Russland 1914: Historische Voraussetzung und der Eintritt in den WW1

Dieses Thema im Forum "Der Erste Weltkrieg" wurde erstellt von thanepower, 1. April 2014.

Schlagworte:
  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Danke für den Hinweis.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich hatte das bislang eher als zweitrangigen Aspekt angesehen, muss mich aber nach der neuen Publikation von Lieven korrigieren.

    Bei einigen der maßgeblichen Akteure ist eine explizite Warnung in den Diskussionen zwischen dem 16.7. und der russischen Teilmobilisierung ausgesprochen worden, also auch schon vor dem Ultimatum (dessen Stoßrichtung auf Beseitigung Serbiens mit deutscher Rückendeckung andem 16.7. angenommen wurde) , und zwar vor drastischen innenpolitischen Folgen bei einer weichen Haltung Russlands (bis hin zur Gefahr einer neuerlichen Revolution).

    Die innenpolitische Einschätzung, die außenpolitischen nach einer harten und abschreckenden Haltung verlangte, wurde kombiniert von einigen Hinweisen aus dem Ausland (so zB Italien), dass die harte Haltung ÖU und das DR letztlich vor dem Krieg mit Serbien zurückschrecken lassen würde.

    Dazu später einige Hinweise.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine neue Publikation zur Russischen Armee bis 1914, Oktoberband 2019 des JoMH:

    Vol. 83 No. 4 | The Society for Military History

    ‘Clouds Gathering on the Horizon’: The Russian Army and the Preparation of the Imperial Population for War, 1906–1914,” by Donald P. Wright, The Journal of Military History 83:4 (October 2019): 1133-60

    After the Revolution of 1905 and defeat in the Russo-Japanese War, the Russian government rebuilt its military power by modernizing weaponry, reforming mobilization plans, and expanding the standing force. As part of this effort, the Imperial Army also sought to improve the human material that was the foundation of Russia’s strength. Between 1906 and 1914, army officers introduced initiatives to prepare the population for military service. Through physical education and political lessons in the empire’s schools, as well as anniversary celebrations that glorified Russia’s past, the army hoped to create a population that would assure victory in the next war.
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    [
    Joshua Sanborn „Education for War, Peace, and Patriotism in Russia“ 1) untersucht als Co-Autor zur Frage „war das ein unwahrscheinlicher Krieg“ eben das im Kapitel 12.
    Er beschreibt welche Strömungen des Patriotismus, bzw. dessen Ablehnung, aufkamen und welcher Einfluss schließlich entscheidend war.
    Denn so seine Argumentation, vor dem Hintergrund der Frage „ein unwahrscheinlicher Krieg?“,
    war der Eintritt Russlands in den Krieg eigentlich der unwahrscheinlichste im Vergleich zu den anderen Mächten.
    Denn Russland konnte bei einem Kontinentalkonflikt am wenigsten gewinnen, jedoch am meisten verlieren. Abgesehen von der Frage der Meerengen seien die außenpolitischen Ziele der Regierenden entweder töricht oder unbedeutend gewesen (either foolish or slight).
    Es war, so Sanborn, ein Wechsel der politischen Kultur Russlands, der den Gang in den Krieg ermöglichte (facilitated the march to war).

    Schulen wurden militarisiert, paramilitärische Gruppen bildeten sich und der Schwerpunkt nationaler Feiern zunehmend mit Krieg verbunden.
    Es wurde, immer noch Sanborn, den Russen ein Kriegspatriotismus (martial patriotism) eingeimpft, der schließlich bewirkte, dass Russland gegen seine eigenen Interessen handelte.

    Das sind interessante Thesen.


    1) Afflerbach, Holger; Stevenson, David (2012): An Improbable War? The Outbreak of World War I and European Political Culture before 1914. New York, NY: Berghahn Books. - S.213ff
    Danke an @thanepower für den Hinweis auf dieses interessante Buch.
     
  5. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Trotzdem wurde der Krieg nicht von den Russen angefangen, sowenig wie von den anderen Völkern, sondern von ihren Führungen. Und gehandelt hat auch nicht Russland, sondern auch in erster Linie die Führungen und erst (höchstens) in zweiter Linie die aufgehetzten Völker.
     
  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Es ging Russland meiner Meinung nach nicht so sehr um materielle Gewinne. Die ganze Situation war aus Sicht Petersburgs, genauer der Falken, nicht mehr erträglich.

    Die russische Außenpolitik sah sich im südosteuropäischen und kleinasiatischen Raum durch die Deutschen gebremst. Petersburg selbst war nicht in der Lage die deutsche Expansion in diesem Raum weder ökonomisch noch wirtschaftlich wirksam zu begegnen. Die russischen Interessen, vor allem natürlich die Meerengen, vielleicht auch Armenien und auch die Haiga Sophia, eben das Symbol des orthodoxen Glaubens.

    1908 hatte Iswolski, nicht gerade sehr umsichtig geschweige denn professionell, versucht die Lage an den Meerengen zu russischen Gunsten zu korrigieren. Zu diesem Zwecke hatte er sich mit Berchtold auf dessen Landsitz in Buchlau getroffen. Die Herren wurden sich einig. Österreich würde Russland in der Frage der Meerengen unterstützen und dafür könne es Bosnien und die Herzegowina endgültig annektieren.
    Was Iswolski sträflich versäumte, war die eigenen Partner Paris und London ins Boot zu holen. Grey jedenfalls lehnte ab. Iswolski wollte jetzt nicht mehr zu seiner Zusage stehen geschweige denn von ihr etwas wissen, nämlich das Österreich-Ungarn Bosnien-Herzogewina nunmehr auch dejure in Besitz nehmen konnte. Die Folge war eine schwere diplomatische Krise

    Die Niederlage in dieser Krise saß in Russland sehr tief und kostete Iswolski letztlich den Job. Die Sängerbrücke musste feststellen, dass diplomatisch sich an dem Status Quo der Meerengen nicht verändern ließe. Das ist m.E. nach falsch, denn Grey wäre über kurz oder lang dazu bereit gewesen. Und mit Wien war man sich ja schon einig geworden.

    Aus Sicht der Russen durfte, wenn es Ihnen von selbst nicht möglich war, niemand anderes die Meerengen kontrollieren. Als dann Ende 1913 die deutsche Militärmission unter Liman von Sanders bekannt wurde, läuteten die Glocken bei Sasnow Sturm. Er sah die Gefahr, dass die Deutschen den Russen den Weg ins Mittelmeer versperren wollen.

    Und dann gab es ja auch noch Wien und aus der Sicht Sasnows war deren Sündenregister lang. 1908, dann 1912/13 die Verhinderung das Serbien nach den Balkankriegen ein Zugang zur Adria bekam. Die Stimmung gegen Wien war außerordentlich stark gereizt und ein guter Teil der negativen Stimmung gegen Deutschland kam wohl daher, das Berlin der Verbündete Österreich-Ungarns war. Man war in Petersburg der Meinung, dass der Ballhausplatz ganz bestimmt eine andere Politik fahren würde, wenn Berlin diese nicht immer decken würde. Deutschland wurde dann noch Hegemonialstreben attestiert. Sasonow hat sicher seine Sichtweise entsprechend in Paris und London wissen und vertreten lassen.

    Für Sasonow war für die Zukunft von entscheidender Bedeutung, das die Engländer die russisch-französische Allianz zuverlässig unterstützen, um so die Kräfteverhältnis in Europa so zu gestalten, das Deutschland entweder seine „Hegemonialpolitik“ einstellen oder eben einem Krieg eben verlieren würden.

    Der russische Kriegsminister Suchomlinow meinte ja auch, das Russland gerüstet und für dem Krieg fertig sei.
     
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  7. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Die Liman-Mission wurde zumindest in jener bekannten Sonderkonferenz der russ. Reg. am 8./21. Feb. 14 nicht namentlich oder sinngemäß behandelt oder erwähnt. Diese Beratung gilt zurecht gemeinhin als Ausgangspunkt deutlich verstärkter Rüstungsanstrengungen der russ. Administration, Mobilisierungsübungen etc.. Inhaltlich ist das Sitzungsprotokoll überliefert u.a. bei Pokrowski, Drei Sitzungen (1920) oder IBZI, Serie I, Band 1, Nr. 295, S. 283.

    Im Protokoll wird, wie in anderen, damit zusammen hängenden diplomatischen Schriftstücken, eingangs postuliert, daß in Folge der veränderten politischen Verhältnisse vielleicht schon für die nahe Zukunft die Möglichkeit des Eintretens von Ereignissen ins Auge gefasst werden müsse, die die internationale Lage der Meerengen von Konstantinopel grundlegend ändern könnten, [...]. Es sei erforderlich, unverzüglich ein umfassendes Programm von Aktionen auszuarbeiten, welches ein günstige Lösung des historischen Problems der Meerengen verbürgen könne.

    Was war damit gemeint?
    Der inhaltlich Vorlauf zu dieser Sonderkonferenz wird zB deutlich im streng vertraulichen Schreiben des russ. Geschäftsträger in Konstantinopel an den russ. AA-Minister Sasonow vom 31.1.14 (IBZI I, Band 1, Nr. 155), in welchem der Geschäftsträger Stellung nehmen soll wg. der Erneuerung/Instandsetzung der russ. Schwarzmeer-Flotte (als Reaktion auf die kommenden, in Bau befindlichen türkischen Kriegsschiffe.

    Der Geschäftsträger befürwortet sie angesichts dieser Herausforderungen:
    - Inselfrage (Griechenland/Italien)
    - Armenische Frage
    - vor allem hebt er auf das aktuelle Jungtürken-Regime ab, welches keine breite Basis habe, nicht ausreichend Nachfolger bei evt. Terroranschlägen, Morden etc., so dass jederzeit Anarchie in Konstantinopel eintreten könne, welche das Erscheinen der russ. Flotte auch in weniger als zwei Wochen erforderlich machen könne.

    Der russ. Marineminister schreibt ('dringend.geheim') am 19. Januar 14 an Sasonow (IBZI, Serie I, Band 1, Nr. 50) von den kommenden türkischen Kriegsschiffen und der drohenden Überlegenheit der türkischen Marine gegenüber der russ. Schwarzmeerflotte.
    Er nennt als international-politische Erwägungen: Krisis der 'Orientalischen Frage', damit verbundene Unruhen und Gefahren; drohende, nicht wieder gut zumachende Schädigung der Staatsinteressen Russland hinsichtlich der Beherrschung der Meerengen, und nennt die strategischen Folgen wie Verzicht auf Vorstoß auf Meerengen & Konstantinopel usw.

    Der russ. Kriegsminister schreibt ('geheim') am 22.1.14 an AA-Chef Sasanow (IBZI, Serie I, Band 1, Nr. 84) ebenfalls vom Fall des Eintrittes von Ereignissen in der Türkei, welche eine aktive Einmischung erforderlich machen würden und für die man unbedingt gerüstet sein müsse.
     
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  8. hatl

    hatl Premiummitglied


    Dazu ein paar Gedanken ..
    Izvolsky hatte mit Österreich einen Deal vereinbart der ihm die zweifelhafte Aussicht auf großen Ruhm versprach, und hatte erwartet, dass dieser Deal erst dann publik gemacht wird, wenn er Gelegenheit hatte sich der Unterstützung durch Paris und London zu versichern.
    Macht sich der Izvolsky also zunächst auf nach Paris, wo er am 4. Oktober eintrifft und einen Brief von Aehrenthal vorfindet, der die Annektion binnen drei Tagen ankündigt.
    Das war sicher bitter, und bitterer noch, er erfährt weder in London noch in Paris Unterstützung für seinen Teil des Deals.
    Und mehr als die, nun obsolete, Unterstützung für seine Pläne am Bosporus hatten die Österreicher ja nicht zugesagt.
    Die noch junge Presse Russlands tobt in unverantwortlicher Weise, jedoch wirksam, und auch der Stolypin, der dem Zaren deutlich nahelegt, dass der Izvolsky nicht mehr tragbar sei.

    Es gibt aber auch noch das OR, in dem ja die Meerengen liegen. Und dessen neue Regierung ist an Bosnien-Herzegowina herzlich wenig interessiert, jedoch an der Kontrolle seiner Meerengen.
    Im Januar 1909 einigen sich Ö-U und das OR welches die Annektion anerkennt. Was für ein diplomatisches Wendemanöver!
    Und vielleicht noch schlimmer: der deutsche Einfluss am Bosporus steigt.
    Ein außenpolitisches Desaster, eine Demütigung für Russland, und ein Veitstanz um das für Russland objektiv gänzlich unbedeutende Bosnien-Herzegowina.

    Die Stimmung ist ausreichend hitzig, dass die Aspekte der Kriegsfähigkeit im März 1909 im Ministerrat unter dem Vorsitz des Zaren besprochen werden. Der Kriegsminister Roediger hat den Mut klar darzustellen, dass es den russischen Streitkräfte an so ziemlich Allem fehlt um zu kämpfen.

    Ach ne, Herr Kriegsminister Roediger, wie kommt es, dass unter ihrer Führung so schlechte Zustände herrschen?
    Das ist ja dann die ebenso unvermeidliche wie peinliche, wie auch ungerechte, Frage.
    Noch im gleichen Monat wird der korrupte Suchomlinov der Nachfolger Roedigers. ....

    ..
    Und als diesem gut fünf Jahre später die gleiche Frage gestellt wird, antwortet er nicht ehrlich.
    Vielleicht ein spätes Gift der Bosnien-Krise.

    ----------------
    … ich habe gerade Lieven – The End of Tsarist Russia - gelesen und lehne mich daran an ab S. 211 .
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Januar 2021
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das diplomatische Wendemanöver hat sich Konstantinopel immerhin bezahlen lassen. Darüber hinaus dürften schlicht die Machtmittel gefehlt haben, sich die Provinzen gewaltsam zurückzuholen, also hat man lieber die Hand aufgehalten.



    Durch die Annektion oder ganz generell?


    Das war keine glückliche personelle Entscheidung des Zaren; aus bekannten Gründen.
     
  10. andreassolar

    andreassolar Aktives Mitglied

    Deine feuilletonistische Ader führt bei mir dazu, nicht recht zu erkennen, ob Du Lieven referierst oder die 'Moskauer' Sicht oder Deine eigene - oder alles zusammen.

    Die Position der dt. Kaiserreich-Administration hat sich, aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit mit Sultan Abdul Hamid, welcher in Folge des Jungtürkischen Putsches 1908 von jenen gestürzt wurde, zunächst verschlechtert. Abdul Hamid hatte die Jungtürkische Bewegung ebenso lange Jahre unterdrücken und verfolgen lassen, die reichsdeutsche Administration galt aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Sultan vorerst als verdächtig, als Bündispartner von Ö.-U., welcher die Annexion Bosnien-Herzegowina zumindest nicht unterbunden hat, sowieso.

    Das neue türkische Regime, so nicht nur Lieven, hatte andererseits wirklich andere, ernsthaftere Herausforderungen vor sich, wie die längst verlorene Provinz zurück zu gewinnen (u.a. Lieven, Towards, S. 217)
     
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  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich meinte durch den Einfluss der Affäre auf die Regierenden des OR.
    Die Darstellung von Lieven S.217 bezüglich der Haltung der neuen Herrscher des OR:
    „obwohl ursprünglich anglophil und gegenüber Deutschland misstrauisch, weil es Sultan Abdul Hamid unterstützt hatte, anerkannte das neue Regime recht bald die grundsätzlichen geopolitischen und geschichtlichen Realitäten. Hervorgehoben unter diesen waren Furcht und Abneigung gegenüber Russland.“ (Übersetzung durch mich)
    Bei dem kuriosen Deal in Buchlau wollte Österreich etwas was es ohnehin schon hatte,
    Russland aber wollte in bedrohlicher Weise nach dem Status der Meerengen greifen
    und versuchte seinen alten Verbündeten Frankreich, und den neuen England, dafür zu gewinnen.
    Die ziehen zwar nicht mit, es zeigt sich aber: sie können schwerlich gleichzeitig Partner Russlands und des OR sein.

    Doch ohne einen Partner kann das OR, unter welchem Regime auch immer, nicht bestehen. Und so bietet sich dem neuen Regime der alte Partner des Abdul Hamid an: Deutschland, welches immerhin den Vorteil hat, sich als einzige Großmacht nicht an osmanischem Territorium vergriffen zu haben.
    Nach einer anfänglichen Ablehnung nähern sich die neuen Herren des Landes wieder dem DR an, und Russland ist mehr denn je der Feind, der nun nicht mehr nur mit Frankreich verbündet ist.

    Die Jungtürken laden auch bald den von der Goltz Pascha ein, er möge wieder die Modernisierung der türkischen Streitkräfte leiten. (Ein solche ist dann auch naturgemäß mit der Bindung an deutsche Waffensysteme verbunden.) Dabei ist nicht zu vergessen, dass die Putschisten, die sich nun an der Macht befinden, auch durch Deutsche Militärs als Offiziere ausgebildet wurden.
    (McMeekin – Berlin-Baghdad Express S.70)

    So ungefähr @Turgot stell ich mir das vor.
    Jedenfalls wird die deutsch-osmanische Bindung fortan unabhängig vom herrschenden Regime des OR bestehen, ebenso wie die Feindschaft gegen Russland.

    Nun kann man sich fragen ob diese Entwicklung nicht auch ohne Izvolskys Desaster eingetreten wäre und wird keine Antwort finden. Befördert aber wurde sie wahrscheinlich schon dadurch.
     
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  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Noch ein paar weitere Worte zur der Vorgeschichte der Annektionskrise:

    Bereits am 12.August August hatte der österreichisch-ungarische Botschafter in Konstantinopel Pallavicini seinem Chef Aehrenthal davor gewarnt Bosnien und die Herzegowina zu annektieren. Er meinte dies würde nur die nationalen Leidenschaften, die gerade durch die jungtürkische Revolution ohne zum Durchbruch gelangt sein, noch mehr entfachen. Des Weiteren würde die Annektion einen Balkanbund befördern; mit der Türkei an der Spitze.

    Der staatsrechtliche Hintergrund war der, das Wien Bosnien und der Herzegowina Provinzial Verfassungen geben wolle und das ginge eben nur dann wenn aus dem de facto Zustand ein de jure gemacht werden würde.

    Auf des am 19-August 1908 stattgefundenen Ministerrats, Diskussionsgegenstand war die angedachte Annektion, fragte der ungarischen Ministerpräsidenten Wekerle, wie er (Aehrenthal) sich denn die diplomatische Durchführung der Annektion vorstelle. Aehrenthal führte aus, Deutschlands könne man vollkommen sicher sein, da Wien der einzige Verbündete sei und Berlin eben diesen unbedingt benötige. Genau diese Konstellation, das Berlin das Leitseil um den Hals geworfen worden war, hatte ein Bismarck immer tunlichst vermieden. Petersburg wurde schon zustimmen aber natürlich die Dardanellen thematisieren, Frankreich hätte mit Marokko genügend Sorgen und auch von England sei kein Widerspruch zu befürchten. Italien könne gemäß Dreibundvertrag keine Kompensationsansprüche stellen. Widerstand sei hingegen von der Türkei zu erwarten. Serbien hatte Aehrenthal nicht auf dem Zettel. Es sei nicht auszuschließen, dass es ggf. zu einem Zusammenstoß mit einer anderen Macht komme.
    Die Annektion müsse gründlich vorbereitet werden, wozu es ausreichen würde, sich mit Russland zu arrangieren.,

    Finanzminister Burian führte aus, es kein Widerstand von der Bevölkerung zu erwarten; teilweise würde man sich schon fragen, weshalb die Annektion nicht schon früher geschehen wäre.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. März 2021
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  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Was für eine krasse Fehleinschätzung des Pallavicini. Der türkische Nationalismus mag entfacht worden sein, doch nicht ausreichend, oder passend, um der jungtürkischen Revolution eine stabile Regierung zu bescheren. Und diese sieht alsbald, so wie auch die vorherigen Regierungen, zutreffend in Russland die größte Gefahr.
    Der Balkanbund wird tatsächlich entstehen, jedoch mit Russland an der Spitze. Dies in dem Sinne, dass Russland zunächst der Knotenpunkt ist, an dem die Fäden zusammenlaufen.
    Der Balkanbund (Serbien, Griechenland, Bulgarien und Montenegro) wird in seiner Anlage zwar sowohl gegen Ö-U als das OR gerichtet sein, sich jedoch unmittelbar gegen letzteres mit durchschlagenden Erfolg richten. (1912, vier Jahre nach der Bosnischen Annektionskrise, und sieben Jahre nach der russischen Revolution von 1905)

    Man muss dem Pallavicini zugute halten, dass die Situation im OR, ebenso wie in Russland, unübersichtlich geworden war und stark chaotische Elemente enthielt.

    .. um dabei in so peinlicher Weise übers Ohr gehauen werden, dass nicht etwa der türkische Nationalismus gefährlicher wurde, sondern der Russlands. Nach dem Schock der nur halb gescheiterten Revolution gegen seine Ordnung, erhält dort eine protofaschistische Strömung Aufschwung, die schließlich erheblich zur Destabilisierung Europas beitragen wird.
    Die Arroganz und Ignoranz der anderen Mächte richtete da wohl größeren Schaden an als im OR, welches dergleichen ja schon lange gewohnt war und erdulden musste.
    1914 war die hitzige Stimmung in Russland so weit gediehen, dass nicht mehr bereit eine erneute Demütigung hinzunehmen.

    Das ist gewiss richtig. Lieven schätzt, dass international insgesamt ca. 50 Personen am Vorabend des großen Krieges über Krieg und Frieden entschieden.
    Nicht die Torheit der Völker entschied über ihr Schicksal, sondern die Torheit der Regierenden.
    (Und die größte Torheit würde ich nach wie vor beim deutschen Kaiserreich sehen, dessen Führung zum Zeitpunkt der höchsten Eskalation nur noch einen einzigen Kriegsplan hatte, egal was passieren würde.)
     
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  14. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Immerhin hatte Pallavicini von der Annektion abgeraten und dies war per se schon einmal eine gute Empfehlung. Des Weiteren vertrat Pallavicini die Auffassung, wenn die Annektion denn schon sein solle, dann bitte erst nach der Wahl und der Bildung der Regierung, mit der man dann sicher das Geschäft abschließen könne. So weit, so gut. Wie er nun auf die Idee gekommen ist, das ausgerechnet die Türkei an der Spitze eines künftigen Balkanbundes stehen würde, weiß ich auch nicht.


    Wo ist Petersburg über das Ohr gehauen worden? Aehrenthal hat Iswolsky in Buchlau von vornherein darauf hingewiesen, das man sich gewissermaßen in einer Zwangslage, die sich u.a. auf dem Sandshak bezog, befinde und gezwungen sein könnte, schnell zur Annektion schreiten würde. Iswolsky fragte nach einen Termin und Aehrenthal benannte Anfang Oktober. Iswolsky wußte also durchaus um die Möglichkeit, das die Annektion über die Bühne gehen könnte, während er in Paris oder London sei. Er hatte dies in Gespräch zwar bedauert, aber nicht protestiert.

    Iswolsky war sich seiner Sache zu sicher, das es in Paris und London zu keinem Widerstand hinsichtlich der Meerengen kommen würde. Iswolsky hätte sich, bevor er überhaupt bereits Anfang Juli als Aehrenthal den Vorschlag schriftlich unterbreitete, hätte er (Iswolsky) bei seinen Verbündeten entsprechend sondieren müssen. Aehrenthal hatte Iswolsky sogar gefragt, ob er die Zustimmung von London hätte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2021
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  15. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Was diese Sache nicht gerade leichter machte, war das Bulgarien am 05.Oktober 1908 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erklärte. Fürst Ferdinand hat sich am 05.10. auch gleich zum Zaren von Bulgarien krönen lassen. Man hatte es hier also mit zwei Krisen zu tun. Am 03.Oktober war die geplante Annektion von Bosnien und der Herzegowina bekannt geworden, da der ÖU Botschafter Khevenhüller die Botschaft Franz-Josephs an den französischen Präsidenten zu früh übergeben hatte.
     
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  16. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich finde die Spekulation, sofern Pallavicini davon ausging, dass Russland in Sachen Annexion keine Schwierigkeiten machen würde, eigentlich nicht so abwegig.
    Jedefalls wären dann sowohl das Osmanische Reich, als auch Serbien die Geprellten bei einer entsprechenden Einigung zwischen Wien und Petersburg gewesen und hätten da schonmal ein gemeinsames Motiv gehabt.

    Rumänien hatte ja ohnehin unterschwellig wegen Siebenbürgen und Besarabien Differenzen Ambitionen im Hinblick auf Österreich-Ungarn und Russland, da wäre ein hinzustoßen zu einem Osmanisch-Serbischen Interessenbündnisses so unsinnig nicht gewesen.

    Im Hinblick auf das sich gerade verselbstständigende Bulgarien, ist ja zum einen die bulgarisch-serbische Rivalität in dieser Form noch nicht da, und gesetzt den Fall einer osmanisch-rumänichen Kooperation hätten die Bulgaren in ihrer Mittellage natürlich etwas in der Zwickmühle gesessen. Zumal man auch wird hinterfragen dürfen, inwiefern es nicht fundamental gegen bulgarische Interessen gegangen wäre, hätte Russland seine Interessen an den Meerengen, möglicherweise noch mit territorialen Konzessionen in Rumelien durchsetzen können.

    Wenn Russland in dieser Sache wirklich mit Österreich-Ungarn zusammengegangen wäre, erscheint mir eine Balkan-Entente unter Führung des osmanischen Reiches gegen Russland und Österreich-Ungarn, mindestens als episodisches Phänomen nicht als eine allzu abenteuerliche spekulative Konsequenz.
     
  17. hatl

    hatl Premiummitglied

    Kann sein. Doch es kratzte das OR, zu dem der Pallavicini eine hervorgehobene Verbindung war, herzlich wenig und man wurde sich auch einig.
    Und warum auch nicht? Das OR hatte doch selbst dort Schwierigkeiten seine Stellung zu behaupten, wo ein unmittelbarer Landzugang bestand, worauf Du ja mit dem Beispiel Bulgarien hingewiesen hast.
    Warum also sollte es gerade in Bosnien-Herzegovina die kaum mehr vorhandenen Muskeln spielen lassen?
    Und Russland kann gerade auch wenig ausrichten, weil es noch lange die Folgen des verlorenen Kriegs gegen Japan verdauen muss, und auch die der folgenden Revolution.
    Ist es für Ö-U sinnvoll ein angrenzendes Gebiet, welches es seit 30 Jahren verwaltet, weiter ohne echten Rechtsstatus bestehen zu lassen?
    Das Hauptproblem war Russland, in dem die Panslavisten (vergleichbar mit den "Alldeutschen") zusammen mit der public opinion (der englische Ausdruck trifft es einfach besser) nach 1905 aufpoppten. Und plötzlich gibt es auch eine Duma, die in ihrer sehr kurzen Zeit zwar noch nicht gelernt hat zu laufen und doch bereits erheblichen Einfluss auf den Gang der Dinge hat.
    Durnovo beschreibt das in seinem Memorandum Feb. 1914 an den Zaren so: „Der Fehler liegt zu einem beträchtlichen Teil in unseren jungen legislativen Institutionen. Deren Interesse an unserer Verteidigung ist amateurhaft, gleichzeitig fern davon den Ernst der politischen Situation zu begreifen, die sich aus der neuen Ausrichtung, der, mit dem Beifall der Öffentlichkeit, unser Außenministerium in den letzten Jahren folgte.“ (Übersetzung durch mich)
    Man könnte das auch im Sinne Durnovos als populistische Außenpolitik bezeichnen.
    Und das wäre dann ein recht neues, und für die anderen Spieler auf der Bühne der Großmächte möglicherweise ein überraschendes, mindestens aber ungewohntes, Element.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. März 2021
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  18. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Serbien und auch Montenegro waren ein beträchtliches Problem. Beide hatten zwar überhaupt keinen Rechtstitel, aufgrunddessen sie hätten formal überhaupt protestieren können, aber trotzdem waren die Gemüter dort außerordentlich erregt. Serbien hat sogar Reservisten einberufen, Montenegro forderte territoriale Kompensation. Beide taten viel, um die Situation zu verschärfen. Auch die bosnischen Serben waren unruhig.
    Eine Konferenz war Aehrenthal nicht bereit zu beschicken; Ausnahme, Bulgarien sei der einzige Konferenzgegenstand.

    Hinsichtlich der Türkei liegst du nicht so ganz richtig. Es wurde immerhin ein Handelsboykott gegen österreichische Waren verhängt, deren Auswirkungen für Österreich unangenehm waren. Und außerdem wurde auch formal protestiert.
    Darüber hinaus sah sich Monarchie aufgrund der serbischen Drohgebärden ebenfalls gezwungen teilweise zu mobilisieren. Der Handelsboykott, die Mobilisierung von Teilen der Armee und schließlich auch die für die Einigung zu zahlende Kompensation in Höhe von 50 Millionen Kronen an Konstantinopel dürften die Wirtschaft belastet haben.

    Und innenpolitisch gab es in Folge der Annektion reichlich Zank und Streit. Unter dem Strich würde ich meinen, hat Österreich sich mit dieser Aktion eher geschadet als etwas gewonnen, denn der diplomatische Flurschaden war beträchtlich. Wirtschaftlich hat man sich auch keinen Gefallen getan, denn die Provinzen waren arm.
     
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  19. schaf

    schaf Mitglied

    Wurde die Leibeigenschaft nicht aufgehoben weil die bosnischen Serben so weniger Möglichkeiten zum Kampf gegen die Regierung hatten ?
    "Als das Gebiet 1878 von Österreich- Ungarn besetzt wurde, waren die Grundbesitzer zu neunzig Prozent Muslime, während neunzig Prozent der Leibeigenen Christen waren, und zwar überwiegend orthodoxen Glaubens."
    Die kompliziertesten Menschen der Welt
    "Da die Verwaltung die Agrarreform immer vor sich hinschob, zu politischen Verbündeten im Land die muslimische Grundbesitzer machte und die Kmeten zusätzlich zum Zehent auch staatliche Steuern entrichten mussten, wurde aus Unruhen ein richtiger Aufstand der zuerst unter den orthodoxen Kmeten in Herzegowina und Südbosnien entfachte."
    Titel der Diplomarbeit„Annexion von Bosnien und Herzegowina zur Zeit der Österreich-Ungarischen Monarchie“ -eine kulturgeschichtliche StudieVerfasserin Jasmina Nuhanović
    https://core.ac.uk/download/pdf/11587975.pdf
    Wenn man das liest, könnte man das Aufrechterhalten der Leibeigenschaft für einen Fehler halten.
     
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  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ende Oktober 1908 knirschte es beträchtlich im Gebälk. Die Jungtürken waren nicht bereit ihren Protest hinsichtlich der Annektion zurückzuziehen, wie es Aehrenthal einforderte. Auch Montenegro mobilisierte Truppen; angeblich rein defensiv. Serbien und Montenegro kamen überein ggf. ihre Forderung nach territorialer Kompensation militärisch Nachdruck zu verleihen.
    Die Türken wollten von Bulgarien Entschädigung für Ostrumelien und rasselten ebenfalls mit dem Säbel.

    Der serbische Außenminister tourte durch Europa, um die serbische Haltung darzulegen. Iswolsky tobte und wollte auf einer Konferenz seine Haut retten.

    Die Situation war explosiv.
     

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