Bei „World War Zero“ stößt man bei Wiki auf Brett Pitt.

Dieses Thema im Forum "Kriegsschauplätze" wurde erstellt von Ralf.M, 3. August 2015.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn Kolonialmächte sich gegenseitig im Rahmen offener Kriegshandlungen die Kolonien abluchsen, kann man das nicht wirklich als "Weltkrieg" bezeichnen. Es handelt sich lediglich um geographische Verlagerungen eines Konflikts.
     
  2. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Da stimme ich Dir zu.
    Wenn Kolonialmächte zum Zwecke des "Abluchsens" aber Bündnisse mit lokalen Herrschern schmieden, und diese sich aktiv am Kampf beteiligen, dann kommt es auch dort zum Krieg. In Nordamerika haben nicht nur Engländer gegen Franzosen, sondern auch Indianer gegen andere Indianer gekämpft.
    Für Indonesien gilt das Gleiche - da beteiligten sich de jure unabhängige, de facto mehr oder weniger von der VOC abhängige Sultanate am Krieg. Auf Seiten der Engländer u.a. Banten Sultanate, das 1808 von den Holländern annektiert worden war, auf der Seite der Niederländer das Sultanate of Cirebon, dessen Herrscher nach einem Nachfolgestreit 1807 mit Hilfe der VOC seinen Thron erlangt hatte. Bei der englischen Plünderung von Yogyakarta 1812 hatten die holländischen Truppen längst aufgegeben. Die Wirkung dieser Plünderung auf die indonesische Geschichte war enorm.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Begrifflichkeit bzw. das Konstrukt "Weltkrieg" ist an zwei konkrete Kriege gebunden. Die Kriege weisen bestimmte Merkmale auf, die beide strukturell ähnlich macht, trotz der - auch vorhandenen - gravierenden Unterschiede.

    Diese Gemeinsamkeiten bilden das analytische Raster für die Beschreibung der beiden Kriege und im Kern betrifft es die Frage des "Totalen Kriegs", wie bei Chickering und anderen ausführlich und kontrovers diskutiert.

    Sofern man die Frage aufwirft, ob es einen "Weltkrieg Null" gegeben hat, knüpft man an diesen Merkmalen der beiden anderen an, andernfalls diskutiert man eine andere Form des Krieges.

    Und vor diesem Hintergrund kommt den napoleonischen Kriegen - als Ausgangspunkt - eine besondere Bedeutung zu, da Frankreich zu dem Zeitpunkt die erste "Nation" ist, die den Nationalismus als Ideologie benutzt, um Massenheere aufzustellen und Merkmale der "Totalen Kriegsführung" beginnt zu entwickeln (vgl. beispielsweise Bell)

    Neben diesem zentralen Aspekt der Veränderung der staatlichen Organisation sind weitere wichtige Strukturmerkmale die Erweiterung des fiskalisch-militärisch organisierten Staates (vgl. Glete) mit einer zunehmenden leistungsfähigen Zentralbürokratie (vgl. Mann), die materiellen Voraussetzungen der ersten bzw. der zweiten industriellen Revolution und der sich parallel beschleunigenden RMA (vgl. Howard, Parker und Knox).

    Vor diesem Hintergrund gab es vor den napoleonischen Kriegen keinen Krieg, der auch nur ansatzweise die Merkmale der zwei späteren Weltkriege aufgewiesen hat.

    Kriege nach den napoleonischen Kriegen, wie der amerikanische Bürgerkrieg, der Krimkrieg oder der deutsch-österreichische bzw. deutsch-französiche Krieg nahmen lediglich einzelne Aspekte voraus, die dann ganzheitlich !!!! für die Kriegsführung im WW1 relevant waren, aber gleichzeitig wiesen sie viele Merkmale nicht auf, die die späteren Weltkriege ausgezeichnet haben.

    Und in diesem Sinne war die Summe der einzelnen Strukturelemente der vorherigen Kriege mehr und bedeutete die qualitative Veränderung, die die beiden Weltkriege bisher einzigartig gemacht haben.

    Bell, David Avrom (2007): The first total war. Napoleon's Europe and the birth of modern warfare as we know it. New York: Houghton Mifflin Company.
    Chickering, Roger; Förster, Stig (2006): Great War, total war. Combat and mobilization on the Western Front, 1914-1918. Washington, D.C., Cambridge, UK, New York: German Historical Institute; Cambridge University Press
    Chickering, Roger; Förster, Stig (2009): The shadows of total war. Europe, East Asia, and the United States, 1919-1939. Cambridge: Cambridge University Press
    Glete, Jan (2002): War and the state in early modern Europe. Spain, the Dutch Republic, and Sweden as fiscal-military states, 1500-1660. London, New York: Routledge
    Howard, Michael (2010): Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zu den neuen Kriegen der Gegenwart. 2., aktualis. und erw. Aufl. München: Beck (Beck'sche Reihe, 233).
    Knox, MacGregor; Murray, Williamson (2001): The dynamics of military revolution, 1300-2050. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press.
    Mann, Michael: The sources of social power. The rise of classes and nation-states,1760-1914. 2012. Aufl. (The Sources of social power, 2).
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. August 2015
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  4. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Eines vorneweg: Durch eine Erkältung bin ich leicht neben der Spur, von daher möge mir man verzeihen, wenn ich ein bisschen ein Brett vor dem Kopf habe. :)

    Ich hätte weder das eine noch das andere als Kriterium genommen, sondern eher als Element. Für einen Weltkrieg ist für mich vor allem die Beteiligung der Mehrzahl der Welt-/Großmächte relevant, wie bei den Koalitionskriegen bzw. dem Siebenjährigen Krieg u.a. Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich und Russland.

    Ob ein Weltkrieg notwendigerweise Elemente des Totalen Krieges beinhalten muss, bezweifle ich. Ich verstehe deine Argumentation unter deinem Post 23, aber wären ohne den Aspekt des Totalen Krieges der 1. und 2. Weltkrieg keine Weltkriege bzw. ist dieser Punkt dermaßen relevant für die Defintion dieser beiden Konflikte als Weltkrieg? Wichtiger sind für mich die Punkte, die du unter 4. genannt hast, nämlich die Wirkungen auf die verschiedenen vorherrschenden Systeme.
     
  5. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Deine Argumentation ist mir zu zeitbezogen. Nimmt man die industrielle Revolution raus, und orientiert sich am jeweils vorherrschenden "Stand der Technik", so treffen Deine Kriterien beispielsweise auch auf die Ungarneinfälle zu, die zu wesentlichen Strukturreformen im HRR (Belehnungspflicht, Herausbildung des Ritterstands etc.) führten - und das Ritterwesen war für die damalige Zeit durchaus kapitalintensiv. Auch das Römische Reich führte mehrere Strukturreformen im Zusammenhang mit Kriegen durch (da gibt es hier im Forum Berufenere als mich, um die hier besten Beispiele zu nennen).
    Vor allem rückt durch Deine Kriterien den Holländische Krieg in den Blickpunkt. Gesamteuropäisch war er allemal, dazu bezog er auch Nordamerika (u.a. holländische (Rück-)eroberung von New York und Nieuw Amstel, engl. Übernahme der Jungferninseln, Schlacht von Tobago, gegenseitiges holländisch-französisches "Abluchsen" von Cayenne) ein. In Indien kam es u.a. zu einer englisch-holländischen Seeschlacht vor der Malabarküste, einem fehlgeschlagenen holländischen Angriff auf Bombay, v.a aber der Intensivierung des holländischen Krieg gegen Zamorin of Calicut, um das dort 1664 gegründete englische Handelskontor auszuschalten. Der Vollständigkeit halber sei auch das "Abluchsen" St. Helenas 1673 erwähnt.
    Wenn der Holländische Krieg, rein geographisch, noch grenzwertig ist, wird er nach Deinen Kriterien klar zum Weltkrieg - man muß sich nur die Reformen Colberts und des "Großen Kurfürsten" in Brandenburg-Preußen, oder, lokaler, des Münsteraner Bischofs Christoph Bernhard von Galen ansehen. In den Niederlanden führte er zur Wiedereinführung der 1667 abgeschafften Statthalterschaft, in Schweden zum Aufbau des Absolutismus (Dänemark hatte schon 1665 "vorgelegt"). Die weitreichende Privilegierung der British East India Company 1668 und der Hudson Bay Company 1670, als Mittel zur Umgehung des Haushaltsrechts des englischen Parlaments, sind hier ebenfalls zu nennen.
    Sieht man, analog zu den Koalitionskriegen, die Kriege Ludwig XiV als Einheit, gilt dies um so mehr. Der Pfälzische Erbfolgekrieg wurde, als King William's War, unter aktiver indianischer Beteiligung auch in Nordamerika ausgefochten. In Indien kam es zu Kämpfen um Madras und Pondicherry, die wohl, ebenso wie die französische Einnahme Cartagenas, eher unter "Abluchsen" rangierten. Der siamesisch-englische Krieg von 1687, drei Jahre nach der Aufnahme siamesisch-französischer diplomatischer Beziehungen, der mit Vertreibung der East India Company und Stationierung französischer Truppen in Siam endete, gehört aber offensichtlich ebenfalls hierher.
    Zum zweiten großen Konflikt der Epoche, dem Großen Türkenkrieg, besteht wohl mehr als nur indirekte Beziehung:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Franco-Ottoman_alliance#Revival_of_the_alliance_under_Louis_XIV
    Und im dritten großen Konflikt, dem Krieg zwischen den Maratha und dem Mogulreich (1681-1707) bezogen England und Frankreich ebenfalls klar Stellung: England schloß einen Nicht-Angriffspakt mit den Maratha, und lieferte ihnen Waffen. Das Mogulreich reagierte mit Schließung britischer Faktoreien, und gewährte Frankreich Handelsprivilegien. Wundert es da noch, daß die Osmanen eine Bitte um militärische Hilfe gegen das HRR an das Mogulreich schickten? Diese Konstellation schreit geradezu "Weltkrieg".
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist richtig, liegt aber auch an der Thematik, da die beiden Kriege, die per Definition als "Weltkriege" bezeichnet werden, beide im zwanzigsten Jahrhundert stattfanden. Und an diesen beiden Kriegen präzise gezeigt werden kann, was sie von vorherigen Kriegen deutlich unterschied, beispielsweise die Kriegsführung als "totaler Krieg".

    Und deswegen ist es richtig, zeitlich rückwärts zu gehen und die Frage aufzuwerfen, welche Kriege strukturell ähnlich waren.

    Und da bleibe ich wieder bei den napoleonischen Kriegen, die ähnlich wie die beiden Weltkriege, die ersten Kriege der Völker, organisiert durch den Nationalismus, waren.

    Solltest Du den Begriff "Weltkrieg" anders definieren wollen, habe ich kein Problem damit. Als ich schrieb, in der "bekannten Welt" wollte ich auf die Kriege von Rom und Karthago hinaus, die m.E. die ersten komplexen bzw. "totalen" Kriege waren, bzw. in diesem Sinne auch eine Reihe von Merkmalen der späteren beiden "Weltkriege" aufwiesen. Aber dieses Argument würde ich nicht zu weit treiben wollen.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich auch so, wenn man auf den Vergleich heraus will.

    Ich glaube aber, dass die in Zusammenhang mit "0" angesprochene Richtung weniger auf einen qualitativen Vergleich oder Vergleichbarkeitskriterien hinaus will (auch nicht auf "waffentechnische" Vergleiche, wie einige oben diskutierten) sondern auf einen Krieg, der eine wesentliche strategische globale Weichenstellung in Richtung auf die "1" gegeben hat.

    Das beschreiben jedenfalls die Autoren in dieser Weise. Und das halte ich für nachvollziehbar.
     
  8. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Der erste Weltkrieg war doch kein "Krieg der Völker". Da waren drei Vielvölkerstaaten - Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Zarenreich - am Start. Das Deutsche Reich hatte auch noch einige ehtnische Minderheiten an Bord, und die Kolonialmächte England und Frankreich haben sich fleißigst "farbiger Hilfsvölker" bedient. Die Identität der USA hat vielfältige Wurzeln - Volkstum gehört kaum dazu. Ein paar der "Völker" haben am Anfang noch gegeneinander Fußball gespielt und gemeinsam Weihnachtslieder gesungen.
    Der "totale Krieg" bzw. "blood, sweat and tears" stammen begrifflich erst aus dem zweiten Weltkrieg. Kannst Du erläutern, an welchen Kriterien Du einen "totalen" Ersten Weltkrieg festmachst?
     
  9. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Ich bin nicht thane, aber ich kann auch Merkmale eines "totalen Krieges" im 1.Weltkrieg ausmachen. Z.B. in dem das zivile Leben, anders als in "Kabinettkriegen", militärischen Zwängen unterworfen war:

    - Lebensmittel- und Tabakrationierung auf Karten
    - Arbeitskräftemangel -> Zwangsarbeit und vermehrt Frauen in der Industrieproduktion und Landwirtschaft
    - Angriffe auf Zivilgebäude (und Schiffe)
    - Levée en masse machte auch vor Schülern nicht halt
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. August 2015
  10. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Könnte man die wesentliche strategische globale Weichenstellung kurz darstellen?
    Ich sehe es nämlich ähnlich, wie Carolus, dass im Russisch-Japanischen Krieg zwei Mächte gegeneinander kämpften, die im 1.WK Verbündete waren. Nimmt man den Doggerbankzwischenfall dazu, kam es sogar mit einer dritten Macht (irrtümlich) zu feindlichen Handlung, die im 1.WK ebenfalls auf Seiten der Entente war.

    Oder ist genau das die globale Weichenstellung, dass England, Russland und Japan in Folge des Krieges 1904/05 ihre Konflikte bereinigten und dadurch zehn Jahre später auf der selben Seite kämpften?
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. August 2015
  11. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Ist jeder Krieg, der kein "Kabinettkrieg" ist, ein totaler Krieg? Ich habe mich nie intensiv damit beschäftigt, aber ich denke, es gibt Zwischenstufen.
    Die Sache mit den Karten war wohl neu, und das mit dem Tabak neuzeitlich. Ansonsten wurden bei jeder handelsüblichen Belagerung irgendwann die Lebensmittel knapp. Im Holländischen Krieg wurde per Seeblockade versucht, Holland von baltischen Getreideimporten abzuschneiden und damit zur Aufgabe zu zwingen. Hätte fast geklappt, bis die Flotte der VOC die Blockade brach.
    Auch die Römer hatten Sklaven, u.a., aber nicht nur, auf ihren Galeeren
    Typisch für Wehrbauern. Wenn der Feind anrückte, was meist in der Landwirtschaftssaison passierte, mußte der Mann in den Kampf, und die Frau übernahm den landwirtschaftlichen Betrieb. Im mittelalterlichen Ritterwesen war das nicht anders. Hier sehe ich die Frage der Intensität im Vordergrund, also letztendlich den Anteil der Mobilisierten im Verhältnis zur arbeitsfähigen (männlichen) Gesamtbevölkerung. Gibt es dazu Studien?
    Brandschatzung war Standardpraxis seit der Antike. Angriffe auf Schiffe waren insbesondere zu Freibeuterzeiten sehr häufig.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Pfälzischer_Erbfolgekrieg#See-_und_Kolonialkrieg
    Im Vergleich:
    https://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-Krieg#Erster_Weltkrieg
    Da sehe ich keine grundsätzlich andere Qualität. Gemessen an den Schiffszahlen der jeweiligen Zeit scheint mir die Intensität im 1. Weltkrieg sogar zurückgegangen zu sein.
    Wurde hier schon mal diskutiert:
    http://www.geschichtsforum.de/f28/allgemeine-wehrpflicht-der-r-mischen-republik-38875/
    Leider fehlen scheinbar belastbare Zahlen, die einen Vergleich der Aushebungsintensität über die Zeiten ermöglichen. Ich fand aber folgendes:
    Das Heer während der römischen Kaiserzeit
    Insofern hatte die Levée en masse keine grundsätzlich neue historische Qualität, sezte das Aushebungsalter sogar nach oben.. Aber die Frage, ob der 2. Punische Krieg als Weltkrieg anzusehen wäre, ist hier ja auch schon angeklungen.

    Zusammengefastt denke ich, daß die Intensität der Kriegsführung schon ein wesentliches Kriterium (unter anderen) für die Bewertung ist,, wie weit ein Krieg als "Weltkrieg" gelten mag. Die von Dir angerissenen Faktoren

    1. Mobilisierungsintensität (und, damit verbunden, Auswirkung auf zivilen Arbeitsmarkt und Güterproduktion),,
    2. Grad der Konversion von Kapazitäten (Produktion, Transport) von zivilen auf militärische Zwecke,
    3. Orientierung auf nicht nur militärische, sondern auch wirtschaftliche Schwächung des Gegners (Zerstörung von Gebäuden, Transport- und Produktionsmitteln, "Aushungern", auch "verbrannte Erde")
    sind hier relevant. Leider fehlt es wohl an übergreifenden Meß- und Vergleichswerten, so daß die Entscheidung im jeweiligen Einzelfall letztlich subjektiv bleibt.

    Zur Vollständigkeit die beiden anderen Kategorien, die ich als relevant ansehe:
    B. Geographisches Ausmaß (Anzahl Kontinente bzw. Kulturregionen)
    C.
    Historische Bedeutung, gemessen u.a. an

    • Veränderung globaler Machtstrukturen/ -verhältnisse,
    • Änderung des politisch-ökonomischen Systems wesentlicher (oder sogar der meisten?) Kriegsparteien.
    Diese Kriterien sehe ich erfüllt für die Kriege Ludwig XIV (Aufstieg Frankreichs, Absolutismus), die Abfolge Spanischer Erbfolgekrieg/ Siebenjähriger Krieg (England als Seemacht, Beginn des Imperialismus), und wohl auch die Koalitionskriege. Dort sind aber die sozio-ökonomischen Rückwirkungen letztlich am schwächsten bzw. indirektesten. Die "bürgerliche Revolution"/Demokratisierung war in GB und USA schon vorher erfolgt, und ließ im Rest Europas (ohne Frankreich) noch länger auf sich warten. Nationalstaatsbildung beschränkte sich zunächst auf Norwegen, Deutschland und Italien zogen erst 50 Jahre später nach, für das weitere seihe den Wilson-Thread.

    Auffällig ist, daß es scheinbar eine Serie von "Weltkriegen" (als solch Serie würde ich auch WK I/II sehen) braucht, bis sich die jeweiligen globalpolitischen Veränderungen durchsetzen und verfestigen.
     
  12. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Mit den Kriterien kann ich mitgehen, mit den Beispielen nicht.
    Ich sehe die napoleonischen Kriege eher in der Reihe von WK I/II, als die von dir genannten vorhergehenden.

    Bsp. geograph. Ausmass: Zwischen 1790 und 1815 waren nicht nur praktisch alle europ. Staaten nominell Teilnehmer an den Kriegen, sondern es wurde tatsæchlich ueberall gekæmpft, von Moskau bis Lissabon, von Neapel bis Trondheim.
    Aber nicht nur in ganz Europa fanden Kampfhandlungen statt, auch in den südamerikanischen Kolonien und USA, sowie die Kriegshandlungen in den Kolonien, einschl. auch Ægypten.

    Bsp. wirtschaftliche Schwæchung: Das gesamte europ. Festland unterlag einer Handelssperre plus Gegenblockade, in diesem Ausmass war das neu.

    Bsp. Mobilisierung: Enorme Anstrengungen hat nicht nur Frankreich leisten muessen (z.B. die blutjungen "Marie-Louises" 1814), auch in Preussen gab es nach Reformen die Landwehr und den Landsturm als letzte Aufgebote.
    Østerreich hatte m.W. æhnliches.
    Damit einhergehend eine bis dahin nie dagewesene Ruestungsproduktion, einschl. Suche nach Ersatz-Rohstoffen wie z.B. Ersatz-Farbstoffe für Uniformen.

    Bsp. Anzahl an zivilen und militærischen Opfern: Allein der Russlandfeldzug bedeutete einen Verlust von etwa 1 Mio. Menschenleben, einschl. Zivilisten.
    Schlachten wurden von Heeren in bis dato unbekannten Grøssenordnungen geschlagen.

    Bsp. Nationalismus: Norwegen ist bereits genannt.
    Aber auch wenn "das Erwachen der dt. Nation von nachfolgenden Generationen vielleicht ueberbewertet wurde, man kann es für 1813/14 nicht vøllig wegdiskutieren; die "poln. Karte" war eine Option für die russ. und die frz. Seite; und auch für Italien war das schon aktuell: Napoleon trug immerhin die eiserne Krone, s. auch Bestrebungen Murats zum Ende seiner Amtszeit in Neapel.

    Bsp. historische Bedeutung: Das Ende der Kriege mündete in eine lange Friedensphase mit ausgeglichenem Kræfteverhæltnis der Hauptakteure.
    (Gleichzeitig sicherte es die maritime Ûberlegenheit der brit. Navy ueber Jahrzehnte.)

    Alles in allem sehe ich da deutlich mehr Parallelen zum WK I als zu den vorhergehenden Kriegen. Hætten die napoleonischen Kriege mit den Waffen des 1.WK stattgefunden, gäbe es gar keinen Zweifel, dass es sich um einen WK handelt - die Waffentechnik passt zu den vorhergehenden Kriegen, die anderen Kriterien zur "Weltkriegsserie"*

    Vielleicht noch ein Punkt: Zu allen 3 wurden vermeintliche bzw. tatsæchliche Schuldige schnell gefunden. Napoleon, das dt. Reich, Hitler.
    Differenzierte Betrachtungen gab es erst im Nachgang.

    Gruss, muheijo

    * einzig kurze Friedensphasen zwischen immer wieder wechselnden Parteien muss man tatsæchlich ausblenden - das mag ein Schwachpunkt in meiner Argumentation sein
     
  13. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    @muhiejo: Bei den Koalitionskriegen besteht kein grundsätzlicher Dissens.
    Ich wollte lediglich darauf hinweisen, daß ein Teil der Effekte (Erwachen des Nationalstaatsgedankens, bürgerliche Emanzipation) erst langfristig wirksam wurden [übrigens nicht nur in Europa, vgl. Java War). Im Vergleich dazu scheinen mir die Effekte der Kriege Ludwig XIV (Absolutismus, d.h. Ausschaltung des Adels und Zentralisierung, letzteres auch in den Niederlanden, sowie Merkantilismus zum Zwecke der Staats-/Kriegsfinanzierung) zeitlich sehr viel unmittelbarer.
    Auch diese Kriege bezogen Nordamerika und die Karibik, sowie Indien mit ein. Betrachtet man die faktische (z.T. nicht erklärte, aber durch Waffenlieferungen dokumentierte) globale Koalitionslage vor, während und nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg, d.h.

    • Wabanaki-Konföderation - Frankreich - (Schweden im Gr. Nord. Krieg) - Osmanisches Reich - Mogulreich - (Siam bis 1688)
    • Irokesen-Konförderation - Spanien - England/Niederlande - Schweden (bis 1691) - HRR - Savoyen - Venedig (gegen Osmanen) - Polen/Litauen (gegen Osmanen) - Zarenreich (gegen Osmanen) - Maratha (gegen Mogulreich)
    sieht das schon nach Weltkrieg aus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. August 2015
  14. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Der Begriff Weltkrieg ist nach unserer Sicht weitläufig und deren Merkmale, wie sie seit den großen Kriegen im 20.Jahrhundert betitelt und analysiert werden, entspringen weitestgehend dem, was nach diesen Kriegen damit in Verbindung gebracht wurde oder wird.

    Warum sprachen die Menschen aber erst nach dem 1.Weltkrieg auch von einem solchen? Warum wurden all die Konflikte größeren Ausmaßes nicht auch als solches in der historischen Geschichtsschreibung zuvor so benannt?
    Ich denke, diesen Kriegen vor 1900, die sich nach heutiger Sicht auch als ein Weltkrieg etablieren können, geht aber eines nicht hervor. Die Globale Wirkung oder die Globale Kommunikation oder der Globale Gedanke der Kriegsparteien, sei es z.B. im 7 Jährigen Krieg oder den napoleonischen Kriegen oder noch früher.
    Die Kriegsschauplätze waren nicht global miteinander vernetzt. Letztlich stellte es aus damaliger Sicht einzelne Konfliktherde dar, die durch fehlende globale Kommunikation oder Vernetzung keinen Krieg im Sinn eines Globalen oder Weltkrieg darstellten.

    Das denke ich, ist der Knackpunkt der Definition Weltkrieg. Nicht das was wir nach heutiger Sicht in die Geschichte interpretieren können, durch Umfassenden Wissen und Ausschöpfung aller Quellen sollten den Begriff prägen, sondern die Epoche und Zeit, in der ein Krieg oder viele kleine Kriege stattfanden, sind zu beachten.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  15. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Sie sprachen auch schon vorher davon:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Weltkrieg
    Ich vermute hier allerdings eine Bedeutungsverschiebung von "Welt" im metaphysischen Sinn ("Weltenbrand") zum geographischen hin. Insofern ist der von Dir angeführte Kommunikationsaspekt, auch die Frage, wann ein relevanter Bevölkerungsteil anfing, global zu denken und globale Zusammenhänge zu begreifen, relevant. Ich denke, holländische Bürger im 17. Jhd. sahen schon die Welt geographisch, und die Holsteiner, Ost- und Nordfriesen (plus ihre Familien), die nach Nieuw Amsterdam aussiedelten, ebenfalls. Brach für die Pfälzer im Pfäzer Erbfolgekrieg einfach "die Welt zusammen", oder hatten sie auch damals schon eine Idee von der "Neuen Welt", in die sie nach jenem Krieg in Scharen zogen?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Massenauswanderung_der_Pfälzer_(1709)
    Man sollte die Wirkung der Presse (Buchdruck) nicht unterschätzen. Die Türken vor Wien waren europaweit bekannt. Die Nachricht kam zwar nicht online, sondern nur im Postkutschentempo, aber sie kam, und wurde aufgenommen. Der Krieg zwischen Moghulreich und Maratha ist eine andere Sache - aber wie intensiv verfolgte Europa im 2. Weltkrieg die Kriegslage im Pazifik?
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Diese und die Weichenstellung Russlands im Sinne einer verstärkten Westorientierung nach der Phase der Ostexpansion sind wohl mit "0" als Vorstufe gemeint.

    In der übrigen Diskussion mischen sich nach meinem Eindruck inzwischen Begriffs- und Rezeptionsgeschichte mit forschungsseitigen Inhalten und Definitionsversuchen.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Dem ist aus meiner Sicht völlig zuzustimmen und es deckt sich auch mit der aktuellen Diskussion der Militär- und Kultur- Historiker, wie kurz gezeigt werden soll.

    Die beiden Weltkriege waren in der Dimension einzigartig, auch aufgrund der engen historischen Verknüpfung des WW2 mit seinem Vorgänger. Deswegen ist es aus meiner Sicht nicht angemessen, sie zu „relativieren“ und sie als nicht singuläre Ereignisse neben beliebige andere Kriege zu stellen, die dann als „Weltkriege“ bezeichnet werden.

    In diesem Sinne mag man durch jede Epoche streifen und – glauben - Weltkriege lediglich aufgrund ihrer geographischen bzw. globalen Merkmale erkennen zu können, aber es gibt nur zwei explizite Weltkriege, deren Merkmale vor allem die “Totalität“ waren. [7, S. 5ff]

    Allerdings ist bei der Darstellung des Themas zu beachten, dass es sich bei dem Konstrukt „Totaler Krieg“ zum einen, im Sinne von W. Weber, um ein idealtypischer Konstrukt handelt, das eine empirische feststellbare Realität der Analyse zugänglich machen will. [4, S. 16] Und zum anderen umfasst es die Gesamtheit der einzelnen empirisch zu beobachtenden Sachverhalte, wobei sie nie so total in der Realität sein können, dass der Zustand eines 100 prozentigen „Totalen Kriegs“ erreicht wäre. In diesem Sinne ist die Beschreibung des „Totalen Krieges“ nur eine Annäherung an den „totalen Totalen Krieg“. [4, S. 26]

    Bei der Diskussion über „Total War“ gehen allerdings nicht selten unterschiedliche Ebenen durcheinander. Das Konzept wird mindestens zur Beschreibung für drei verschiedene Aspekte genutzt.

    1. Zur Beschreibung eines kompletten Krieges, wie den WW 1 oder den WW 2
    2. Zu Beschreibung operativer Kriegsführung, wie beispielsweise für den Dreißigjährigen Krieg, den Siebenjährigen Krieg und für den amerikanischen Bürgerkrieg
    3. Als Kriegsführung aus der Sicht eines Landes, um die unterschiedlichen Grade der Beteiligung bzw. Mobilisierung zu beschreiben wie im Falle des Vietnam-Krieges für Nordvietnam eine „totale Kriegsführung“ und die USA eine „begrenzte Kriegsführung“.

    Meine Betrachtungen sind im wesentlichen auf die Beschreibung des kompletten Krieges, wie unter 1., ausgerichtet.

    Der zentrale Ausgangspunkt für die Bewertung des Konzepts des „Totalen Krieges“ ist in der Regel die Überlegung von Clausewitz (Vom Kriege: Achtes Buch), der diesen Begriff jedoch nicht verwendet hatte [10, S. 116ff].

    Relevant ist an der Sicht von Clausewitz, dass er in seinem „absoluten Krieg“ die Kriegsführung nicht mehr auf die feindliche Streitmacht fokussiert sieht, sondern die Völker bekämpfen sich und umfassen dabei alle Bereiche der Gesellschaft, inklusive König und Armee [10, S. 116ff]

    In der Folge des ersten Weltkrieges wurde die Erfahrungen der Kriegsführung analytisch systematisiert und G. Clemenceau betrachtete die Kriegsführung als „la guerre intégrale“, während sie von Lundendorff im „Der totale Krieg“ aufbereitet wurden. Es ist jedoch mit G. Ritter und Generaloberst Beck anzumerken, dass sich die Verwendung bei Ludendorff deutlich, aufgrund des Primats des Militärischen, von dem „absoluten Krieg“ bei Clausewitz unterscheidet und das Ludendorff`sche Konstrukt nur in Teilen eine Überschneidung zum „modernen“ Konstrukt aufweist.

    Bei der Sicht der „Evolution des Krieges“ seit den Napoleonischen Kriegen geht die Militär- und Kultur- Historie von einer zunehmenden Beschleunigung der Kriegsführung von „begrenzten Kriegen“ bzw. von „Kabinett-Kriegen“ in Richtung auf einen „Totalen Krieg“ aus und findet den vorläufigen Kulminationspunkt im Einsatz der A-Waffen über Japan.[4, S. 15 ff].

    Die Merkmale, die angeführt werden, den WW 1 als „Totalen Krieg“ zu definieren, waren dabei vor 1914 entweder rudimentär oder voll entwickelt ,und wurden im Verlauf des Krieges zusammengeführt. Broadberry und Harrison fassen es folgendermaßen zusammen: „[WW II] was just World War I with more countries, more soldiers, more time, more guns, more death, and more destruction“ [3 S, 34]

    Heuser formuliert ähnlich: „The First World War was indeed a step towards total war both in terms of resources drawn upon and effects on the population.“ Ähnlich formuliert es Howard: „a conflict not of armies, but of populations. [12, S. 93] Und Pate haben die „Kanonade von Valmy“ gestanden, in der das Prinzip des „Volkskrieges“ seine „Feuertaufe“ bestand und im amerikanischen Bürgerkrieg die zweite Erweiterung fand, dass durch den „Abnutzungskrieg“ auch direkt gegen die Bevölkerung ein Krieg gewonnen werden kann.

    In der Folge der französischen Revolution entwickelte sich zum einen der Nationalstaat und die Fähigkeit zentraler Bürokratien umfangreich volkswirtschaftlichen Reichtum zu extrahieren: Und so formuliert Bailey im Zusammenhang mit der spezifischen Entwicklungsdynamik der militärischen Revolution (kurz „RMA“) in: „Two immense world conflicts resulted: The French War of 1792-1815 and the German War of 1914-1945.“ [1]

    Diese herausragende Rolle des Nationalismus, als formierendes Prinzips des Nationalstaates und der Ausbildung der Triade, Staatsvolk, Staatsgewalt und Staatsgebiet, wird dabei generell als ein zentrales Element der Erklärung der Außergewöhnlichkeit der beiden Weltkriege angesehen, wie beispielsweise D. Kaiser [13, S. 237] Die einheitliche Steuerung dieser zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne sind – unter anderem - die organisatorischen Voraussetzungen für die Führung eines „Totalen Krieges“.

    Im Vorfeld des WW1 kam zu deutlichen Erhöhungen der Militärbudgets, auch um sich für einen kurzen und schnellen Krieg zu rüsten, [vgl. Ausgaben für die Nationen für die Armee 9, S.237 und vgl. nationale Budgets absolut und relativ 16, S. 1-8] Diese Überlegung war die Prämisse für die Kriegsführung , da bereits Schlieffen bewußt war, welche verheerenden Auswirkungen ein Krieg auf die Wirtschaft und die Gesellschaft hat. Und so war man, nachdem sich die offensive Kriegsführung – entsprechend dem napoleonischen Paradigma der „Vernichtungsschlacht“ - an der Marne ad Absurdum geführt hat, gezwungen einen Abnutzungskrieg zu führen [11].

    Obwohl der intensive Rüstungswettlauf im Vorfeld des WW1 eine zentrale Voraussetzung für die Art der Kriegsführung in den ersten Monaten sein sollte, waren die beteiligten Nationen bis 1916 planerisch noch nicht auf eine „totale Kriegsführung“ eingestellt. [4] Es wirkte noch bis zu diesem Zeitpunkt die Fiktion des „kurzen Krieges“ nach und erst nach 1916 vollzog sich die drastische „Metamorphose“ und die Merkmale der „totalen Kriegsführung“ nahmen deutlicher Gestalt an, wie McNeill schreibt [15, S. 279ff]

    Wirft man die Frage der Definition des „Totalen Krieges“ auf, dann sind aus der Sicht von Chickering, der die Diskussion über das Thema damit resümiert, folgende Aspekte relevant: „Total war is distinguished by ist unprecended intensity and extent.“ [4, S. 16] Ähnlich bei Black, der es teilweise noch ausführt und:“ …intensity of struggle…., the range (geographical and/or chronological) of conflict, the nature of goals, and the extend to which civil society was involved in war, not only as victims but also because of an unprecedented mobilization oft he resources of societies in ordert o permit a pursuit of war that was.“ [2, Pos. 59]. Obwohl die Definitionen nicht deckungsgleich sind, sind sie durchaus kompatibel.

    Die Totalität der Kriegsführung zeigt sich vor allem an der Vermischung traditioneller militärischer und ziviler Bereiche. Deutlich wird das an der Frage der „Geburtenrate“, die im Zeitalter der Massenheere über die Wahrscheinlichkeit des Sieges bzw. der Niederlage entschied. Ein zweiter Bereich betrifft die Frage des Alphabetisierungsgrades, da die Kriegsführung an die Führungsfähigkeiten und an das technische Verständnis der Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften deutlich höhere Anforderungen stellte. Es war somit die Qualität des Bildungssystems, neben den sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen zur Ernährung einer anwachsenden Bevölkerung, die die industrialisierte Kriegsführung durch Massenheere erst ermöglichte. Es sollte aber auch auf die Fähigkeit zum sozialen Wandel einer Gesellschaft hingewiesen werden, die im WW1 beispielsweise dazu führte, in einem deutlich zunehmenden Umfang Frauen in der Rüstungsindustrie zu beschäftigen. Und somit neben der Auflösung der Dichotomie von Front und Heimat auch traditionelle Geschlechterrollen durch den „Zwang“ zur totalen Kriegsführung reformuliert wurden.

    Die Auswirkungen der konsequenten Trennung zwischen Soldat bzw. Front und Zivilist bzw. Heimat als ein Aspekt der systematischen Totalität der Kriegsführung wird am deutlichsten an dem Instrument der „Blockade“. Zum einen des DR durch die RN und zum anderen durch den „uneingeschränkten U-Bootkrieg“ gegen die Zufuhr nach GB. Für die RN war dieses Instrument, wie Lambert zeigt, ein zentraler Aspekt der britischen Kriegsführung [14].

    Diese britische Form des Handelskrieges wirkte sich langfristig auf den inneren Kollaps der „Heimat-Front“ im DR aus [8, S. 177ff] Mit den entsprechenden Rückwirkungen auf die Einschätzung der Fähigkeit zur weiteren Kriegsführung durch Ludendorff in 1918.

    1.Bailey, Jonathan B.A. (2001): The First World War and the birth of modern warfare. In: MacGregor Knox und Williamson Murray (Hg.): The dynamics of military revolution, 1300-2050. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press, S. 132–153.
    2.Black, Jeremy (2010 ©2006): The age of total war, 1860-1945. 1st Rowman & Littlefield ed. Lanham, Md.: Rowman & Littlefield Publishers
    3.Broadberry, S. N.; Harrison, Mark (2005): The economics of World War I: an overview. In: S. N. Broadberry und Mark Harrison (Hg.): The economics of World War I. Cambridge, New York: Cambridge University Press, S. 3–40.
    4.Chickering, Roger (1999): Total War: The Use and Abuse of a Concept. In: Manfred F. Boemeke, Roger Chickering und Stig Förster (Hg.): Anticipated total war. The German and American experiences, 1871-1914. Cambridge (GB): Cambridge University Press (Publications of the German Historical Institute), S. 13–28.
    5.Chickering, Roger (2006, ©2000): World War I and the Theory of Total War. Reflections on the British and German Cases, 1914 - 1915. In: Roger Chickering und Stig Förster (Hg.): Great War, total war. Combat and mobilization on the Western Front, 1914-1918. Washington, D.C., Cambridge, UK, New York: German Historical Institute; Cambridge University Press S. 35–54.
    6.Chickering, Roger; Förster, Stig (2009): Introduction. In: Roger Chickering und Stig Förster (Hg.): The shadows of total war. Europe, East Asia, and the United States, 1919-1939. Cambridge: Cambridge University Press S. 1–22.
    7. Förster, Stig (2006): Introduction. In: Roger Chickering und Stig Förster (Hg.): Great War, total war. Combat and mobilization on the Western Front, 1914-1918. Washington, D.C., Cambridge, UK, New York: German Historical Institute; Cambridge University Press S. 1–16.
    8.Fuller, J. F. C. (1992): The conduct of war, 1789-1961. A study of the impact of the French, industrial, and Russian revolutions on war and its conduct. New York: Da Capo Press.
    9. Herrmann, David G. (1997, ©1996): The arming of Europe and the making of the First World War. Princeton, N.J.: Princeton University Press.
    10.Heuser, Beatrice (2002): Reading Clausewitz. London: Pimlico.
    11.Heuser, Beatrice (2010): The evolution of strategy. Thinking war from antiquity to the present. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press.
    12.Howard, Michael (2010): Der Krieg in der europäischen Geschichte. Vom Mittelalter bis zu den neuen Kriegen der Gegenwart. 2., aktualis. und erw. Aufl. München: Beck
    13.Kaiser, David (1992): Kriege in Europa. Machtpolitik von Philipp II. bis Hitler. 1. Aufl. Hamburg: Junius.
    14.Lambert, Nicholas A. (2012): Planning Armageddon. British economic warfare and the First World War. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.
    15. McNeill, William H. (1984): Krieg und Macht. Militär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute. München: C.H. Beck.
    16. Stevenson, David (1996): Armaments and the coming of war. Europe, 1904-1914. Oxford, New York: Clarendon Press; Oxford University Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. August 2015
  18. Augusto

    Augusto Neues Mitglied

    Eben nicht. Die Napoleonischen Kriege wurden ebenfalls als "Weltkriege" bezeichnet, und enthalten, wie oben (mujeheho) ausführlich dargestellt, viele Elemente eines "totalen Kriegs" (Kontinentalsperre, levée en masse etc.)
    Ein anderer, hier noch nicht genannter "totaler Krieg" war*
    https://de.wikipedia.org/wiki/Großer_Nordischer_Krieg
    Zum Vergleich: Im zweiten Weltkrieg lagen die Bevölkerungsverluste zwischen etwa 17% (Polen, einschließlich Holocaust-Opfer), 14% (Sowietunion) und 0,3% (USA) bis 0,9% (Großbritannien einschl. Kolonien) - Deutschland-Österreich gut 8% einschließlich Vertriebener, Griechenland und ehem. Jugoslawien in gleicher Größenordnung.
    https://en.wikipedia.org/wiki/World_War_II_casualties#Jewish_deaths
    Der "totalste" Krieg war, gemessen an Bevölkerungsverlusten, wohl der Dreißigjährige Krieg - dies aber, geographisch gesehen, kein "Weltkrieg".

    * Übrigens ein gutes Beispiel für die zumindest meine Generation noch prägende verzerrte Geschichtssicht/ -bildung in preußisch-kaiserzeitlicher Tradition. Einer der "totalsten" und längsten Kriege der Neuzeit, mit erheblichen Auswirkungen auf Norddeutschland, der komplett unterhalb meines Radars geblieben war, bis mir an Häusern hier in der Gegend Schilder wie "Hier wohnte Peter der Große" auffielen, und ich mich fragte, was Peter den Großen ins ländliche Holstein verschlagen hatte.
     
  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    als General Belisar die Vandalen plattmachte, blieb von den Vandalen nicht mehr viel übrig (also sehr hoher prozentualer "Bevölkerungsverlust") - nicht viel anders war es, als General Narses den Ostgoten den Garaus machte.
    => ein Weltkrieg allerdings war weder die iustiniansche Intervention gegen Geyserich noch der Vernichtungskrieg gegen Totila und Teja.

    Die statistischen Verlustzahlen einzelner beteiligter Kriegsmächte geben keine erhellende Auskunft über die Art und Weise des Krieges.
     
  20. JetLeechan

    JetLeechan Aktives Mitglied

    Die Menschen sprachen über den Ersten Weltkrieg gar nicht so häufig als "Weltkrieg". Die Bezeichnung war vor allem im Deutschen Reich in Gebrauch. Ich habe mittels google ngram einmal verglichen, wann der Begriff Weltkrieg in der deutschen, englischen, der französischen und der italienischen Sprache in Büchern (die google eingescannt hat) vermehrt auftauchte. Sowohl für Englisch, als auch für Französisch und Italienisch ergibt sich, dass der Begriff Weltkrieg erst seit 1940 und dann nochmal seit Mitte der 50er Jahre an Beliebtheit gewinnt. 1918 war der Begriff lediglich in Deutschland heftig verwendet worden, wobei es aber auch hier einen Schub mit einsetzen des Zweiten Weltkrieges gab.

    In England und seinen Dominions war der Begriff "the Great War" (der Großen Krieg) in der Zwischenkriegszeit häufiger. In Frankreich sprach man vom "Guerre de Guerres" (dem Krieg der Kriege), dem "Grande Guerre" (dem Großen Krieg) oder dem "Guerre de 14-18". In Italien sprach man vom "Grande Guerra" (dem Großen Krieg). Eine italienisch-französische Filmproduktion von 1959 heißt entsprechend auch "La grande guerre". Auch in Deutschland war der Begriff Großer Krieg vorhanden, aber Weltkrieg war wohl üblich. In Japan wurde der Krieg stattdessen "tai-sensô" (Großer Krieg), "ôshû-taisen" (Großer Europäischer Krieg) und "sho-kokumin no sensô" (Krieg der Völker) genannt.

    In allen besagten Ländern hat sich aber, mit Abstrichen was England angeht, der Begriff Weltkrieg seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die 80er Jahre durchgesetzt.

    Es lässt sich folglich feststellen, dass der Erste Weltkrieg mitnichten als solcher von den (schreibenden) Zeitgenossen wahrgenommen worden ist. Im Falle Englands und Frankreichs würde ich vermuten, dass diese mit jahrhundertelanger "Welterfahrung" den deutlichen geographischen Schwerpunkt auf Europa sahen. Von daher war es für sie zwar ein großer, aber kein Weltkrieg. Für Italien, dass seine Kolonialisierungsbestrebungen erst nach dem Krieg begann, war es eben ein Großer Krieg. Für die Japaner war es ein großer Krieg, vornehmlich der Europäer bzw, der Völker, womit auch wieder die Europäer gemeint sind. Dass sich der Begriff Weltkrieg in Deutschland durchsetzte, hängt vielleicht damit zusammen, dass das Deutsche Reich keine große Kolonialmacht war, im Gegensatz zu Italien und Japan, aufgrund des Besitzes eigener Kolonien auf mehreren Kontinenten immerhin eine gewisse eingeschränkte und kurzsichtige Perspektive auf die Welt hatte, die über die jeweiligen Regionen, Europa und Ostasien, hinausging.

    In der Tat vernichtete der Krieg das deutsche "Weltreich" vollständig. Auch haben die Deutschen, im Gegensatz etwa zu den Briten, den Franzosen oder den Amerikanern, während des 19. Jahrhunderts keinen einzigen "richtigen" Krieg in einem anderen Erdteil geführt. Für die Entente waren die Kämpfe in Afrika und Asien lediglich größere Scharmützel im Vergleich zu der Knochenmühle Europa. Die deutschen Garnisonen in China, West- und Ostafrika waren im 4, maximal untersten 5-stelligen Bereich besetzt (einschließlich einheimischer Soldaten). Bei den Franzosen musste die Erinnerung an den sino-französischen Krieg (und an den deutsch-französischen Krieg) und bei den Briten an den Zweiten Burenkrieg noch frisch gewesen sein. Zudem hatte man vorher zahlreiche andere Konflikte in Übersee ausgetragen. Natürlich könnte man auch das Russische und das Osmanische Reich als Übersee bezeichnen, allerdings waren diese seit Jahrhunderten wichtige Mitspieler in der europäischen Diplomatie und gehörten insofern zu Europa. Das Deutsche Reich dagegen war erst wenige Jahrzehnte vorher zu seinen Kolonien gekommen und der heldenhafte Abwehrkampf wurde in den Medien breitgetreten. Eine Niederlage bedeutete, die "deutschen" Weltteile zu verlieren. Ein Sieg der Deutschen in China oder Afrika , hätte die globale Stellung Frankreich sund Englands nicht gefährdet, höchstens geschwächt.

    Wenn wir also Deine Maßstäbe anlegen würden, wäre es zweifelhaft, ob wir den Ersten Weltkrieg tatsächlich Weltkrieg bezeichnen dürften. Tatsächlich entspricht diese Herangehensweise einer, die ich in einem Seminar zu den Pariser Friedensverhandlungen vertreten habe.Eben basierend auf obigen Überlegungen. Schauen wir auf die Intensität der Kämpfe außerhalb Europas, dann ist eher von einem großen europäischen Krieg mit der ein oder anderen Schlacht im Rest der Welt zu sprechen. Schauen wir auf die Teilnehmer, so sehen wir, der überwiegende Teil der Soldaten und des Materials ist von europäischen Mächten aufgewendet worden, auch wenn zum Teil Truppen aus den Kolonien oder Dominions eingesetzt worden sind. Erst im Zweiten Weltkrieg finden intensive Schlachten auch außerhalb Europas, in Afrika und Ostasien statt und mit China, Japan und den USA waren zum ersten Mal nicht-europäische massiv an den Kriegshandlungen beteiligt. Zudem waren die strategischen Implikationen einer Niederlage auf einem Kontinent sehr viel krasser: im Ersten Weltkrieg war von Anfang an klar, dass die Deutschen in Asien überhaupt keine Chance hatten und selbst wenn die Kolonien nicht erobert worden wären, hätte das am Kriegsausgang nichts geändert. In Afrika hatte man mehr Möglichkeiten, aber auch hier waren die deutschen Mittel begrenzt, ja man konnte selbst ertragen das Lettow-Vorbeck bis zum Ende seine Guerilla-Attacken durchführte. Alliierte Niederlagen im Zweiten Weltkrieg, in Afrika oder Ostasien, hätten schwerwiegendere Konsequenzen gehabt. (Römisches Reich etc. habe ich mal ausgeklammert)

    Den Unterschied zur Herangehensweise von thanepower sehe ich darin, dass er das Gewicht auf den Wortteil "Krieg" legt, d.h. auf die Art des Krieges, während wir/ich den Schwerpunkt bei dem Wortteil "Welt" sehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. August 2015
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