Robin Hood

Die ahistorische Figur des Robin Hood ist eher ein Phänomen der Rezeption in unterschiedlichen Gesellschaften und zu unterschiedlichen Zeiten.

Die Beschäftigung mit der fiktiven Figur eines Ronaldo Ronaldini z.B. lenkte ab von den konkreten sozialen Umwälzungen der Epoche. Wer im Publikum jubelte und sein Hütchen hochwarf, baute keine Barrikaden und betätigte keine Guillotine. Man kühlte sein Mütchen und trank abends sein Bierchen.

 
Die Beschäftigung mit der fiktiven Figur eines Ronaldo Ronaldini z.B. lenkte ab von den konkreten sozialen Umwälzungen der Epoche.
interessanter Blickwinkel einerseits - aber müsste das andererseits nicht für alle "Sensationsliteratur" des 19. Jhs. gelten? Graf von Monte Christo, Kameliendame, Geheimnisse von Paris, Frau in Weiß - sind die alle "Ablenkungen" gewesen, womöglich sogar mit dieser Intention verfasst?
...wovon lenkte eigentlich Zorro 1927 (?) ab?
...Vulpius´ Vorbild, die schillerschen Räuber, lenkten just die auch ab?

(nebenbei: als Rinaldo erschien, war die franz. Revolution schon Geschichte, und 1848 lag noch sehr weit in der Zukunft - Rinaldo erschien erstmals 1799)
 
Nun, es ist ja nicht mit Absicht so geschrieben worden, keine bösartige Ablenkung seitens der finsteren Herrschenden.
Aber es ist aus der Zeit in der noch mit dem Handbeil geköpft wurde, als staatsgefährdende Tätigkeit sehr wohl im blutigen Stroh enden konnte.

Gruseliges Lesen mögen viele, Gruseliges Erleben wohl wenige.

Zur Ablenkung geriet ich, auf der Suche nach idyllischen Landschaften wie gestern im Salzbödetal (Reimershausen), auf die Geschichte des idyllisch gelegenen Hofes Rüsselsbach im idyllischen Witschiland, einer Landschaft die Platz für viele Wölfe bietet. Und 2008 Drehort für den Film Tannöd.

Den Film kenne ich nicht, aber das sehr empfehlenswerte, packende Buch.


 
Nun, es ist ja nicht mit Absicht so geschrieben worden, keine bösartige Ablenkung seitens der finsteren Herrschenden.
Aber es ist aus der Zeit in der noch mit dem Handbeil geköpft wurde, als staatsgefährdende Tätigkeit sehr wohl im blutigen Stroh enden konnte.
In derartigen Zeiten, die sich nicht nur auf um 1799 (Vulpius, Rinaldini) beziehen, ist allerlei Literatur verfasst worden (und keinesfalls nur eskapistische) und etliche Künstler (Autoren, Maler, Architekten, Komponisten) wurden aus "politischen Gründen" verfolgt, schikaniert, verboten, müssten flüchten (Hugo, Heine, Semper, Wagner u.v.a). Ich verstehe nicht, wie du von Robin Hood auf Vulpius und Barrikaden zu sprechen kommst - kapiere ich irgendwas nicht?
 
Nun gut, ich halte Robin Hood für Eskapismus, ohne es so benannt zu haben.

Die realen Verhältnisse, die guten Anlass zur Rebellion gaben, waren andere.
Der o.g. Fall ist rechtsgeschichtlich in der dann folgender Intervention anderer Fürsten interessant.

Von den Verhältnissen im England des 12. bis 15. Jahrhundert weiß ich tatsächlich so gut wie nichts.
 
Zuletzt bearbeitet:
Nun gut, ich halte Robin Hood für Eskapismus, ohne es so benannt zu haben.
das kann ich bzgl. der "rebellischen" spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen englischen Bänkelliedern/Balladen nicht verstehen, denn dort wird ja der fiktive "Umverteiler" (nimmt den Reichen, gibt den Armen) erfunden: ist das eher rebellisch-subversiv oder eskapistisch?
Als legendenhafte Figur spielt er in der englischen Folklore und Literatur eine bedeutende Rolle. Die Handlungen der frühen Balladen wurden fortwährend umgedichtet und weiterentwickelt, auch neue Balladen wurden hinzuerfunden. So wird Robin Hood in den ältesten schriftlichen Quellen aus der Mitte des 15. Jahrhunderts noch als gefährlicher Wegelagerereinfacher Herkunft geschildert, der vorzugsweise habgierige Geistliche und Adlige ausraubt. Im Zuge seiner Auseinandersetzungen mit Feinden kommt es auch zu mittelalterlich-grausamen Praktiken. Später wird er immer positiver dargestellt. Die Dichtung macht ihn zum enteigneten angelsächsischen Adeligen und zum gegen die Normannenkämpfenden angelsächsischen Patrioten. Im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts wandelte sich die Figur auch zum Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit, die als Urtypus des „edlen Räubers“ den Reichen nimmt und den Armen gibt.
 
das kann ich bzgl. der "rebellischen" spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen englischen Bänkelliedern/Balladen nicht verstehen, denn dort wird ja der fiktive "Umverteiler" (nimmt den Reichen, gibt den Armen) erfunden: ist das eher rebellisch-subversiv oder eskapistisch?

Interessant ist bei den frühen Balladen eines: Robin Hood ist erfolgreich, wenn seine Gegner Vertreter der Obrigkeit sind. Wenn er es dagegen mit Leuten aus dem Volk (Töpfer, herumziehender Händler etc.) zu tun hat, kriegt er gewöhnlich eine auf den Deckel.
 
das kann ich bzgl. der "rebellischen" spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen englischen Bänkelliedern/Balladen nicht verstehen, denn dort wird ja der fiktive "Umverteiler" (nimmt den Reichen, gibt den Armen) erfunden: ist das eher rebellisch-subversiv oder eskapistisch?
Ich würde eher für eskapistisch plädieren, denn letztlich zweifelt die gängige Fassung der Legende ja nicht die soziale Hierarchie des mittelalterlichen Ständesystems an, sondern den Missbrauch und die Anarchie. Richard Löwenherz, der "gute König" ist auf dem Kreuzzug (ein christlicher Heros) wird im christlichen Abendland von (implizit) Verrätern am Christentum gefangen genommen und der als Statthalter eingesetzte Bruder usurpiert den Thron, bringt also das gottgewollte Gefüge durcheinander. Der "gute" (angelsächsische) Adel ist mit dem König auf dem Kreuzzug oder lebt in Angst, der "ausländische" (normannische) Adel drangsaliert die Angelsachsen. Historisch natürlich kaum so haltbar.
 
Ich würde eher für eskapistisch plädieren, denn letztlich zweifelt die gängige Fassung der Legende ja nicht die soziale Hierarchie des mittelalterlichen Ständesystems an, sondern den Missbrauch und die Anarchie.
ich verstehe nicht, was diesem Inhalt volkstümlicher Balladen/Bänkellieder die eskapistische Komponente sein soll (aber mir leuchtet Eskapismus in diesem Zusammenhang ohnehin nicht ein: was wäre denn eine "nicht-eskapistische" Ballade?)
 
interessanter Blickwinkel einerseits - aber müsste das andererseits nicht für alle "Sensationsliteratur" des 19. Jhs. gelten? Graf von Monte Christo, Kameliendame, Geheimnisse von Paris, Frau in Weiß - sind die alle "Ablenkungen" gewesen, womöglich sogar mit dieser Intention verfasst?
...wovon lenkte eigentlich Zorro 1927 (?) ab?
...Vulpius´ Vorbild, die schillerschen Räuber, lenkten just die auch ab?

(nebenbei: als Rinaldo erschien, war die franz. Revolution schon Geschichte, und 1848 lag noch sehr weit in der Zukunft - Rinaldo erschien erstmals 1799)

Wenn man Beschreibungen liest, von der Uraufführung der Räuber in Mannheim, fühlt man sich lebhaft erinnert an Fanauftritte bei Konzerten der Beatles oder Rolling Stones.

Ganz so abwegig finde ich @pardelas These nicht. Die Räuber und Schauerromantik des frühen 19. Jhds. bediente durchaus gewisse unterschwellige Rebellions-Phantasien. Das ironische ist, dass es gerade das bürgerliche Publikum war, die Klientel, die vornehmlich Werke wie Rinaldo Rinaldini und seine Nachahmer las und kaufte, die sich am meisten vor Räubern und Räuberbanden in Acht nehmen musste.

Die Trivial-Literatur und Kolportage-Literatur im 19. Jahrhundert entführten ihre Leser in exotische Welten ,in die Südsee, die heimatlichen Wälder, bald auch an exotische Schauplätze. Die wachsende Alphabetisierung und auch die Zunahme von Verlagen, die ersten Tageszeitungen das alles trug dazu bei, das die Nachfrage wuchs nach Abenteuer- und Kolportage-Geschichten. Eugene Zues Die Geheimnisse von Paris verband Elemente der Schauerromane und Räuberromantik und verpflanzte sie von den Wäldern in den Großstadt-Dschungel. Zues Roman wurde, wenn ich mich nicht täusche, von einer Zeitung als Kolportage-Geschichte veröffentlicht.

Ich würde nicht das Wort ablenken, sondern das Wort "zerstreuen" oder "unterhalten" wählen. Eine ganz andere Genre-Gattung als die Räuber- und Schauer-Romantik war die der "Aktenmäßigen Berichte". Sie wendeten sich gegen die Romantisierung, sie wollten ihr Publikum aufklären und unterrichten, damit sie auf Konfrontationen mit Kriminellen besser vorbereitet waren. Aber auch sie wollten unterhalten, und sie übernahmen durchaus Elemente des Schauerromans und der Romantik. Romantische Vorstellungen sind nicht zuletzt auch in die wissenschaftliche Literatur eingeflossen, etwa Eric Hobsbawms These von "Sozialbanditentum", in der Hobsbawm eine primitive Form des Protests bäuerlicher Unterschichten sah. Carsten Küther versuchte Hobsbawms Labeling auch auf "kriminelle" Banden zu übertragen versuchte.


Etwa um die gleiche Zeit kam auch die Genre-Gattung der "Aktenmäßigen Berichte" auf, die eigentlich die Schauerromantik bekämpfte, aber selbst Stilelemente dieses Genres kolportierte.

William Godwins Die Dinge wie sie sind oder die Abenteuer des Caleb Williams kann man in gewisser Weise als Proto-Typ des modernen Detektivromans ansehen. Er hatte sozialkritische Stoßrichtung. Es wurden dem Autor sozialrevolutionäres Gedankengut unterstellt, und man beriet über ein Verbot, da man Unruhen befürchtete. Der damalige Premier William Pitt hielt die Gefahr für übertrieben, er war der Meinung, dass Godwins Roman viel zu teuer sei, als dass ihn Arbeiter und Pächter sich leisten können, folglich konnte auch keiner durch den Roman aufgehetzt werden.
 
das kann ich bzgl. der "rebellischen" spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen englischen Bänkelliedern/Balladen nicht verstehen, denn dort wird ja der fiktive "Umverteiler" (nimmt den Reichen, gibt den Armen) erfunden: ist das eher rebellisch-subversiv oder eskapistisch?


Vielleicht beides: Interessant finde ich, dass man in verschiedenen Kulturen ausgerechnet sich den Räuber als Projektionsfigur wählt und von Banditen allen Ernstes sich erwartet, dass sie besonders sympathische Menschen sind, ja dass Räuber und Banditen, Robin Hood und Konsorten als Gegenentwurf zur korrupten legalen Gesellschaft erscheinen.

Da gibt es durchaus auch Parallelen zwischen ganz unterschiedlichen Gesellschaften: Die hellenistische Literatur war von Räubern und Piraten bevölkert, und so sehr unterscheidet sich die späthellenistische Räuber-Romantik nicht von der des 18. Jahrhunderts

Cassius Dio erzählt die Geschichte des römischen Banditen Bulla Felix der als ein antiker Robin Hood beschrieben wird.

In China gründete in der späten Sung-Dynastie der chinesische Robin Hood eine Bande, die sich im Liang Shan-Moor eine Operationsbasis aufbaute. In dem chinesischen Roman Shui Hu Chuan werden die Abenteuer von Sung Chiang und seinen Gefährten beschrieben, die strikt an konfuzianischen Geboten strikt festhalten. Zuletzt unterwerfen sie sich dem Kaiser, der die Räuber vom Lian Shan Moor begnadigt, nachdem sie bereit sind gegen einen Usurpator zu kämpfen.

Die Balladensammlung The Gest of Robin Hood enthält die Abenteuer Robin Hoods und seiner Merry Men, die im idyllischen Wald von Sherwood leben.

In jüngerer Zeit wurde Bernhard Kimmel bekannt als "Robin Hood" der Pfalz. Kimmel war in der Gegend, in der er lebte, gut vernetzt, und er verschaffte sich das Prestige, indem er und seine Komplizen tatsächlich Geld an Bedürftige verschenkten. Kimmel hatte mehrere Banken überfallen. Bei einer seiner Aktionen war allerdings auch ein Polizeibeamter erschossen worden.
 
Ich würde eher für eskapistisch plädieren, denn letztlich zweifelt die gängige Fassung der Legende ja nicht die soziale Hierarchie des mittelalterlichen Ständesystems an, sondern den Missbrauch und die Anarchie. Richard Löwenherz, der "gute König" ist auf dem Kreuzzug (ein christlicher Heros) wird im christlichen Abendland von (implizit) Verrätern am Christentum gefangen genommen und der als Statthalter eingesetzte Bruder usurpiert den Thron, bringt also das gottgewollte Gefüge durcheinander. Der "gute" (angelsächsische) Adel ist mit dem König auf dem Kreuzzug oder lebt in Angst, der "ausländische" (normannische) Adel drangsaliert die Angelsachsen. Historisch natürlich kaum so haltbar.

Soweit ich es überblicke, war John Major der Erste, der um 1521 die Geschichten von Robin Hood und seinen Merry Men in die Zeit von Richard Löwenherz und die Zeit der Regentschaft von John Lackland verlegte (1192-1194).

In den Gest of Robyn Hood wird nur in der siebten und achten Ballade ein konkreter König erwähnt, und da ist nicht von Richard the Lionheart, sondern von König Eduard die Rede, ob damit Eduard I. Longshanks oder Eduard II. oder III. gemeint ist.

Anscheinend ist die Verbindung mit Löwenherz erst nach dem 16. Jahrhundert heschehen.
 
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