interessanter Blickwinkel einerseits - aber müsste das andererseits nicht für alle "Sensationsliteratur" des 19. Jhs. gelten? Graf von Monte Christo, Kameliendame, Geheimnisse von Paris, Frau in Weiß - sind die alle "Ablenkungen" gewesen, womöglich sogar mit dieser Intention verfasst?
...wovon lenkte eigentlich Zorro 1927 (?) ab?
...Vulpius´ Vorbild, die schillerschen Räuber, lenkten just die auch ab?
(nebenbei: als Rinaldo erschien, war die franz. Revolution schon Geschichte, und 1848 lag noch sehr weit in der Zukunft - Rinaldo erschien erstmals 1799)
Wenn man Beschreibungen liest, von der Uraufführung der Räuber in Mannheim, fühlt man sich lebhaft erinnert an Fanauftritte bei Konzerten der Beatles oder Rolling Stones.
Ganz so abwegig finde ich @pardelas These nicht. Die Räuber und Schauerromantik des frühen 19. Jhds. bediente durchaus gewisse unterschwellige Rebellions-Phantasien. Das ironische ist, dass es gerade das bürgerliche Publikum war, die Klientel, die vornehmlich Werke wie Rinaldo Rinaldini und seine Nachahmer las und kaufte, die sich am meisten vor Räubern und Räuberbanden in Acht nehmen musste.
Die Trivial-Literatur und Kolportage-Literatur im 19. Jahrhundert entführten ihre Leser in exotische Welten ,in die Südsee, die heimatlichen Wälder, bald auch an exotische Schauplätze. Die wachsende Alphabetisierung und auch die Zunahme von Verlagen, die ersten Tageszeitungen das alles trug dazu bei, das die Nachfrage wuchs nach Abenteuer- und Kolportage-Geschichten. Eugene Zues Die Geheimnisse von Paris verband Elemente der Schauerromane und Räuberromantik und verpflanzte sie von den Wäldern in den Großstadt-Dschungel. Zues Roman wurde, wenn ich mich nicht täusche, von einer Zeitung als Kolportage-Geschichte veröffentlicht.
Ich würde nicht das Wort ablenken, sondern das Wort "zerstreuen" oder "unterhalten" wählen. Eine ganz andere Genre-Gattung als die Räuber- und Schauer-Romantik war die der "Aktenmäßigen Berichte". Sie wendeten sich gegen die Romantisierung, sie wollten ihr Publikum aufklären und unterrichten, damit sie auf Konfrontationen mit Kriminellen besser vorbereitet waren. Aber auch sie wollten unterhalten, und sie übernahmen durchaus Elemente des Schauerromans und der Romantik. Romantische Vorstellungen sind nicht zuletzt auch in die wissenschaftliche Literatur eingeflossen, etwa Eric Hobsbawms These von "Sozialbanditentum", in der Hobsbawm eine primitive Form des Protests bäuerlicher Unterschichten sah. Carsten Küther versuchte Hobsbawms Labeling auch auf "kriminelle" Banden zu übertragen versuchte.
Etwa um die gleiche Zeit kam auch die Genre-Gattung der "Aktenmäßigen Berichte" auf, die eigentlich die Schauerromantik bekämpfte, aber selbst Stilelemente dieses Genres kolportierte.
William Godwins Die Dinge wie sie sind oder die Abenteuer des Caleb Williams kann man in gewisser Weise als Proto-Typ des modernen Detektivromans ansehen. Er hatte sozialkritische Stoßrichtung. Es wurden dem Autor sozialrevolutionäres Gedankengut unterstellt, und man beriet über ein Verbot, da man Unruhen befürchtete. Der damalige Premier William Pitt hielt die Gefahr für übertrieben, er war der Meinung, dass Godwins Roman viel zu teuer sei, als dass ihn Arbeiter und Pächter sich leisten können, folglich konnte auch keiner durch den Roman aufgehetzt werden.