Ist die Heidentränke wirklich so wichtig? Wichtiger ist, meine Gedanken nach, der Weiterbetrieb der Saline Bad Nauheim bis um die Zeitenwende, aber wahrscheinlicher bis Germanicus.
@pietFFM - in der Siedlungshierarchie steht das Heidetränkoppidum über der "Industriesiedlung" Bad Nauheim.
Vermutet wird, dass die Fernkontakte bzw. der Markt über den Zentralort liefen, und im Zentralort Reichtum akkumuliert wurde. Zwei Beispiele:
1. Distribution von Mühlsteinen
"
Die Nachfrage nach Mühlsteinen aus der Eifel bzw. ihre hohe Qualität wird verdeutlicht durch den Umfang der Fundensembles pro Fundort (Abb.
4). Besonders offensichtlich wird dies anhand des Anteils der Eifeler Mühlsteine an den besonders grossen Fundensembles der drei Fundorte Düns-
berg, Heidetränk-Oppidum und Bad Nauheim. Letzterer ist eine unbefestigte Großsiedlung und anhand des nur geringen Anteils Eifeler Mühlsteine als Produktions- und Zuliefererort von Mühlsteinen aus Olivinbasalt für höchstwahrscheinlich das Heidetränk-Oppidum einzuordnen. Hier wurden neben z. B. Glasobjekten, Keramik und hauptsächlich Salz auch Mühlsteine aus vor Ort anstehendem Olivinbasalt produziert wie ein zerbrochenes Halbfabrikat beweist. Der Großteil der insgesamt 73 aufgenommenen Exemplare, die im Zuge von Notgrabungen, Sondagen und Baugrubenbeobachtungen zu Tage gefördert wurden, besteht aus Olivinbasalt – einem Vulkanit, der sogar innerhalb des heutigen Stadtgebiets von Bad Nauheim ansteht (Abb. 5)....
Im Gegensatz zu Bad Nauheim scheinen die Bewohner des Heidetränk-Oppidums und des Dünsbergs stets intensive Kontakte zu den Eifeler Mühlstein-Produzenten aufrechterhalten zu haben, denn 50 % bis sogar 70 % wurden aus der Eifel importiert (Abb. 6). Im Falle des Heidetränk-Oppidums, das höchstwahrscheinlich auch auf einen Mühlsteinbruch in direkter Nähe (Oberursel Bommersheim) zurückgreifen konnte, wurden Mühlen aus lokalen Gesteinen in 40 % der Fälle genutzt. Der Hohe Anteil der Eifeler Mühlen an den Fundensembles des Heidetränk-Oppidums und des Dünsbergs verdeutlicht, wie begehrt sie waren und vor allem als wie qualitativ hochwertig sie schon von der latènezeitlichen Bevölkerung eingestuft wurden. ...Gleichzeitig wird durch diese Verteilung offensichtlich, dass die Bewohner Bad Nauheims, die trotz der Anfertigung verschiedenster Handwerksprodukte und vor allem des äußerst begehrten, weil lebenswichtigen Salz, augenscheinlich nicht genügend „Kaufkraft“ besaßen, Eifeler Mühlen zu verwenden."S.Wefers, Schwarzes Gold der Eifel, 2014, S.121
2. Geldumlauf und externer Markt - Fernhandel
Zu einer vergleichbaren Einordnung Bad Nauheims gelangt auch M. Nick anhand der Münzverteilungen in den Siedlungen:
"Die zweitgrößte Münzreihe nach der des Heidetränkoppidums lieferte in der Wetterau die Siedlung Bad Nauheim. Die dort nachgewiesene Salzgewinnung wirft ein Licht auf die wirtschaftliche Bedeutung des Platzes, die darüberhinaus durch ein Depot von 47 Nauheimer Quinaren und den Fund einer Tüpfelplatte zur Herstellung von Münzschrötlingen illustriert wird. Möglicherweise wurden hier ebenfalls Nauheimer Quinare geschlagen. Aus Sicht des auf der Heidetränke angenommenen nur 20 km entfernten externen Marktes ist es kaum vorstellbar, dass keine Abhängigkeit der beiden Siedlungen bestand, da Salz ein Exportgut ersten Ranges darstellte. Ein gutes Argument für eine solche Beziehung liefert die Bad Nauheimer Münzreihe. Sie besteht abgesehen von den erst in frührömische Zeit datierenden sogenannten Kleinbronzen der Aduatuker (Anm: Münzumlauf ab 10 v.Chr.!) ausschließlich aus Münzen wie sie auch auf dem Heidetränkoppidum vorhanden sind (Quinare der Typen Nauheim und Tanzendes Männlein, süddeutsches Kleinsilber, Sequaner - und Leukerpotins). Eigene Fernhandelsaktivitäten der Salzproduktionsstätte in Bad Nauheim sind […] am Münzmaterial nicht abzulesen. Im Gegenteil, der Export von Salz lief aller Wahrscheinlichkeit nach über die Heidetränke, während im Gegenzug dazu Münzgeld und Importwaren nach Bad Nauheim flossen“
Michael Nick Gabe, Opfer, Zahlungsmittel, 2006, S. 183
Im Heidetränkoppidum wurden alleine vier Depotfunde von keltischen Münzen gemacht, es gibt eine 380 Exemplare umfassende Münzreihe, Patrize zum Stempeln des Nauheimer Quinars, eine große Anzahl Leuker-Potins (wichtige Münze für den Handel), süddeutsche Regenbogenschüsselchen, Büschelquinare, Kleinsilber, Häduer-Quinar-Imitationen, Ostgallische Quinare, Sequaner-Potins, Treverer-Quinare, Remer-Potins, Lingonen- und Senonenpotins (östliches Zentralgallien), eine Kleinbronze der Bituriges (Westgallien), eine Potinmünze der Allobroger (Rhone), eine norische Tretadrachme (Stand 2006). Kein anderer Fundplatz in Wetterau und Rhein-Maingebiet liefert eine solche Menge an Münzfunden, daher geht zum Beispiel M.Nick davon aus, "
deshalb hier den Rhein/Main beherrschenden externen Markt zu erblicken." S.181
Eine kurze Bemerkung dazu, meines Wissens konnten externe Kaufleute in Gallien Zugang zu einem Markt nur mit Genehmigung / Erlaubnis der Amtsträger, Beamte oder Fürsten bzw. deren Adminstration erhalten. Die Belege müsste ich nachliefern, soweit ich mich erinnere konnte einzelnen römischen Weinhändlern anhand der Herkunft der campanischen oder toscanischen /etruskischen Amphoren lokale/regionale "Monopole" nachgewiesen werden. Cäsar berichtet von Zollstreitigkeiten für die Saone (Arar) zwischen Häduern und Sequanern, die Zollrechte hatten gallische Adelige übernommen, in dem Fall z.B. der Häduer Dumnorix aus einer führenden Familie, der mehrere Jahre die Zölle gepachtet hatte (Cäsar, Buch I,18). Eine Abhängigkeit der Produktionssiedlung Bad Nauheim von den Prinzeps im Oppidum ist daher gut aus dem, was wir aus schriftlichen Quellen und synchronen Vergleichen vorstellbar.