Naziwissenschaftler und ihr Erbe heute

Dieses Thema im Forum "Das Dritte Reich" wurde erstellt von balticbirdy, 9. Juli 2008.

  1. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Wissenschaft und Kunst boten manche Nischen, und bei manchen Wissenschaftlern und Lehrern unterschieden sich Lehrstil und Themen nicht unbedingt extrem zwischen der Zeit vor 1933 und danach. Es wurden nach wie vor Klassiker gelesen und Vokabeln gepaukt, und mancher versuchte, sich in einen Elfenbeinturm zurückzuziehen.

    Die ideologische Überfrachtung war aber vielfach spürbar, etwa wenn Horaz "dulce et decorum, pro patria mori" oder das Beispiel der Spartaner an den Thermopylen als "heroischer Opfergang" verherrlicht wurde, wenn Äußerungen römischer Schriftsteller zur "Judenfrage" thematisiert wurden. Für Rassenforschung wurde für einen Gymnasiallehrer, den "Rasse- Günther" ein eigener Lehrstuhl eingerichtet, obwohl Günther sich niemals habilitiert hatte und eigentlich auf seinem Fachgebiet ein Autodidakt war. Viele Fakultäten passten sich nicht nur an, sondern gingen mit einer Art von vorauseilendem Gehorsam auf NS- Gedankengut ein.
     
  2. Andachtsjodler

    Andachtsjodler Gesperrt

    Vor dem Hintergrund der Deutschen Physik:

    Wurde die deutsche Waffenforschung zwischen 1933 und 1945 durch derartige Standpunkte beeinträchtigt? Die in Boulevardzeitschriften (!) immer wiederkehrenden Berichte über das Atomwaffenprogramm der Nazis erscheinen ja bei einer Ideologie und Dogmen, welche Relativitätstheorie und Quantenmechnaik ablehnt, als ziemlich zweifelhaft.
     
  3. Tekker

    Tekker Gast

    Die Relativitätstheorie ist, wie das Wort schon sagt, eine eben solche. Ihre Popularität ist kein Indiz für ihre Richtigkeit. Ich kenne Leute, die sie sogar komplett als "unsinnig" abtun.

    Für eine Bombe bedarf es weniger Theorien als vielmehr praktischer "Arbeit". Ein Physiker kann insofern selbstverständlich völlig unabhängig von der von ihm vertretenen Theorie eine A-Bombe entwickeln.
     
  4. hyokkose

    hyokkose Gast

    Nein, es war andersherum: Die "Deutsche Physik" wurde durch die Erfolge der modernen Physik (z. B. in der Atomforschung) beeinträchtigt:

    Deutsche Physik ? Wikipedia
     
  5. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Relativitätstheorie und Kernwaffen haben im Grunde nix miteinander zutun, @Tekker hat es gesagt. Außer Einstein selbst hat wohl bis heute niemand sie wirklich verstanden.
    Ich erschaudere bei dem Gedanken, wenn ich nach Jahren Forschung nur das liefern könnte: E = m*c2
    Was, das ist alles...?

    Im Übrigen heißt es, Heisenberg und Hahn hätten im Dritten Reich bewusst schlampig geforscht, um die Bombe zu verhindern.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juli 2008
  6. hyokkose

    hyokkose Gast

    Da verwechselst Du den landläufigen Begriff von "grauer Theorie" mit der Definition einer wissenschaftlichen Theorie, die sehr hohe Standards erfüllen muß:

    Theoretische Physik ? Wikipedia

    Physikalische Theorie ? Wikipedia


    Ich kenne Leute, die die Evolutionstheorie als komplett unsinnig abtun, weil ja bekanntlich Gott die Erde vor weniger als 10.000 Jahren erschaffen hat.

    Theoretische und experimentelle Physik sind, wie bereits das obige Zitat zeigt, keineswegs "völlig unabhängig". Wie soll ein Wissenschaftler eine A-Bombe entwickeln, wenn sie nach seinen Berechnungen gar nicht funktionieren kann?

    Innerhalb Deutschlands versuchten die Vertreter der "Deutsche Physik" ja gerade Leute wie Werner Heisenberg abzuschießen, der auf theoretischem Gebiet zu den maßgeblichen Entwicklern der Quantentheorie und auf praktischem Gebiet zu den Pionieren der Atomforschung zählt.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das ist ihnen auch erst hinterher eingefallen.........

    Bohr zB hat das Gespräch mit Heisenberg, indem ihn Heisenberg angeblich zu einem Forschungsboykott zur Bombe auffordern wollte, ganz anders geschildert, eben ohne Boykottaufruf!

    Heisenbergs "Plutonium-Patent-Schrift" ist ja inzwischen auch aufgetaucht. Er selbst hatte sie vergessen.
     
  8. Tekker

    Tekker Gast

    Ich verwechsel da gar nix. :hmpf:

    Das sagt jetzt bitte was über meinen Freund aus, der die Relativitätstheorie in Frage stellt? :grübel:

    Du wärst damals bestimmt so'n richtiger Widerständler gewesen... :S
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 12. Juli 2008
  9. hyokkose

    hyokkose Gast

    O.k., o.k., dann tust Du nur so, als ob...


    Daß ich nicht daran zweifle, daß es ihn gibt.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Das steht auf einem ganz anderen Blatt.
    Im weichen Sessel eine große Klappe haben, und tatsächlich...
    Sind wirklich etliche verschiedene paar Schuhe.

    Aber das ist nur das eine.
    Das andere ist, bis zur letzten Sekunde mitmachen, (ich kenne noch Augenzeugen, die gesehen haben wie die Amis den Hahn mit Kollegen in Tailfingen eingesammelt haben, im April 1945, damit er nicht abhaut, haben sie ihn kurz an einen Gartenzaun gebunden)
    und dann hinterher den ganz großen Widerständler markieren.
    Da gehört nämlich auch nichts dazu, außer vielleicht einem "labilen" Charakter.

    OT: Es war nicht Heisenberg, es war Weizäcker mit dem Plutonium-Patent.
     
  11. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Solche persönlich diffamierenden Äußerungen über Otto Hahn halte ich hier für völlig unangebracht, lieber Repo.

    Otto Hahn ist wegen der Verfolgungen nach der Machtübernahme schon 1934 aus dem Lehrkörper der Berliner Universität ausgetreten.

    Zu den Verfolgten gehörten bekanntlich auch Lise Meitner, die im September 1933 von der Berliner Uni entlassen wurde und Fritz Haber, der am 29. Januar 1934 in der Schweiz auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit starb. Darauf legte Hahn am 31. Januar 1934 seine Professur aus Protest gegen die Verfolgung jüdischer Wissenschaftler nieder.

    Als 1935 der erste Jahrestag des Todes von Fritz Haber anstand, untersagten die Nazis eine Gedenkfeier am Institut. Sie fand aber doch statt und Hahn las eine Gedenkrede vor, die der frühere Assistent von Fritz Haber, Karl Friedrich Bonhoeffer, geschrieben hatte.

    Als Lise Meitner durch den Anschluss Österreichs deutsche Staatsbürgerin wurde und damit aufgruns der Rassengesetze unmittelbar gefährdet war, half er ihr bei der Flucht in die Niederlande.

    Während des Krieges arbeitete Hahn an der Untersuchung der Uranspaltprodukte und hatte übrigens kaum Verbindung zu den Arbeiten Heisenbergs und Weizsäckers. Er weigerte sich stetig, in die Partei einzutreten und hat während des Krieges häufig Widerstand gegen die Entlassung oder Deportierung von Mitarbeitern des Kaiser-Wilhelm-Insttuts oder ihrer Ehefrauen geleistet. Es ist bekannt, dass er immer wieder Entscheidungen der Partei offen widersprochen hat.

    Deine Verunglimpfung Otto Hahns ist also völlig fehl am Platze.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2008
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    In Bezug auf Hahn hast Du recht.
    Ich wollte ihn auch keineswegs diffamieren, mir ist nur gerade das Detail eingefallen mit dem Gartenzaun. Ausschließlich deshalb ist Hahns Name gefallen.

    Er hat ja auch tatsächlich gelitten, als die ersten Infos vom Bombenwurf kamen.
    Es tut mir Leid, wenn da ein falscher Eindruck entstanden ist.

    Aber in Bezug auf Heisenberg und Co.. halte ich meine Einschätzung aufrecht.

    Musste mal ein Referat halten "Menschen und Atome" von daher kenne ich den komplex recht gut.


    OT:
    Übrigens interessant wie die Amis/Briten wenige Tage vor den ahnunglosen Franzosen das kpl. KW-Institut eingesackt haben. Haigerloch, Hechingen, Tailfingen waren da noch unbesetzt. Die Franzosen haben sich noch mit den Resten der Wehrmacht herumgeschlagen, bei Reutlingen/Tübingen, am Albaufstieg, bei Donaueschingen, als ihre Verbündeten sich kurz holten was sie wollten. Und wieder verschwanden.


    also nochmals, es liegt mir fern Hahn Nazinähe zu unterstellen.
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Aufgrund der interessanten Diskussion gekauft und gerade eingetroffen:
    Cornwell, John, Forschen für den Führer, Deutsche Naturwissenschaftler und der Zweite Weltkrieg, 2004.

    Ich werde mal berichten.
     

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