prunkstück - die Wandelhalle
hier vom Strand aus gesehen:
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(heute ist die große, streng geschützte Attraktion (Betreten verboten!) die vorgelagerte Seehundbank, die in den letzten Jahren/Jahrzehnten immer näher an die Strandpromenade gerückt ist - ähnliche gewaltige Sandmassenbewegungen gab es auf Amrum, wo der Kniepsand den Kniephafen zuschüttete und sich an die Insel schmiegte)
Auf dem Foto ist links und rechts über der Wandelhalle sehr schöne Bäderarchitektur zu sehen (rechts das Nordseehotel), in der Mitte eine Bausünde, leider... (Norderney zeigt ebenfalls einen Mix aus Bausünden und Bäderarchitektur)

Im Vergleich zum Festungsplan haben wir jetzt einen Eindruck von den Dimensionen der zivilen und militärischen Stahlbetonbauten. Der Batterieblock der Strandbatterie dürfte etwa halb so lang (oder breit) sein wie die Wandelhalle.
 
Hatten die Strand- und Dünenbatterie ihre je vier Geschütze samt Bettungen (Geschützbrunnen) und Traversen (Munition- & Mannschaftsbunker mit Munitionsaufzügen) innerhalb eines kompakten Baukörpers, dem Batterieblock, so ordneten die Wiesen- und Strandbatterie ihre Geschützplattformen und Bunker linear, aber voneinander getrennt als einzelne Baukörper an:
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(hier ein Ausschnitt des Batterieplans, welcher im IMKK Dossier auf zwei Blätter verteilt ist - man sieht sowohl im Schnitt wie in der Aufsicht die getrennten Baukörper) Die 1909-11 gebauten Wiesen- und Wattbatterie waren beide mit je vier monströsen 28cm Haubitzen ausgestattet. Erstaunlich, dass die 900mm Schmalspurbahn die etliche Tonnen schweren Geschütze transportieren konnte.

Belle Epoque - auf Borkum sehr prägnant im zivil-merkantilen und im militärischen Bereich nicht nur in Stahlbeton gebaut, sondern natürlich auch unter Einsatz damals modernster Hightech. Ein paar Beispiele:
Der Scheinwerferbunker der Strandbatterie (einen identischen gab es bei der Nordbatterie) :
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Die Vorfeldstreiche (MG-Stand) der Strandbatterie:
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(an diesen beiden "Bunkern" wäre unser Spaziergänger #33 entlang flaniert)

alle Festungsanlagen waren miteinander telefonisch vernetzt (die Feuerleitung, gelenkt von den vielen Haupt-, Neben-, Peil-, Kommando- und Richtkreisständen, war telefonisch) und so ein verzweigtes Telefonnetz benötigt eine Telefonzentrale:
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=> die Telefonzentrale befand sich in den Dünen zwischen der Batterie Oldenburg und dem Nebenstand II - auf Google Maps findet sich dort ein Eintrag "Bunkerreste", möglicherweise ist das ein Rest der Fernleitungszentrale/Telefonzentrale.

...unser Spaziergänger auf seinem 3,8km Promenadenweg hätte in der Wandelhalle eine opulente Auswahl an Durstlöschern jeglicher Art konsumieren können. So ein Strandspaziergang in quasi festlicher Garderobe (zeitweilig war Abendgarderobe Pflicht in der Wandelhalle) macht durstig, gerade sommers - da muss man dann auch einen Platz zum mal austreten finden. Ich glaube nicht, dass ihm das Militär gestattet hätte, sein Geschäft in der
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zu verrichten... Diese hier, wie alle anderen Latrinen der Batterien und Infanteriewerke, befand sich hinter 10m breitem Stacheldrahtverhau auf Militärgelände, betreten und fotografieren streng verboten. Aber in der Wandelhalle hätte er eine Möglichkeit gefunden :)

Ein Jammer, dass von den Belle Epoque Militärbauten fast nichts überdauert hat... derzeit nur halb übersandet vier Bunker der Batterie Haardt, ein abgestürzter Mannschaftsbunker (abri-remise de mitrailleuse) der Dünenbatterie, ein zum Wohn/Gartenhaus umgebauter Mannschaftbunker der Batterie Oldenburg, evtl. angesprengt ein Nebenstand ("Rosenbunker", Aussichtsplattform Sterenklipp) - die Nordstrandbahn samt Verlängerung ist komplett abgebaut, dito die Ostlandbahn (deren Trasse ist heute ein sandiger Wanderweg, in den Kobbedünen sind ein paar nicht demontierte Gleise der Dünenbatterie vor ein paar Jahren freigeweht, evtl heute wieder übersandet) - - - viel Bäderarchitektur aus dem Zeitraum, in dem die Festung gebaut wurde ist vorhanden, auch die beiden Glanzstücke aus Stahlbeton (Fürst Bismarck und Wandelhalle). Aber das zeittypische Zusammenwirken von Jugendstilprunk und Jugendstilhightech (sic!) ist nur noch auf dem Papier (Baudaten etc) nachvollziehbar, nicht erlebbar. Ich hoffe, ich habe neben dem peu a peu dokumentieren der Militärarchitektur gerade diesen Aspekt - Jugendstil/Beton/Hightech - zumindest andeuten können.
 
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interessanter Artikel zur Geschichte des Stahlbetons in der Architektur; zwar ohne Verweis auf den Festungsbau der Jugendstilzeit, aber mit einigem Material zum Themenkomplex "Jugendstil und Beton" sowie zum Aspekt des Verzichts auf Ornamentik in der Betonbauweise um 1910 Hier könnte man auf den Gedanken kommen, die durchaus äathetisch geformten "Bunker" von 1909-18 auf Borkum dem ornamentlos fließenden Jugendstil zuzuordnen:
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(Mannschaftsraum der Batterie Oldenburg in fließender Form a la später Jugendstil)

Sehr schade, dass https://www.geschichtsforum.de/members/bdaian.2352/ schon seit Jahren nicht mehr im GF teilnimmt, denn seine Kenntnisse der Militärarchitektur waren erstklassig.
 
Mannschaftsraum der Batterie Oldenburg in fließender Form a la später Jugendstil
Möglicherweise ist dieser teils zweigeschossige Mannschaftsraum ("Bunker") noch erhalten, jedenfalls in den 70/80ern war er als Ferien-, Gartenhaus genutzt. Heute kann man das Gelände nicht einfach betreten: abgezäuntes Privatgrundstück und wegen hoher Bäume und dichter Büsche kann man keinen Blick vom Weg aus auf das Gebäude erhaschen.
 
Möglicherweise ist dieser teils zweigeschossige Mannschaftsraum ("Bunker") noch erhalten, jedenfalls in den 70/80ern war er als Ferien-, Gartenhaus genutzt.
mittels google Earth lässt sich der Bunker finden (und das Luftbild bestätigt die privaten Fotos (deshalb kann ich sie nicht einstellen) dort sieht man, dass der Bunker einen kleinen Anbau vorne rechts erhalten hat, und genau das zeigt auch das Luftbild. Man findet ihn neben dem Eintrag "ehemalige Geschützstellung" auf Maps und google Earth)
 
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(die beiden grauen "Würfel" neben dem langgestrickten Gebäude mit rotem Dach: der hintere Würfel ist der Bunker (oder was von ihm übrig ist), der vordere ist der Anbau)
 
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