Das Heliozentrische Weltbild - von wem als erstes artikuliert?

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Jimmy Brand, 25. März 2012.

  1. Cannabich

    Cannabich Gesperrt

    Gerne würde ich antworten. Allerdings lässt mich die Formulierung einigermaßen im Unklaren über die Art des Anliegens.
     
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    So wie ich es verstehe, hing der große Tycho Brahe zwischen den zwei Weltbildern.
    Einerseits war es ihm klar, dass das alte geozentrische Weltbild einerseits so nicht stimmen konnte und andererseits dem rein heliozentrischen Weltbild das Fehlen der Sternparallaxe entgegenstand.
    Er entwickelt das tychonische Weltbild, nachdem zwar die Erde ruht, aber nur von Mond und Sonne direkt umkreist werden,
    wärend sich alle anderen Himmelskörper um die Sonne bewegen.
    Mit diesem mechanischen Modell ist es ebenso möglich die Bewegungen der Gestirne zu beschreiben, wie etwa mit dem geozentrischen ptolemäischen Weltbild oder dem heliozentrischen kopernikanischen.

    Er versucht ein beschreibendes Modell zu finden welches die Widersprüche
    dieser Modelle umschifft und bildet ein Synthese beider Anschauungen.

    In der zeitlichen Einordnung:
    Ptolemäus 2. Jhd.
    Kopernikus 1473 -1543
    Tycho Brahe 1556 - 1601
    Galileo Galilei 1564-1642
    Johannes Kepler 1571-1630

    Man kann sagen, dass das ptolemäische System im 16. Jhd. zu wanken begann und nachfolgend mit Bradley und endlich Bessel in den folgenden drei Jahrhunderten stürzte.

    gar net mal lang her..

    Wir tun uns heute schwer zu verstehen, dass solche Überlegungen hohe politische Brisanz zu den Zeiten des Umbruchs hatten.
    Das kommt vielleicht daher, dass wir uns nicht in dieser Übergangszeit von Mythos zu Logos befinden.
     
  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ja, man sollte aber vor allem nicht zu streng mit den damaligen Vertretern des geozentrischen Weltbildes umgehen. Wenn man die Kräfte der Gravitation nicht kennt, kann die Erde genauso gut im Mittelpunkt stehen, wie die Sonne.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ne, freilich net.
    Man muss verstehen, dass das geozentrische Weltbild nicht einfach das Folgen des unmittelbaren naiven Eindrucks von der Natur ist,
    sondern in seiner Begründung eine erhebliche Abstraktionsleistung darstellt und zudem auf mathematisch recht komplizierte Weise mit sorgfältig durchgeführter Naturbeobachtung abgeglichen wird.
    Geozentrisches Weltbild
     
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich versteh jetzt grad nicht warum mein Link zum "Modell" irreführend wurde.
    Das tychonische Modell findet sich hier.:
    File:Tychonian system.svg - Wikimedia Commons
     
  6. Cannabich

    Cannabich Gesperrt

    Die frühe Neuzeit war eher ein Rückschritt vom (im Spätmittelalter schon bemerkenswert kultivierten) Logos zum Mythos. Die Astrologie blühte auf und die Humanisten wendeten sich tendenziell von der logisch und mathematisch untermauerten Rationalität ab und einem unkritischen Antikenkult zu. Dass eines der bekanntesten Werke dieser Zeit das "Lob der Torheit" verkündete, passt da ganz gut ins Bild.
     
  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Es mag hier Auf- und Abbewegungen immer gegeben haben.

    Mit Galilei (und Co.) aber tritt etwas Neues in Erscheinung.
    Es ist u.a. das sich durchsetzende Postulat, dass sich Naturgesetze mathematisch beschreiben und experimentell bestimmen lassen,
    und dass sie universell gültig sind, d. h. im gesamten Kosmos.
    Die Trennung der Himmelsphären wird aufgehoben und wir als Menschen finden uns nicht mehr im Zentrum einer Welt, die uns selber die Ebenbildlichkeit Gottes exklusiv gewährt.

    In der Folgezeit entwickelt sich eine langsame, aber sehr tiefgreifende, Bewusstseinsänderung hin zu einem Logos, der das mythische Weltverständnis und Weltempfinden in allen erfolgreichen Kulturen in vorher nicht gekanntem Ausmaß zurückdrängt.

    hatl

    P.S. Eine Anmerkung zur Auseinandersetzung Galilei vs. Vatikan:
    Es scheint mir mindestens naheliegend anzunehmen, dass die katholische Kirche, wiewohl sie ein hervorragender Förderer der Künste und auch der Wissenschaft war, ein Monopol der Welterklärung beanspruchte.
    Gegen die kirchliche Macht konnten, in ihrem Enflussbereich, keine revolutionären Erklärungsversuche gefahrlos in die Welt gesetzt werden.
    Galilei war sicher das Schicksal seines Zeitgenossen Giordano Bruno vor Augen.
    Und in seiner wahrhaft revolutionären Schrift "SYDEREUS NUNCIUS" findet sich (in der englischen Übersetzung) dieser Freigabevermerk:
    http://homepages.wmich.edu/~mcgrew/Siderius.pdf

    Man kann darüber spekulieren, ob Galilei erkannte wie sehr er damit an den Grundfesten des Weltbildes der Menschen in der christlichen Welt, und damit ja auch an deren sozialer Organisation, rüttelte.
    Dem Vatikan ist es wohl mit einer leichten Zeitverzögerung aufgefallen.
     
  8. Cannabich

    Cannabich Gesperrt

    Das ist nicht neu, sondern ein wichtiger Gesichtspunkt spätmittelalterlicher Theoriebildung in Oxford und Paris.

    Auch das ist nicht neu. Dass Aristoteles' spekulative Beschreibung des freien Falles falsch war, wurde sogar bereits im Frühmittelalter experimentell nachgewiesen.[/QUOTE]

    Auf diese Aufhebung war schon vor Galileo da und Galileo hat die Trennung sogar zunächst noch gegen die Jesuiten verteidigt, die ihn auf die Kometen und Supernovae hinwiesen. Die wesentlichen Weichenstellungen für die Konzeption eines von einheitlichen Gesetzen bestimmten Universums wurden im Spätmittelalter (vor allem durch Buridan und Oresme) gestellt, die in wesentlichen Punkten gegen die aristotelische Physik argumentierten.

    Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass die Position der Erde im Mittelpunkt des Weltalls als eine die besonders ehrenvolle, den Menschen hervorhebende angesehen (und deshalb weltbildlich verteidigt) worden sei (Siehe Freud's Urteil von den angeblichen drei "Kränkungen" des Menschen).

    Die Mitte des Universums galt im Gegenteil als der schlechteste(!) Platz im gesamten Universum (Siehe z.B. auch Dante, der die Hölle dort platzierte). Je weiter weg man von dieser Position kam, umso "edler" wurde die Lokation. Die himmlischen Sphären waren weit würdigere Orte als die Erde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Mai 2013
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Durch wen?
     
  10. Cannabich

    Cannabich Gesperrt

    Durch Philoponus.
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Da gibts doch einen Link?
     
  12. Cannabich

    Cannabich Gesperrt

    "For if you let fall from the same height two weights of which one is many times as heavy as the other, you will see that the ratio of the times required for the motion does not depend on the ratio of the weights [Anm.: wie bei Aristoteles vorgesehen], but that the difference in time is a very small one. And so, if the difference in the weights is not considerable, that is, if one is, let us say, double the other, there will be no difference, or else an imperceptible difference, in time, though the difference in weight is by no means negligible, with one body weighing twice as much as the other"

    Und das 1000 Jahre bevor Galileo (angeblich) seine Kugeln vom schiefen Turm von Pisa fallen ließ...
     

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