Schulpflicht im Mittelalter?

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Uhtred, 26. August 2008.

  1. Hulda

    Hulda Gast

    Ohne Buchdruck braucht es nicht großartige Mittel der Unterdrückung.
    Auch war das Denken ja ein anderes. Vieles war gottgegeben, die Ratio war nicht die treibende Kraft des allgemeinen Denkens, dessen bin ich mir sicher.
    Dementsprechend war der Wunsch nach Bildung auch nicht von herausragender Bedeutung. Diese Struktur kam- bewusst oder unbewusst- den Machtbedürfnissen der herrschenden Schicht entgegen.
     
  2. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ich denke auch, dass der Buchdruck die zentrale Antriebskraft der modernen europäischen Geistesentwicklung (Aufklärung, Naturwissenschaft, Technik, Demokratie) war. Ganz im Sinne Marshall McLuhen's: Das Medium ist die Botschaft! Denn die genanten 4 Elemente gab es ja schon in der alexandrinischen Antike....

    Doch unterschätzt man oft die Produktivkraft der "Abschreiber": Wie im kaiserzeitlichen Rom war diese im Spätmittelalter hoch. Und die Universitäten ab dem 13 Jh. - wenn auch formal unter Aufsicht der Kirche - waren sehr, sehr selbstständig. Ein "Staat in der Stadt", mit z.B. eigener Rechtsprechung... Die "literarische Aufmüpfigkeit" setzte also schon deutlich früher als 1450 ein...

    Der Buchdruck aber ERFORDERTE die Massenauflage. Ein einziges Buch zu drucken war nicht bezahlbar! 10 auch nicht. 100 oder besser 1000 mussten es sein, was einen Kopisten natürlich zum Weinen bringen musste....
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2008
  3. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Um dies aufzugreifen udn zugleich eine Rückführung zur ursprünglichen Thematik zu versuchen...

    Das ist mir persönlich ein wenig zu hoch aufgehangen; zwar würde ich bejahen, daß Bildung diesbezüglich förderlich sein mag, dies aber eben keineswegs zwingend sein muß.
    Bsp.: Während des Deutschen Bauernkrieges (1524/26) dürfen wir beim Blick auf Leute wie Thomas Müntzer oder Florian Geyer nicht darüber hinwegsehen, daß die ursprünglichen - auch schon bewaffneten - Erhebungen durch Bauern erfolgten, denen es im Grunde (zugegebenermaßen etwas vereinfacht gesagt) um nicht mehr als darum ging, daß frühere altüberlieferte Rechte wiederhergestellt werden sollten - und damit die seit Beginn des 16. Jh. um sich greifenden Mißstände incl. Verarmung und Abhängigkeit aufgehoben werden sollten. Es waren also handfeste Probleme der Landbevölkerung, welche für beinahe alle dort vertretenen Schichten spürbar waren und behoben bzw. abgestellt gehörten; dafür brauchte es keine Bildung o.ä.

    Ich hatte in http://www.geschichtsforum.de/357065-post13.html ausgeführt, daß wir bei aller Dominanz des Lateinischen nicht über die dennoch vorhandene Schriftlichkeit bereits im Althochdeutschen hinwegsehen dürfen.

    Dies würde ich im Grundansatz anders aufhängen: Bestand denn bspw. für die "einfache" Landbevölkerung eine zwingende Notwendigkeit, Zugang zu solcher Bildung zu erhalten? Bzw. ab wann wurde denn Bildung - in welcher Form auch immer - für wen in welchem Maße wichtig und/oder bedeutsam?
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kommt darauf an, ob die Kinder die Buchstaben phonetisch Lernen oder nach Namen; in der GS werden meist erst im zweiten Schuljahr die Namen der Buchstaben beigebracht (Ausnahmen Vokale), die Konsonanten werden meist ohne den Kon des Sonanten gelehrt.

    Die Kinder hatten natürlich rein physiognomisch die gleichen Voraussetzungen wie die Kinder heute. HSS bleibt HSS. Aber es muss auch jemand da sein, der die die Codes entschlüsseln kann.

    Doch. Es ist sehr wohl belegt, dass auf Rinde geschrieben wurde, nur hat sich davon eben kaum etwas erhalten, jedenfalls außerhalb von Gebieten mit günstigen Erhaltungsvoraussetzungen, wie der Taiga. Siehe auch den Thread SMS aus dem Mittelalter.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Insbesondere bei den frühbürgerlichen Aufständen des Spätmittelalters wurden ganze Archive verbrannt - weil die Aufständischen wussten: Hier sind die Privilegien und Dokumente, welche die Besitztümer der Reichen beschreiben. Da sie diese aber im Einzelnen nicht von anderen Schriftstücken unterscheiden konnten (Urkunden wurden auch in Bücher gebunden), haben sie gleich die gesamten Archivalien verbrannt.
     
  6. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ich habe mehrfach versucht, "Bildung" und "Lesen und Schreiben" voneinander zu trennen, weil ich da zwei völlig verschiedenen Problemfelder sehe.

    (1) Frage: Gibt es "Bildung" ohne "Lesen und Schreiben"? Ganz ohne Zweifel! Das einzige was man braucht ist ein gutes Gedächtnis und ein gutes Vorstellungsvermögen.. ("orale Kulturen") Diese Bildung ist aber durch die "menschliche Schwäche" begrenzt...

    (2) Frage: Gibt es "Lesen und Schreiben" ohne Bildung? Ich vermute mal, diese Vorstellung liegt der "funktionalen Analphabetentheorie" zugrunde. Lesen und Schreiben öffnet die Welt zu Vielem. Vieles mag davon abhängen, mit welchen Texten man Lesen lernt...

    (3) In der spiralförmigen Aufwärtsentwicklung der europäischen Kultur sehe ich die Alphabetisierung als Katalysator: Immer mehr (und immer häufiger ausgeübte!) Berufe erforderten Lesen, Schreiben und Rechnen: der Hochseekapitän, der Großkaufmann, der Geschützgießer, der Baumeister, ....
    Während der industriellen Revolution dann jeder Facharbeiter!

    (4) Wie sah es denn eigentlich in China aus? Eine andere Entwicklung, ohne den Buchdruck, ohne "Industrielle Revolution"....
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2008
  7. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Wogegen gehst Du an?
    Ich hatte aus genau diesem Grund zunächst vom "Zugang zu solcher Bildung" ( weil ich den entsprechend zitierten Satz tatsächlich i.S.v. Lesen und Schreiben verstanden hatte) gesprochen, im nächsten Satz dann von "Bildung - in welcher Form auch immer - für wen in welchem Maße".



    Zu China kann ich nichts sagen, aber den Satz
    würde ich nicht ganz so allgemein stehenlassen; sagen wir es so: ab Ende des 18. Jh. begann die Verbreitung auch außerhalb des bis dahin exklusiven Bildungsbürgertums u.ä. diesbezüglich privilegierter Schichten, was sich infolge fortschreitender Industrialisierung und Verstädterung während des 19. Jh. nochmals beschleunigte.



    Dennoch würde ich bei der Diskussion aber gern im europäischen Mittelalter bleiben... :fs:
     
  8. Uhtred

    Uhtred Gesperrt

    Klar, doch ich bezog mich konkret auf den Orden der Tempelritter, der wurde gegründet, da war das Mittelalter bereits "fortgeschritten", sprich es war die Zeit des Hochmittelalters.

    Wer in den Templerorden als Ritter eintreten wollte (und die nahmen nicht "jeden Adeligen"), musste lesen und schreiben können, bzw. bekam von den Priestern im Orden Unterricht in diesen Dingen (ausgenommen waren da höchstens Leute aus dem Hochadel, die konnten aber meist sowieso Lesen und Schreiben).
    Und da ja Lesen und Schreiben in erster Linie in Latein beigebracht wurde, konnten auch alle Latein.
    Zumindest die Ordensritter mussten also zwangsläufig Latein können, bei den geistlichen Brüdern ist das ebenso wahrscheinlich,
    Lediglich bei den dienenden Brüdern kann man sich diesbezüglich vielleicht nicht so sicher sein.

    Auch sie verwendeten Latein als Verkehrssprache, so wie auch viele Ordensritter.
    Das ist die Gemeinsamkeit.
    Die Alternative wäre, Ordensritter wie Gelehrte hätten sich mit Händen und Füßen verständigt.
    Im Kampf wie auch bei Podiumsdiskussionen, sicher keine sehr praktische Angelegenheit.
     
  9. timotheus

    timotheus Aktives Mitglied

    Dem möchte ich einige Passagen - muß an der Stelle sein, um die Zusammenhänge zu verdeutlichen - aus dem Werk einer anerkannten Fachautorität gegenüberstellen, die verdeutlichen, daß wir auch hierbei nicht zu sehr vereinfachen und verallgemeinern dürfen.
    Aus Alain Demurger "Die Ritter des Herrn - Geschichte der geistlichen Ritterorden Europas" - C.H. Beck, München 2003

    Erst einmal zur Einteilung der Brüder, insbesondere der Laienbrüder (also ohne Aussagen zu den Priesterbrüdern):
    Zur weiteren Spezifizierung der Herkunft:
    Und nun zum eigentlich für die Diskussion interessanten Teil (ich hoffe, es geht noch mit dem Mitlesen):
    Das muß erst einmal zur Abhandlung dieses Kontextes genügen... :fs:
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. September 2008

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