Die französische Bündnispolitik in Deutschland 1715-1774

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Brissotin, 25. Juni 2008.

  1. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Mir ging es beim Erweitern des Zeiraums auch nur um das Verständnis der bayrisch-österreichischen Beziehungen.

    Das stimmt, allerdings war es mit dem Tod Karls VI. auch vorbei mit der männlichen Habsburger Linie, entsprechendes Machtkalkül mag also durchaus eine Rolle gespielt haben.

    Frankreich war im Bündnis mit Bayern während des österreichischen Erbfolgekriegs auch eher halbherzig unterwegs. Warum sollten sie auch anders? Man sägt doch keine Großmacht ab, indem man einem anderen Adelshaus auf genau dessen Platz hievt.

    Damit hast du zwar grundsätzlich recht, blendest aber gleichzeitig das ganze "innerfamiliäre Hickhack" aus, das bei derartig weitreichenden Entscheidungen, wie "stelle ich mich mit oder gegen den Kaiser" durchaus eine Rolle spielt. Hinzu kommt, dass die beiden Hauptlinien (Pflaz und Bayern) bzgl. ihres Rangs durchaus auf Augenhöhe waren, ein deutliches Über-/Unterordnungsverhältnis wie bei den Österreichern war also gar nicht so gegeben. Dementsprechend entsteht natürlich auch ein gewisser Konkurrenzdruck, der innerfamilär genauso funktioniert wie außerfamiliär. Aber lass uns doch einfach mal die Wittelsbacher Herrschenden gegenüberstellen:
    • Kurfürst Karl Albrecht von Bayern - hatten wir schon pro Frankreich
    • Kurfürst Karl III. Philipp von der Pfalz - hatten wir auch pro Kaiser
    • Clemens August von Bayern, Erzbischof von Köln - hielt sich zwar aus dem österreichischen Erbfolgekrieg heraus, aber in Anbetracht all der Subsidien seitens Ludwig XV. wohl eher pro Frnakreich
    • Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach, Fürstäbtissin von Essen - neutral
    • Herzog Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken - pro Frankreich
    Also nur einmal neutral und einmal pro Kaiser. Hinter dem neutralen Standpunkt von Franziska Christine vermute ich eher die intensiven internen politischen Probleme. Das pro Kaiser von Karl III. Philipp finde ich auch nicht so verwunderlich, wenn man in Betracht zieht, dass er vor seinem Nachrücken in der Thronfolge als Offizier im österreichischen Heer während der Türkenkriege kämpfte. Danach war er Gubernator in Vorderösterreich, eine entsprechende Nähe zum Kaiserhaus und eine ebenfalls entsprechende Ferne zu Wittelbach finde ich da nicht so erstaunlich. Hinzu kommt der Ärger mit dem Kaiser im Zusammenhang mit den Protestanten in Heidelberg, der zeitlich auch noch nicht so lange zurücklag.

    Siehe oben. Was hätte Frankreich davon, die Habsburger abzusägen, damit sich die Wittelsbacher auf den nächsten dicken Ast setzen?
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Zumindest im österreichischen Erbfolgekrieg wäre ja Bayern nicht direkt in eine Riege mit Frankreich aufgerückt. Bayern sollte ja eigentlich nicht das gesamte Habsburger Territorium bekommen, sondern dieses sollte unter den Verbündeten zerstückelt werden. Frankreichs Ambitionen waren da ganz auf die österreichischen Niederlande gerichtet, was ja dann am Ende des Krieges ganz offenbar wurde - da ließ sich ja nichtmal mehr ein Hauch von Legitimation von wegen Bündnistreue vorschieben. Sachsen wollte im Grunde immer eine Landbrücke nach Polen, was freilich schon allein durch den Verbündeten Preußen und dessen Begehrlichkeiten auf Schlesien eher illusorisch war.

    Sicherlich spielte auch die Unentschlossenheit Frankreichs, bzw. die von Fleury, eine Hauptrolle. Man hatte zwar hin und her verhandelt und sozusagen den Krieg durch Versprechungen an Bayern angeheizt. Letztlich war ja auch Friedrich II. wegen solcher Versprechungen schonmal vorgeprescht. Aber andererseits hatte man auch den Habsburgern Zusagen gemacht. Fleury wollte keinen Krieg, soviel steht wohl fest. Doch gerade seine Schaukelpolitik ließ Europa in diesen Krieg hineinschlittern. Ich denke, dass die Unentschlossenheit im Handeln Frankreichs eher in der französischen Manövertaktik auf dem diplomatischen Feld begründet liegt.

    Als gegensätzliche Punkte sehe ich, mal zur Übersicht aufgelistet:
    - Fleury wollte keinen Krieg (er hatte auch die Flotte vernachlässigt, war eher ein Sparer und Sanierer)
    - Frankreich hatte es "traditionell" auf die Österreichischen Niederlande abgesehen
    - Frankreich versuchte seit dem 16.Jh. in Dtl. eine antihabsburgische Partei zusammen zu bekommen
    - der Zeitpunkt diese zu nutzen, war mit dem Tod Karl VI. da
    - Frankreich verhandelte mit den Habsburgern, versprach gar eine Unterstützung bei der Kaiserwahl von Franz Stephan


    Natürlich spielen in den Österreichischen Erbfolgekrieg auch die französisch-preußischen Beziehungen hinein.
    Eigentlich lagen Brandenburg-Preußen und die pfälzischen Wittelsbacher wegen des jülich-klevischen Erbes lange im Zwist - eine Problematik, die sich vom Vorabend des 30-jährigen Krieges bis in die erste Hälfte des 18.Jh. hinzog. Auf dem Wiener Kongress wurde das Ganze wenn man so will erledigt. Ich würde das hier erstmal nur skizzieren, wie ich es ganz grob zusammen bringe. Ich erlaube mir auch vor 1715 einzusetzen und nur bis 1740 zu gehen.
    Großer Kurfürst:
    Nach dem Dreißigjährigen wollte sich der Große Kurfürst eine Weile als Galionsfigur einer antifranzösischen Partei in Dtl. hinstellen, was auch im Holländischen Krieg zum Ausdruck kam.
    Da sich der Große Kurfürst von Kaiser und Verbündeten bei den Friedensverhandlungen im Stich gelassen sah, ging er daraufhin geheime Abmachungen mit Frankreich ein.
    Zum Ende seines Lebens hin steuerte der Große Kurfürst wieder auf ein dauerhaftes Bündnis mit den Niederlanden und dem Kaiser. Ich habe mal was von Parolen wie "Amsterdam und London" am Vorabend der Glorious Revolution gelesen.

    Friedrich I.:
    Der erste preußische König verfolgte seit seiner Kurprinzenzeit eine antifranzösische Politik. Werner Schmidt gibt als einen Grund der Charakterentwicklung von Friedrich I. an, dass der franz. Diplomat am brandenburgischen Hof stets zugunsten des Großen Kurfürsten und gegen den Kurprinzen Friedrich intrigiert habe.
    Jedenfalls befand sich Friedrich I. an der Seite des Kaisers im Spanischen Erbfolgekrieg, worin sich Preußen umfangreich engagierte und der ziemlich genau die Hälfte der Herrschaft Friedrich I. ausmachte.

    Friedrich Wilhelm I.:
    Trotz seiner enormen Abneigung gegenüber seinem Vater führte er dessen Außenpolitik weitesgehend fort. Durch den Abschluss des Span. Erbfolgekrieges wurden Kräfte frei, die er erfolgreich in den Großen Nordischen Krieg werfen konnte.
    Die Periode zwischen dem Nordischen Krieg und dem Poln. Thronfolgekrieg war von der Rivalität mit Kursachsen gekennzeichnet, was allerdings ebenso wie Preußen im kaiserlichen Lager stand.
    Preußens außenpolitische Ambitionen waren auf den Streit um das jülich-bergische Erbe ausgerichtet. Für die Beteiligung am Krieg gegen Frankreich, im Zuge des poln. Thronfolgekrieges, erwartete Friedrich Wilhelm I. eine Unterstützung durch den Kaiser in dieser Problematik. Nach dem Frieden von 1738 sah sich Friedrich Wilhelm I. in dieser Hoffnung allerdings enttäuscht - Österreich hatte beiden Parteien Offerten für ihre Kriegsteilnahme gemacht.
    Eine gewisse Rolle spielten noch die englisch-preußischen Beziehungen, die sehr wechselhaft waren. Zum einen hasste Friedrich Wilhelm I. persönlich den engl. Monarchen Georg II. (König ab 1727). Das Projekt der Doppelheirat kam nie zustande, was an beiden Seiten, aber nicht zuletzt wohl an den enormen Beleidigungen durch Friedrich Wilhelm I. gegenüber England lag.

    Friedrich II.:
    Friedrich II. tat zumindest am Beginn seiner Herrschaft 1740 so, als wolle er die selbe Politik mit den Bemühungen um Jülich und Berg fortsetzen (in der Tat war er auch späterhin auf seinen wittelsbacher "Vetter" nicht gut zu sprechen). Er hatte aber auch die französisch-bayerische Annäherung bemerkt und setzte auf diese Karten, als er Ende 1740 in Schlesien einmarschierte.
     
  3. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Das schon. Nichts desto trotz hätte es zu einer erheblichen Vergrößerung Bayerns geführt und verbunden mit den Titelweihen und der entsprechnden Rolle im Reich, hätte Frankreich einen Konkurrenten auf den Thron befördert.

    War es denn bei Fleury wirklich Unentschlossenheit? In meiner Wahrnehmung ist er eher zu "weich" und ging jeder Konfrontation aus dem Weg. Im Endeffekt ließ er sich doch von allen möglichen Leuten in irgendwelche Richtungen drängen, oder?

    Welche Taktik? Zumindest bei Fleury vermag ich keine zu erkennen. Das Festhalten Ludwigs XV. an der Person Fleury kann ich ehrlichgesagt nicht nachvollziehen. Der Mann mag ein toller Sparfuchs gewesen sein, außenpolitisch war er jedoch eine Null.

    Hatte Franz Stephan nicht auch bourbonische Vorfahren? :D

    Ergänzend zu deinen Ausführungen bzgl. des Erbschaftsstreits um Jülich-Kleve-Berg: Preußen spekulierte im hier betrachteten Zeitraum explizit auf das Herzogtum Berg (Vertrag von Wusterhausen zwischen Friedrich Wilhelm und Karl Albrecht). Österreich erkannte diese Erbfolge im Gegenzug zum preußischen Anerkennen der Prgamtischen Sanktion an. Gleichzeitig hatte aber Österreich mit den Pfälzern eine entsprechende Nachfolge schriftlich fixiert. Wobei Friedrich II. 1742 auf die Nachfolge formal verzichtet hat.
     
  4. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    Ich denke, eigentlich wollte er den Frieden, welcher mit einer raschen Anerkennung von Maria Theresia und Franz Stephan am ehesten erreicht hätte.
    Ob Fleury innerhalb dieses Kurses "umfiel" kann ich nicht sagen. Es könnte auch sein, dass er gegen die Kriegspartei machtlos war. Letztlich lag ja wohl die Entscheidung ob Krieg oder nicht, also pro oder contra Bayerischer Erbfolge in Österreich, bei Louis XV, der auch beileibe dem Alter nach kein Kind mehr war (sondern um die 30).
    2.
    Wer Louis XV besonders strahlend erscheinen lassen möchte, schiebt alle Schuld Fleury zu.
    Im Grunde war ja aber nicht er Außenminister sondern Jean-Jacques Amelot de Chaillou. (Über dessen "Linie", wenn er denn eine verfolgte, weiß ich leider aus dem ff nichts.)
    Man könnte sagen, dass Fleury als Premierminister zuständig war. Aber pro forma gab es diesen Posten nicht. Stattdessen hatte Louis XV ja nach außen hin selber diese Funktion kassiert bzw. persönlich inne. Dass Fleury aber de facto den Posten einnahm, steht auf einem anderen Blatt. Eben weil aber eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte, dürfte es für uns heute eine bestimmte Unübersichtlichkeit geben. Wo waren die Befugnisse?
    Grundsätzlich sagen manche Biografen, dass es mit dem Talent von Fleury für die Regierungsgeschäfte zum Ende seiner "Herrschaft" bergab ging. Er war ja auch schon 87 um 1740. Es kann auch sein, dass ihm die Zügel in der Phase entglitten. Da will ich mich nicht zu weit zu einer Beurteilung seiner Fähigkeiten aus dem Fenster lehnen.

    3.
    Seine Mutter stammte aus dem Hause Orléans und war eine Tochter des Bruders von Louis XIV! Also viel näher verwandt mit dem französischen Königshaus geht es wohl kaum.
    Dennoch scheint es mir, dass sich die Herzöge von Lothringen generell eher primär auf ihr Herzogtum bezogen sahen und Frankreich als das sahen, was es war: ein großer Nachbar mit enormen Länderhunger, nicht zuletzt an seiner Ostgrenze.

    Für mich ist das immer so eine Frage in wie weit man auf die teilweise nahen verwandtschaftlichen Beziehungen dann außenpolitisch überhaupt Rücksicht nahm. Mir scheint das, allerdings auch schon für die Zeitgenossen, eine Chimäre gewesen zu sein. Am ehesten sah man darüber die potenzielle Chance Erbansprüche geltend zu machen oder sich in die Belange des "kleinen Vetters" einzumischen.:devil:
     
  5. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Interessehalber: Gibts eigentlich eine gute Biographie zu Fleury?
    Ursprünglich hat er die Pragmatische Sanktion ja unterstützt, ist aber 1740 umgefallen und das ohne die wirkliche Not dazu gehabt zu haben - oder zumindest erkenne ich diese nicht. Zunächst waren da ja nur Sachsen und Bayern, die eigene Ansprüche anmeldeten. Und klar lag die endgültige Entscheidung bei Ludwig, doch hatte er scheinbar an Fleury einen solchen Narren gefressen, dass der König selbst seinen Premierminister vom Hof jagte, weil Fleury sich auf den Schlips getreten fühlte, dementsprechend würde ich ihm schon einen entsprechenden Einfluss auf die Politik Ludwig XV. zugestehen.

    Das ist nicht meine Absicht, so schillernd finde ich Ludwig XV. nämlich auch nicht.

    Fleury war Kardinal und stand damit sowieso schon mal über den Ministern.

    Das ist auch etwas, was ich definitiv nicht verstehe. Ludwig XV. hat Fleury den Posten zweimal angeboten. Einmal schlägt Fleury den Prince de Condé vor, gibt aber zu allem seinen Senf dazu, dem Prince ist er dann wegen weißichnichtwas beleidigt, als er sich weigert sich bei Fleury zu entschuldigen, verweist Ludwig den Prince des Hofs, bietet Fleury den Posten wieder an, der lehnt wieder ab, murkst aber trotzdem dauernd mit rein.

    Es sind für mich nicht nur die Befugnisse, sondern eben auch dieses große Fragezeichen im Zusammenhang mit der Haltung Fleurys und dieser fast schon bezeichnenden abhängigkeit Ludwig XV. die für mich nicht nachvollziehbar sind.

    Für die Unterstützung der Pragmatischen Sanktion hat Lothringen ja immerhin als Trostpflasterl hergehalten. ;)

    Genau so würde ich das auch beurteilen.
     
  6. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Da schwirrt einem ja der Kopf, wenn man da so mitliest. Mir ist ja schleierhaft, wie man Neuere Geschichte betreiben kann, all die Namen kann sich doch keiner merken.

    Hat Frankreich eigentlich versucht, über die polnische Teilung Einfluß auf das Reich zu nehmen?
     
  7. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    1.
    So ging es mir, als ich mal angefangen habe Herodots Werke zu lesen. Man braucht erstmal einen Kompass, um die Beziehungsgeflechte der Personen zueinander zu begreifen, um sich dann zurecht zu finden.

    2.
    Das ist mir noch nicht untergekommen.

    Ich würde es eher umgekehrt sehen: Frankreich wollte durch den Einfluss auf das Reich, den es traditionell, z.B. durch die Rolle als Garantiemacht des Westfälischen Friedens, besaß, der polnischen Teilung entgegen wirken.

    Oder meinst Du jetzt mit dem Wort "Reich" das polnische Königreich?
     
  8. AnDro

    AnDro Neues Mitglied

    Frankreich, Kurköln und der Polnische Erbfolgekrieg

    Kurköln ist ein diffiziler Fall. Nach dem territorialen Ausmaß seines Herrschaftsgebiets und den Einnahmen war Clemens August einer der mächtigsten Landesherren im Heiligen Römischen Reich. Seiner Handlungsfähigkeit waren jedoch durch die Rheinischen Erblandesvereinigungen, dem Grundgesetz des Kurfürstentums, enge Grenzen gesetzt. Der Kurfürst durfte ohne Zustimmung der Landstände keinen Krieg führen und bedurfte für die Erhebung von Steuern ebenfalls ihrer Zustimmung. Insofern war Clemens August evtl. gar nicht in der Lage dem Krieg auf Seiten Frankreichs beizutreten.

    Während des Polnischen Erbfolgekrieges agierten die Wittelsbacher mehr oder weniger im Sinne Frankreichs. Kurköln versuchte im Oktober 1733 den Reichskrieg gegen Frankreich zu verhindern. Im Januar 1734 wurde auf fünf Jahre ein Bündnis mit Frankreich geschlossen mit folgendem Inhalt:

    • Kurköln wiederruft die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion
    • Frankreich verspricht Kurköln im Falle eines Krieges beizustehen
    • Clemens August erhält Subsidien in Höhe von 300.000 Florin jährlich und muß dafür 10.000 Soldaten aufstellen und die französischen Interessen in den Grenzen der Reichskonstitution vertreten (Geheimartikel)
    Dieses Bündnis war reichsrechtlich zulässig. Die Wittelsbacher scheiterten dann jedoch im März 1734 daran den Reichskrieg zu verhindern. Clemens August stellte im Zeitraum 1733-34 tatsächlich die im Bündnis mit Frankreich vereinbarten 10.000 Mann auf, verfolgte jedoch mit dieser durchaus beachtlichen Truppenansammlung eine Politik der bewaffneten Neutralität. Damit hielt er die Abmachungen mit Frankreich ein.

    Der Kaiser erwartete angesichts des Reichskriegs die Stellung von Kontingenten Kurkölns zur Reichsarmee. Dafür wären knapp 3000 Mann nötig gewesen. Angeblich benötigte Kurköln die Truppen jedoch zur Verteidigung der festen Plätze des Landes und war entsprechend nicht in der Lage sein Kontingent zur Reichsarmee zu stellen. Dieser Vorwand war angesichts der Größe der kurkölnischen Armee leicht zu durchschauen und löste im Reich befremden aus.

    Die kurkölnischen Stände waren erst in der Annahme, dass die Aufrüstung im Lande im Rahmen der Entsendung eines Kontingents zur Reichsarmee stattfand. Als klar wurde, dass Clemens August sich nicht am Reichskrieg beteiligen wollte, verweigerten die Stände die weitere Finanzierung der Truppen. Das Verhalten Kurkölns war also weder für Frankreich oder den Kaiser befriedigend und traf noch dazu bei den Ständen auf Opposition. In Frankreich erwartete man vermutlich auch mehr als Neutralität.

    Die Stände in den Territorien von Clemens August waren von der Politik ihres Landesherrn nicht begeistert: Münster und Paderborn drängten gegenüber Clemens August auf die Entsendung des Kontingents zur Reichsarmee und führten gegenüber dem Kaiser wegen der Zurückhaltung der Truppen Beschwerde. 1734 marschierte dann schließlich aus Paderborn das Regiment Schorlemer als einzige kurkölnische Einheit zur Reichsarmee. Das Resultat der Neutralitätspolitik war, dass in die westfälischen Besitzungen von Clemens August 1734/35 preußische Truppen in die Winterquartiere gelegt wurden.

    Clemens August hatte gegen Ende des Krieges 1735 schließlich mit Geldnot, Einquartierungslasten, Opposition im eigenen Land und mangelnder Unterstützung von Frankreich zu kämpfen. Ein 1734 neu aufgestelltes Regiment musste z.B. schon Anfang 1735 wieder aufgelöst werden.

    Literatur:

    • Herbert Grote: Die Politik Kurkölns im Polnischen Erbfolgekrieg (1733-35), Gummersbach 1932.

    • Aloys Winterling: Der Hof des Kurfürsten von Köln 1688-1794. Eine Fallstudie zur Bedeutung "absolutistischer" Hofhaltung, Bonn 1986, S. 60-61.
    Paderborn in der Gudenushandschrift:
    Der junge Offizier, Philipp Franz von Gudenus zeichnete 1734 die Kontingente der Reichsarmee am Rhein. Darunter auch Paderborn, folglich das erwähnte Regiment Schorlemer:
    http://upload.wikimedia.org/wikiped..._Soldat_Gudenushandschrift_1734_Karlsruhe.jpg
     
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  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Der schwäbische Kreis und Frankreich (1714-1733)

    Einen ähnlich schwierigen Kurs wie Kurköln fuhr offensichtlich der schwäbische Kreis. Zumindest eine gewisse Partei im Kreis versuchte, dass der Kreis außenpolitisch eigene Wege ging, freilich teilw. mit Unterstützung der Assoziation mit dem Fränkischen und Oberrheinischen Kreis. Gewisse Kräfte im Reich nahmen sogar Verhandlungen mit den Seemächten auf, die sich letztlich wohl auch wegen der Uneinigkeit im Kreis wieder zerschlugen. Die Kreisassoziation war bspw. schon damit entwertet worden, dass der Österreichische Kreis beigetreten war, der nichts zur Entlastung der anderen Kreise zu tun gewillt war - das betraf vor allem die Besetzung und Unterhaltung der beiden Reichsfestungen Philippsburg und Kehl durch die am Rhein gelegenen Kreise und Franken - bzw. die Kreise zu stark prokaiserlich beeinflussen wollte.
    Der schwäbische Kreis war nach dem Spanischen Erbfolgekrieg in einer schwierigen Lage. Die über 12.000 Mann Kriegsstärke hatte der Kreis ohnehin während des Krieges nie erreicht. Das Kreisheer hatte etwa 9.000 Mann betragen. Kaiser und Württemberg drängten nach dem Krieg nach Kräften darauf, dass die Kreistruppen wenigstens halbwegs stark gehalten wurden. Zunächst einigte man sich auf 6.000 Mann Friedensstärke, die aber rasch auf 5.000 Mann herabsank. Im Grunde folgte man mit den offiziellen Zahlen aber lediglich den ohnehin entstehenden Fakten. Soldaten wurden von unwilligen Kreisständen nicht ersetzt und so sank die Zahl bevor eine Reduktion beschlossen wurde zumeist ohnehin schon auf diese Zahl. Ein Widerstreben Württembergs die Kavallerie zu schwächen, drang letztlich ebenfalls nicht durch. 1732 kam das Kreismilitär auf eine Stärke von 4.000 Mann und das obwohl der Kreistag immer wieder ein Auffüllen der Regimenter beschlossen hatte und schon ab 1727 zusehends eine erneute Kriegesgefahr empfunden wurde. Am Vorabend des Poln. Thronfolgekrieges musste sich der Herzog von Württemberg sogar in die Auflösung eines Regimentes des Kreisheeres fügen.
    Mit einer solchen "Streitmacht" war freilich keine irgendwen beeindruckende Außenpolitik mehr zu hinterfüttern.

    Das strukturelle Problem war, dass vor allem die Prälaten und Städte kein bzw. bei Letzteren nur wenig Interesse an Militär hatten. Die Reichsstädte hatten zumindest in gewissem Maße Verwendung für die Kreistruppen in Friedenszeiten als Wachsoldaten. Ein wenig größer war auch das Interesse der Städte als der Prälaten, weil ein Teil der Bürgerlichen ebenfalls eine Karrierechance in der Reichsarmee sahen (das Offizierskorps der Kompanie von Schwäbisch Hall z.B. bestand im Siebenjährigen Krieg offenbar nur aus Bürgerlichen).
    Das Interesse der Grafen und Fürsten am Reichsmilitär beruhte in noch stärkeren Maße in den Möglichkeiten Sprösslinge als Offiziere unterzubringen. Sie erreichten auch, dass ein überproportionaler Teil der Armee aus Offizieren bestand und auch unglaubliche Mengen an Generälen eingestellt wurden (bei maximal 4 Infanterie und 2 Kav.regimentern, die sicher ein General allein hätte kommandieren können). Württemberg versuchte aber bis auf die mächtigsten der Fürsten wie die Fürstenbergs, die beim Kaiser und bspw. in Sachsen lange hoch im Kurs standen, den Einfluss dieses Adels klein zu halten.

    Letztlich war es aber nur Württemberg, das hinter dem Kreismilitär politische Ambitionen hatte. Der Herzog Eberhard Ludwig, der den Posten des Kommandos über die Festungen inne hatte, war auf ein "starkes" Kreisheer angewiesen, weil die Stände generell anderes Militär außer die Kreistruppen zu finanzieren verwehrten. Die Reputation Württembergs und dessen politisches Gewicht sah der Herzog letztlich ganz richtig v.a. in einem zumindest halbwegs beachtlichen Militär begründet. Um nun vom Kreismilitär nach innen wie außen optimal zu profitieren, brachte er folgende Vorschläge ein:
    1. von den Regimentern sollten vor allem die Offiziere und Unteroffiziere auch im Falle der Abrüstung bleiben, wobei die gestrichenen Mannschaftsstellen die Off.stellen finanzieren sollten. Dies sollte dazu dienen, dass im Kriegsfall schonmal zumindest ein funktionierendes Offizierskorps existierte (m. E. mit dem Nachteil, dass dieses keine Verbände hatte, an denen es das eigene Wissen unterdes hätte auffrischen könnnen).
    2. die Kreistruppen sollten möglichst konzentriert zusammen gehalten werden, was in Kehl und Heilbronn geschehen sollte. Ganz richtig vermutete der Herzog, dass die auf die Stände verstreuten wenigen Soldaten so gut wie garnicht exerzieren würden.
    3. es sollten die besten Soldaten bleiben und überproportional die schlechteren ausgemusterte werden. Weil die Württemberger bei dem hohen Interesse des Herzogs an seinen Soldaten die besten waren, hätte dies eher gehießen, dass geschlossene Verbände zusammen blieben.
    4. es sollte generell ein starkes Militär zusammen bleiben, um die Verteidigungsfähigkeit des Kreises im Kriegsfall insbesondere angesichts der exponierten Lage am Rhein zu gewährleisten.
    -> Insgesamt zeigt sich, dass sich Württemberg mit diesen Positionen fast nicht durchsetzen konnte. Das Kasernieren von Kreistruppen gelang nur in Kehl. Die Heilbronner beschwerten sich über die Belastungen. Sukzessive verlor das Kreisheer doch Stärke, entgegen aller Beteuerungen letztlich wegen der Dringlichkeit der Lage doch auf die ohnehin per Reichsbeschlüssen festgelegte Friedensstärke von 1 1/2 Simplum.

    Statt einer selbstständigen Politik, welche Frankreich gegen eine Übermacht des Kaisers hätte ausspielen können, gingen dem Kreis alle Optionen auf die Dauer verloren und er beschränkte sich auf die Besetzung der Reichsfestung Kehl und eine defensive Haltung gegen Frankreich. Von den hochtrabenden Plänen v.a. Württembergs im Kreisverband gar auf Friedenskongressen wie in Baden 1714 (wie um den Status von Donauwörth) mitzuverhandeln blieb fast oder garnichts mehr übrig. Man zerstritt sich ja schon darüber, wer ein paar Gesandte bezahlen sollte, weil die kleineren Kreisstände ohnehin kein Interesse an einer überregionalen Politik hatten.
     

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