Die Kreuzzüge als Antwort auf die islamische Expansion

Dieses Thema im Forum "Rittertum und Kreuzzüge" wurde erstellt von immer so, 18. August 2005.

  1. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Hallo, ich habe gerade in dem Beitrag "Steven Runciman..." die folgende Aussage gefunden:


    Aktion - Reaktion - und die Kreuzzuege warn halt eine Reaktion auf 400 Jahre islamische Eroberung von christlichem Gebiet (Zitat "Merowig")

    Eine interessante Behauptung, die durchaus Stoff für eine ausführlichere Diskussion bietet.

    Voraussetzung sollte hierbei meiner Meinung nach die Begrenzung des Raumes - und damit auch des Begriffs "Kreuzzüge" - auf den Mittleren Osten sein; als zeitliche Begrenzung schlage ich das Ende des 13. Jh. vor, als die Auflösung der Kreuzfahrerstaaten im wesentlichen abgeschlossen war.
    Einzelne, eher unbedeutende Ausnahmen möchte ich dabei ebenfalls vernachlässigen, wie etwa das Inselchen vor Tartus, auf dem sich einige Jahrzehnte noch Ordensritter verschanzt hatten.

    Als erste Anregung folgende Stichpunkte:

    In welcher Weise erfolgten die islamischen Eroberungen im 7.Jh.: Wie wurde Jerusalem genommen, und wie war "die" christliche Reaktion darauf?

    Was für unmittelbare und längerfristige Folgen ergaben sich für die einheimische christliche Bevölkerung?

    Was können die Gründe und die Auslöser des ersten Kreuzzugs gewesen sein, und galten diese auch noch für die späteren Kreuzzüge?

    Andersherum: Welche Merkmale wiesen die Eroberungen der Kreuzfahrer auf, und was waren die Folgen für die Bevölkerung, christlich, jüdisch, muslimisch?

    Schließlich:
    Wie konnten die Kreuzfahrer zu einem so schlechten Ruf gelangen (heutzutage), wenn sie doch für eine gute Sache kämpften?

    Wofür kämpften sie im einzelnen - Stichwort Reynald de Chatillon, Gottfried von Bouillon, Ludwig der Heilige, Kaiser Friedrich II. als Fallbeispiele ?


    So, ich hoffe auf eine fruchtbringende Diskussion und neue Anregungen!
    Bis dann!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Gar nicht mal so neu. A.P. Bronisch z.B. stellt in seiner Arbeit Reconquista und Hl. Krieg fest, dass die Kreuzfahrerorden ihr Vorbild z.B. bei den Almoraviden gefunden hätten, und, dass es ohne die Kombination von Ğihad und des bellum iustum möglicherweise gar keine militärischen Kreuzzüge gegeben habe (die Ursprünge haben also durchaus unterschiedliche Quellen).

    Jerusalem wurde nicht von den Muslimen erobert, sondern friedlich übergeben. Da in der Stadt hauptsächlich Christen lebten, wird sie auch von Christen übergeben worden sein. Umgekehrt wurde bei der Eroberung 1096 ein regelrechtes Blutbad angerichtet, bei dem nicht unterschieden wurde, ob man Mann oder Frau, Greis oder Kind, Jude, Muslim oder Christ neidermetzelte.
    Christen und Juden gehören in muslimischen Ländern des Mittelalters zur dhimma (Gemeinschaft der Schutzbedürftigen) und zahlen die gleichnamige Sondersteuer.

    Sowohl christliche, als auch muslimische Quellen sind sich einig über die Greuel der Kreuzfahrer. Es hat auch von christlicher Seite schon im MA Widerstand gegen die Kreuzzüge gegeben, wenn auch verhalten und nicht unbedingt von interreligiöser Toleranz geprägt. Nicht zuletzt müssen sich die Kreuzfahrer vorwerfen lassen, politisch manipulierbar gewesen zu sein - ich denke da etwa an die Plünderung von Konstantinopel, oder an den Angriff auf das verbündete Damaskus, um wenigstens noch einen Teil Beute zu machen.

    Die meisten Kreuzfahrer waren m.W. minder privilegierte Personen, Sprösse kleiner Adelshäuser, die nicht erbten, aber militärisch geschult waren. Die Kreuzzüge boten ihnen die Möglichkeit etwa aus dem Schatten der älteren erbberechtigten Brüder hervorzutreten und ihr eigenes Lehen zu erobern.
     
  3. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo miteinander,

    wesentliche Dinge hat El Quijote schon dargelegt, und ich möchte auch an dieser Stelle nicht mehr tun, als diese noch etwas zu ergänzen und weiter auszuführen :fs:

    Zunächst gebe ich zu bedenken, daß die Behandlung dieses Themas angesichts der Betrachtung eines Zeitraumes von knapp 700 Jahren (erste Erweiterungen des islamischen Machtbereiches im 2. Viertel des 7. Jh. bis zum Ende der Kreuzfahrerstaaten zum Ende des 13. Jh.) äußerst komplex ist. Zur Verdeutlichung: wenn ich von heute knapp 700 Jahre zurückblicke, sind die Johanniter gerade dabei, von Zypern aus die Insel Rhodos zu erobern, während Philippe IV. de Capet den Templern den Garaus macht :grübel:

    Auch diese Stichpunkte bestreichen z.T. längere Zeiträume mit differenzierten Entwicklungen und differenzierten Beteiligten, so daß deren Beantwortung nicht minder aufwendig ist.

    Grob gesagt entsponnen sich die arabisch-islamischen Eroberungen im Nahen/Mittleren Osten bzw. die Erweiterung des arabisch-islamischen Machtbereiches in dieser Region an den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Byzantinischen Reich, was dann sogar 674/78 in Angriffen auf Byzanz (Konstantinopel) selbst seinen Höhepunkt findet.
    Die Byzantiner waren natürlich über den Verlust ihrer Provinzen wenig glücklich, allerdings wohl eher aus machtpolitischen denn religiösen Gründen.
    Den Christen im Abendland (westl. Europa) dürfte es - soweit sie davon erfuhren - eher gleich gewesen sein, solange die Pilgerreisen nach Jerusalem weiterhin möglich waren.

    Das Arabische Kalifat tolerierte die christliche wie auch die jüdische Bevölkerung jener Gebiete; sie wurden nicht bekehrt oder zur Annahme des Islam gezwungen, unterlagen aber - wie bereits angesprochen - einer Sonderbesteuerung. Was natürlich im Einzelfall durchaus den Übertritt zum Islam aus ökonomischen Gründen zur Folge haben konnte.
    Als allerdings das Kalifat sich etwa ab 800 in Teilreiche aufzulösen beginnt, gibt es vereinzelt in den folgenden Jahrhunderten auch Übergriffe auf die nichtmuslimische Bevölkerung bzw. Teile dieser. Dies sind jedoch wirklich Einzelfälle!

    Da kommen im 11. Jh. einige Dinge zusammen, die ich in Kürze nur nennen will:
    1. Unter dem fatimidischen Kalifen von Kairo, Al-Hakim (995/1021), wird die religiöse Toleranz aufgegeben - zum ersten Mal damit auf dem gesamten Gebiet eines islamischen Reiches (Anm. d. Verf.: das Fatimidenreich erstreckte sich damals etwa von Tunesien bis Syrien)!
    Öffentliche Prozessionen und kultische Handlungen von Christen und Juden werden verboten; im Jahre 1009 wird gar die Grabeskirche von Jerusalem zerstört, aber auch andere christliche Gebäude fallen dem zum Opfer oder werden geplündert.
    2. Im Jahre 1054 zerbricht am Gegensatz bzw. den Gegensätzen zwischen dem Papst in Rom und dem Patriarchen von Konstantinopel die Einheit der Christen.
    3. Die Seldschuken dringen - von Mittelalsien kommend - über Choresm (heutiger Irak) nach Syrien (Groß-Seldschuken) bzw. nach Kleinasien vor (Rum-Seldschuken).
    3.a. Die Rum-Seldschuken siegen gegen die Byzantiner in der Schlacht bei Mantzikert (1071) und drängen dieses bis auf einige schmale Küstenstreifen in Kleinasien zurück, was den byzantinischen Kaiser zu einem Hilferuf ins westliche Europa veranlaßt.
    3.b. Die Groß-Seldschuken dringen in Syrien und Palästina weiter vor und geraten dadurch mit den ägyptischen Fatimiden aneinander: Syrien und Palästina werden damit zu einer Art "Machtvakuum".
    4. Das Reformpapsttum (1046/75) im westlichen Europa führt - wieder sehr grob formuliert - zu einem Aufschwung der kirchlichen Authorität und zu einer tieferen Frömmigkeit.

    Daraus erwachsen folgende Konsequenzen, die zu jener Zeit die Kreuzzugsbewegung als eine neue Form der Pilgerfahrten ins Heilige Land (denn die Zeitgenossen sprechen immer von "bewaffneter Pilgerfahrt" und erst spätere Generationen vom "Kreuzzug") werden lassen:
    1. Es entspricht sowohl dem Denken der Menschen jener Zeit wie auch ihrer Frömmigkeit, die Heiligen Stätten der Christenheit aus den Händen der "Ungläubigen" zu befreien.
    2. Die Uneinigkeit bzw. sogar Rivalität der regionalen und lokalen Machthaber in Choresm, Syrien und Palästina erscheint günstig für militärische Aktionen von christlicher Seite - egal, ob von Byzantinern oder Westeuropäern. Byzanz verfügt nur selbst nicht über ausreichend Kräfte, weswegen der Kaiser eben auch Ritter aus dem Westen zu Hilfe ruft.
    3. Das Vertrauen in kirchliche Authoritäten im (kath.) Europa ist gefestigt; vor dem Hintergrund des eben erfolgten abendländischen Schismas sieht das Papsttum - ganz machtpolitisch - die Gelegenheit gekommen, in den Gebieten des Orients Einfluß zu gewinnen und - kirchenpolitisch - die Christenheit wieder zu einen (unter römischer bzw. lateinischer "Vorherrschaft").

    Da der daraus erfolgte 1. Kreuzzug erfolgreich ist (Eroberung Jerusalems und Staatenbildungen), sind die nachfolgenden Kreuzzüge eher Reaktionen auf die dort ablaufenden Ereignisse.
    Der 2. Kreuzzug (1147/49) dient der Rückeroberung Edessas, welches 1144 von Imadeddin Zenghi erobert wurde; das Ziel wird nicht erreicht.
    Der 3. Kreuzzug (1190/93) dient der Rückeroberung Jerusalems, das 1187 von Saladin erobert wurde; er weist Teilerfolge auf, wenngleich Jerusalem in islamischer Hand bleibt.
    Der 4. Kreuzzug (1202/04) soll Eroberungen in Ägypten zum Ziel haben, wird jedoch vom Dogen von Venedig mißbraucht, um sich in Thronkämpfe des Byzantinischen Reiches einzumischen und zugleich die Position Venedigs in Byzanz zu stärken. Deshalb erobert der größte Teil des Kreuzfahrerheeres für den Dogen Konstantinopel und verwüstet damit eine christliche Stadt :mad:
    Der 5. Kreuzzug (1228/29) dient wieder der Eroberung Jerusalems, welches auf dem Verhandlungswege zurückgewonnen wird.
    Der 6. Kreuzzug (1248/54) geht erneut gegen Ägypten, nachdem Jerusalem 1244 erneut verlorengegangen ist und die von Christen beherrschten Gebiete Palästinas weiter eingeengt wurden. Dieser Kriegszug scheitert nach Anfangserfolgen.
    Der 7. Kreuzzug (1270) soll wieder gegen Ägypten gehen, doch Charles d'Anjou lenkt ihn gegen Tunis; der Zug endet in einer Katastrophe.

    Für die Eroberung Jerusalems hat dies El Quijote bereits geschrieben, und ich habe dem auch gar nichts hinzuzufügen.

    Bezüglich der Bevölkerung in den Gebieten der lateinischen Kreuzfahrerstaaten lassen sich folgende Dinge grundsätzlich - und etwas stark verallgemeinert - feststellen:
    1. Die orientalischen Christen mussten "nur" die Dominanz der "Lateiner" ertragen, was ihnen allerdings nicht sonderlich zu behagen schien.
    2. Jüdische Bevölkerung gab es im Nahen/Mittleren Osten zu jener Zeit nur punktuell, d.h., vereinzelt in größeren Städten - sie galten aber wie im westlichen Europa auch als Unfreie.
    3. Die muslimische Bevölkerung wurde mW nach nicht zwangsbekehrt, sondern befand sich ebenfalls in einem Status, der dem des Unfreien bzw. sogar des Sklaven entsprach.

    Ich denke, daß da noch einige Aufarbeitung und kritische Prüfung bisheriger Historikerurteile vonnöten ist; es ist nämlich mE nach schwierig, von unserem durch den Humanismus geprägten Weltbild das Tun und Handeln der Menschen jener Zeit zu ergründen.
    Nichtsdestotrotz hat es - wie von El Quijote ebenfalls schon behandelt - auch von christlichen Zeitgenossen bereits genügend Kritik an den Kreuzzügen gegeben.
    Bezüglich Greueltaten nahmen sich übrigens aber beide Seiten gar nicht so viel, denn dazu haltet Euch doch nur einmal vor Augen, wie Saladin mit den besiegten Kämpfern (und ich meine damit jetzt nicht Rainald de Chatillon, Gerard de Ridefort und Guy de Lusignan) nach der Schlacht bei Hattin umgegangen ist. Das stimmte sogar seinen Sekretär und Biographen arg befremdlich, der ansonsten ja nur voll des Lobes über seinen Herrn ist...

    Ich finde die Auswahl aus verschiedenen Gründen interessant, wiewohl ich auch andere unbedingt betrachten würde; aber bleiben wir erst einmal bei den Genannten...

    Und ich erlaube mir, die vier Beispiele chronologisch abzuhandeln ;)

    Gottfried von Bouillon (um 1060/1100)
    Im Gegensatz zu den anderen Heeresführern des 1. Kreuzzuges hatte er "zuhause" Land und Titel, war Markgraf von Antwerpen und Herzog von Niederlothringen.
    Laut den Quellen war er ein Mann von tiefer religiöser Frömmigkeit, was ihn - neben dem nicht minder unbedeutenden Fakt, daß er sich als Reichsfürst nicht durchsetzen konnte - veranlaßte, dem päpstlichen Aufruf Urbans II. zu folgen.
    Er war also durchaus davon überzeugt, ein gutes i.S.v. gottgefälliges Werk zu vollbringen, wenn er mit seinen Bewaffneten Jerusalem "aus den Händen der Ungläubigen" befreite.
    Daß er später zum ersten Oberhaupt des Reiches von Jerusalem gewählt wurde, hatte aber damit nichts zu tun, sondern resultierte aus seinen Führerqualitäten, mit denen er sich den Respekt der Mehrheit der Kreuzfahrer "erarbeitet" hatte.
    Begünstigend war wohl außerdem der Umstand, daß Boemund di Taranto mit einem großen Teil seiner Normannen sich bereits zum Herrn von Antiochia aufgeschwungen hatte und gar nicht mit nach Jerusalem gezogen war.

    Rainald de Chatillon (um 1120/87)
    Er war ein nachgeborener Sohn des Grafen de Chatillon und paßte somit durch seine Herkunft in das typische Schema der europäischen Adligen, welche im Heiligen Land damals ihr Glück suchten (Macht, Besitz, Ruhm, ...).
    Er galt als verwegen und raffgierig sowie als vollkommen skrupellos - und das sowohl bei Christen wie bei Muslimen.
    Auf Ehre, Ideale und edle Motive gab er wohl nicht viel, denn keiner wechselte bspw. bezüglich Byzanz so oft die Fronten wie er.
    Laut den Berichten soll er äußerlich recht ansehnlich und attraktiv gewesen sein, was ihm einigen Erfolg bei Frauen - v.a. denen aus den herrschenden Häusern im Heiligen Land - einbrachte.
    Rainald de Chatillon kämpfte grundsätzlich für vieles: für Titel, die Macht bedeuteten, und die zugehörigen Besitzungen, und auch für Gold und Beute, denn beim Plündern war er keineswegs zimperlich. Aber für eines kämpfte er gewiß nicht - und hebt damit IMHO doch von vielen seiner Zeitgenossen ab: er kämpft bestimmt nicht für gottgefällige Werke.

    Friedrich II. von Hohenstaufen (1194/1250)
    Wer und was er war, brauche ich wohl hoffentlich nicht noch darzulegen... daß er der einzige exkommunizierte König von Jerusalem war, dürfte ebenso bekannt sein.
    Friedrich war in seinem Denken wohl eher untypisch für einen Menschen seiner Zeit, da sein Denken doch ungewöhnlich von religiöser Toleranz bestimmt gewesen ist. Von daher stellt sich bei ihm wirklich die Frage nach der Motivation, einen Kreuzzug ins Heilige Land zu führen.
    Seine Gründe sehe ich daher eher von ganz pragmatischer machtpolitischer Natur: er hatte in zweiter Ehe Jolande (Isabella de Brienne), die Erbin des Kgr. Jerusalem, geheiratet und damit die beste Gelegenheit, durch die Rückgewinnung Jerusalems für die Christenheit einen enormen Anstieg seines Ansehens in Europa zu erlangen. Persönlich denke ich sogar, daß er dabei - also mit dem Ansehen im christlichen Europa - seine Rivalen, die Päpste, ausstechen wollte.

    Louis IX. de Capet (1214/70)
    Er hatte es als König von Frankreich machtpolitisch bereits weit gebracht, denn sowohl nach innen (Krondomäne, Zentralismus) wie nach außen (Ausgleich mit England) war er durchaus erfolgreich gewesen.
    Jedoch entsprach er wiederum dem typischen Kreuzfahrer, da er laut den Quellen im religiösen Sinne nicht nur sehr fromm war, sondern auch von einem unglaublichen Eifer erfüllt.
    Demnach glaubte auch er bzw. war er fest davon überzeugt, gottgefällig zu handeln, wenn er gegen die "Ungläubigen" ins Feld zog.
    Vor diesem Hintergrund machen seine beiden Züge (6. & 7. Kreuzzug) gegen Ägypten mE nach insofern Sinn, daß er "den Drachen in seinem Hort bezwingen" will. Auch dies ist aber eine Interpretation meinerseits...

    An mir soll's nicht liegen :cool:

    In diesem Sinne

    Timo
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. August 2005
  4. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Hallo und vielen Dank für Eure ausführlichen Beiträge! http://geschichtsforum.de/images/smilies/respekt.gif [Toll, was es hier so für Gesichter gibt!]

    Um mal dankbar den Gedanken el-Quijotes aufzugreifen:
    Spanien und Italien waren ja in der Tat bereits vor den Kreuzzügen Kriegsschauplätze zwischen "Islam" und "Christentum" gewesen, allerdings, wie ich denke, ohne Bezug zur eigentlichen Kreuzzugsidee (immer bzgl. Palästinas).
    - Wäre interessant, das auch mal auseinanderzunehmen (Hände reib und grins)!

    Worauf ich letztlich hinauswill, ist die Frage, ob die Kreuzzüge in den Mittleren Osten / das Heilige Land denn wirklich als "große" Reaktion auf die islamischen Eroberungen seit dem 7.Jh. zu verstehen sind, im Sinne einer langfristigen Entwicklung.

    Nach Eurer Aussage gibt es ja vor dem 11.Jh. anscheinend keinerlei Grund dafür, und auch keine "Reaktion" christlicher Länder zu entdecken - die gelegentlichen byzantinischen Feldzüge ausgenommen, da eher regionalpolitisch zu verstehen.

    Das Pilgern nach der Heiligen Stadt war ja auch weiterhin möglich, oder nicht? Immerhin scheint z.B. der Johanniter-Orden sein Hospital ziemlich durchgängig betrieben zu haben, noch vor 1099?

    (Auf der anderen Seite: Wenn man davon ausgeht, dass der Verlust Jerusalems (als angenommenes religiöses Zentrum!) erst nach drei bis vier Jahrhunderten ins Bewusstsein der abendländischen/europäischen Christenheit geriet (nämlich Anfang/Mitte des 11.Jh. durch die Dinge, die Timotheus geschildert hat)
    - wieso war dann sein erneuter Verlust im dreizehnten Jahrhundert und schließlich der Zusammenbruch der letzten Kreuzfahrerstaaten nicht ebenfalls Auslöser für neuerliche Kreuzzüge einige Jahrhunderte später?

    Na gut, es ist schon klar, das sich die Zeiten da geändert hatten und man das nicht alles einfach in Jahrhunderten abhandeln kann. War ein Exkurs...gehört aber dennoch zum folgenden)

    Also, um es auf den Punkt zu bringen, ich möchte Tendenzen wehren, welche die Kreuzzüge einfach als Kampf zweier seit Jahrhunderten verfeindeter Lager verstanden wissen möchten, ja, lasst uns sagen: als Kampf von Religionen, und dabei weder die vielfältigen Motivationen (siehe z.B. die Namensliste) über mehrere Jahrhunderte (Timotheus) noch die unterschiedlichen Handlungsweisen der beteiligten Parteien (el Quijote) - und es sind mehr als nur zwei - beachten möchten.

    Jetzt versuche ich noch, das Zitat zu finden.

    Na dann!
    immer so
     
  5. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Strittiges Zitat über Grund der Kreuzzüge

    Ich hoffe, das mit dem Zitieren klappt...
     
  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    ....da mag auch die aktivere Rolle des Papsttums im Zuge der gregor.Reformen und ihrer machtpolitischen Konsequenzen hineinwirken.
    Die Frage der persönlichen Schuld und ihrer Sühne gewinnt im Lauf des 11.Jahrh. zunehmend
    an Bedeutung , Buße wurde zunehmend individualisiert,es wuchs in breiten Schichten der Bevölkerung die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit ,der Sündhaftigkeit auch jenseits konkreter Anlässe. Das viel längeren Dasein nach dem Tode sah man in Gefahr,die Angst vor den jenseitigen ungetilgten "Restschulden" blieb.
    Hier bietet die Kirche einen Ausweg an, mit dem in Aussicht gestellten Ablaß aller Sünden, bei Teilnahme am Kreuzzug und erringt damit die Handlungsinitiative an den militärischen Unternehmungen, die eigentlich den weltl. Herrschern angestanden hätten.
    Die Jerusalemfahrt hatte offenbar eine größere Anziehungskraft als die Kreuzzugsaufrufe gegen die Muslime auf der iberischen Halbinsel, wo schon früher mit Plenarablässen geworben wurde.
    So sind es wohl nicht nur die religiösen, spirituellen und theologischen Aspekte ,die im Vorfeld des 1. Kreuzzuges wirkten und nur aus der Zeit heraus zu ergründen sind, sondern auch die politische Konstellation mit teilweisem Machtvakuum i.d. Zeit Heinrichs IV. welches der Kirche eine Art "Machtergreifung" in weltlichen Dingen bot und der Ritterschaft sowie den breiten Schichten lohnende Ziele bot, die zu erreichen das Seelenheil versprach.
     
  7. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Nun ja, es war zwar möglich (Ausn.: die kurze Unterbrechung unter al-Hakim), aber die Pilgerwege wurden wohl im 11. Jh. auch recht unsicher (Räuberbanden, wilde Tiere). Schließlich schrieb sich der Orden des Tempels nicht einfach so auch den Schutz der Pilgerwege auf die Fahnen...
    Was die zeitliche Kontinuität des hospitale - von Karl d. Gr. bis zum Hospital der Johanniter - betrifft, so halte ich dies für eher vage. Fleckenstein und Hellmann weisen in "Die geistlichen Ritterorden Europas" schlüssig darauf hin, daß es sich beim Hospital der Johanniter um eine neue Gründung handelte, welche mit den vorherigen - abgesehen von der Funktionalität - nichts zu tun hatte.

    Damit hast Du Deine Frage eigentlich gleich selbst beantwortet: die politische und religiöse Stimmung im Abendland hatte sich signifikant geändert, außerdem war der Landweg versperrt und die Hafenplätze zum Landen inzwischen vernichtet worden (vgl. Zöllner, Kugler, Riley-Smith u.a.).

    Kurz und grob gesagt: die Kreuzzüge gehören als ein zeitliches Ereignis bzw. eine Folge zeitlicher Ereignisse in die Kette politischer Auseinandersetzungen zwischen der christlichen und der islamischen Welt.
     
  8. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Ich bin der Meinung das man zuerst zwischen dem Anlass und der Ursache der Kreuzzüge unterscheiden muss.

    Wie schon richtig von timo genannt, war der Anlass der Kreuzzüge, der Hilferuf des byzantinischen Kaisers, der wohl oder übel Verstärkung gegen die Rum-Seldschuken benötigte.

    Die Ursache ist m.E. jene, dass wie ebenfalls timo zu berichten wusste, die politische Konstellation (Abenteuerlust der leer ausgegangenen Adeligen) und die zunehmende Frömmigkeit der Christen, sowie die zunehmende Feindseligkeit der Seldschuken in Anatolien dazu beitrugen, den Stein ins Rollen zu bringen. U.a. im DTV-Weltatlas zur Weltgeschichte nachzulesen(Seite nicht angegeben, weil Buch nicht zur HAnd).

    Mein Fazit lautet also, die Seldschuken sind Anlass und die damit einhergehenden Feindseligkeiten gegen christliche Pilger, auf dem Weg nach Jerusalem, die Ursache, für die Kreuzzüge. Der Rest ergibt sich aus der gegebenen Konstellation.



    Und haben die Seldschuken nicht 1070 Jerusalem erobert?
    www.blinde-kuh.de/ritter/kreuzzuege.html
    [font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv]Der 1. Kreuzzug (1095-1099)[/font]
    [font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv][​IMG][/font][font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv]Nachdem die muslimischen Seldschuken im Jahr 1070 Jerusalem eroberten, riefen die Byzantiner den Papst Urban II. um Hilfe und der rief die Christen auf, Jerusalem zurück zu erobern. [/font]

    [font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv]Mit 13.000 Leuten zogen die Christen im Frühling 1095 von Konstantinopel, der Hauptstadt Byzanz, nach Jerusalem. Am 15. 7. 1099 wurde Jerusalem wieder von den Christen unter [/font][font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv]Gottfried IV. von Niederlothringen eingenommen. Dessen Bruder und Nachfolger Balduin wurde der erste König von Jerusalem.[/font]

    [font=Verdana,Arial,Helvetica,Helv]Nördlich von Jerusalem, im heutigen Libanon und Syrien, wurden noch 3 weitere christliche Lehensgebiete gegründet: Edessa, Antiochia, Tripolis.[/font]
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2005
  9. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Dann also noch einmal eine Zusammenfassung der bisher aufgeführten Ursachen, Gründe und Anlässe für den Ersten Kreuzzug

    Voraussetzungen sind demnach:
    zunehmende religiöse Intoleranz auf muslimischer Seite
    die Besetzung des Heiligen Landes durch die Seldschuken
    eine gesteigerte Frömmmigkeit im Abendland
    eine mächtige Kirche
    eine bedeutende Zahl risikofreudiger Besitzloser und machthungriger Fürsten

    Anlaß
    das Hilfsgesuch des byzantinischen Kaisers an seine christlichen Brüder - trotz des Schismas!


    Gründe folglich:
    Die Wahrnehmung der fremdgläubigen Besetzung des Heiligen Landes im Abendland, z.B. durch Berichte über zunehmende Repressalien gegenüber den Christen

    Das Streben der frommen und besitzlosen Pilger nach Seelenheil und materiellen Errungenschaften

    Das Machtstreben und die Frömmigkeit ihrer weltlichen und geistlichen Fürsten

    HAbe ich noch was vergessen?

    (Tatsächlich frage ich mich allerdings, ob man im Europa des 11.Jh. etwas von Streitigkeiten in Choresm =Ostiran gewußt hat.)

    Aber ich sehe schon, bisher haben wir nichts gefunden, was auf eine generelle Reaktion der Christenheit auf die islamischen Eroberungen seit der Frühzeit hinweist. Oder?

    Gruß

    immer so
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn man sich die Christenheit als monolithischen Block vorstellt, nicht. Wer von christlicher Seite als erstes unter den muslimischen Eroberungen "zu leiden" hatten, war das byzantinische Reich, was zu diesem Zeitpunkt eigentlich den gesamten Ostmittelmeerraum und die afrikanische Mittelmeerküste, sowie die Inseln und Italien beherrschte. Die westeuropäischen Königreiche waren ja kaum konsolidiert, Italien war gerade erst wieder byzantinsich geworden, Spanien hauptsächlich westgotisch, Gallien hauptsächlich fränkisch. England befand sich in einer Phase der Rechristianisierung von Irland aus und östlich des Rheins und nördlich der Donau lebten hauptsächlich heidnische Völker. Eine Reaktion etwa der Westgoten war nicht möglich, da ihr Staat 711 schnellstens zerschlagen wurde, die Franken konnten 732 eine ähnliche Niederlage verhindern. Welche christlichen Reiche sollte es also tangieren, was in Jerusalem passierte, außer dem direkt betroffenen byzantinischen Reich?
     
  11. Wulfnoth

    Wulfnoth Gast

    Irgendwie habe ich das zeitlich etwas anders in Erinnerung. Ende des 11. Jhr hatte Byzanz Italien doch bereits an die Normannen verloren und afrikanische Besitzungen in dieser Zeit wären mit neu. Alexios hatte doch kurz vor dem Kreuzzug noch mit einem normannischen Heer in Makedonien zu kämpfen.
    Das Heilige Römische Reich würde ich mehr als 100 Jahre nach Otto I. auch als relativ konsolidiert bezeichnen und England hatte die Christianisierung doch bereits hinter sich. Jedenfalls ist mir nicht bekannt das die Normannen als sie 1066 England eroberten auf einen Heidenstaat gestoßen wären.
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich bezog mein letztes Posting auf die Frage von "immer so":
    Daher habe ich versucht eine Antwort zu geben, warum es keine nennenswerte christlich-westeuropäische Reaktion auf die islamischen Eroberungen der heute arabischen Gebiete, also die Levante und die nordafrikanische Küste gegeben hat, beziehe mich also nur auf das siebte und achte Jahrhundert christlicher Zeitrechnung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 23. August 2005
  13. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Damit sind wir genau an dem Punkt angelangt, vor dem ich bereits Bedenken hatte :grübel::S:grübel:

    Du, El Quijote, reflektierst in Deiner Betrachtung zeitnah zur muslimischen Eroberung Jerusalems, also auf das 7. und 8. Jh., während Du ,Wulfnoth, zeitnah zum Vorfeld des 1. Kreuzzuges schreibst, also für das 11. Jh.
    Ihr habt mit Euren Aussagen beide recht; nur liegen selbst dabei eben 300...400 Jahre dazwischen - eine Zeitspanne, wo sich einiges ereignen kann bzw. sich auch vieles verändert hat.
    Auch deswegen war ich mit der weit gefaßten Zeitspanne eingangs alles andere als glücklich...

    Und je mehr Beiträge hier von uns geschrieben wurden, desto mehr kristallisiert sich mE nach heraus, daß die Antworten zum Thema keineswegs so einfach zu geben sind, deshalb sehr komplex werden und stets zeitliche Phasen bzw. Epochenzäsuren beinhalten müssen.
     
  14. Wulfnoth

    Wulfnoth Gast

    Wobei gerade unsere Beiträge noch einmal sehr gut die Problematik der großen Zeitspanne hervorheben ;) =)
     
  15. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Wie Du schon richtig erkannt hast Quijote, war das weszlische Europa gar nicht in der Lage ein Heer aufzustellen um gegen die Muslime im heiligen Land vorzugehen. Jedenfalss nicht im 7-8 Jahrhundert.

    Ganz im Gegenteil die christlichen Heere mussten einen Abwehrkrieg gegen die Expansion des Islams führen. Erst als diese nachlässt und sich islamische Teilreiche in Nordafrika und Arabien herauskristallisieren, können die christlichen Reiche Ihre Kräfte bündeln und zurückschlagen.

    Ich gehe davon aus, dass die Ursache wirklich die Einnahme Jerusalems durch die Seldschuken und die zunehmende Feindseligkeit gegen christliche Pilger in Anatolien, welches größtenteils von Seldschuken besetzt war.

    Vorher war es nicht opportun gegen die Araber vorzugehen, da diese toleranter waren.
    Also musste man das heilige Land auch nicht befreien.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2005
  16. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo Seldschuk,

    obwohl ich Deine bisherigen Beiträge sehr schätze, muß ich dennoch jetzt kurz einhaken :winke:

    Ich nehme zwar an, daß Du das Richtige meinst, aber hier werden einige Dinge miteinander vermischt...

    Das Vordringen der Seldschuken brachte den Nahen/Mittleren Osten sicherlich territorial sehr in Bewegung und - um Deine Worte zu gebrauchen (wenn Du gestattest) - damit auch den Stein ins Rollen.
    Anm.: Anatolien war vor dem seldschukischen Vordringen christliches Gebiet (byzantinisch)!
    Die im Abendland vordergründig wahrgenommenen Feindseligkeiten gegenüber Christen waren jedoch v.a. jene zur Zeit al-Hakims, also während Palästina zum Fatimidenreich gehörte.
    Und - nicht minder wichtig - ist zu beachten, daß nach dem Vordringen der Seldschuken der syrisch-palästinensische Raum zwischen Seldschuken und Fatimiden umstritten bleibt. Richtig festsetzen konnte sich von beiden seitdem keiner, und lokale Machthaber wechselten schon einmal die Seite - wie übrigens auch später zur Zeit der Kreuzfahrerstaaten. Die politische Karte des 11. Jh. zeigt Syrien und Palästina deutlich als Gebiet, wo sich der Machtberich der Seldschuken und der Machtbereich der Fatimiden durchdringen (zweifarbige Schraffur der Karte The Muslim Near and Middle East in 1095 in Jonathan Riley-Smith "Hospitallers - The History of the Order of St. John"): Area disputed between Fatimids and Seldjuks - auf deutsch "Gebiet zwischen Fatimiden und Seldschuken umstritten".
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. August 2005
  17. Seldschuk

    Seldschuk Aktives Mitglied

    Hallo Timotheus.
    Du hast recht ich habe mich undeutlich ausgedrückt.
    Sicherlich ist richtig, dass Palästina durch die sogenannten Atabegs zersplittert war und man sich untereinander bekriegte.

    Doch denke ich das Palästina komplett unter seldschukischer Herrschaft stand, auch wenn diese keine Einheit bildeten. Siehe dazu:

    www-pluto.informatik.uni-oldenburg.de/~gymwhs/faecher/de/afrank/juden.htm

    Unglücklicherweise wird das Land ((Palästina) Anm. d. verf.) immer wieder von Kämpfen heimgesucht und von anderen Kräften beherrscht. z.B.: 636-1091 von den Arabern, 1091-1099 von den Seldschuken, 1099-1291 von den Kreuzrittern, 1291-1516 von den Mamelucken, 1517-1917 von den osmanischen Türken und von 1918-1948 von den Briten. Während dieser Zeit werden die Grenzen ständig verändert, und auch der Namen muß laufende Veränderungen ertragen. Zudem muß die jüdische Bevölkerung ständige Verluste hinnehmen, doch die Juden bleiben immer in ihrem Land. Von Zeit zu Zeit steigt die Einwohnerzahl wieder. Die Sehnsucht der Juden nach Befreiung und Rückkehr nach Zion (Synonym für Israel, Berg in Jerusalem) spiegelt sich in vielen Schriften, so den Bibelpsalmen, wider.

    Das heisst, das Palästina komplett unter Herrschaft der Seldschuken stand. Auch wenn es schon vorher zu feindlichen Attacken gegen Christen im heiligen Land gekommen war, wie z.B. 1009 von den Arabern, die die Grabeskirche zerstörten, stelle ich die Vermutung auf, dass die Seldschuken um einiges gewltsamer gegen die christlichen Pilger vorgegangen waren. Denn sonst wäre es ja ca. 90 Jahre vorher schon zum 1. Kreuzzug gekommen?
     
  18. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Kann passieren - macht ja auch nichts...

    Ich habe mir natürlich die Seite angeschaut: darin geht es i.w.S. um die Geschichte des Staates Israel, und die genannten Chronologien stellen einen geschichtlichen Kurzabriß dar. Dieser ist zwar nicht falsch, jedoch verallgemeinert - und läßt daher eine differenziertere Betrachtung außen vor.

    Werfen wir nochmals einen Blick auf die Karte (vgl. Riley-Smith - bereits im vorherigen Beitrag erwähnt)...
    In den 1070ern rücken die Seldschuken in Syrien und Palästina vor, wo sie die bis dahin dort herrschenden Fatimiden verdrängen. Die Seldschuken kamen bei ihrem Vordringen in den 1090ern bis in die Gegend südlich von Jerusalem, erlitten 1098 jedoch eine Niederlage gegen die Fatimiden, worauf diese Jerusalem zurückgewannen. Dementsprechend muß der Raum Syrien-Palästina als umstritten zwischen beiden betrachtet werden!

    Und noch ein wichtiger Nachtrag zu den Fatimiden und den Übergriffen gegen Christen in Palästina:
    Sie erreichen unter dem Kalifen Al-Mustansir den Höhepunkt ihrer Macht (1036/94); im Jahre 1059 können sie sogar kurzzeitig die Abbasiden in Bagdad stürzen - wenngleich ab etwa 1070 auch der Niedergang ihrer Macht einsetzt.
    (s. dazu Fatimiden)
    Anm.: Die im Text dieses Links genannte Ausführung "Syrien und Palästina 1076 an die Seldschuken" muß vor dem Hintergrund der Abhandlungen von Riley-Smith relativiert werden (wie übrigens auch dem Abriß der Universitätsseite)!
    Schlußendlich benennt Riley-Smith neben der Zerstörung der Grabeskirche folgende Übergriffe als jene, die im Abendland als besonders empörend wahrgenommen wurden: 1022 Gerald de Thouars (Abt von St. Florent les Saumur) gefangengenommen und getötet, 1040 Ulrich von Breisgau am Jordan gesteinigt, 1055 Ausweisung der Christen aus dem Grabesbezirk und Sperre der Pilgerwege, 1065 Überfall auf deutsche Pilger und deren Mißhandlung. Das war alles sämtlich noch zur fatimidischen Zeit...
    (vgl. Riley-Smith wie bereits angeführt)

    Natürlich stellt sich die nicht unberechtigte Frage, warum man in Europa dann nicht schon eher tätig wurde; der Grund ist simpel: bis 1070 waren die Fatimiden im Nahen/Mittleren Osten eine zu starke Macht. Daß die Seldschuken schließlich erheblich deren Schwächung begünstigten, ist zwar richtig, aber eben nicht mehr als ein weiterer auslösender Faktor. Ob und inwieweit es unter den Seldschuken auch zu Übergriffen u. dgl. gegen Christen kam, war dafür letztlich nicht mehr entscheidend.

    Ich halte es vor diesem Hintergrund für fatal, das Zusammenwirken mehrerer Faktoren in diesem Betrachtungsraum zu vernachlässigen (was aber sicherlich nicht Deine Intention war)...

    In diesem Sinne

    Timo
     
  19. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Hallo! Das ist ja ordentlich viel Stoff! (Mal wieder Hände reib) -

    Eben weil bestimmte Ereignisse auf eine längerfristige Entwicklung zurückzuführen sind, muß man sich gerade längere Zeiträume ansehen - auch wenn das anfangs nicht so übersichtlich sein mag.
    (Annales-Schule)

    Die Beeinträchtigung der christlichen Pilgerfahrt und der Christen als EIN Element der Gesamtentwicklung:

    Die negative Entwicklung scheint demnach um das Jahr 1000 mit al-Hakim eingesetzt zu haben.
    Die Übergriffe gegen Pilger und Christen, die Timotheus aufgeführt hat, sind dann über die darauffolgenden Jahrzehnte verteilt,
    und schließlich werden die Byzantiner seit 1071 von den Seldschuken ernsthaft bedroht.
    (Der byzantinische Kaiser war übrigens auch der Schutzherr der orthodoxen Christen im Heiligen Land!)

    Also: Ab dem Jahr 1000 etwa gab es anscheinend eine jahrzehntelang wachsende Bedrohung für die christliche Pilgerfahrt, einem Grund für die nunmehr "bewaffnete" Pilgerfahrt 1096.
     
  20. immer so

    immer so Neues Mitglied

    Und in der Zeit davor?

    Im 8./9. Jahrhundert jedenfalls gab es eher einen Gegensatz zwischen Byzanz und dem "Römischen Reich": Karl (der Große) unterhielt kurzzeitig gute Beziehungen zum Kalifen von Baghdad (damals Harun al-Rashid) und wurde kurzzeitig auch zum Beschützer der Christen im Heiligen Land - anstelle des byzantinischen Kaisers!

    So. Gruß an alle!

    immer so
     

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