So, bislang habe ich mich nur als Moderator geäußert. Das Forum hat zwar Mitglieder, die wesentlich firmer im Semitischen sind, als ich, die sind aber kaum aktiv und werden sich hierzu wahrscheinlich nicht äußern, daher äußere ich mich als Einäugiger unter Blinden mit beschränkter Sehstärke auf dem nichtblinden Auge, was Kenntnisse im Semitischen anbelangt:
die symptomatischen Klimmzüge um den raqia-Begriff sind mir bekannt)
Zu dem Begriff "raqia" habe ich dir bereits eine Wortstudie, bzw. eine Deutung auf Basis des gesamtbiblischen Kontextes (und eben nicht auf Basis kreationistischer Lehre) verlinkt.
Ein Link - diese Spitze kann ich mir nicht verkneifen - den ich im Übrigen nicht gelöscht habe.
Allerdings:
(und eben nicht auf Basis kreationistischer Lehre)
Der Link stammte aus
Wort und Wissen und das ist ein deutschsprachiges Organ bzw. Verein in Sachen Kreationismus in Dtld. Der Text kommt also sehr wohl aus einem kreationistischen Kontext. Der Autor W. Hilbrands ist Professor an einer evangelikalen Kaderschmiede, der Freien Theologischen Hochschule (FTH) in Gießen.
Die wissenschaftliche Expertise ist ihm also nicht abzusprechen, aber die Intersubjektivität.
"Alle Vorkommen von raqia lassen sich derart verstehen, dass raqia synonym zu „Himmel“ (schamajim) verwendet wird, ohne dass ein Zusammenhang mit riqua „Gehämmertes“ oder dem Verb rq‘ besteht.
Fangen mal wir mal hiermit an: Natürlich besteht ein Zusammenhang zu רָקַע (rāqaʿ) - die Radikale R-Q-ʕ (ʕ = ʿ, -ʕ-, das ist die IPA-Version des Zeichens; [ʕ] ist im Übrigen eigentlich ein Konsonant, der im Althebräischen oft mit -a- assoziiert ist, im Jiddischen und Neuhebräischen wird er als Vokal behandelt und entspricht [e]) - also die Radikale R-Q-ʕ sind Die Grundlage aller Ableitungen, die Hilbrands zitiert.
רָקִיעַ (raqīaʿ) = Himmelsgewölbe
רֶקַע (reqaʿ) = Untergrund
רִקּוּעַ (riqqūaʿ) = das Treiben von Metall
Im Modernhebräischen - das von einigen Semitisten nicht mehr als semitische Sprache angesprochen wird, sondern als eine Kunstsprache die auf dem Althebräischen Wortschatz und einer Mischgrammatik aus Althebräisch und Indoeuropäisch (Jiddisch, Slawisch) benutzt als Verb לְרַקֵּעַ (ləraqqeaʿ) das beginnende
lə ist eigentlich eine Präposition, man kann also sagen
ləraqqeaʿ bedeute 'zu hämmern', vgl. englisch: to hammer
Modernhebräisch:
רֶקַע (reqaʿ) = Hintergrund (Grafik, Bühne)
רָקִיעַ (raqīaʿ) = Himmel
Vergleich mit dem Arabischen:
raqʿa (رَقَعَ) - hämmern
taraqqʿa (تَرَقَّعَ)- sich ausbreiten (gewissermaßen ist die Idee das hämmernde Austreiben im Schmiedewesen)
raqaʿa (رَقَعَ) - Geräusch eines Schlages
geminiert: raqqaʿa (رَقَّعَ)→ kräftig schlagen, wiederholt treffen
ruqʿa (رُقْعَة) - etwas Ausgebreitetes (Fleck, Flicken...)
Das hämmernde Austreiben im Schmiedewesen ist der Link zwischen dem Grundverb
hämmern und dem Firmament (firmum = fest > firmare = befestigen > firmamentum = das Befestigte) eben רָקַע (rāqaʿ) und רָקִיעַ (raqīaʿ).
Hier müssen wir die Gesellschaft betrachten (und damit kommen wir von der Philologie zur Sozialgeschichte, aber Etymologie und Historiolinguistik haben fast immer sozial- und/oder ideengeschichtliche Bezüge) in der die biblischen Texte entstanden.
In die babylonische Gefangenschaft wurde neben der israelitischen Elite auch die Handwerker gebracht, darunter werden explizit die Schmiede und Goldschmiede (austreiben!!!) genannt: 2 Könige 24, 14:
וְהִגְלָ֣ה אֶת־כָּל־יְ֠רוּשָׁלִַם וְֽאֶת־כָּל־הַשָּׂרִ֞ים וְאֵ֣ת ׀ כָּל־גִּבּוֹרֵ֣י הַחַ֗יִל עֲשֶׂ֤רֶה אֲלָפִים֙ גּוֹלֶ֔ה וְכָל־הֶחָרָ֖שׁ וְהַמַּסְגֵּ֑ר לֹ֣א נִשְׁאַ֔ר זוּלַ֖ת דַּלַּ֥ת עַם־הָאָֽרֶץ׃
und er führte weg ganz Jerusalem und alle Funktionäre und alle Krieger des Heeres 10.000; die Weggeführten [waren] auch alle Handwerker und Metallgießer; niemand blieb zurück außer das arme Volk des Landes
Anmerkung; "er" ist Nebukadnezar.
Einheitsübersetzung:
Von ganz Jerusalem verschleppte er alle Vornehmen und alle wehrfähigen Männer, insgesamt zehntausend Mann, auch alle Schmiede und Schlosser. Von den Bürgern des Landes blieben nur die geringen Leute zurück.
Elberfelder:
Und er führte ganz Jerusalem gefangen fort und alle Obersten und alle kriegstüchtigen ⟨Männer⟩, zehntausend Gefangene, und alle Schmiede und Schlosser. Niemand blieb übrig als nur das geringe Volk des Landes.
Gute Nachricht (dieser Name scheint im Zitatzusammenhang etwas sarkastisch):
Aus Jerusalem führte er alle maßgeblichen und wohlhabenden Leute in die Verbannung, insgesamt 10000 Mann, dazu alle erfahrenen Handwerker, insbesondere die Bau- und Metallhandwerker. Nur die ärmere Bevölkerungsschicht blieb zurück.
Luther (2017):
Und er führte weg das ganze Jerusalem, alle Obersten, alle Kriegsleute, zehntausend Gefangene und alle Zimmerleute und alle Schmiede und ließ nichts übrig als geringes Volk des Landes.
King James:
And he carried away all Jerusalem, and all the princes, and all the mighty men of valour, even ten thousand captives, and all the craftsmen and smiths: none remained, save the poorest sort of the people of the land.
Wir sehen in den verschiedenen Übersetzungen verschiedene Interpretationen. Es sticht natürlich die Gute Nachricht heraus mit ihrer sehr modernen Auffassung: "alle erfahrenen Handwerker, insbesondere die Metall- und Bauhandwerker". Manche der Interpretationen scheinen durch die Gießer die Handwerker als Schmiede bzw. Schlosser aufzufassen - (EÜ, Elberfelder) was ich für ebenso legitim halte, wie die Interpretation der Lutherbibel, die sagt: Metallhandwerker sind abgedeckt, also sind die 'Handwerker' als Zimmerleute aufzufassen.
Die King-James-Bible bleibt dem hebräischen Original gegenüber am genauesten:
craftsmen.
Nebukadnezar brauchte also die Beamten und Schreiber, die Funktionäre, und die Handwerker - wobei hier die
masger ('Metallhandwerker') hervogehoben werden - oder er nahm den Adel als Geiseln, wie auch immer. Das geschlagene Heer mit seinen zehntausend Leuten wollte er sicher nicht zurücklassen, die würden mitunter zu Räubern mutieren, die er wieder bekämpfen müsste, was mit diesen Leuten geschah, darüber lässt sich die Bibel meines Wissens nicht aus. Sie erwähnt aber auch kein Massaker, was dahingehend zu deuten ist, dass die gefangenen Krieger nicht erschlagen wurden, denn das hätten die Verfasser der Bibel sicher nicht vergessen zu erwähnen.
Der Pentateuch (= Torah) wurde im Babylonischen "Exil" von den gefangenen Beamten verfasst, welche ganz offensichtlich die Handwerker (gewissermaßen die Mittelschicht) ansprechen wollten und Metallhandwerk ist nicht zufällig "gehighlighted". Und damit schließt sich dann wieder der Kreis zum
hämmern und
treiben (רָקַע (rāqaʿ)): Die Verfasser der Torah kamen aus einem metallurgisch geprägten Umfeld und schrieben für ein metallurgisch gesprägtes Umfeld und wenn da die Vorstellung des Himmels - für den es ja nun mal einen feststehenden Ausdruck gibt, nämlich: שָׁמַיִם - šāmayim [ʃaːmaˈjim] - als רָקִיעַ (raqīaʿ) evoziert wird, dann hat das einen Grund genau darin, dass die Verfasser Metallurgen sind oder sich in einem metallurgisch geprägten Umfeld bewegten. Erst danach, also weil das Wort
raqīaʿ bereits biblisch-metaphorisch verwendet wurde und somit als Bild bekannt war, konnte es sich von seinem ursprünglichen Zusammenhang mit dem Hämmern emanzipieren.
Diesen historischen Kontext fasst Hilbrands nicht, wenn er schreibt:
In Ps 19,2; 150,1; Dan 12,3 ist dies deutlich der Fall, wahrscheinlich auch in Hes 1; 10,1, wo das Wort „Himmel“ gar nicht begegnet. Der Ausdruck „Himmelsfeste“ in Gen 1,14.15.17.20 und die Benennung des in 1,6.7 beschriebenen raqia in 1,8.9 als „Himmel“ macht dies auch für Gen 1 annehmbar. Insgesamt werden kaum Aussagen über die Beschaffenheit, Form usw. des raqia, sondern hauptsächlich über seine Funktion gemacht. Aufgrund dessen können auch nicht Weltbilder wie z.B. das einer festen Kuppel, einer Blechschale usw. von außen in die Texte hineingetragen werden, zumal die etymologische Bedeutung keine Rolle zu spielen scheint."
Hilbrands setzt einen abgeschlossenen Prozess voraus, dabei wird dieser erst mal in Gang gesetzt. Aber gut, Evangelikale akzeptieren ja eher selten, dass der Pentateuch erst im 6. Jhdt. geschrieben wurde und nicht bereits im 2. Jahrtausend* von Moses, der ganz schön gut Bescheid wusste, weil er über seinen eigenen Tod schreiben konnte und darüber, dass sein Grab in Vergessenheit geraten ist.
*wobei dann ja - wir würden uns dann ja noch in der Bronzezeit befinden - die Vorstellung, dass raqīaʿ sich bereits von seinem Wortfeldursprung emanzipiert hätte, noch schwieriger würde.