Die Kreuzzüge als Antwort auf die islamische Expansion

immer so schrieb:
Und in der Zeit davor?

Im 8./9. Jahrhundert jedenfalls gab es eher einen Gegensatz zwischen Byzanz und dem "Römischen Reich": Karl (der Große) unterhielt kurzzeitig gute Beziehungen zum Kalifen von Baghdad (damals Harun al-Rashid) und wurde kurzzeitig auch zum Beschützer der Christen im Heiligen Land - anstelle des byzantinischen Kaisers!

Dafür eroberte er etwa zeitgleich das Gebiet von den Pyrenäen bis zum Ebro ("spanische Mark"), scheiterte aber wohl bei der Belagerung Zaragozas. Dafür mussten dann diese nordspanischen Separatisten ;), die sich schon Römern und Westgoten erfolgreich widersetzt hatten, daran glauben - Pamplona wurde geplündert. Die Waskonen rächten sich aber bald an der Nachhut und drei Jahrhunderte später "sang" man das Rolandslied (angeblich 1066 beim Battle of Hastings das erste Mal bezeugt).
 
El Quijote schrieb:
Dafür eroberte er etwa zeitgleich das Gebiet von den Pyrenäen bis zum Ebro ("spanische Mark"), scheiterte aber wohl bei der Belagerung Zaragozas.

Hier muß aber unbedingt hinzugefügt werden, daß es sich dabei wie auf der gesamten Iberischen Halbinsel um Gebiete handelte, die sich bereits vom Kalifat der Abbasiden in Baghdad losgesagt hatten. Und noch schlimmer: hier war auch das Emirat von Cordoba, in welchem die Umajjaden herrschten - ergo die alten Feinde der Abbasiden.
Harun ar-Raschids Interesse, sich deswegen mit Karl anzulegen (mit dem er tatsächlich bzgl. Naher/Mittlerer Osten ein ganz gutes Verhältnis hatte), dürfte sich demnach sehr stark in Grenzen gehalten haben.
Für Syrien und Palästina kann bzgl. des Unbehelligtseins der Pilgerwege um das Jahr 800 schon von einer eher entspannten Situation gesprochen werden...
 
Juchheißa! Dann sind wir uns wohl einig darüber, dass Karl eher die Ausweitung und Sicherung seiner Grenzen usw. im Auge hatte, als etwa, den Vormarsch des Islam aufzuhalten.


Dann fallen mir als nächstes die Normannen ein, die ja irgendwann im 11. Jh in das zu dieser Zeit muslimisch/arabisch beherrschte und ebenso geprägte Sizillien einfielen.
Soviel ich weiß, ist dabei aber auch nicht die Rede von christlicher Rache (wie das klingt...).

Vielmehr prägt die morgenländische Kultur an vielerlei Stellen das Bild im Königreich Sizilien (Krönungsmantel Rogers II., "jene" Kirche in Palermo etc.), auch wenn das jetzt etwas weit führt.

Wie sieht es denn aus mit den byzantinischen Feldzügen nach Syrien (im weitesten Sinne) bis zum Vorabend der Kreuzzüge?
Waren das die Versuche der Christenheit, ihre Schwester und Brüder vom Joch der islamischen Kopfsteuer Dschizya zu befreien (das kann ich doch nur spöttisch fragen, Leute...)

Gruß an Euch,
immer so
 
immer so schrieb:
Dann sind wir uns wohl einig darüber, dass Karl eher die Ausweitung und Sicherung seiner Grenzen usw. im Auge hatte, als etwa, den Vormarsch des Islam aufzuhalten.

Worauf willst Du denn jetzt damit hinaus? Das hatte mW hier doch gar niemand behauptet...

Und mal im Ernst: wieso hätte er den Islam aufhalten sollen?
Das hatte doch sein Großvater (Karl Martell) schon einige Jahrzehnte vorher getan...

immer so schrieb:
Dann fallen mir als nächstes die Normannen ein, die ja irgendwann im 11. Jh in das zu dieser Zeit muslimisch/arabisch beherrschte und ebenso geprägte Sizillien einfielen.
Soviel ich weiß, ist dabei aber auch nicht die Rede von christlicher Rache (wie das klingt...).

Wovon die Rede ist, steht eigentlich hier nicht zur Debatte - einmal abgesehen davon, daß die Anlässe zum 1. Kreuzzug nun schon ausgiebig dargelegt worden sind.

immer so schrieb:
Vielmehr prägt die morgenländische Kultur an vielerlei Stellen das Bild im Königreich Sizilien (Krönungsmantel Rogers II., "jene" Kirche in Palermo etc.), auch wenn das jetzt etwas weit führt.

Das führt in der Tat zu weit, denn es hat mit dem Thema auch nicht so viel zu tun...

immer so schrieb:
Wie sieht es denn aus mit den byzantinischen Feldzügen nach Syrien (im weitesten Sinne) bis zum Vorabend der Kreuzzüge?
Waren das die Versuche der Christenheit, ihre Schwester und Brüder vom Joch der islamischen Kopfsteuer Dschizya zu befreien (das kann ich doch nur spöttisch fragen, Leute...)

Wie bitte?
Es ist doch deutlich herausgearbeitet geworden, daß Byzanz im Jahr 1071 nach der Niederlage bei Mantzikert nahezu ganz Kleinasien/Anatolien an die Rum-Seldschuken verlor. Byzanz stand von 1071 bis 1095 der Sinn nach allem anderen, als selbständig noch offensive Feldzüge (wohin auch immer) zu führen.
Und davon abgesehen hatten die Byzantiner bereits vor 1071 einige Schlachten und damit früheres Reichsgebiet an die Muslime verloren, wobei sie logischerweise versuchten, diese zurückzugewinnen.
Ob die orientalischen Christen nun eine besondere Steuer zahlen mußten oder nicht, war den Byzantinern relativ zweitrangig - ihr Kaiser sah sich noch immer als Schutzherr jener Christen im Nahen/Mittleren Osten!
Grob formuliert rief er im 11. Jh. aus diesen Gründen "den Westen" zu Hilfe - da braucht es auch keine "spöttischen Fragen" der Nachwelt...
 
@timotheus
Karl Martell hatte den Islam nicht unbedingt aufgehaklten, Die araber haben nie wirklich vorgehabt das Frankenreich zu erobern. Viel eher war der Einfall der Araber zu dieser Zeit ein Einzelunternehmens eines arabischen Statthalters der pleite war und sioch durch Raubzüge bereichern wollte um seine Kosten zu decken. Direkt hatte das Frankenreich nicht viel für die Araber viel zu bieten, Das Frankenreich war zu der Zeit politisch instabil und wirtschaftlich gesehen schwach.
 
Efna schrieb:
Karl Martell hatte den Islam nicht unbedingt aufgehaklten, Die araber haben nie wirklich vorgehabt das Frankenreich zu erobern. Viel eher war der Einfall der Araber zu dieser Zeit ein Einzelunternehmens eines arabischen Statthalters der pleite war und sioch durch Raubzüge bereichern wollte um seine Kosten zu decken. Direkt hatte das Frankenreich nicht viel für die Araber viel zu bieten, Das Frankenreich war zu der Zeit politisch instabil und wirtschaftlich gesehen schwach.

Von mir aus einigen wir uns auf "einem arabischen Kriegszug Einhalt geboten" o.ä. - auf jeden Fall drangen die Araber nach der Niederlage von 732 nicht mehr ins Frankenreich vor.
Es ging mir nur darum aufzuzeigen, daß es für Karl d. Gr. keine Veranlassung mehr gab, irgendeinen islamischen Vorstoß ins Frankenreich i.w.S. aufzuhalten...
 
Efna schrieb:
Karl Martell hatte den Islam nicht unbedingt aufgehaklten, Die araber haben nie wirklich vorgehabt das Frankenreich zu erobern. Viel eher war der Einfall der Araber zu dieser Zeit ein Einzelunternehmens eines arabischen Statthalters der pleite war und sioch durch Raubzüge bereichern wollte um seine Kosten zu decken. Direkt hatte das Frankenreich nicht viel für die Araber viel zu bieten, Das Frankenreich war zu der Zeit politisch instabil und wirtschaftlich gesehen schwach.

Da würde mich jetzt aber schon interessieren, woher Du diese Information hast. Quelle? Literatur?
 
Auch mir war bisher immer nur bekannt dass Karl Martell ein Räuberheer geschlagen hat und eigentlich keine größeren Eroberungen seitens der Araber geplant waren.
 
Nun, die Quellen indizieren, dass al-Walid(?), der Kalif in Damaskus über das eigenständige Vorgehen seines Statthalters Musa und dessen Generals Tariq ein wenig erbost war, als diese die Straße von Gib. überquerten. Musa soll sein Leben als Bettler in Damaskus beendet haben. Dass dies aber bei Tours und Potiers der Fall gewesen sein soll, ist mir neu. Auch, dass es kein Interesse an weiteren Eroberungen gegeben habe. Denn es gab auch noch in den nachfolgenden Jahrzehnten immer wieder kleinere maurische Expansionen an der fränkischen Mittelmeerküste und sogar eine Ansiedlung am Genfer See.
 
Hallo miteinander,

da bitte ich doch noch einmal einiges zu bedenken... :winke::fs::winke:

1. Der Anführer der arabischen "Angreifer" war Abd ar-Rahman, der sicherlich alles andere als so etwas wie ein "Räuberhauptmann" war. Er gehörte zu den Ummayyaden/Omaijaden (sorry für jegliche unkorrekte Schreibweise; war zumindest in einem vorigen Beitrag von mir falsch), ergo zu einer Dynastie, welche damals auch den Kalifen stellte!
Nun ist zwar eine edle Herkunft nicht unbedingt auch mit einem edlen Charakter verbunden, aber dennoch war das ein Mann von gewissem Ansehen.

2. In der historischen Erinnerung beider Seiten - zwar nachträglich, aber immerhin - erhält die Schlacht bei Tours und Poitiers eine gewisse Bedeutung. Gewiß ist da einiges überhöht und verklärt worden, doch zumindest die arabische Seite hätte IMHO wohl kaum den fehlgeschlagenen Versuch einer Räberbande zur "Schlacht der Million Tränen" gemacht.

3. Ich gehe soweit mit Euch, daß es eher ein Plünderungszug denn ein geplanter Eroberungskrieg von Seiten der Araber gewesen ist.
ABER:
Zum einen entsprach diese Art des Feldzuges sowohl der arabischen Kampfesweise wie auch der Kriegsführung der damaligen Zeit überhaupt.
Und andererseits deuten damit Begriffe wie "Plünderungszug" oder "Raubzug" nicht zwangsläuig auf "Räuberheer" oder "Räuberbande" hin.

Um es auf einen Punkt zu bringen...
Als Fazit ändert sich doch praktisch gesehen nichts an der Tatsache, daß arabische Vorstöße ins Frankenreich danach beendet waren (die Züge Karl Martells nach Süden um 739 gingen zwar gegen die Araber, jedoch auf Gebiet, das den Franken vorher auch nicht gehörte!), und daß sich sein Enkel eben nicht mehr mit Vorstößen der Araber ins Frankenreich befassen mußte.
Wo also ist dann hier das Problem?

Abgesehen davon denke ich, daß wir die Diskussion um Karl Martell, Abd ar-Rahman und die Schlacht bei Tours und Poitiers in einem anderen Thema weiterführen sollten, da sie uns an dieser Stelle für das eigentliche Thema nicht unbedingt viel weiter bringt.
Da ich diese Ereignisse jedoch selbst hier zuerst angesprochen hatte, an dieser Stelle ein aufrichtiges :sorry:

Dank & Gruß

Timo

Anm.: Bitte nicht falsch verstehen, aber ich fürchte, daß wir uns an einem eher zweitrangigen Punkt im Kreis zu drehen beginnen :still:
<EDIT @El Quijote: Deinen Beitrag hatte ich noch nicht gesehen (Überschneidung)... >
 
timotheus schrieb:
1. Der Anführer der arabischen "Angreifer" war Abd ar-Rahman, der sicherlich alles andere als so etwas wie ein "Räuberhauptmann" war. Er gehörte zu den Ummayyaden/Omaijaden (sorry für jegliche unkorrekte Schreibweise; war zumindest in einem vorigen Beitrag von mir falsch), ergo zu einer Dynastie, welche damals auch den Kalifen stellte!
Nun ist zwar eine edle Herkunft nicht unbedingt auch mit einem edlen Charakter verbunden, aber dennoch war das ein Mann von gewissem Ansehen.

Widerspruch: Dieser 'Abd ar-Rahman ist erst ab 756 auf der iberischen Halbinsel, der Name ist doch relativ häufig und kein speziell dynastischer Name. 732 ist der spätere andalusische Emir noch in ar-Rusafa zwischen den Haremsdamen seines Großvaters herumgekrabbelt und hat die Höhe der Palmen bewundert.
 
Zuletzt bearbeitet:
El Quijote schrieb:
Widerspruch: Dieser 'Abd ar-Rahman ist erst ab 756 auf der iberischen Halbinsel, der Name ist doch relativ häufig und kein speziell dynastischer Name. 732 ist der spätere andalusische Emir noch in ar-Rusafa zwischen den Haremsdamen seines Großvaters herumgekrabbelt und hat die Höhe der Palmen bewundert.

Den Emir von Cordoba meinte ich auch gar nicht.
Ich meinte den besagten Heerführer Abd ar-Rahman (nicht gerade tolle Liste; habe aber gerade keine bessere zur Hand)
Und den kann ich mir trotz allem nicht als Anführer einer "Räuberbande" vorstellen...

Kann sein, daß ich den Namen jetzt irrtümlich auf die Dynastie der Ummayyaden übertragen habe - danke für die Korrektur...

Unabhängig davon wäre ich dennoch dafür, die Diskussion um 732 an einen anderen Ort zu verlegen ;)
 
timotheus schrieb:
Unabhängig davon wäre ich dennoch dafür, die Diskussion um 732 an einen anderen Ort zu verlegen ;)

Ach wieso, im Prinzip geht es doch alles ums Thema, was als europäisch-christliche Reaktion auf die islamische Expansion zu gelten hat, und was nicht. :winke:
 
Aber das Thema sind doch die Kreuzzüge und deren Ursache. Und nicht Raubzüge oder der Expansionsdrang, wie auch immer man das sehen will, des Islam. Und schon gar nicht im ersten Drittel des 8 Jh.!:autsch:

Wobei ich der Meinung bin das, was "immer so" da in den Raum gestellt hat,

Aktion - Reaktion - und die Kreuzzuege warn halt eine Reaktion auf 400 Jahre islamische Eroberung von christlichem Gebiet (Zitat "Merowig")

gar nicht auf die 400 Jahre zu übertragen sind, denn die Reaktion der Christen ist ja, wie wir hier schon ein bisschen erörtert haben eher auf die letzten hundert Jahre vor dem ersten Kreuzzug zurück zu führen.
 
Zuletzt bearbeitet:
Zitat:" nachfolgenden Jahrzehnten immer wieder kleinere maurische Expansionen an der fränkischen Mittelmeerküste und sogar eine Ansiedlung am Genfer See"

Ah, die Sage von den "Saratz"?

Soweit ich weiß, haben die Berber von Lybien bis Marocco den arabischen Eroberern nicht so einfach gemacht haben. Auch die islamische Machtergreifung im Persischem Reich war nicht so reibungslos, wie es aus dem ehemals römischem christlichem Terretorium überliefert ist.
 
Hallo miteinander,

nachdem ich Deinen letzten Beitrag bzw. Satz nach einiger Zeit wiederholt gelesen habe, El Quijote, ist mir bewußt geworden, daß ich ein wenig die Linie hier verloren hatte. Deshalb nochmals danke dafür :winke::yes::winke:

Wie bereits aus den bisherigen Beiträgen ersichtlich geworden ist, betrachten wir hier doch Entwicklungen über lange Zeiträume, die noch dazu in verschiedenen Regionen mit wechselnden Beteiligten ablaufen. Der gemeinsame Nenner heißt schlicht und ergreifend "Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen der christlichen und der islamischen Welt" - ergänzend können wir noch hinzufügen "im Früh- und Hochmittelalter". Und in ebendieser Kette von Kriegszügen/kriegerischen Auseinandersetzungen/bewaffneten Auseinandersetzungen gibt es nun einmal auch das Kapitel "Kreuzzüge" - daß mit ihnen die Kette nicht endet, dürfte klar sein (Stichwort: Osmanen etc.)... :fs:
Vor diesem Hintergrund ist es natürlich vollkommen opportun, sowohl Ereignisse des 8. Jh. in Gallien als auch des 11. Jh. in Palästina zu betrachten.

Eines aber bleibt dennoch...
Einmal abgesehen davon, daß ich finde, daß eine Bejahung wie auch eine Verneinung der Aktion-Reaktion-Aussage nicht möglich ist, glaube ich auch kaum, daß wir dieses Thema - über das man garantiert ein mehrbändiges Werk schreiben könnte (selbst wenn man sich auf das 7. - 13. Jh. beschränkt) - in allen Tiefen auch nur annähernd ausloten können!

Seht es mir bitte nach, wenn ich dies nochmals zu bedenken gebe, aber ansonsten verzetteln wir uns hier hoffnungslos :grübel:

In diesem Sinne

Timo

PS: Dieser Beitrag richtet sich an niemanden direkt in dieser Runde!
 
Ich bin ein wenig darüber verwundert, dass ihr zum unmittelbaren Anlass der Kreuzzüge nicht die berühmte Predigt Papst Urbans II. zählt, in der er im Jahr 1095 auf einer Versammlung im südfranzösischen Clermont die Ritter des Abendlandes erstmals zur Befreiung der Heiligen Stätten aufruft. Im Anschluss an diese Rede riefen die begeisterten französischen Ritter den Quellen zufolge "Deus lo volt! - Gott will es! - , hefteten sich Kreuze aus Stoff auf die Schultern ihrer Mäntel und gingen nach Abschluss aller notwendigen Vorbereitungen auf den Ersten Kreuzzug!

Interessant ist, was Papst Urban II. in dieser uns überlieferten Kreuzzugspredigt von 1095 als Grunde für die Befreiung der Heiligen Stätten angibt:

1. Das "Volk der Franken" (Franzosen) ist Gottes auserwähltes Volk, herausgehoben von anderen Völkern durch die Wertschätzung der katholischen Kirche (das lässt sich wohl als Lobhudelei abbuchen!)

2. Die "frremden und gottesfernen" Araber haben das Land Jerusalem besetzt, durch Mord, Raub und Brand entvölkert und die Gefangenen umgebracht oder entführt.

3. Kirchen der Christen wurden zerstört, entweiht oder zu Moscheen gemacht.

4. Sodann werden die Ritter aufgefordert, die "Reiche der Heiden" zu zerstören, neues Land statt der kleinen heimischen Ländereien zu gewinnen und das "gottlose Vok" der Araber zu unterwerfen.

5. Erst ganz zum Schluss wird darauf hingewiesen, dass Jerusalem als "Mittelpunkt der Erde" ein "zweites Paradies der Wonne" werden kann und der Ort natürlich als christliche Königsstadt, die der Erlöser verherrlicht hat, ihre Befreiung ersehnt. "Vergebung der Sünden" und "nie welkender Ruhm" wird dafür vom Papst versprochen.

Natürlich handelt es sich hier um kriegerische Propaganda, aber auch um ein bestimmtes religiöses Selbstverständnis der Epoche. Es hochinteressant, einmal einen Blick in solche originalen Quellen zu werfen, um ein Gespür für die Atmosphäre zu gewinnen, in der die christlichen Ritter ihren Kreuzzug unternahmen. Sichtbar wird besonders, dass Hass sowohl auf christlicher als auch arabischer Seite gepredigt wurde, oftmals mit, noch öfter ohne besseres Wissen!

Es ist kaum möglich und vielleicht müßig zu beurteilen, wer nun ein fundamentaleres Recht auf das Heilige Land hatte. Das Römische Reich eroberte die Regionen Syrien, Judäa und Ägypten seit etwa 30 v. Chr.-ca. 100 n. Chr, wobei nach Untzergang Westroms das Oströmischen Reich bzw. Byzanz die Herrschaft ausübte.

Als die Araber die Region im 7. Jh. eroberten, wurden sie vielfach als Befreier begrüßt, da der einheimischen vorderasiatischen Bevölkerung das politische System von Byzanz, das seine Provinzen finanziell ausbeutete, verhasst war. Zudem erwiesen sich die Araber vielfach als tolerant, verlangten von Christen und Juden - den "Leuten des Buchs" - lediglich eine Kopfsteuer und ließen sie problemlos zum Islam übertreten.

Ein "rechtlicher Anspruch" der Kreuzritter aufs Heilige Land ist also zumindest zweifelhaft und religiöse Motive - oft auch Fanatismus - mischten sich mit sehr weltlichen Hoffnungen auf Land, Reichtum und Ruhm. Man kann dies nur konstatieren, denn angesichts der damaligen Zeit wäre es unhistorisch, heutige moralische Maßstäbe anzulegen. Das gilt sowohl für Christen als auch Araber!

Politisch-militärisch blieben die Kreuzzüge ohnehin folgenlos, denn bekanntlich konnte sich die kleine Schar der Ritter ohne ständigen Zuzug aus Europa nicht gegenüber der ansässigen arabischen Bevölkerung durchsetzen. Folgenreicher war hingegen ein Kulturstrom von Ost nach West - besonders in der Technik und den Naturwissenschaften sowie der Literatur - was aber wohl in erster Linie über Italien und das muslimische Spanien nach Europa einströmte.
 
Hochinteressantes Thema, das Ihr da habt!

Ich will nur was zur Motivation Friedrichs II ergänzen. Gelobt hat er seinen Kreuzzug ja schon anläßlich seiner Krönung zum Deutschen König in Aachen 1215, wo von einer Ehe mit Jolanda von Brienne natürlich noch keine Rede war, da seine erste Frau Konstanze noch quietschlebendig war. Über die Motive dieser Tat sind sich die Biographen auch nicht sicher. Spekuliert wird darüber, daß ihm da vielleicht das Vorbild seiner Vorgänger vor Augen stand, da ja sowohl Konrad III, als auch Friedrich I Barbarossa an Kreuzzügen teilgenommen hatten und Heinrich VI zumindest einen geplant hatte. Spekuliert wird auch darüber, daß es vielleicht eine spontane Entscheidung, hervorgerufen durch die Größe des Augenblicks war.
Als am wahrscheinlichsten aber wird angenommen, daß es ihm darum ging, den Anspruch auf die weltliche Herrschaft zu bekräftigen. Herbert Nette, "Friedrich II. von Hohenstaufen", S. 21:
"Zweifellos war der überraschende Aufruf von der Absicht mitbestimmt, weithin sichtbar darzutun, daß nicht nur der Papst, sondern auch der deutsche König Statthalter Christi sei."
Es heißt auch, daß die Ehe mit Jolanda eingefädelt wurde, um ihm einen Anreiz zu geben, sein immer wieder aufgeschobenes Kreuzzugsversprechen endlich einzulösen.

Dann noch eine kleine Anmerkung. Auch die Prinzgemahle der Erbinnen von Jerusalem wurden ja stets als König bezeichnet. Aber mit dem Tod Jolandas 1228 war Friedrich strenggenommen nur noch Regent für den gemeinsamen Sohn Konrad IV. Interessanterweise hat er den Titel dennoch bis zu seinem Tod geführt, auch nach Konrads Volljährigkeit, wo er ihn spätestens an ihn hätte abtreten müssen.
 
Hallo Dieter,

Dieter schrieb:
Ich bin ein wenig darüber verwundert, dass ihr zum unmittelbaren Anlass der Kreuzzüge nicht die berühmte Predigt Papst Urbans II. zählt, in der er im Jahr 1095 auf einer Versammlung im südfranzösischen Clermont die Ritter des Abendlandes erstmals zur Befreiung der Heiligen Stätten aufruft. Im Anschluss an diese Rede riefen die begeisterten französischen Ritter den Quellen zufolge "Deus lo volt! - Gott will es! - , hefteten sich Kreuze aus Stoff auf die Schultern ihrer Mäntel und gingen nach Abschluss aller notwendigen Vorbereitungen auf den Ersten Kreuzzug!

das ist uns natürlich bekannt, allerdings sehe ich persönlich die Predigt/Rede/Ansprache/Aufruf Urbans II. bereits als Konsequenz aus den schon genannten Bedingungen.

Dieter schrieb:
Interessant ist, was Papst Urban II. in dieser uns überlieferten Kreuzzugspredigt von 1095 als Grunde für die Befreiung der Heiligen Stätten angibt:

1. Das "Volk der Franken" (Franzosen) ist Gottes auserwähltes Volk, herausgehoben von anderen Völkern durch die Wertschätzung der katholischen Kirche (das lässt sich wohl als Lobhudelei abbuchen!)

2. Die "frremden und gottesfernen" Araber haben das Land Jerusalem besetzt, durch Mord, Raub und Brand entvölkert und die Gefangenen umgebracht oder entführt.

3. Kirchen der Christen wurden zerstört, entweiht oder zu Moscheen gemacht.

4. Sodann werden die Ritter aufgefordert, die "Reiche der Heiden" zu zerstören, neues Land statt der kleinen heimischen Ländereien zu gewinnen und das "gottlose Vok" der Araber zu unterwerfen.

5. Erst ganz zum Schluss wird darauf hingewiesen, dass Jerusalem als "Mittelpunkt der Erde" ein "zweites Paradies der Wonne" werden kann und der Ort natürlich als christliche Königsstadt, die der Erlöser verherrlicht hat, ihre Befreiung ersehnt. "Vergebung der Sünden" und "nie welkender Ruhm" wird dafür vom Papst versprochen.

Hier interessiert mich an der Stelle, wo Du den Wortlaut gefunden hast und welche Primärquelle dazu genannt wurde - ich suche nämlich schon längere Zeit danach...
Übrigens lassen sich die fünf aufgelisteten Punkte sehr schlüssig aus den bereits diskutierten Ursachen/Gründen ableiten.

Dieter schrieb:
Natürlich handelt es sich hier um kriegerische Propaganda, aber auch um ein bestimmtes religiöses Selbstverständnis der Epoche.

Natürlich ist so etwas Propaganda, aber niemand hatte bislang etwas anderes hier behauptet...

Dieter schrieb:
Es ist kaum möglich und vielleicht müßig zu beurteilen, wer nun ein fundamentaleres Recht auf das Heilige Land hatte.

Darum geht es doch auch gar nicht, zumal dies tatsächlich nicht zu beantworten bzw. zu beurteilen ist...

Dieter schrieb:
Als die Araber die Region im 7. Jh. eroberten, wurden sie vielfach als Befreier begrüßt, da der einheimischen vorderasiatischen Bevölkerung das politische System von Byzanz, das seine Provinzen finanziell ausbeutete, verhasst war. Zudem erwiesen sich die Araber vielfach als tolerant, verlangten von Christen und Juden - den "Leuten des Buchs" - lediglich eine Kopfsteuer und ließen sie problemlos zum Islam übertreten.

Hmm, eine besondere Besteuerung bedeutet schon mitunter - natürlich nicht allgemein - ökonomischen Zwang.
Und daß die unterworfenen Andersgläubigen problemlos zum Islam übertreten durften, hat auch keiner angezweifelt.

Dieter schrieb:
Ein "rechtlicher Anspruch" der Kreuzritter aufs Heilige Land ist also zumindest zweifelhaft und religiöse Motive - oft auch Fanatismus - mischten sich mit sehr weltlichen Hoffnungen auf Land, Reichtum und Ruhm. Man kann dies nur konstatieren, denn angesichts der damaligen Zeit wäre es unhistorisch, heutige moralische Maßstäbe anzulegen. Das gilt sowohl für Christen als auch Araber!

Noch einmal: niemand hat hier behauptet, es hätte ein "rechtlicher Anspruch" der Kreuzfahrer o. dgl. bestanden, und ebenso hat auch niemand die anderen von Dir genannten Dinge bestritten.
 
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