Deutsche Ostexpansion vom 10. bis 13. Jh.

Dieses Thema im Forum "Das Heilige Römische Reich" wurde erstellt von balticbirdy, 6. November 2007.

  1. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    So weit mir bekannt, sind die ostdeutschen Städte aus "wilder Wurzel" gegründet worden oder haben sich an slawische Siedlungen angelehnt.
    Wie schon gesagt, die Ortsnamen sagen auch heute noch vieles.

    Genau darum ging es mir am Anfang des Threads.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. November 2007
  2. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    ... aber eben nicht alles, wie ich bereits in Beitrag #19 (http://www.geschichtsforum.de/280960-post19.html) schrieb...
    Es kommt auf die Region an: in den Tiefländern und im Lößgebiet lassen sich anhand der Ortsnamen diesbezüglich Rückschlüsse auf bereits existente slawische Siedlungen ziehen, nicht aber an den Mittelgebirgsrändern bzw. in den Mittelgebirgen (Bsp.: Erzgebirge und Erzgebirgisches Becken), wo sich Namensgebungen deutscher Gründungen bspw. nach Flußläufen richteten, welche slawische Namen hatten. Hier gibt es sowohl Anlehnung an slawische Siedlungen (z.B. Zwickau) als auch Übernahme slawischer Flur- und Gewässernamen bei deutschen Gründungen (z.B. Glauchau, Chemnitz, Oelsnitz/Erzgeb.).
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Im Zuge der Ostsiedlung gab es zahlreiche Neugründungen von Städten, die geradezu ein Charakteristikum für diesen Prozess sind, sieht man einmal von den Rodungsbauern und den neuen Klöstern ab - meistens Zisterzienser - die benfalls die Erschließung öder Landstriche betrieben.

    Zu solchen Neugründungen zählen z.B. Stralsund (1234), Rostock (1218), Stettin (1243), Kolberg (1255), Kulm (1231), Memel (1258), Königsberg (1286) usw.

    Daneben gibt es freilich eine große Zahl von Städten und Dörfern, die auf eine slawische Ansiedlung zurückgehen, und schon durch ihren Namen slawischen Ursprung erkennen lassen.
     
  4. askan

    askan Neues Mitglied

    Königsberg? Das Königsberg am Pregel? Das war doch keine Neugründung, soweit ich weiss, was es zuvor eine pruzzische ( ein litauischer Zweigstamm) Siedlung.
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Burg Königsberg wurde 1255 vom Deutschen Orden erbaut und zu Ehren des während einer Heerfahrt anwesenden böhmischen Königs Ottokar so benannt. Im Tal unterhalb des Schlossbergs entstand bald eine Siedlung, die 1286 Stadtrecht erhielt.

    Insofern ist Königsberg also eine deutsche Gründung, die sich auch nicht an eine slawische Vorgängersiedlung anlehnte.
     
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Slawen sowieso nicht, eine pruzzischen Siedlung mit ein paar Fischerhütten wird es aufgrund der Lage am Pregel schon gegeben haben. Die sog. wendischen Hansestädte (Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald) sind planvoll gegründet und angelegt worden, es war aber immer so, dass sich eine Siedlung dort oder in unmittelbarer Nachbarschaft befand. Für den Fall Wismar (gegr. wohl 1229) ist diese nicht genau lokalisiert, aber im mittelalterl. Stadtring befand sich ein Altwismartor.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich bezweifle, ob man "immer" eine slawische Siedlung als Vorgänger ausmachen kann. Es gibt deutsche Gründungsstädte ohne eine vorangehende slawische Ansiedlung, und andere, die eine slawische Vorgängerin haben. In der ostdeutschen Siedlungsgeschichte sind beide Formen anzutreffen, und es ist siedlungsgeschichtlich nicht korrekt, eine Variante auszuschließen.
     
  8. R.A.

    R.A. Neues Mitglied

    Da stimme ich Dir grundsätzlich zu - aber hier bezog sich das "immer" ja nur auf die wendischen Hansestädte.
    Und bei dieser speziellen Gruppe Städte kann ich mir das schon vorstellen. Denn die sind ja nicht irgendwo in der Pampa gegründet worden, sondern noch stärker als bei anderen Städtegründungen spielten geographische Besonderheiten eine Rolle - insbesondere eine Küstenlage mit Möglichkeit eines Hafens (in der Regel eine Flußmündung).
    Es wäre schon fast erstaunlich, wenn sich an solchen speziellen Plätzen nicht schon immer wenigstens eine kleine Ansiedlung befunden hätte.

    Wobei "unmittelbare Nachbarschaft" ohnehin ein dehnbarer Begriff ist - z. B. wären ein Kilometer Entfernung und Lage am anderen Flußufer für uns heute eine Vorort-Situation, damals aber eine deutlich getrennte Siedlung.

    Den Begriff "Vorgänger" im Sinne von "an der Stelle der Neugründung gab es schon eine Siedlung" würde ich überhaupt eher eng auffassen, damit er noch sinnvoll sein kann.
    Das müßte m. E. eine echte Siedlung sein, nicht nur einige vertreute Hütten, und eben eine enge geographische Kontinuität.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Bei den wendischen Hansestädten ist gibt es tatsächlich eine ähnliche Situation. Ich habe hierzu das sehr zuverlässige "Handbuch der Historischen Stätten" zu Rate gezogen, wo z.B. bei Rostock, Stralsund oder Stettin wendische Siedlungen in der Nähe der Stadtgründungen erwähnt werden.

    Wie schon gesagt, ist es jedoch problematisch zu umreißen, was nun als "Vorgängersiedlung" zu gelten hat. Das Land war ja nicht menschenleer und so wird es stets in größerer oder geringerer Entfernung ein slawisches Dorf gegeben haben. Wenn aber einige Kilometer von einer solchen Siedlung entfernt eine neue Stadt gegeründet wurde, so würde ich von keiner "Vorgängersiedlung" sprechen. Die müsste - wie z.B. bei Lübeck - auf dem Boden der Vorgängersiedlung gelegen oder sich aus ihr entwickelt haben. Das ist jedoch bei den wendischen Hansestädten nicht der Fall.

    Man kann also lediglich sagen, dass schon slawische Siedler eine günstige geografische Lage nutzten, indem sie dort Siedlungen errichteten.
     
  10. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Wir ergänzen uns scheinbar. :cool:

    Zu einem guten Teil finden sich doch wirklich slawische Siedlungen in der Nähe, wenn es günstige geographische Vorbedingungen gab. Die Lage an Flüssen oder eine kleine Insel inmitten eines schwer zugänglichen Geländes wurde zumeist von Slawen wie späteren Siedlern nicht verschmäht, wurden damit auch Befestigungen ergänzt oder gar unnötig.
     
  11. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das halte ich für eine gute Entwicklung, Briso! :winke:

    Ja, wie bereits gesagt wurden geografisch günstige Plätze sowohl von den Slawen als auch von den nachfolgenden deutschen Siedlern genutzt. Generell ist festzustellen, dass man in Ostdeutschland eine überwältigende Fülle von Ortsnamen findet, die unzweifelhaft slawischer Herkunft sind. Wenn ich mir hier den Shell-Atlas anschaue, so kommt vielleicht auf drei slawische Ortsnamen ein deutscher.
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Fragt sich doch wieviele bedeutende Siedlungen es überhaupt bei den Elbslawen gab und welche Einwohnerzahl diese erreichten, um die Bedeutung für die späteren Städte in der Nähe einzuschätzen. Während mir Burgwallanlagen, Dörfer und auch eben die berühmten Tempelanlagen geläufig sind, kann ich mich momentan nicht an größere Siedlungen mit städtischem Charakter entsinnen oder dass es gar derer viele gegeben habe oder wenigstens eine Zahl, welche vergleichbar mit wenig urbanisierten Gegenden im HRR gewesen wäre.:grübel:
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Bedeutende slawische Siedlungen waren das nur selten und städtischen Charakter hatte wohl kaum eine. Zur deutschen Siedlung und zum Schicksal der slawischen Sprache sagt das "Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands":

    Liest man die Gründungsgeschichte deutscher Siedlungen und Städte, so stößt man immer wieder auf eine slawische Burg oder eine Ansiedlung, die in der näheren oder weiteren Umgebung zuvor bestanden hat. So z.B. eine Burg am Ort des nachmaligen Schwerin, eine slawische Siedlung "Alt-Wismar" 1 km rechts des späteren Wismarer Marktes oder eine kleine Siedlung der slawischen Kessiner beim späteren Rostock.

    Das alles zeigt, dass die Deutschen siedlungsgeschichtlich häufig auf den Spuren der Slawen wandelten und sei es nur aus gleichem geografischen Kalkül.
     
  14. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Man vermutet nur ungefähr die Lage, eine exakte Lokalisierung liegt nicht vor. Wo bitte schön ist rechts vom Markt...?

    PS: Ich stamme aus Wismar...
     
  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Na ja, wie wertet ihr denn Ralswiek, Wolin und Alt Lübeck? Das waren überregional bedeutsame Handwerks- und Kaufmannsiedlungen.

    Kürzlich wurde endlich das sagenhafte und lange gesuchte Reric ca. 6 km nördlich von Wismar gefunden (Nein, nicht beim Badeort Rerik, das ist wie Kühlungsborn eine Nazitaufe.). Es ist anhand der Grabungen sicher, dass Slawen, Franken und Wikinger zur Einwohnerschaft zählten. Der Ort umfasste mehrere Hektar.
    808 überfiell Dänenkönig Göttrik den Platz und siedelte die Einwohner kurzerhand nach Haithabu um. Zu diesem Zeitpunkt war auch das Sachsenland (mit Karl im Krieg) nicht entwickelter.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. November 2007
  16. askan

    askan Neues Mitglied

    Nun soweit ich weiß, berichten Wulfstan und Peter von Dusburg das Königsberg an der Stelle der "alten Burg von Tuwangste" gegründet wurde.

    Diese Name scheint noch lange geläufig gewesen zu sein, ich habe mal in einer ostpreussischen Sagensammlung den Namen "Twangste" als Hügel in Königsberg gelesen.
     

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