jschmidt
Aktives Mitglied
Mein Thema hat zwei Ausgangspunkte:
– Für meinen Wohnort habe ich Familienforschung betrieben. Sehr beeindruckt – und bisweilen auch deprimiert – war ich von der überaus hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit zu früheren Zeiten.
– Als ich Material zum Thema »Schwabenkinder« suchte, stieß ich auf diese Aussage: »Die Kinder [hier: Hütekinder] wurden also in sehr jungen Jahren aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und einer fremden Umgebung überlassen. [...] Diese Kinder konnten nicht verstehen, was ihnen geschah, fühlten sich von ihren Eltern nicht mehr geliebt und verstoßen.« [1]
Das Thema wurde mindestens in zwei weiteren Threads [2] schon gestreift. Ich würde es gern fortführen, z.B. unter diesen Aspekten:
1. Ein Teil der neueren Forschung geht davon aus, dass im Abendland die »Kindheit« (als Lebensphase) um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu definiert wurde [3], wobei es mehrere Jahrhunderte dauerte, bis die neue Definition in der Lebens- und Erziehungspraxis aller Bevölkerungsschichten angekommen war.
Frage: Wie werden die Forschungsergebnisse heute bewertet?
2. Vielerorts hat die Hälfte aller Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreicht; das änderte sich erst nach Beginn des 20. Jahrhunderts.
Fragen: Wie sind die Eltern mit dem Sterben der Kinder umgegangen? Inwieweit beeinflusste die Sterblichkeitsquote ihr Verhältnis zu den Kindern? Woher bezogen sie gegebenenfalls Hilfe und Trost? (Fehlstelle in der Literatur: Wie mögen die überlebenden Geschwister reagiert haben?)
3. Seit einigen Jahren wird »Das Verschwinden der Kindheit« diagnostiziert [4], oft verbunden mit Kritik an den Massenmedien (ab 1950: das Fernsehen).
Fragen: Ist die Diagnose nachvollziehbar? Gewinnt sie angesichts der ubiquitären Nutzung von Computer/Smartphone/Internet – auch durch Kinder – an Plausibilität? Kann man bestimmte Entwicklungen überhaupt zurückdrehen?
[1] Das Schicksal der Hütekinder im Schwarzwald
[2] https://www.geschichtsforum.de/thema/kinderarbeit-im-mittelalter.46697
https://www.geschichtsforum.de/thema/die-psychohistorie-und-ihr-begruender-lloyd-demause.18922
[3] Als Protagonist dieser Forschung gilt Philipp Ariès; seine »Geschichte der Kindheit« erschien bereits 1960, in Deutsch erst 15 Jahre später.
[4] Mit am bekanntesten: das gleichnamige Buch von Neil Postman (1982, dt. 1983), der in den ersten vier Kapitel auch die »Erfindung« thematisiert.
– Für meinen Wohnort habe ich Familienforschung betrieben. Sehr beeindruckt – und bisweilen auch deprimiert – war ich von der überaus hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit zu früheren Zeiten.
– Als ich Material zum Thema »Schwabenkinder« suchte, stieß ich auf diese Aussage: »Die Kinder [hier: Hütekinder] wurden also in sehr jungen Jahren aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen und einer fremden Umgebung überlassen. [...] Diese Kinder konnten nicht verstehen, was ihnen geschah, fühlten sich von ihren Eltern nicht mehr geliebt und verstoßen.« [1]
Das Thema wurde mindestens in zwei weiteren Threads [2] schon gestreift. Ich würde es gern fortführen, z.B. unter diesen Aspekten:
1. Ein Teil der neueren Forschung geht davon aus, dass im Abendland die »Kindheit« (als Lebensphase) um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit neu definiert wurde [3], wobei es mehrere Jahrhunderte dauerte, bis die neue Definition in der Lebens- und Erziehungspraxis aller Bevölkerungsschichten angekommen war.
Frage: Wie werden die Forschungsergebnisse heute bewertet?
2. Vielerorts hat die Hälfte aller Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreicht; das änderte sich erst nach Beginn des 20. Jahrhunderts.
Fragen: Wie sind die Eltern mit dem Sterben der Kinder umgegangen? Inwieweit beeinflusste die Sterblichkeitsquote ihr Verhältnis zu den Kindern? Woher bezogen sie gegebenenfalls Hilfe und Trost? (Fehlstelle in der Literatur: Wie mögen die überlebenden Geschwister reagiert haben?)
3. Seit einigen Jahren wird »Das Verschwinden der Kindheit« diagnostiziert [4], oft verbunden mit Kritik an den Massenmedien (ab 1950: das Fernsehen).
Fragen: Ist die Diagnose nachvollziehbar? Gewinnt sie angesichts der ubiquitären Nutzung von Computer/Smartphone/Internet – auch durch Kinder – an Plausibilität? Kann man bestimmte Entwicklungen überhaupt zurückdrehen?
[1] Das Schicksal der Hütekinder im Schwarzwald
[2] https://www.geschichtsforum.de/thema/kinderarbeit-im-mittelalter.46697
https://www.geschichtsforum.de/thema/die-psychohistorie-und-ihr-begruender-lloyd-demause.18922
[3] Als Protagonist dieser Forschung gilt Philipp Ariès; seine »Geschichte der Kindheit« erschien bereits 1960, in Deutsch erst 15 Jahre später.
[4] Mit am bekanntesten: das gleichnamige Buch von Neil Postman (1982, dt. 1983), der in den ersten vier Kapitel auch die »Erfindung« thematisiert.