Sollte man die Zustimmung vieler Abgeordneter zum Ermächtigungsgesetz von 1933 verurteilen?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Anna_539, 3. März 2021.

  1. Anna_539

    Anna_539 Neues Mitglied

    Sollte man die Zustimmungen der Abgeordneten gegenüber dem Ermächtigungsgesetz verurteilen?
    Was denkt ihr? Warum oder Warum sollte man dies nicht tun? Welche Gründe verteidigen also die Zustimmung oder welche Gründe sprechen gegen die Zustimmung?
    Ich würde mich sehr über einige Meinungen, Antworten und Ansichten freuen...
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Du wirst hier im Forum unterschiedliche Ansichten finden, teilweise werden diese auf gruppenspezifischen Vorurteilen basieren. Deine Frage klingt sehr danach, als wäre das eine Schulaufgabe, als solltest du ein Werturteil bilden (was Teil des Geschichtsunterrichtes ist). Das setzt voraus, dass ihr euch im Unterricht, sei er via Zoom o.ä. abgelaufen oder in Präsenz, beriets damit beschäftigt habt.
    Nun wäre die Frage: Was weißt du über die Umstände, unter denen die Abgeordneten abgestimmt haben?
     
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  3. Cliomara

    Cliomara Aktives Mitglied

    Die Aufgabe eines Historikers besteht nicht darin, über die Vergangenheit zu Gericht zu sitzen. Das schließt nicht aus, das Abstimmungsverhalten der Befürworter des Ermächtigungsgesetzes (um diese Gruppe geht es ja wohl) kritisch einzuordnen. Welche Motive bewogen das Zentrum und die Liberalen, dem Gesetz zuzustimmen? Immerhin hatten die Nationalsozialisten seit dem 30. Januar 1933 bewiesen, dass sie nicht bereit waren, demokratische Spielregeln einzuhalten. Auf der anderen Seite scheinen auch die Gegner des Gesetzes nicht geahnt zu haben, welch furchtbare Diktatur entstehen sollte. Die SPD scheint mit einer Phase der Unterdrückung wie während des Sozialistengesetzes gerechnet zu haben.
     
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  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Letzten Endes läuft die Frage darauf hinaus, ob es zu verurteilen ist, kein "Held" zu sein. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident und auch die vier anderen Abgeordneten der Deutschen Staatspartei Hermann Dietrich, Heinrich Landahl, Ernst Lemmer und Reinhold Maier haben am 24. März 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt. Heuss hatte sich in seiner Partei dafür ausgesprochen, gegen das Ermächtigungsgesetz zu stimmen oder sich wenigstens der Stimme zu enthalten, er konnte sich aber in der Partei nicht durchsetzen und schloss sich dem Votum seiner Partei an.
    Alle Parteien im Reichstag, mit Ausnahme der SPD stimmten für das Ermächtigungsgesetz. Die Kommunisten konnten schon gar nicht mehr dagegen stimmen, denn sie saßen bereits zum großen Teil in Gefängnissen und KZs.
    Auf die Abgeordneten wurde massiver Druck ausgeübt, schwerbewaffnete Schläger aus SA und SS wirkten als Drohstaffage.
    Der Mut von Otto Wels (SPD), der eine vielbeachtete Rede hielt, kann man unter diesen Umständen gar nicht hoch genug bewerten, auch wenn das unter diesen Umständen nicht mehr sein konnte, als eine Geste.

    Wie Heuss hatte mancher Abgeordnete durchaus bei der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz ein ungutes oder zumindest zwiespältiges Gefühl. Wie konnte aber ein Mann wie Heuss zustimmen, dass wesentliche Teile der Reichsverfassung außer Kraft gesetzt wurden? Als Gründe sind erstens natürlich Sorge um das eigene Wohl, der Parteikollegen und nicht zuletzt der eigenen Familie. Zweitens Unterschätzung der Nazis, bei vielen Zeitgenossen herrschte die Ansicht, dass "der Spuk" auch bald wieder vorbei sein würde. Durch Zustimmung hofften einige, die NS-Herrschaft in legale Bahnen lenken zu können und wenigstens die Reste der Weimarer Verfassung zu erhalten. Schließlich mochten sich auch Abgeordnete wie Heuss von einer Zustimmung eine Stärkung der Exekutive und damit eine Chance, die Krise des Staates überwinden zu können. Damit, dass die Nazis sich an überhaupt keine demokratisch-parlamentarischen Spielregeln halten würden, hätte man zwar rechnen können, doch war das 1933 durchaus nicht allen Parlamentariern klar.

    Es haben viele Abgeordnete dabei ein beklemmendes Gefühl gehabt, und es war nicht immer Opportunismus oder Angst um die eigene Existenz, die bei der Endscheidung zur Zustimmung den Ausschlag gab. Manche schlossen sich aus Fraktionsdisziplin der Meinung der anderen Parteimitglieder an, andere glaubten, mitmachen zu müssen, um (noch) schlimmeres zu verhindern, und mit der rasanten Demontage des Parlaments und der "Gleichschaltung" haben viele nicht gerechnet. Diese durchaus differenzierte Gemengelage und den massiven Druck, der auf die Abgeordneten ausgeübt wurde, gilt es abzuwägen und bei einer Beurteilung der Vorgänge zu berücksichtigen, um zu einem objektiven Urteil zu gelangen.
     
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  5. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich denke, wenn man sich damit beschäftigt, ob man das persönlich verurteilen möchte oder nicht, müsste man sich damit beschäftigen, was eine Ablehnung des "Ermächtigungsgesetzes" denn de facto bewirkt hätte.

    De facto waren bereits vor der Abstimmung die Repressionen gegen Politiker der SPD und den vorangegangenen Wahlkampf von SPD und Zentrum von keiner wie auch immer gearteten gesetzlichen Grundlage gedeckt. Selbst die außerordentlichen Vollmachten, die Hindenburg Hitler mittels der "Reichstagsbrandverordnung" an die Hand gegeben hatte, reichten de jure nicht hin um die Nazis mit Vollmachten auszustatten Mandatsträger anderer Parteien in der Ausübung ihres Mandats zu behindern.

    Faktisch taten sie genau das. Faktisch unternahm Hindenburg als Reichspräsident nichts dagegen, der ob dieses Missbrauchs die "Reichstagsbrandverordnung" jederzeit hätte widerrufen und/oder Hitler als Kanzler jederzeit absetzen und einen anderen Kanzler und eine andere Regiering hätte berufen können.
    Offensichtlich waren auch Justiz und Polizei nicht in der Lage oder willens, den de facto staatsstreicherischen Aktivitäten von NSDAP und SA Einhalt zu gebieten.

    Was genau, hätte die Nazis bei einer Ablehnung der Vorlage daran hindern sollen, einfach noch ein paar unliebsame Politiker mehr zu verhaften und das Gesetz später einem entsprechend "angepassterem" Reichstag erneut vorzulegen?

    So lange es durchging, die gehinderten Mandatsträger, als "schuldhaft abwesend" zu klassifizieren, wäre theoretisch auch ein nur noch aus NSDAP-Abgeordneten bestehender Reichstag beschlussfähig gewesen.


    Wenn du meine persönliche Meinung dazu hören willst, und das schreibe ich als jemand, der keinen Hehl daraus macht, dass man ihn im politischen Spektrum eher auf der linken Seite verordnen darf, würde ich den zustimmenden Abgeordneten, ausnehmlich denen der NSDAP und denen der übrigen rechtsnationalen Elemente, da keine Vorhaltungen machen wollen.

    Begründung:

    - Polizei und Justizaparat hatten offensichtlich bereits mit der Republik gebrochen
    - Hindenburg als RP stand in letzter Konsequenz dahinter, was die Nazis taten
    - Die Organisation der KPD war bereits weitgehend zerstört, die der SPD und der daran hängenden Gewerkschaften und Vereine errrodierte bereits merklich, so dass effektiv organisierter Widerstand kaum noch möglich war.

    Unter diesen Umständen hätten die Nazis dass wie gesagte auch einfach nochmal einem noch weiter verkleinerten Reichstag vorlegen können.

    Es wird da immer als Kritik angeführt, die zustimmendem Abgeordneten hätten dem Gesetz durch ihr Handeln Legitimität verschafft.
    Aber das ist nicht so, oder jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Die vorangegangenen Repressionsaktionen gegen politische Gegner fanden im ganzen Land statt und waren für jeden sichtbar, der nicht willentlich die Augen davor verschloss.
    Jeder konnte wissen, dass die Abgeordneten der KPD, auch wenn man keinem davon persönlich irgendein Verbrechen nachweisen konnte, nicht freiwillig abwesend waren.
    Und genau so wenig konnte, wer die damaligen Ereignisse beobachtete davon ausgehen, dass die halbe SPD-Farktion da einfach freiwillig nicht erschien.

    Dieses Gesetz war für jeden, der da Augen hatte offensichtlich repressiert und daher auch nicht rechtens, die erpresste Zustimmung der Abgeordneten, die den Ausbau der NS-Diktatur unter diesen Umständen wahrscheinlich auch mit einer Ablehnung mittelfristig nicht hätten verhindern können, haben in meinen Augen da auch nichts legitimiert.
    Wenn wir annehmen, dass eine Ablehnung die Nazis nicht aufgehalten, sondern allenfalls um ein paar Monate verzögert hätte (wobei die ja ohnehin bereits jeden "verhafteten", den sie wollten) war es schon nicht unrecht, dass sie da in erster Linie an ihre Familien und ihre Parteigenossen dachten und an deren Sicherheit.

    Natürlich wäre es eine schöne Geste gewesen, wenn sie das abgelehnt hätten. Aber ich bezweifle, dass das praktisch irgendwas geholfen hätte und wie gesagt, das Argument "Legitimität" würde ich von meiner Seite her nicht gelten lassen.

    Ist aber nur eine persönliche Einschätzung.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. März 2021
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  6. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Schergen der Nazis hatten schon im Vorfeld dafür gesorgt, das die Abgeordneten der KPD und 26 Parlamentarier der SPD, die entweder schon im KZ einsaßen und dort bestialisch gequält oder schon ermordet wurden oder sie waren einfach auf der Flucht, zur Abstimmung im Reichstag nicht erscheinen konnten.

    Der SPD Fraktion gebührt der größte Respekt, das sie den Nazis die Stirn boten und das Gesetz ablehnten. Wie sagte Otto Wels so treffend: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." Und erstaunlicherweise wurde nach dem grausamsten aller Krieg, nicht die SPD, der Kandidat und Parteivorsitzender Schuhmacher hatte fast die ganze Nazizeit in Konzentrationslagern verbracht, sondern Adenauer, der wenig bis gar nichts im Kriege auszustehen hatte, gewählt.

    Und ein Mann, wie Theodor Heuss, der für das Gesetz gestimmt hatte, hatte keine Charme später auf dem Stuhl des Staatsoberhauptes Platz zu nehmen.

    Schon das vor dem Reichstagsgebäude der Nazipöbel stand, war verfassungsrechtlich bedenklich, denn es gab schon damals die sogenannte Bannmeile.

    Und ob das Gesetz, welches von Hindenburg unterzeichnet worden ist, verfassungsgemäß korrekt war, darf ebenfalls bezweifelt werden. Mir ist keine Bestimmung in der Weimarer Reichsverfassung bekannt, die die Abschaffung bzw. Selbstentmachtung des Reichstages vorsah.

    Und Hindenburg sein Nichtreagieren zeigt, wie dieser alte Herr tatsächlich tickte.
     
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  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich denke, dass man sich über die Rechtmäßigkeit des sogenannten "Ermächtigungsgesetzes" von 1933 ohnehin nicht unterhalten muss. Alleine das Vorgehen gegen diverse Abgeordnete von KPD und SPD, denen man persönlich keinerlei strafbares Handeln nachweisen konnte, war ja nun durch nichts, aber auch gar nichts gedeckt, auch nicht durch die "Reichstagsbrandverordnung".
    Insofern ist das Gesetz ja ohnehin letztendlich unter der Drohkulisse einer verfassungswidrigen Pression zustande gekommen und dadurch dass Abgeordnete, die dem garantiert eine Absage erteilt hätten, daran gehindert wurden, ihr Mandat und die Möglichkeit sich dazu zu äußern, wahrzunehmen.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das ist ein gewichtiger Teil, dennoch sollte auch die Blauäugigkeit von Kaas (Zentrum), der den zaudernden Brüning von der Unterstützung überzeugte, nicht unterschlagen werden. (Daher auch mein obiger Hinweis auf "unterschiedliche Ansichten", die "teilweise [...] auf gruppenspezifischen Vorurteilen basieren", da manch einer hier im Forum ja dazu neigt, das Zentrum aufgrund seines Abstimmungsverhaltens beim Ermächtigungsgesätz zu dämonisieren.)
     
  9. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Naja, was das Zentrum angeht, hatte ich mich mit meinem Standpunkt weiter oben schon eingelassen. Ich denke da sollte man, angesichts der Gesamtssituation die Kirche im Dorf lassen.
    Das ist, meine ich, auch nach wie vor insofern ein Problem populärer Deutungen, als das nicht selten nach wie vor das "Ermächtigungsgesetz" als potentielles Umsturzdatum ge/behandelt wird.

    Natürlich machten sich Teile der Zentrumspartei dahingehend Illusionen, dass man sich, seine Strukkturen und den Rechtsstaat langfristig retten könnte, wenn man jetzt zustimmte.
    Und natürlich ist es von den anwesenden Mitgliedern der SPD-Farktion verdienstvoll gewesen gegen die Vorlage gestimmt zu haben.

    Wenn man es aber dabei belässt, trägt man meiner Ansicht nach zwei Umständen zu wenig Rechnung:

    Zum einen der Tatsache, wie weit sich abseits der Theorie die faktische Macht bereits hin zu den Nazis verlagert hatte, nachdem die Kommunisten und ihre Organisationen so weit aus dem Rennen waren, dass realistisch nicht einmal mehr die theoretische Möglichkeit zu einer "Volksfront" gegen die Nazis bestand und man mit der nicht nationalsozialistischen nationalistischen Rechten als potentielle Gegner der Nazis, wenn es darum ging die Demokratie endgültig zu zerstören auch nicht zu rechnen hatte.

    Zum zweiten derjenigen Tatsache, die Vertreter der SPD ihre Lage dadurch nicht mehr signifikant verschlechterten, denn wie die bereits angelaufenen Maßnahmen zeigten, befanden diese sich ja schon bevor sie das Gesetz abgelehnt hatten, bei den Nazis auf der Abschussliste.
    Insofern ist es vielleicht etwas einfacher mit wehenden Fahnen unterzugehen, wenn man weiß, dass das ohnedies passieren wird, egal welche Haltung man an den Tag legt oder sich möglicherweise Chancen auszurechnen, aus der ganzen angegelenheit einigermaßen unbeschadet herauszukommen.
    Inwiefern das völlig illusirisch war, wäre auch noch zu hinterfragen. Die Zentrumsabgeordneten konnten zwar ihre Organisation und den Rechtsstaat und den Parlamentarismus nicht dadurch retten, die Meisten davon aber immerhin sich selbst und ihre Familien.
    Auch das dürfte ja bis zu einem gewissen Grad Motivation gewesen sein.
     
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  10. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Nun haben wir ja bei so einer Fragestellung das „Glück“ zu wissen was daraus wurde und könnten die Frage stellen, war das was „daraus wurde“ unabwendbar?
     
  11. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Ich würde mir eher die Frage stellen wollen, bis wann war das, was danach kam abwendbar.
    Natürlich war das nicht von vorn herein unabwendbar, aber man könnte sich, wie oben schon einmal angerissen die Frage stellen, was eine Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes de facto noch gebracht hätte, wo die illegale Ausschaltung der politischen opposition gegen die Nazis und Hitler bereits vor der Abstimmung darüber de facto angelaufen war?

    Ich bin da noch immer der Meinung, dass man auf der Basis der Ablehung des Ermächtigungsgesetzes, was kam nicht verhindern konnte, weil nicht das Ermächtigungsgesetz am Anfang als Initiation der Maßnahmen stand, sondern mittels des Ermächtigungsgesetzes nur legitimiert würde, was bereits vorher begonnen worden war.
    Vor dem Hintergrund, dass dieses Gesetz zur Ausschaltung politisch Missliebiger offensichtlich nicht notwendig war, weil Hindenburg, die Reichswehr und die Polizei, wie auch die Justiz die Sache mittrugen, was hätte die Nazis daran gehindert noch ein paar Zentrumsleute zu verhaften und die Sache vor einem nur noch aus rechten Zentrumsleuten, DVP/DNVP-Leuten und Nazis bestehenden Reichstag erneut einzubringen?
    Mit Rechtsstaatlichkeit hatte das, wie angemerkt ja alleine schon wegen der illegalen Pression der KPD- und SPD-Abgeordneten nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun.


    Wie genau hätte ein Scheitern des Ermächtigungsgesetzes im Reichstag also dazu geeignet sein sollen, schlimmeres zu verhindern?
    Würde mich interessieren.

    Das die NS-Diktatur und was sich mit ihr verband, im Kern, sicherlich nicht unabwendbar war, darüber dürften wir uns einig sein.
    Nur dass, wenn man so will, "Kippelement", dass die entscheidende Machtverschiebung herbeiführte, dass war nach meiner Auffassung nicht das "Ermächtigungsgesetz", sondern die "Reichstagsbrandverordnung" und die Praxis von Hindenburg und des Staatsapparates, die daraus resultierenden machtpolitischen Praktiken bzw. entsprechenden rechtswidrigen Übergriffe zu tolerieren und da mit zu machen.

    In dieser Hinsicht würde ich denjenigen Zentrumsleuten, die der Vorlage am Ende zustimmten, da keinen Strick draus drehen wollen, weil zu diesem Zeitpunkt das Kind bereits in den Brunnen gefallen war.

    Wenn du dazu anderer Ansicht bist, dann nur zu, ich lese mir das gerne an.

    Aber wegen der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz da jetzt gegen einzelne Politiker oder das Zentrum an und für sich zu schießen, halte ich nicht für zielführend.
    Das ist nach meiner Auffassung etwas mythenbeladen, sicherlich auch über gewisse eingeschliffene Auffassungen, die sich gerade auch durch die Umstände des kalten Krieges etc. eingeschliffen haben.

    Wenn man den Zentrumspolitikern unbedingt einen Vorwurf machen musste, was gravierendes Fehlverhalten im Hinblick auf Begünstigung der Machtübernahme der Nationalsozialisten betrifft, würde ich meinen, müsste die Vorhaltung dahingehend lauten, dass zu wenig entschiedener Widerstand gegen die "Reichstagsbrandverordnung" geleistet wurde.
    Hier, hätte zum Schutz des demokratischen Systems, so lange keine klaren Beweise auf dem Tisch lagen, der Schulterschluss mit den Sozialdemokraten und auch den Kommunisten erfolgen müssen, um sich gemeinsam dieser rechtswidrigen Übergriffe zu erwehren.
    Das erfolgte nicht in dem Maße in dem es das hätte tun können und wenn das erfolgt wäre, hätte es möglicherweise Bedenken bei Hindenburg auslösen können, sich die Sache nochmal zu überlegen oder Hitler im Hinblick auf die schlimmsten Übergriffe zurückzupfeiffen.
    Das passierte aber nicht.
    Das könnte man dem Zentrum und seinen Politikern, meine ich, durchaus ankreiden. Aber nicht das Ermächtigungsgesetz, da war es, wie ich das sehe zu spät noch etwas zu ändern, weil dieses Gesetz nicht die Machtübernahme der Nazis ermöglichte, sondern nur eine faktisch bereits vollzogene Machtübernahme, nachträglich (schein)legitimierte.
     
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  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das sogenannte Ermächtigungsgesetz benötigte eine Mehrheit von 2/3 der Abgeordneten. Auf die SPD konnte nicht gezählte werden, Kommunisten fielen den Terror der Nazis zum Opfer. Allein dies hätte dem Zentrum zeigen müssen, was die Stunde geschlagen hat. Trotzdem stimmte man der Abschaffung der Demokratie zu. Das Zentrum hatte in dieser Abstimmung eine Schlüsselfunktion und ist seiner großen Verantwortung nicht gerecht geworden. Durch die in Aussichtstellung eines Konkordats war die Grundstimmung im Zentrum nicht ablehnend. Brüning kämpfte vergebens. Schließlich hatte das mit dem Konkordat mit Mussolini ja auch geklappt.

    Vergessen wir nicht, das einen wichtiger Helfershelfer Franz von Papen bis vor kurzem Zentrumsmitglied war. Das Zentrum interessierte sich bei den Unterhandlungen mit den Verbrechern für das Überleben und die Rechte der Kirche. Ludwig Kaas wurde von Hitler zugesichert, das die Rechte der Kirche nicht angetastet werden würden. Ach ja..

    Das Zentrum hatte die Demokratie aufgegeben und wahrlich keine ruhmvolle Rolle gespielt. Es hat mit anderen den Weg für die barbarische Diktatur Hitlers frei gemacht. Hitler regiert über Hindenburg mit Notstandsverordnungen und konnte bürgerliche und demokratische Freiheiten ruckzuck liquidieren.

    Schon wenige Monate später im Juli hat sich das Zentrum selbst aufgelöst.

    Das Zentrum hatte dann tatsächlich in der jungen Bundesrepublik die Stirn, bei den Bundestagswahlen wieder anzutreten.
     
  13. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das ist alles richtig, was du schreibst, aber meiner bescheidenen Ansicht nach geht das alles komplett in die Richtung der falschen Fragestellung, weil von vorn herein angenommen wird, ohne Ermächtigungsgesetz keine weiteren Schritte zum Ausbau der NS-Diktatur.
    Woher aber kommt diese Annahme?
    Das geht ja im Grunde davon aus, dass man mit rechtsstaatlichen Mitteln die Nazis in Schach hätte halten können, weil die Recht und Gesetz schon respektieren würden.
    Sie hatten aber gerade genau das Gegenteil bewiesen durch ihren Umgang mit ihren politischen Gegnern im Gefolge der "Reichstagsbrandverordnung".
    Und dass weit über alle Grenzen hinaus, die bereits dieser weitgehende Eingriff noch setzte.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Im Prinzip tut es das bis heute, da in CDU/CSU eine hohe personelle Kontinuität zum Zentrum bzw. zur BVP bestand, auch wenn Kleinparteien bis heute mit mehr oder weniger großer Berechtigung das Erbe des Zentrums für sich beanspruchen.
    Man sollte aber auch nicht vergessen, dass das Zentrum einen hohen Preis zahlte, für das Vertrauen, dass Kaas Hitlers mündlichen Zusagen entgegenbrachte.
    Zentrumspolitiker mussten Dtld. (z.B. Brüning) verlassen oder landeten im KZ (z.B. Hirtsiefer) bzw. Prozesse gegen sie wurden politisiert (ten Hompel, wegen Insolvenzverschleppung).
     
  15. -muck-

    -muck- Aktives Mitglied

    Mir scheint, man kann die Opposition der wenigen Mutigen ehren, ohne über den "Umfallern", von denen viele eingeschüchtert waren, den Stab zu brechen. Die Möglichkeit der Verurteilung jener Reichstagsabgeordneter, die aus Überzeugung für das Ermächtigungsgesetz stimmten, bleibt davon ja unberührt.

    Jede Handlung lässt sich nur aus ihrer Zeit heraus verstehen. Ich sehe keinen Sinn darin, etwa der konservativen Opposition zum Vorwurf zu machen, dass sie dem schrecklichen Irrtum erlag, die Nazis seien das kleinere Übel. So bizarr es sich im Nachhinein anhören mag; 1933 gab es dafür Gründe.
     
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  16. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Die Nazis konnten die erste Phase ihrer Schreckensherrschaft nur unter zwei Prämissen überstehen. Die Reichswehr müsste die Füße stillhalten und der Reichspräsident hatte in ihrem Sinne zu funktionieren.

    Dass das Zentrum sich bei den Verhandlungen zum "Ermächtigungsgesetz" primär für die Rechte der katholische Kirche interessierte und verwendete, das finde ich bedenklich. Es gab schließlich eine nicht zu verachtende Anzahl an Menschen, die das Zentrum gewählt hatten und in so trüben Zeiten sollte man von einer staatstragenden Partei mehr erwarten dürfen, als sich "nur" für die Rechte der katholischen Kirche zu engagieren.

    Ja, die personelle Kontinuität von Zentrum , BVP zur CDU ist erschreckend und umso weniger kann ich die Menschen begreifen, die 1949 Zentrum gewählt haben; die Partei, die auch den Weg für die Terrorherrschaft des böhmischen Gefreiten freigemacht hatte. Da saßen doch keine Dummköpfe in der Fraktion vom Zentrum. Die haben doch sicher gelesen, was Ihnen da zur Abstimmung vorgelegt wurde. Das war das Dokument, welches das Ende der Republik besiegelte. Die Gewaltenteilung der Demokratie von Weimar wurde mit diesem "Gesetz" beendet. Erhebliche Grundrechte wurden einfach so kassiert. Wie mit politischen Gegnern umgegangen wurde, wusste man auch. Das Pamphlet Hitlers "Mein Kampf" war wohl auch nicht ganz unbekannt geblieben. Wer sehen wollte, hätte auch sehen können. Und das alles hat das Zentrum bei der Abstimmung im März 1933 durchgewunken.
     
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  17. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Nicht nur das, auch eine ehemaliges wichtiges Mitglied des Zentrums, wurde erste Bundeskanzler der neuen Bundesrepublik. Damit war eigentlich alles klar.
     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich finde diese Ansicht ein wenig heftig. Ex post lässt sich natürlich vieles leichter beurteilen. Sowohl Kaas, als auch ein Adenauer, der zwar nicht im Reichstag saß und somit auch beim Ermächtigungsgesetz nicht mitstimmte, waren der Auffasung, die nationalsozialistischen „Revolution“ abmildern zu können, wenn man mit der NSDAP zusammenarbeitete und dass, die NSDAP an der Macht etabliert sich staatstragender würde verhalten müssen.
    Adenauer war 1933 klar, dass gegen die Nazis die Weimarer Republik nicht weiterzuführen war und mit den Nazis drei Weimarer Republik Geschichte war. Er war der Auffassung, je glatter sich der Übergang vollzog, desto besser am Ende für alle - dies hat er zumindest in einem Brief im Juni, also nach dem Ermächtigungsgesetz und deutlich resigniert formuliert:

    Deutschnationale Partei fort, Zentrums Tage gezählt! Übrigens wird Hugenberg einmal in die Geschichte eingehen als der Mann, der den Parlamentarismus in Deutschland zu Grunde gerichtet hat. [...]
    Dem Zentrum weine ich keine Träne nach; es hat versagt, in den vergangenen Jahren nicht rechtzeitig sich mit neuem Geiste erfüllt. M.E. ist unsere einzige Rettung ein Monarch, ein Hohenzoller[,] oder meinetwegen auch Hitler, erst Reichspräsident auf Lebenszeit, dann kommt die folgende Stufe. Dadurch würde die Bewegung in ein ruhigeres Fahrwasser kommen.
    Eine herzliche Bitte zum Schlusse des politischen Teiles: diskutieren Sie bitte nicht mit einem Nazi, Sie schaden sich nur selbst. - […] Ich danke Ihnen für Ihre optimistische Meinung hinsichtlich meiner Zukunft, ich kann sie leider nicht teilen.
    [...]
    Darf ich noch einmal politisieren? Jede Revolution zerstört, sie muss zerstören. Es fragt sich nur, was und wieviel. Wenn sie soviel und so schnell und so gründlich zerstört, dass der Neuaufbau unmöglich oder fast unmöglich wird, wenn der revolutionäre Zustand nicht rechtzeitig in die Periode der neuen Ruhe und des neuen Aufbaus übergeht, dann kommt die Katastrophe. Also warten wir jetzt ab, aber es wird Zeit, dass die Zeit der Beruhigung und des Aufbaus einsetzt.


     
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  19. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich habe ja Adenauer auch nicht angegriffen, da mir bekannt ist, das er nicht im Reichstag saß. Die Ausführungen in seinem Brief sind aber auch nicht ohne. Und die Verantwortung nur auf Hugenbergs DNVP abzuwälzen, ist auch ein wenig einfach. Und hatte Adenauer nicht mitbekommen, das die Hohenzollern mit den Nazis sympathisierten?

    Auf welcher sachlichen, realen Grundlage meinte man denn, die Nazis bändigen zu können? Das war doch auch so ein naiver Irrglaube eines Herrn von Papen, der meinte Hitler an die Wand drücken zu können. Die Nazis haben sich handstreichartig die vollständige Macht verschafft und konnten tun und lassen was sie wollten.

    Nein, ich finde meine Ansicht nicht zu heftig.:)
     
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  20. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das weicht dem Einwand aus.
    Faktisch spielten sowohl Hindenburg und die Reichswehr ja bei den Repressionskampagnen der Nazis im Zuge der Reichstagsbrandverordnung mindestens insofern mit, dass die Nazis gewähren ließen (Reichswehr) oder sie zu bestimmtem Vorgehen ermächtigten (Hindenburg).

    Das war bereits vor dem Ermächtigungsgesetz gegeben und spätestens mit der Art, wie Hindenburg da weg sah, musste er sich auch juristisch angreifbar machen. Will heißen, nachdem er diesesn Kurs einmal eingeschlagen hatte, konnte er auch kaum noch zurück.
    Auch ohne Ermächtigungsgesetz.
     

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