Probleme zentralplanwirtschaftlicher Systeme

Dieses Thema im Forum "Wirtschaftsgeschichte" wurde erstellt von Gil-galad, 27. September 2008.

  1. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Probleme zentralverwaltungswirtschaftlicher Systeme

    Der Themenkreis Kommunismus führt immer wieder zu teilweise sehr emotionalen Diskussionen. Ich habe mir deshalb überlegt die Thematik von der wirtschaftlichen Seite zu erörtern. Ich habe in diesem ersten Teil vor Grundzüge dieser Wirtschaftsform zu erläutern und in einem zweiten Schritt kurz auf die Ausprägung dieser Wirtschaftsform in der DDR einzugehen.

    Es soll hier nicht darum gehen, welches System das bessere ist, sondern darum die Nachteile des zentralplanwirtschaftlichen Systems zu erörtern. Wenn Interesse bestehen sollte, kann man ja auch einen Thread aufmachen, der sich mit den Vorteilen befasst.

    Einige der wichtigsten Prinzipien einer Planwirtschaft sind:
    - Kollektiveigentum an den Produktionsmitteln (Boden, Kapital)
    - Monopolisierung der des primären und sekundären Wirtschaftssektors
    - Verstaatlichung von Betrieben
    - Preisfestsetzungen bzw. -regulierungen
    - streng hierarchisches Planungssystem
    - Planung aller Wirtschaftbereiche
    - Planung in naturalen Größen, nicht in monetären


    In aller Kürze möchte ich einige der wichtigsten Auswirkungen aufzeigen, die sich aus den obigen Prinzipien ergeben.

    • Aufgrund des fehlden Wettbewerbes reduziert sich die Motivation effizient zu wirtschaften bzw. einen ständigen Verbesserungsprozess einzuleiten
    • Die Preisfestsetzungen bieten keine Anreize zu Produktivitätssteigerungen (zumal sowieso keine Gewinne erwirtschaftete werden, die in den Betrieben verbleiben)
    • Das System bietet keine Anreize zur Innovation, dafür sind wieder hauptsächlich die Preisfestsetzungen und der fehlende Wettbewerb verantwortlich.
    • Das Kollektiveigentum führt zu einem ineffizienten Einsatz der Produktionsmittel (siehe auch Allmendeproblematik)
    • Die Unternehmen arbeiten nicht nachfrageorientiert, also unter Umständen an den tatsächlichen Bedarfen vorbei
    • Die Arbeitsproduktivität ist niedrig, da entweder zu personalintensiv produziert wird oder keine Anreize bestehen dieselbe zu steigern
    • Es entstehen immer wieder Zuteilungsproblem bei strategisch wichtigen Grundstoffen wie zum Beispiel Stahl, da die Betriebe den Einkauf nicht selbst abwickeln können. Daraus wiederum folgt das Problem, dass man nur mit ausreichenden Grundstoffen produzieren kann.
    • "Tonnenideologie" -> Planerreichung aufgrund des Erreichens der Mengenvorgabe. Sollen beispielsweise 1000t Schrauben produziert werden, so kann man das möglichst schnell erreichen indem man nur große Größen produziert, die aber gar nicht in großen Mengen gebraucht werden.
    • Das wohl größte Problem besteht darin,wie man die Bedürfnisse der Nachfrager genau ermitteln will, um korrekte Pläne zu erstellen. Nur so wäre eine Planwirtschaft vollkommen funktionsfähig. Denn theoretisch könnten staatliche Entscheidungen private substituieren.
    Auf einige diese Punkte möchte ich später noch einmal genauer eingehen. Am Ende möchte ich euch nochmal bitten das ganze nicht in eine emotionale Diskussion abrutschen zu lassen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. September 2008
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  2. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Letzteres vermeidet man am besten durch eine sorgfältige Auswahl und Ableitung von Begriffen. "Kommunismus" z. B. finde ich problematisch, weil es dafür kein praktisches Beispiel gibt (die "entwickelte sozialistische Gesellschaft", wofür die DDR sich hielt, ist nicht dasselbe!), und "Planwirtschaft" auch, weil in allen möglichen wirtschaftlichen System geplant wird (siehe stattdessen Zentralverwaltungswirtschaft ? Wikipedia).

    Im Übrigen ein ambitioniertes Vorhaben, zu dem sicher viele Beiträge zu erwarten sind.
     
  3. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ich möchte mich hier mit 3 Effekten beschäftigen, die sich aus Prinzipien der Zentralplanwirtschaft ergeben: dem fehlenden Privateigentum, der Monopolisierung und die Probleme die sich aus der Preisfestsetzung ergeben. Alle Ausführungen sind N. Gregory Mankiw (2004): Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 3. Auflage. Stuttgart entnommen. Die entsprechenden Seiten gebe ich an geeigneter Stelle an.

    Beginnen möchte ich mit den Problemen die sich aus dem Kollektiveigentum an Produktionmitteln ergeben. Solange Überfluss besteht, funktioniert Kollektiveigentum sehr gut, da keine konkurrierende Nutzung stattfindet. Also die Nutzung durch eine Person beeinflusst die Nutzung durch eine andere Person in keiner Weise. Das ändert sich aber, sobald ein Mangel auftritt, dann erschwert die Nutzung durch eine Person, die Nutzung durch eine andere aufgrund von negativen externen Effekten. Vor allem wird die nachhaltige Nutzung von Ressourcen vernachlässigt, was bei Privateigentum selbstverständlich ist, da die Produktionsmittel ja niemandem gehören. Schon Aristoteles meinte: "Was vielen gehört, wird mit geringer Sorgfalt behandelt,...". Privateigentum aber bringt eine Ungleichverteilung mit sich und soll deshalb in der Planwirtschaft nicht bestehen. Die Abschaffung des Privateigentums verursacht aber hohe Kosten durch sinkende Effizienz, da Kollektiveigentum nicht effizient und nachhaltig genutzt wird und staatliche Entscheidungen die privaten Entscheidungen nicht adäquat ersetzen können, da diese Entscheidungen viel zu zahlreich und komplex sind. Alle diese Effekte zeigten sich deutlich nach dem Zusammenbruch der UdSSR. (S. 255 f.)

    An dieser Stelle möchte ich noch kurz 2 Begriffe definieren (im volkswirtschaftlichen Sinn):

    • Effizienz = Eigenschaft einer bestimmten Ressourcenallokation, die Wohlfahrt aller Mitglieder der Gesellschaft zu maximieren (S. 164)
    • Gerechtigkeit = Fairness der Wohlfahrtsverteilung unter allen Mitgliedern einer Gesellschaft (S. 165)
    Probleme ergeben sich dabei aus den Reibungspunkten dieser beiden Begriffe. Während Effizenz sich tatsächlich objektiv erreichen läßt, gilt das für die Gerechtigkeit nicht, da hier subjektive Empfindungen eine wichtige Rolle spielen. Das Gerechtigkeitsempfinden der Masse läßt sich oft nicht in jedem Fall mit der Effizenz in Einklang bringen.

    Als zweiten Punkt möchte ich die Problem der Monopolisierung kurz ansprechen (S. 352 f.). Monopole produzieren in der Regel volkswirtschaftlich ineffiziente Gütermengen bzw. setzen für die Produktionsmenge einen zu hohen Preis an und schließen somit einen Teil der Verbraucher vom Konsum aus. Daraus folgt ein Nettowohlfahrtsverlust für die gesamte Wirtschaft. Aufgrund der Monopoleffekte wird in einer Zentralplanwirtschaft die Regulierung der Preise notwendig in dem Höchstpreise festgesetzt werden. Aber woher nimmt die Plankommission das Wissen über die richtige Menge bzw. den richtigen Preis?

    Daraus ergibt sich nahtlos das Problem der Preisfestsetzung (S. 124 - 130). Bei einem Höchstpreis (das ist die Regel) der unter dem Marktpreis (Gleichgewichtspreis) liegt, entsteht ein Nachfrageüberschuss, d.h. mehr Nachfrager wollen das Gut kaufen, als Menge vorhanden ist bzw. produziert wird. Deshalb gehen einige Kaufwillige leer aus, da die Masse der Verbraucher nicht mehr ausreichend durch den Preis selektiert wird. Es greift das Prinzip first come fist serve. Es entsteht Ineffizienz durch die unfaire Verteilung der Güter. Auf manchen Märkten könnte es auch zu einer Diskriminierung von bestimmten Nachfragergruppen kommen, damit die produzierte Menge ausreicht, z.B. dass man ethnische Minderheiten vom Konsum bestimmter Güter ausschließt bspw. auf dem Wohnungsmarkt.
    Mindestpreise würden zu einer Überproduktion führen und ist somit volkswirtschaftlich ebenfalls unsinnig, da schlicht die falsche Menge produziert wird. Dieser Effekt ergibt sich vor allem in der landwirtschaftlichen Produktion.

    So genug doziert. Freue mich auf Ergänzungen.
     
  4. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Das hast du sicher recht. Ich werde in Zukunft versuchen mich zu mäßigen. Ich dachte die ganze Sache ist schon theoretisch genug, da muss ich nicht auch noch allzu komplizierte Begriffe wählen.

    Eine korrekte Bezeichnug für das System der DDR wird immer schwer fallen. Walter Ulbricht bezeichnete sie als "sozialistische Menschengemeinschaft".
     
  5. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Bitte nicht! :winke: Meine Anregung bezieht sich nur darauf, politisch stark besetzte Begriffe samt ihrem philosphischen und anthropologischen Hintergrund - soweit möglich - aufzudröseln. Das ist prinzipiell möglich und kann auch praktisch gelingen, einigermaßen z. B. bei "Marxismus im Systemvergleich", Hg. Kernig, Reihe "Ökonomie" (4 Bd., 1973).

    Das ist so ein Fall - siehe Strom- bzw. Ölpreis -, wo man beachten muss, dass es Monopole (oder wenigstens monopolartige Strukturen) nicht nur in einer Zentralverwaltungswirtschaft (Z) geben kann! Die Frage müsste insoweit lauten: wie gehen die Marktwirtschaft einerseits, die Z. andererseits mit dem Problem um?
     
  6. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Natürlich sind Monopole keine reinen zentralverwaltungswirtschaftlichen Gebilde. Es gab bis vor kurzem sehr viele Monopole wie z.B. die Post oder die Bahn, diese wurden allerdings in der jüngsten Vergangenheit etwas aufgebrochen und zumindest theoretisch abgeschafft, auch wenn man es der Konkurrenz (siehe Post-Mindetlohn) zum Teil sehr schwer macht. Die Betrachtung der Monopole habe ich übrigens aus den marktwirtschaftlichen Monopolen übernommen, und nur auf die Zentralverwaltungswirtschaft umgemünzt, da die negativen Monopoleffekte dieselben sind, die durch eine anschließende Preisregulierung noch verstärkt werden.

    Die Öl- und Stromkonzerne, die du ansprichst, ordnet man übrigens heute eher den Oligopolen zu, da es in diesem Markt durchaus Konkurrenz gibt, die aber häufig nicht richtig zum Tragen kommt, da man sich gegenseitig "nicht weh tut".
     
  7. Nakharar

    Nakharar Neues Mitglied

    Eine sehr schöner Beitrag.
    Ich wollte allerdings auch noch etwas beitragen: Ein weiteres Problem ist der erhebliche time lag, also die Verzögerung bei der Planung. Wenn z.B. ein Bürger ein Fahrrad kaufen möchte, aber es gibt keins, muss er so lange warten, bis weitere Leute Fahrräder haben wollen und irgendjemandem bei der zuständigen Behörde irgendwann auffällt, dass eine erhöhte Nachfrage nach Drahteseln besteht. Unser potentieller Kunde muss also eine Ewigkeit warten, bis seine Nachfrage befriedigt wird. Und wenn er in der Zwischenzeit doch lieber auf Inline Skates umgestiegen ist, bleiben die Verteiler auf ihren Fahrrädern sitzen.
     
  8. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Kann mir einer sagen, ab wann die Lieferbarkeit in der BRD und der DDR auseinanderlief, also ab wann in einem Teil die "Schlangen" länger als im anderen Teil wurden?

    Dabei meine ich nicht Warteschlangen für einen Ferrari, sondern für relativ "normale" Dinge, also Orangen, Bananen, Wohnungen, Fernseher, Telefone, Autos, bestimmte Spirituosen, bestimmte Bücher, Videospielkonsolen, usw.
     
  9. florian17160

    florian17160 unvergessen

    Ab der konvertierbarkeit der Währung, würde ich sagen bei Orangen und Bananen. Videospielkonsolen gab es damals nicht.
    Eine Wohnung hat jeder gehabt, einen Fernseher auch, wenn man ihn sich leisten konnte. Bei Telefon war das schwieriger.
     
  10. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Dieses Problem hat man mit der "Neuererbewegung" zu lösen versucht: Amt für Erfindungs- und Patentwesen der DDR ? Wikipedia
    Ansonsten stimme ich dir prinzipiell zu, daß ein Wirtschaftssystem, das auf verstaatlichten Betrieben beruht, nicht kostendeckend arbeitet - das hat man übrigens nicht nur in den sogenannten "soz. Staaten" gesehen, sondern z. B. auch in Frankreich, wo ein ählicher Versuch lief und noch viel früher als im Osten schief ging.
    Lies dazu hier: De Gaulle und die Wirtschaft
    (...) [...aber das ist bereits Tagespolitik! Darüber kannst du gern im Politik-Forum weiter diskutieren - siehe "öffentliches Profil"]:pfeif:
    Die meisten Preise waren ohnehin stark staatlich subvetioniert, so daß sie niemals den tatsächlichen Warenwert widerspiegelten. Somit dürfte auch die Preisfindung/-gestaltung in der DDR eher Nebensache gewesen sein.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 28. September 2008
  11. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Aus Fernsehdokus weiß ich, daß das Warenangebot in den Westsektoren gleich nach der Währungsreform ausreichend war - die Regale in den Läden also voll waren, nur die meisten Leute hatten 1948/49 noch nicht ausreichend Geld, um sich alles kaufen zu können. Das änderte sich dann erst im Zuge des "Wirtschaftswunders" in den ´50ern.
     
  12. lynxxx

    lynxxx Neues Mitglied

    Also war es schon Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre so, dass einiges in der DDR so rationiert wurde, dass sich Schlangen bildeten?

    Und gab es in den 70ern und 80ern nicht Videospielkonsolen, also z.B. sowas wie Pong-Kopien, etc.? Wenigstens für die Privilegierten?
     
  13. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Einiges in der DDR? Ich glaube alles war rationiert - noch bis in die ´60er Jahre hinein - hab ich mal irgendwo gelesen.

    Muß es gegeben haben.
    Jedenfalls war ich 1985 in Moskau (Klassenfahrt in der 10.) in einem Hotel, daß extra für die Olympiade 1980 gebaut wurde und da stand so ein Spielautomat mit so einem Ping-Pong-Spiel. Na das hat Laune gemacht - kannte ich vorher ja nicht...
     
  14. Themistokles

    Themistokles Aktives Mitglied

    Inwiefern führt Planwirtschaft zu personalintensiver Produktion?
     
  15. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ursprünglich wollte ich noch ein bißchen auf die wirtschaftliche Entwicklung der DDR eingehen, aber vorher will ich versuchen alle Fragen, Anregungen und Kritiken zu beantworten, soweit mir das möglich ist.

    Erst mal vielen Dank für das Lob und die Ergänzung Nakharar. Du hast da eine wichtigen Punkt angesprochen, den ich leider vergessen habe. Es gibt bestimmt noch 1000 Sachen, die ich nicht aufgenommen habe, und bin deshalb für jede Ergänzung dankbar.

    Es ga immer wieder Versuche die negativen Effekte der Zentralverwaltungswirtschaft zu beseitigen, es zeigte sich aber immer wieder, dass eine Vermischung der beiden Systeme nicht funktioniert. Ich hatte vor auf dieses Thema später nochmal einzugehen.

    Das steht außer Frage, viele Staaten sind mit einer Monopolisierung ihrer Wirtschaft gescheitert. Es ist ausdrücklich kein Phänomen, das nur auf Zentralplanwirtschaften zutrifft, aber in diesen erhebliche Ausmaße annimmt, so waren in der DDR 1972 94,7% der Betriebe "sozialistisch" also staatlich. 1973 waren es 95,2 und 1980 dann 96,5%. Diese Angaben sind dem Statistischen Jahrbuch der DDR entnommen, zusammengestellt von H. Hammel in "Soziale Marktwirtschaft - Sozialistische Planwirtschaft".

    Ich hatte in diesem Rahmen nicht vor, das weiter auszutreten, bin aber jederzeit zu einer Diskussion andernorts bereit.

    Preissubventionnierungen sind faktisch Mindestpreise. Der Staat greift in den Preisbildungsmechanismus ein um den Produzenten einen Mindestrente zu garantieren. Auch das ist kein typisches Phänomen von Zentralverwaltungswirtschaften, sondern sowohl in der EU als auch in den USA gang und gebe. Diese Maßnahmen befördern eine massive Überproduktion (siehe auch "Butterberg" und "Milchsee"). Somit werden Kapazitäten aus Industrien abgezogen, wo sie vielleicht sinnvoller eingesetzt gewesen wären.
    Ansonsten legen sozialistische oder kommunistische Staaten in aller Regel die Preise für Güter des täglichen Bedarfs fest wie zum Beispiel Grundnahrungsmittel und Wohnungen. Das wiederum sind wirksame Höchstpreise.
     
  16. Gil-galad

    Gil-galad Aktives Mitglied

    Ein wichtiges Merkmal von sozialistischen Staaten ist, dass sie allen Bürgern einen Arbeitsplatz garantieren. Das kann aber auch dazu führen, dass wesentlich mehr Arbeitskräfte eingesetzt werden, als zur Produktion der gleichen Menge faktisch nötig wären (wir sprechen im Moment nur von menschlicher Arbeitskraft im Sinne von Marx). Man geht allgemein davon aus, dass in den Betrieben in der DDR etwa ein Drittel Arbeitskräfte zuviel beschäftigt waren.
    Der Grund, dass eine so massive Überbelegung möglich ist, hängt auch mit dem fehlenden Wettbewerb zusammen, man hat ja keine Motivation effizienter zu arbeiten. Da zusätzlich in vielen sekundären Sektoren die notwendigen Innovationen und Investitionen verschleppt wurden, bedingte das oft eine "unnötig" personalintensive Produktion.
    Diese Betrachtung bedient allerdings nur die ökonomische Seite. Es steht außer Frage, dass Vollbeschäftigung durchaus positive Effekte hat, aber langfristig leidet die Wirtschaft unter einer künstlich geschaffenen Vollbeschäftigung.
     
  17. Hamburger

    Hamburger Gesperrt


    Warum wurden notwendige Investionen verschleppt? War das ein Systemfehler oder hatte das andere Gründe?
     
  18. jschmidt

    jschmidt Aktives Mitglied

    Wie sich schnell zeigt, lässt sich der geplante Zweischritt in der Bearbeitung des Themas nur schwer realisieren. Ich würde gern nochmal etwas zu den "Grundzügen" schreiben und greife dazu den Aspekt "Preise" heraus.

    - Am Anfang (#1) steht die These, dass in einer Zentralverwaltungswirtschaft (ZVW) die Preise zentral festgesetzt/reguliert werden. Im unmittelbaren Anschluss daran wird argumentiert, die Preisfestsetzungen böten keine Anreize zu Produktivitätssteigerungen (zumal sowieso keine Gewinne erwirtschaftet werden, die in den Betrieben verbleiben).
    - Gleich darauf (#3) wird die Untauglichkeit der Preisfestsetzung aus der Sicht eines US-Ökonomen beschrieben, wonach es auf keine Art und Weise möglich ist, das Preisproblem in den Griff zu bekommen: wie man's auch macht, ist's verkehrt.
    - Aus Sicht eines Betroffenen (?) wird sodann dargelegt, dass die meisten Preise "ohnehin stark staatlich subventioniert, so daß sie niemals den tatsächlichen Warenwert widerspiegelten. Somit dürfte auch die Preisfindung/-gestaltung in der DDR eher Nebensache gewesen sein."

    Bevor man das mit der resignierenden Erkenntnis abschließt, dass "drüben" - etwas drastisch ausgedrückt - 40 Jahre lang eh' nur ein Haufen Idioten am Werk war, möchte ich wenigstens etwas zur Theorie in der DDR sagen (Literatur z.B.: Politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus [1974], dort S. 664-715 zur Preisbildung; Leiten-Entscheiden-Planen [1980] zum Planungsverfahren).

    1. Der Preisaufbau weist nicht sonderlich vom Standard ab:
    Selbstkosten
    + Gewinn
    = Betriebspreis (BP)
    + produktgebundene Abgabe
    = Industrieabgabepreis [IAP]
    + Großhandelsspanne
    = Großhandelsabgabepreis (GAP)
    + Einzelhandelsspanne
    = Einzelhandelsverkaufspreis (EVP)

    2. Ausgangspunkt jeder Preisfestsetzung sind "die normativen Selbstkosten", d.h. die durchschnittlichen Selbstkosten des Produktionszweiges, die unter Berücksichtigung der Produktivitäts- und Kostenentwicklung ermittelt werden. Betrachtet wird also nicht der einzelne Betrieb, der das Produkt X herstellt, sondern alle X-produzierenden Betriebe. Die Berechnung erfolgt im einzelnen auf der Grundlage eines "Systems preisbildender Faktoren", zu denen allerdings auch bereits die "Höhe des gesellschaftlichen Bedarfs an bestimmten Erzeugnissen" gehört.
    In einen größeren (gesellschaftlichen) Zusammenhang zu stellen ist natürlich auch der Gewinn (bzw. die Gewinnrate), wobei zu unterscheiden ist zwischen dem "zentralisierten Reineinkommen des Staates" und dem (einzel)betrieblichen Reineinkommen.
    Gesellschaftlich definiert ist schließlich auch die Produktabgabe (oder: -subvention!), die explizit der Verbrauchslenkung dient.

    3. Hierdurch wird ein Preisbildungssystem konstituiert, das mehrere Funktionen erfüllen soll:
    a) Bestimmung einer rationellen Produktions- und Konsumtionsstruktur; gemeint ist insbesondere die Transparenz der Kostenstrukturen und die Sicherung der Vergleichbarkeit des Wertes von Produkten (Meßfunktion);
    b) Realisierung von nachfragewirksamen Geldeinnahmen und damit Beeinflussung von Bedürfnisstrukturen; diese "Verteilungsfunktion" des Preises kann auch dazu benutzt werden, "vom Aufwand abweichende Preise festzulegen";
    c) Förderung der Produktion bestimmter Erzeugnisse; der Preis soll die Herstellung qualitativ hochwertiger und neuer Erzeugnisse stimulieren ("Stimulierungsfunktion") und etwa bei Konsumgütern "zur Herausbildung einer solchen Verbraucherstruktur bei(tragen), die der sozialistischen Lebensweise entspricht".

    Etwas grob gesagt: Das Charakteristikum der Preisbildungsprozesse in dieser ZVW ist das Zusammenfließen ökonomischer und gesellschaftlich-sozialer - und sogar "verbraucher-erzieherischer" - Motive. Im Prozess selbst muss ein Bündel von Wertentscheidungen getroffen werden, die in einer Marktwirtschaft größenteils bei den privaten Betrieben anfallen und nur zu einem geringen Teil - wenn überhaupt (Beispiel: Regulierungsbehörde für Telekommunikation) beim Staat. Hierbei können die gesellschaftlich-sozialen Motive in einer Weise dominieren, dass sie die ökonomischen einschränken. (Beispiel: Preise für Kraftfahrzeuge werden in unwirtliche Höhen geschraubt - Preise für die Betreuung von Kindern auf Null gesetzt.) Die Frage ist, inwieweit hierbei eine strukturelle Überlastung des Preisbildungsmechanismus vorliegt, der zwangsläufig zum Versagen führen muss bzw. zu gesellschaftlichen Konflikten aufgrund abweichender Bedürfnisstrukturen.

    Man kann das natürlich mit dem kalten Blick des Ökonomen so sehen - das Ausblenden der individuellen Konsequenzen bei 6 oder 10 % Arbeitslosigkeit ist "auch nur" eine Wertentscheidung, die sozusagen im Zyklus der nationalen und globalen Entwicklung stets neu getroffen werden muss.
     
    Zuletzt bearbeitet: 28. September 2008
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  19. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Es ist schon eine Weile her, aber zu diesem Thema hatte ich mich auch schon mal geäußert, nämlich hier: http://www.geschichtsforum.de/f46/mi-wirtschaft-der-ddr-und-hohe-arbeitslosigkeit-heute-11726/
    Warum das Thema gleich geschlossen wurde, weiß ich eigentlich heute noch nicht - vielleicht wegen dem letzten Satz? :D
     
  20. Ingeborg

    Ingeborg Moderator Mitarbeiter

    Ein Heine-Zitat wirft hier niemanden aus dem Sattel - und warum das Thema geschlossen wurde, steht gut lesbar da.
     

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