Pruzzentum - Versuch einer Rekonstruktion

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von supana, 24. Oktober 2005.

  1. supana

    supana Neues Mitglied

    Hallo Leute,

    ich habe mich nach einiger Überlegung, für dieses Forum entschieden, weil ich sehe dass es ein sehr breit gefächertes ist und hier viele Geschichtsbegeisterte sehr ernsthaft diskutieren.

    Durch Namensforschung in meiner Familie habe ich herausgefunden, dass ich u.a. auch eine Nachfahrin des pruzzischen Volkes bin.

    Nun zu meinem Anliegen. Ich möchte den Versuch unternehmen und bin hier auf der Suche nach Gleichgesinnten, das Pruzzische Volk virtuell "wieder auferstehen" zu lassen, will sagen, dem Volk im Internet ein Gedenkstein zu setzten.
    Ich stelle mir das so vor, dass neben der Diskussion auch eine Datenbank und Linksammlung erstellt wird, in der Ergebnisse hauptsächlich der Sprach-, Namens- und Geschichtsforschung zusammengstellt werden.

    Zunächst möchte ich Ihre bzw. Eure Meinung erfragen, ob so etwas umsetzbar ist und wer sich daran beteiligen möchte.

    Liebe Grüsse an alle
    supana
     
  2. Mephisto

    Mephisto Aktives Mitglied

    Hallo. :winke:

    Ist ein interessantes Thema. Hast du schon konkrete Vorstellungen?

    Liebe Grüße.
     
  3. Arne

    Arne Premiummitglied

    Ich denke, daß du besser zu diesem Zweck eine eigene Internetseite aufbauen solltest. Dies Diskussionsforum ist für die Informationssammlung sicher geeignet, aber weniger für eine Darstellung.
     
  4. supana

    supana Neues Mitglied

    Danke @ Mephisto und Arne für die ersten Antworten
    Ja ich denke zuerst hier eine Diskussion zu beginnen: was wissen wir bisher?
    Es gab in der Form in diesem Forum zu dem Thema Pruzzen schon eine Diskussion. (Leider etwas unglücklicherweise unter Mittelater>Die Germanen>Pruzzen "gelandet" http://www.geschichtsforum.de/showthread.php?t=748&highlight=Pruzzen ). Hier ist erstes und auch ausführliches Wissenswertes über das Pruzzische Volk zu erfahren, aber genauso daneben auch das wiederkehrende "Klischee" zu lesen, z.B. über die angebliche Verwandschaft des ostpreussischen Dialektes mit den Pruzzischen Sprache
    Um sich noch etwas weiter in Thema einzulesen empfehle ich
    http://de.wikipedia.org/wiki/Pruzzen und http://www.geocities.com/palmaitis/prussol.html

    Damit sich dieses Vorhaben hier entwickeln kann, bitte ich Meinungen, Fragen und Kritiken hier hineinzuposten.
    Das Endziel kann dann später, so denke ich auch, eine Internetseite sein.

    Liebe Grüsse
    supana
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Oktober 2005
  5. supana

    supana Neues Mitglied

    Vielen Dank @ Heinz und HYOKKOSE für die bisher zusammengetragenen Fakten:
    supana
     
  6. survivor

    survivor Gast

    Also ich will Dich auch gerne unterstützen. Es würde mich auch ganz besonders interessieren, wie das Pruzzentum in das spätere Preussentum
    eingeflossen ist.
    Wie der "Germanisierungs-Prozess" von statten ging.
    Wie die "Beziehungen" zum Deutschen Orden waren, der zwar vernichtend
    geschlagen wurde, dessen Symbolik und "Kultur" anscheinend bis
    in spätere Zeiten überdauerte.

    Das klingt jetzt noch alles sehr grob ich weiss, aber ihr müsst verstehen, ich
    kenne mich halt besser z.B. mit dem Nordwesten Deutschlands aus, als
    mit dem Nordosten. Das hängt auch damit zusammen, dass ich meine
    Vorfahrenschaft eher bei den Niedersachsen ansiedeln kann als bei
    einem baltischen Volk.

    Aber ich will dazu lernen und mich gerne einbringen!
     
  7. survivor

    survivor Gast

    Hab mir grade mal ein bisschen dazu durchgelesen. Interessant sind die
    Kontinuitäten, also dass die Pruzzen seit altersher in jenem Gebiet siedelten.

    Stupana, wohnst Du zufällig in Berlin?
     
  8. supana

    supana Neues Mitglied

    Ich hoffe, dass ich mit dem Zitieren und "herübernehmen" der Beiträge von Heinz und Hyokkose nicht allzusehr Forumregeln verletze. Mir ging es dabei um das Zusammentragen des Wissen. und ein Wiederentfachen der Diskussion. Ich hoffe die Autoren sehen mir das nach und würde mir auch sehr gern wünschen, dass sie hier antworten.

    Zur Diskussion möchte ich auch den Begriff Baltisch, respektive Baltische Sprache stellen. Ist Baltisch eine geographische oder eine sprachliche Kategorie, oder auch beides. Wie der Literatur zu entnehmen ist werden Pruzzisch als westbaltische und Litauisch und Lettisch als ostbaltische oder auch als zentralbaltische Sprachen bezeichnet.
    Anlass zu diesem Nachdenken gibt mir der Begriff Baltendeutsche. DIese Deutschen sprechen aber keine Baltische Sprache, sondern doch eher einen Dialekt der Deutschen Sprache.

    Zum Thema Germanisierung, an dieser Stelle Dank an Deinen ersten Beitrag survivor, muss ja auch eine Polonisierung und Litauisierung der Pruzzen erwähnt werden. Denn die Assimilierung des Pruzzischen Volkes ging ja genauso auch in Richtung Polen und Litauen. Auch hier würde ich mich über Antworten freuen...

    Als weiteres Diskussionsthema würde für mich im Zusammenhang mit dem Pruzzischen Volk, das Thema des arianischen Glauben interessieren. Es wird ja nur allgemein von der Christianisierung gesprochen. Beim Literaturstudium fiel mir auf, das es in Osteuropa auch Anhänger des arianischen Glaubens gab. Wer weiss dazu etwas? Ich habe da so eine eine Ahnung. Zwar werden der Grossteil der Stämme der Pruzzen als Heiden bezeichnet, aber in den Augen der Christen waren Arianer ja auch Heiden.

    Gruss
    supana
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Oktober 2005
  9. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo miteinander,

    jetzt muß ich mich hier auch einmal "einmischen"... :winke:

    Die Zitate waren namentlich gekennzeichnet, was so und nicht anders vollkommen OK ist... :fs:

    Meines Wissens bilden sich die Baltendeutschen erst nach der Unterwerfung der Pruzzen durch Ansiedlung - eben von Deutschen im Baltikum - als Volksgruppe heraus. Da lasse ich mich jedoch gern korrigieren.

    Die eigentlichen Pruzzen sind - wie schon bemerkt - eine baltische Volksgruppe.
    Ich zitiere aus D. Zimmerling "Der Deutsche Orden" (wo sich auch noch weitere Aussagen zu den Pruzzen finden)...

    Hieraus läßt sich noch am ehesten eine sprachliche Verwandtschaft zu Litauern etc. ziehen, aber nicht zum Deutschen!
    Vollständig rekonstruieren läßt sich die Sprache aber kaum noch, da Zimmerling an anderer Stelle bemerkt...

    Erstens waren die Arianer sehr wohl Christen und keine Heiden - wenngleich ihre Lehre als Irrlehre bezeichnet und auch bekämpft wurde.
    Zweitens wird der Arianismus von germanischen Stämmen angenommen, als diese - von Osteuropa i.w.S. kommend - sich auf dem Gebiet des Imperium Romanum bzw. an dessen Grenzen niederlassen (z.B. Ostgoten, Westgoten, Vandalen).
    Drittens ist bei den Pruzzen stets die Rede von einem Naturglaube mit einem ausgesprochen vielfältigen Polytheismus, dessen Hauptgötter Perkunos, Patrimpe und Pekollos sind.
    Alles jenseits dessen ist und bleibt meines Erachtens reine Spekulation... :grübel:

    In diesem Sinne

    Timo
     
  10. supana

    supana Neues Mitglied

    @ thimotheus Danke für Deine erfreuliche "Einmischung"

    Du hast natürlich Recht, auch ich bin der Meinung dass die Arianer Christen waren. Sind sie aber das auch in den Augen des Deutschen Ordens gewesen?

    Das gab mir den Anlass zu überlegen ob alle "heidnischen" Stämme der Pruzzen an Perkunos, Patrimpe und Co. glaubten, oder ob nicht genauso auch in kleineren Anteilen der arianische Glauben, wie eben auch bei den Germanischen Stämmen vorhanden war.

    Die Ansiedlung der Baltendeutschen wird im 12. Jahrhundert begonnen haben. Riga ist durch den Bremer Domherren Albert von Buxhoeveden 1201 gegründet worden. Da diese Sedler deutschprachig sind, muss also der Begriff Baltisch sowohl als geographische und als sprachliche Kategorie angesehen werden.

    Liebe Grüsse
    supana
     
  11. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Ja, genau so hatte ich das gemeint...
    Die Arianer wären auch in den Augen des Ordens Christen gewesen, wenn es sie zu dem Zeitpunkt noch gegeben hätte.

    Das ist Spekulation; vgl. zum Überblick Arianismus
    Die Arianer sind zuletzt ausgangs des Frühmittelalters (im 8.Jh.) noch in Nordafrika und Spanien einigermaßen nachweisbar, dann verliert sich ihre Spur - spätestens im 9. Jh.
    Als anschauungsverwandte Lehre entsteht im 16.(!!!) Jh. in Polen der Antitrinitarismus (steht auch im Kontext des Links) - kein Historiker spricht da aber vom Arianismus!

    Nicht zwangsläufig; der Begriff "baltisch" wurde zu jener Zeit eigentlich von deutscher Seite stets rein geographisch angesehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Oktober 2005
  12. supana

    supana Neues Mitglied

    Danke @ thimotheus für die Antwort.
    Ich habe auch über den später in Polen neuentstandenen Sozinianismus gelesen. Es ist richtig dass, diese Glaubensrichtung zum damaligen Zeitpunkt des 15.Jh nicht in Polen verwurzelt war (damit auch nicht bei den Pruzzen), sondern vom eingewanderten Sozzini erst gegründet wurde. Der Richtigkeit sollte aber angefügt werden, dass der Arianismus eine Glaubensform der übergeordneten Kategorie des Antitrinitarismus angesehen wird.
    Meine Mutmassung bezog sich natürlich nicht auf die Neuerstehung im Polen des 15.Jh. Meine Frage war, in wieweit die Pruzzen im Zuge der Völkerwanderung nicht doch in den Kontakt des Arianismus durch die an ihnen vorbeiziehenden Völkerschaften gekommen sind.
     
  13. supana

    supana Neues Mitglied

    Vielleicht kann man sich zum Thema Kategorie des Begriffs >Baltisch< dahingehend einigen, dass er aus der Sicht der Deutschen wohl ein Begriff geographischer Orientierung ist (noch verwirrender wird es, weil der Begriff Baltendeutsche in jüngster Zeit in verschiedenen Publikationen durch Deutsch-Balten ersetzt wird), aber letztendlich Baltisch auschliesslich ein spezifizierender Begriff im Sinne der Lettischen, Litauischen und Pruzzischen Völker und Sprachen ist.
    Um Verwechslungen vorzubeugen, sollte vielleicht künftig die m.e. genauere Bezeichnung Baltikumdeutschen eingeführt werden.

    Liebe Grüsse
    supana
     
  14. heinz

    heinz Neues Mitglied

    Lieber supana,

    ich finde es durchaus in Ordnung, wenn Du meine beiträge übernimmst. Ich finde es auch gut, wenn den Pruzzentum ein Dekmal gesetzt wird, da der Deutsche Ritterorden dieses Volk fast ausgelöscht hat und die Reste teilweise nach litauen abgezogen sind. Ich habe keine pruzzesischen Vorfahren, aber ich meine auch,dass diesem Volk Gerechtigkeit wiederfahren sollte.:rolleyes:
     
  15. askan

    askan Neues Mitglied

  16. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Hallo Heinz,

    nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich darauf nochmals eingehe... :fs:

    Hier muß die wichtige Information beigefügt werden, daß die Pruzzen durch den Deutschen Orden zunächst unterworfen und zwangschristianisiert wurden.
    Während der bewaffneten Auseinandersetzungen im 13. Jh. kamen - je nach Region abweichend - etwa 20...50 % der Pruzzen um.
    Die Aussage, wonach etwa 80 % der Pruzzen umgekommen sind, stammt aus dem 19. Jh., galt auch bis 1945 noch, ist inzwischen aber widerlegt und - vgl. Satz zuvor - korrigiert.

    Und um jegliche Mißverständnisse zu vermeiden: auch 20...50 % tote Pruzzen sind eine erhebliche Zahl, und es geht mir auch keineswegs darum, hier irgendetwas herunterzuspielen o.ä.
    Ich wollte an der Stelle lediglich die Zahlenverhältnisse etwas zurechtrücken... das steht übrigens auch in dem Wikipedia Link, wie ich soeben noch festgestellt habe...
     
  17. supana

    supana Neues Mitglied

    Danke @ Heinz, Askan und Thimotheus für Eure Antworten,

    Die von Askan erwähnte Rekonstruktion (siehe Link), die unter der Leitung von Dr.phil. Letas Palmaitis ist mir schon lange bekannt. Ich war bereits 1985 in Vilnius an der Universität und habe danach diese Arbeiten mitverfolgt.
    Doch so ergiebig dieses Projekt ist und war, und es ist eine sehr beachtenswerte Arbeit, es fehlen noch immer, nicht unwesentliche Teile zu einer umfassenenden Rekonstruktion.
    Die sprachwissenschaftliche Rekonstruktion beruht auf den drei wichtigsten Fundstücken von Schriftdokumenten. Diese sind das Baseler Epigramm (ältestes Fundstück), dem Elbinger Wörterbuch und christlich-religiösen Texten (wie im Zitat vin Dieter Zimmerling erwähnt). Eine sprachwissenschaftliche Rekonstruktion kann aber nur als Teil einer Rekonstruktion eines Volkes angesehen werden. Die Gründe dass die Arbeiten auf andere wichtige Sachgebiete nicht ausgedeht wurden, mag mit den Veränderungen ist Osteuropa, nach dem Zusammenbruch des Sowjetschen Imperiums einhergehen. Doch jetzt in einem wiedervereinigten Europa sollten dieses Projekt m.e. wieder aufgenommen werden.
    In Wikipeda und anderen nicht unzähligen Internet-Lexica wird der Fakt veröffentlicht, dass Ausrottung und Aussterben sich langsamer vollzogen haben, als bis ins 19.Jh hinein angenommen. Dies hat Timoteus richtig dargestellt. Doch an dem dürftigen, was in Wkipediia und Co. veröffentlicht ist, ist zu sehen wie wenig doch eigentlich über die Geschichte der Pruzzen bekannt ist.
    Die Frage der Religion ist nicht eindeutig beantwortet. Die von Survivor gestellte Frage, wie die Germanisierung sowie der Litauisierung und Polonisierung sich vollzog, ist offen. Wann sind überhaupt die Anfänge der Pruzzen zu sehen. Es gibt römische Geschichtsschreiber die von Aestiern berichten (wie auch im Zitat vin Dieter Zimmerling erwähnt). Doch sind die Pruzzen wirklich diese Aestier. Hier gibt es die Theorie, dass Pruzzen mit den Aestiern gemeint waren, aber später das Volk der Esten damit bezeichnet wurde. Die Esten sind aber finnsch-ugrischer Sprache, ein nicht-baltisch sprechendes Volk. Weiterhin gibt es eine unsichere Erwähnnung eines bayerischen Geographen der von einem Volk Namens Brus schreibt. Es wird auch berichtet das die Pruzzen freundschaftliche Beziehungen zu Theoderich dem Grossen (Goten) pflegten. Neben diesen genannten Dingen (Ich würde mich freuen zu Antworten und Meinungen zu diesen Themen), wirft sich die umfassende Frage auf, welche Spuren die Pruzzen in der europäischen Geschichte hinterlassen haben. Welche Erkenntnise brachte die Namensforschung zu pruzzischen Rudimenten in deutschen, litauischen und polnischen Familiennamen? Ich fand dazu fast gar keine Veröffentlichungen. Ein Versuch auf einer Homepage der Ostrpreussenfreunde endete bei dem Buchtstaben A. Gerade die Namensforschung wäre doch auch eine wichtiger Bestandteil eines Versuchs der Rekonstruktion, denn es würde Spuren bis in die heutigen Tage ermöglichen...

    Liebe Grüsse
    supana
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Oktober 2005
  18. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Liebe Supana,

    leider können wir nur auf die schriftlichen Quellen zurückgreifen, die erhalten geblieben sind; und da die Pruzzen selbst kein Schrifttum entwickelt hatten, sind dies - logischerweise - schriftliche Überlieferungen von anderen (Römische Antike, Deutscher Orden, Brandenburg-Preußen, ...).
    Wie Du richtig bemerkt hast, sind natürlich durch die historischen Entwicklungen im Baltikum des 20. Jh. noch einige Schwierigkeiten diesbezüglich dazugekommen :grübel:

    Ich erlaube mir einmal eine kurze Zusammenfassung und einige Ergänzungen...

    1. Tacitus legt die "Stämmer der Aestier" in genau den 11 Landschaften fest, wo uns in späteren Berichten die Pruzzen begegnen. Daß die Aestier den Esten entsprechen, wage ich jedoch zu bezweifeln, da diese lt. der russischen Nestor-Chronik des frühen Mittelalters als Tschuden bezeichnet werden und sich um einiges weiter nördlich ansiedeln.

    2. Die Frage der Religion der Pruzzen vor der Christianisierung ist schon recht eindeutig zu beantworten - es ist der bereits genannte Naturglaube mit den Hauptgöttern Perkunos, Patrimpe und Pekollos, dem neben diesen sehr populären Kurche sowie anderen Gottheiten wie Okopirn, Bangputtys, Paskaitis, Jawinne, Melletele, Giltine, Magila, Laumane, ... (vgl. Zimmerling "Der Deutsche Orden").
    Neben den Berichten von Chronisten des Ordens - jedoch auch vorherigen Chronisten -, die es diesbezüglich sehr genau nehmen, verweisen darauf auch alte Orts- und Flurnamen wie Perkuiken, Perkunischken, Perkunlauken, Kurchenfeld... Dörfer mit dem Namen Perkuiken gab es bis 1945 z.B. am Fritzischen Forst, am See bei Mischen, zwischen Tapiau und Labiau, bei Bartenstein an der Alle oder nördlich von Preußisch-Eylau.
    Der pruzzische Gott Kurche ist gar in einer offiziellen Urkunde des Deutschen Ordens, dem Christburger Vertrag von 1249, verewigt. Außerdem sind bzw. waren Opfersteine dieses Gottes für jene Landstriche belegt...
    (zusammengefaßt aus Zimmerling ebd.)

    3. Die Antwort auf die Frage, wie sich Germanisierung, Polonisierung und Litauisierung vollzogen, sehe ich ebenfalls als nicht so nebulös an. Grob gesagt machte es für die Pruzzen letztlich wohl nur geringfügig einen Unterschied, von wem sie beherrscht wurden: als Unterworfene oder Fremdbeherrschte mußten sie die Sprache ihrer Herren sprechen, woraus resultierte, daß nach und nach immer weniger Menschen die eigene Sprache noch beherrschten. Ähnliche Entwicklungen haben ja z.B. auch im Britischen Empire dazu geführt, daß dort bestimmte keltische Sprachen ausgestorben sind.
    Nimmt eine Volksgruppe nun aber sowohl Religion als auch Sprache fremder Herren an, so gehen zwei wichtige Standbeine der eigenen Identität verloren. Meines Erachtens hat es dabei auch eher "nur" moralisch-ethische Relevanz, ob dies freiwillig geschieht oder nicht, wenngleich Zwang den Verlust der Identität sicherlich forcieren kann.

    So stellen sich zumindest mir die Fakten dar, und von Spekulationen, was möglich sein könnte und hätte gewesen sein können, ohne einen greifbaren Beleg dafür zu haben, halte ich an der Stelle eher wenig...

    In diesem Sinne

    Timo

    PS: Angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit mußte ich den Text etwas raffen; einige Erklärungen mögen deshalb stark verkürzt und vereinfacht erscheinen...
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Oktober 2005
  19. supana

    supana Neues Mitglied

    Lieber Thimotheus, Danke für Seine Antwort zu früher Morgenstunde.

    Um die Beschreibungen Tacitus noch eimal zu rekapitulieren hier der Abschnitt, der die Aesti beschreibt:
    45. Nördlich der Suionen liegt abermals ein Meer, träge und nahezu unbewegt. Daß es den Erdkreis ringsum begrenze und einschließe, ist deshalb glaubwürdig, weil der letzte Schein der schon sinkenden Sonne bis zum Wiederaufgang anhält, und zwar so hell, daß er die Sterne überstrahlt. Die Einbildung fügt noch hinzu, man vernehme das Tönen der emportauchenden Sonne und erblicke die Umrisse der Pferde und das strahlenumkränzte Haupt. Dort liegt - und die Kunde ist wahr - das Ende der Welt. Doch weiter: an seiner Ostküste bespült das suebische Meer die Stämme der Astier. In Brauchtum und äußerer Erscheinung stehen sie den Sueben nahe, in der Sprache eher den Britanniern. Sie verehren die Mutter der Götter. Als Wahrzeichen ihres Kultes tragen sie Bilder von Ebern: die dienen als Waffe und Schutzwehr gegen jede Gefahr und gewähren dem Verehrer der Göttin selbst unter Feinden Sicherheit Selten werden Waffen aus Eisen verwendet, häufiger Knüttel. Getreide und andere Feldfrüchte ziehen die Astier mit größerer Geduld, als die übliche Trägheit der Germanen erwarten läßt. Doch auch das Meer durchsuchen sie, und als einzige unter allen Germanen sammeln sie an seichten Stellen und schon am Strande den Bernstein, der bei ihnen "Glesum" heißt. Was er ist oder wie er entsteht, haben sie nach Barbarenart nicht untersucht oder in Erfahrung gebracht; ja er lag sogar lange Zeit unbeachtet unter den übrigen Auswürfen des Meeres, bis ihm unsere Putzsucht Wert verlieh. Sie selbst verwenden ihn gar nicht; roh wird er gesammelt, unbearbeitet überbracht, und staunend nehmen sie den Preis entgegen. Daß es sich jedoch um den Saft von Bäumen handelt, ist unverkennbar: oft schimmern allerlei kriechende und auch geflügelte Tierchen durch, die sich in der Flüssigkeit verfingen und dann von der erstarrenden Masse eingeschlossen wurden. Wie in entlegenen Gebieten des Ostens, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, so gibt es, möchte ich annehmen, auch auf Inseln und in Ländern des Westens besonders ertragreiche Gehölze und Haine. Deren Säfte quillen unter den Strahlen der nahen Sonne hervor, rinnen flüssig in das angrenzende Meer und werden dann von der Gewalt der Stürme an die gegenüberliegenden Küsten geschwemmt. Bringt man Bernstein ans Feuer, um seine Eigenschaften zu prüfen, so brennt er wie ein Kienspan und gibt eine ölige und stark riechende Flamme; hernach wird er zäh wie Pech oder Harz. Den Sujonen schließen sich die Stämme der Sithonen an. Im allgemeinen den Sujonen ähnlich, unterscheiden sie sich dadurch, daß eine Frau die Herrschaft hat: so tief sind sie nicht nur unter die Freiheit, sondern selbst unter die Knechtschaft hinabgesunken.

    46. Hier ist Suebien zu Ende. Ob ich die Stämme der Peukiner, Venether und Fennen den Germanen zurechnen soll oder den Sarmaten, weiß ich nicht recht, obwohl die Peukiner, die manche auch Bastarner nennen, in Sprache und Lebensweise, Siedlungsart und Hausbau den Germanen gleichen.

    Mir fällt dabei auf, dass Tacitus von einer nicht untergehenden Sonne schreibt. Oder können diese Sätze anders als gedeutet werden? Wie weit war Tacitus in Richtung Norden unterwegs? Das würde doch hesisen, dass er bis in die Nähe des Polarkreises vorstiess. Und das würde vielleicht auch heissen dass er nicht in Richtung Baltikum die südlich Ostsee bereist, sondern vielleicht die Küste Schwedens in Richtung Norden erkundete. Bernstein gibt es im gesamten Ostseeraum. Oder auch über das Baltikum hinaus die finnische Küste entlangzog. Das würde wiederum übereinstimmen, weil er von den Astier an einer Ostküste spricht. Das Siedlungsgebiet der Pruzzen als Ostküste oder rechten Küste des Meeres (sh. u.) zu bezeichnen passt geographisch aber nicht ganz. (Tacitus schreibt nicht wortwörtlich von der Ostküste sondern von der rechten, im lateinischen Originaktext: ...Ergo iam dextro (rechts) Suebici maris litore Aestiorum gentes ...)

    Auch ich werde aufgrund der vorgerückten Stunde später weiterschreiben.
    Wer kann zu den beschriebenen Völkerschaften der Suionen, Peukiner, Venether, Fennen und Sarmaten (Wolgagebiet ?) genauer berichten, um die Ostseereise von Tacitus geographisch besser einordndnen zu können.
    Liebe Grusse
    supana
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Oktober 2005
  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich glaube, Tacitus bringt uns bei der Erhellung des Pruzzentums nicht viel weiter, da seine Angaben doch sehr vage und fragmentarisch sind. Erst im Licht des 12. und 13. Jahrhunderts, wo wir mittelalterliche Zeitzeugen und Beobachter vorfinden, lichtet sich das Dunkel etwas stärker. Im übrigen finde ich es gut und angemessen, den halbvergessenen Pruzzen in diesem Thread ein wenig zu gedenken!

    Hinsichtlich der Sprache bildet das Pruzzische den westlichen Zweig der baltischen Sprachen. Neben einer indogermanischen Urschicht an Wörtern und einer wesentlich umfangreicheren jüngeren baltischen Schicht weist der pruzzische Wortschatz germanische und vor allem slawische Lehnwörter auf. In den Jahrhunderten der Unterwerfung durch den Deutschen Orden verschwand das Pruzzische im Zuge der Assimilisierung des Volks an einwandernde Deutsche, Polen bzw. Masowier und Litauer. Im Samland konnte sich das Pruzzische in Resten sogar noch bis ins 17. Jh. halten.

    Die pruzzische Sprache ist durch das Elbinger Vokabular (um 1400), das Vokabular des Simon Grunau (Anfang des 16. Jh.) sowie durch drei Katechismen (16. Jh.) leider nur mangelhaft überliefert.

    Die pruzzischen Glaubensvorstellungen weisen mit denen anderer Balten wesentliche gemeinsame Züge auf, sodass man vielfach auch von einer "baltischen Religion" spricht. Die pruzzischen Götter standen in enger Verbindung mit der Natur und dem bäuerlichen Leben. Man kann in diesem Zusammenhang zwischen himmlischen Göttern, die durch einen ausgeprägten Kult verehrt wurden, und niederen Göttern, denen lediglich ein Dienst in der Natur erwiesen wurde, unterscheiden. Die wichtigsten himmlischen Götter waren Perkunos, der Donnergott, Pikollos, der Gott des Todes, und Potrimpos, der Gott des Lebens und der Fruchtbarkeit.

    Außerdem wurden die legendären Stammväter der Pruzzen, nämlich Widewut und Bruteno, göttlich verehrt.

    Der umfangreiche Kult kannte Priester, deren Oberster Kriwe genannt wurde, nach seinem krummen Stab "Kriwule", der seine Amtshoheit symbolisierte. Ihm untergeordnet war eine Schar niederer Priester, die sich in Bezeichnung und Aufgabengebiet unterschieden.

    Ihre Toten verbrannten die Pruzzen, wobei ihnen für das Leben im Jenseits Werkzeuge, Keramik, Schmuck, Wertgegenstände und Waffen mitgegeben wurden. Interessant finde ich ein Detail, das auch im Alten Orient stattfand: Nach dem Tod des Herrn übergab man Gefolgsleute mit ihren Pferden dem Feuer und Quellen aus dem 9. bzw. 14. Jh. berichten davon, dass auch Witwen, Knechte und Mägde den Herrschenden auf den Scheiterhaufen folgten. - Eine interessante Parallele zur indoarischen Bevölkerung, finde ich, wo die Witwenverbrennung zum Teil bis heute - wenn auch verboten - praktiziert wird.

    Am Untegang der armen Pruzzen waren natürlich viele beteiligt. So versuchte z.B. das aufstrebende Polen schon seit dem 10. Jh. durch militärische Aktionen seinen Einfluss auf die Pruzzen zu stärken. Auch in den folgenden zwei Jahrhunderten kam es zu militärischen Auseinandersetzungen mit Polen und der Rus, die zur Entvölkerung pruzzischer Gebiete führten.

    1226 rief Konrad von Masowien den Deutschen Orden zum Kampf gegen die Pruzzen, den der Orden 1231 begann. Die Pruzzenaufstände führten dazu, dass die Ordensritter die Unterwerfung erst 1283 vollenden konnten. Gründe für die Niederlage der Pruzzen lagen aber auch in den langen, verlustreichen Auseinandersetungen mit den slawischen Nachbarn, vor allem aber im Fehlen einer dauerhaften pruzzischen Führung, die Autorität hätte durchsetzen können.

    Obwohl die Pruzzen im 13. Jh. den christlichen Glauben annehmen mussten, konnten sich einige Riten, wie z.B. das Bestatten mit Grabbeigaben, bis ins 14. Jh. halten. Danach verloren die Pruzzen jedoch zunehmend ihre eigene Sprache und Kultur und verschmolzen bis zum 17. Jh. endgültig mit den Deutschen. - Ein ähnlicher Vorgang lässt sich z.B. im Wendland (in etwa heutige Kreise Lüchow-Dannenberg) beobachten, wo sich die wendische Sprache noch bis ins 17. Jh. hielt, bis sie dann endgültig verschwand. Hätte sie damals nicht ein Pfarrer aufgezeichnet, wüssten wir kaum etwas von dieser elbslawischen Sprache.
     

Diese Seite empfehlen