Sollte man die Zustimmung vieler Abgeordneter zum Ermächtigungsgesetz von 1933 verurteilen?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Anna_539, 3. März 2021.

  1. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    @Shinigami
    Mir geht es nicht darum, ich habe es schon mehrfach ausgeführt, dass es mir um die Moral geht, hat übrigens nichts mit hohem Ross zu tun, und eben nicht, ob ggf. noch Weichenstellungen für die Zukunft möglich gewesen wären.

    Das „Ermächtigungsgesetz“, allein schon dieser Name, wurde mit Zustimmung des Reichstages, einzige Ausnahme war die SPD, die sich ihrer großen Verantwortung voll bewusst war und entsprechend gehandelt hatte. Wenn das nun ein so bedeutungsloser Akt war, weshalb bitte wird in allen Geschichtsbüchern darüber überhaupt noch referiert? War ja eh nichts zu ändern.

    Nach deiner Argumentation ist es wohl n Ordnung, wenn Gefahr für Leib und Leben der Parlamentarier besteht, dass die Volksvertreter alles tun und lassen dürfen, um ihr Leben und das ihrer Angehörigen zu retten, da eh nichts geändert werden könne. Das weiß aber niemand im Voraus.

    Die Mehrheit der Volksvertreter des Deutschen Reiches hatten formaljuristisch mit ihrer Zustimmung zu diesem verbrecherischeren Gesetz verfassungswidrig an der Abschaffung der Republik mitgewirkt.

    Die Abgeordneten des Zentrums, Ausnahmen waren die ehemaligen Kanzler Wirth und Brünning, haben sich mit Lügen ködern lassen, weshalb haben sie diesen Pöbel von Faschisten überhaupt noch Glauben schenken können? Aber Ihnen, also das Zentrum, war beispielsweise bewusst, dass die kommunistischen Abgeordneten vor dem Gesetz nicht mehr „gleich“ waren. Heinrich Brüning führte vollkommen zu Recht aus, dass das Ermächtigungsgesetzt das Ungeheuerlichste sei, was je von einem Parlament gefordert worden sei. Ein wichtige Punkt war das Konkordat mit dem Papst, welches Kaas lockte und weich werden ließ. Das berichtet Heinrich Brüning und zeigt gewissermaßen das Janusgesicht des Zentrums. Jedenfalls haben Zentrum und BVP mit ihren Zustimmung die moralischen Schranken der Diktatur weggeräumt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2021
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  2. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Ah so, an das Argument habe ich nicht gedacht: Wenn man sich bereits in akuter Gefahr befindet, ist es eh schon wurscht, da kann man auch gleich voll ins Risiko gehen.
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sorry Carolus,
    das bezieht sich tatsächlich auf keine Aussage von Dir.
     
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  4. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    Da hätten wir:
    · Ermächtigungsgesetz 24.0.1933,
    · Reichstagsbrand am 27 zum 28.02 1933,
    · Verbot der SPD am 22.06.1933.

    Und bei den Reichskanzlern war von Anfang recht viel Bewegung drinn:

    F. Ebert, P. Scheidemann, G. Bauer, H. Müller, C. Fehrenbach, J. Wirth, W. Cuno, G. Stresemann, W. Marx (2mal), H. Luther, O. Gessler (6 Tage), W. Marx, H. Müller, H. Brüning, Franz v. Papen, K. Schleicher.

    Also 16 RK (!) vom 09.11.1918 – 30.01.1933.

    Wir hatten ja in der Krolloper zu diesem Zeitpunkt 10 Parteien. (11 - KPD).
    Die kommunistischen Abgeordneten (81 Abgeordnete von insgesamt 647) waren draußen und wohl zu diesen Zeitpunkt schon verhaftet oder im Exil.
    Die verhafteten, laut A.H. sind diese zum Arbeiten lernen in entsprechenden Lagern.
    Der Prominenteste der KPD war der Abgeordnete und Vorsitzend der KPD Ernst Thälmann. Er wurde in Berlin am 03.03.1933 in der Wohnung der Eheleute Hans und Martha Kluczynski zusammen mit seinem persönlichen Sekretär verhafte.

    Nach meiner Kenntnis verbot die Weimarer Verfassung (Stresemann – Marx) sogenannte verfassungsdurchbrechende Ermächtigungsgesetze nicht ausdrücklich. Akzeptabel war da eine qualifizierte Mehrheit. Gemeint ist damit eine 2/3 Mehrheit im Reichstag und im Reichsrat.

    Reichsrat (Länderkammer)-> 1919 – 1933).
    Nehme ich Gaue, dann wären es 30. an der Zahl; nehme ich die Aufstellung von WIKI – Reichsrat – Länder dann wären es nur 18 an der Zahl.

    Aber egal ob 30. oder 18., in jeden Falle ist der Gauleiter ein Mann der NSDAP.

    Ich habe mir die infrage kommend GAUs, damals 30 an der Zahl, den Namen des Gauleiter und dessen Parteizugehörigkeit angesehen.

    Alle Gauleiter gehörten der NSDAP an und damit war klar, dieses Gesetz geht locker durch den Reichsrat.

    Gaue, Gauleiter und Parteizugehörigkeit:

    1. Baden – Robert Wagner (NSDAP), 2. Bayrische Ostmark - Hans Schemm (NSDAP), 3. Berlin – Josef Goebbels (NSDAP), 4. Brandenburg - Dr. Ernst Schlange (NSDAP), 5. Düsseldorf - Werner Keyßner (NSDAP) bzw. Karl Overhues (NSDAP), 6. Essen - Josef Terboven (NSDAP), 7. Franken - Julius Streicher (NSDAP), 8. Halle-Merseburg - Rudolf Jordan (NSDAP), 9. Hamburg - Karl Kaufmann (NSDAP), 10. Hessen-Nassau - Jakob Sprenger (NSDAP), 11. Köln-Aachen - Josef Grohé (NSDAP), 12. Kurhessen - Karl Weinrich (NSDAP), 13. Kurmark - Mark Brandenburg und Ostmark) – Wilhelm Kube (NSDAP)), 14. Magdeburg Anhalt - Wilhelm Friedrich Loeper (NSDAP), 15. Main-Franken - Dr. Otto Hellmuth (NSDAP), 16. Mecklenburg - Friedrich Hildebrandt (NSDAP), 17. München-Oberbayern - Adolf Wagner (NSDAP), 18. Ost Hannover - Otto Telschow (NSDAP), 19. Ost Reußen - Erich Koch (NSDAP), 20.Pommern - Wilhelm Karpenstein (NSDAP), 21. Sachsen - Martin Mutschmann (NSDAP), 22. Schlesien - Helmuth Brückner (NSDAP), 23. Schleswig-Holstein - Hinrich Lohse (NSDAP) , 24. Schwaben - Karl Wahl (NSDAP), 25. Süd Hannover Braunschweig - Bernhard Rust (NSDAP), 26. Thüringen - Fritz Sauckel (NSDAP), 27. Weser-Ems - Karl Röver (NSDAP), 28. Westfalen Nord - Dr. Alfred Meyer (NSAP), 29. Westfalen Süd - Josef Wagner (NSDAP), 30. Württemberg Hohenzollern - Wilhelm Murr (NSDAP).

    Und in der Krolloper, da war diese 2/3 Mehrheit gesichert.

    1. Alle 288 Abgeordnete der NSDAP stimmten dafür

    und von den anderen:

    · 52 von der DNVP,
    · 72 vom Zentrum
    · 19 von der BVP,
    · 5 von der DStP
    · 4 von der CSVd.
    · 4 von der DVP,
    · 2 von der Bauernpartei und
    · 1 vom Landbund.

    Ja so wars, so war die Zeit, damals im Background zum Beispiel:

    · Es begann am 09.11.1918.

    Dann wäre z.B. zu nennen:

    · Vertrag von Versailles,
    · Instabilität der Weimarer Regierungen,
    · Erlebte Inflation,
    · Kapp-Lüttwitz Putsch,
    · Ende der Rheinlandbesetzund 30.06.1930.
    · Rapallovertrag 1920,
    · Ermordung W. Rathenau 24.Juni 1922,
    · 2. Arbeiter – Olympiade 1931 in Wien,
    · Straßenschlachte der SA, des Rote Frontkämpferbund (RFB), Tod von Friedrich August Meinecke 1922.
    · Der Reichsbanner (SPD) hielt sich da zurück.
    · usw.

    ·
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Juli 2021
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Die Franzosen hatten in diesem Zeitraum 19 Ministerpräsidenten.
     
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  6. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    @Ralf.M

    Kann es sein das Du hier etwas durcheinander bringst? Die Gaue der NSDAP waren Organisationseinheiten der Partei. Als Gau-Leiter war man nicht automatisch als Abgeordneter im Reichstag.
    War der Gau-Leiter kein Abgeordneter des Reichstages, durfte er allenfalls als Zuschauer bei den Sitzungen dabei sein. Ohne Rederecht.
    Ob die Herren sich daran gehalten haben, steht auf einem anderen Blatt.
     
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  7. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Dann beantworte mir doch einfach die bereits mehrfach von mir vorgebrachte und von anderer Seite geflissentlich ignorieerte Frage:

    Womit hätten die Zentrumsleute die Nazis am 24. März 1933 noch aufhalten können? Ich würde das einfach gerne mal wissen.
    Wenn man sich trotz der Machtverhältnisse auf der Straße, der Tatsache, dass die Staatsorgane längst den Nazis zuarbeiteten und Reichspräsident und Armee nichts unternahmen, auf den Standpunt stellt, dass man ja nicht wissen könne, ob Widerstand Aussicht auf Erfolg habe, wird man ja irgendeine Vorstellung haben, was dieser Widerstand hätte bewirken sollen und irgendwelche Gründe vorbringen können, warum man das tut.

    Also, nur zu.


    Zunächst mal stimmt das so überhaupt nicht. Wenn du dich an formaljuristischen Winkelzügen aufhängen möchtest, statt der realen machtpolitischen Lage Rechnung zu tragen, dann möchte ich an dieser Stelle darauf hingewiesen haben, dass die Gültigkeit des "Ermächtigungsgesezes" auf 4 Jahre beschränkt war.
    Wenn wir uns hier also daran aufhänden wollen, was das de jure war, war das mitnichten Abschaffung der Republik, sondern eine weitgehende Suspendierung von Parlament und Verfassung auf einen Zeitraum von 4 Jahren.

    Natürlich konnte man davon ausgehen (genau wie man davon ausgehen konnte mit dass sich die Nazis das nötigenfalls mit Gewalt gegen die man keine Gegenmittel mehr hatte, nehmen würden), dass die Nazis das niemals freiwillig wieder würden hergeben.

    Man kann sich an der Stelle allerdings auch genau so ignorant stellen, wie du es gegenüber den tatsächlichen Machtverhältnissen getan hast und behaupten:

    Klar. Hätte sein können, dass wenn das Zentrum seine Zustimmung zur Vorlage verweigert hätte die SA draußen vor dem Reichstag die Schlagstöcke eingepackt hätte, nach hause gegangen wäre und das mit dem "1.000-jährigen-Reich" und den ganzen anderen Kram vergessen und glleichzeitig noch die KZs zugemacht und alle kommmunisten und Sozialdemokraten daraus entlassen hätten.
    Für ähnlich wahrscheinlich kann man dann genau so gut annehmen, dass die Nazis nach 4 Jahren ihre Vollmachten möglicherweise wieder hätten abgeben können.

    Daneben, wie angemerkt trägt eine solche Sichtweise natürlich den faktischen Verhältnissen keine Rechnung.
    Was nutzt denn die formale Aufrechterhaltung rechtstaatlicher Verhältnisse, wenn sich de facto für das, was formal Recht ist, niemand mehr interessiert.


    Aha, also sind Konzentrationslager "moralisch" geworden, weil das Zentrum sein "ja" zum Ermächtigungsgesetz gab?
    Also die Ansicht dürftest du exklusiv haben.
    Und dass die Mehrheit der Bevölkerung oder die Mehrheit der Zentrumswählerschaft, dass was die Nazis dann anstellten für irgendwie moralisch bzw. moralisch vertetbar hielt, dass würde ich auch ganz gerne noch irgendwo belegt oder quellenmäßig nahegelegt bekommen. Sehe ich nämlich schlicht nicht.

    Das das Zentrum an und für sich nicht, grndsätzlich eine, autoritären Regierungsstil abholt war, auch vorher nicht, belegen ja nun die Präsidialregierungen Brünin und Papen (auch wenn der offiziell Parteilos war, war er seinem Werdegang nach ja einmal ein Zentrums-Mann).

    Wo aber das was die Nazis machtenn durch das Ermächtigungsgesetz für irgendwen "moralisch" wurde, das sehe ich nicht. Müssen auch sehr eigenartige Moralvorstellungen sein, wenn man etwas für moralisch hält, weil jemand dazu sein Placet gegeben hat, weil man ihm oder seinen Verwandten eine Waffe unter die Nase gehalten hat.


    Und um noch einmal auf das hohe Ross der Moral zurück zu kommen, wenn man den faktischen, materiellen Situationsumständen keine Rechnung trägt und sich darauf beschränkt im luftleeren rum moralisch herumhantieren zu wollen, dann ist das meiner Meinung nach ein ziemlich hohes Ross.
     
  8. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Jo, das ignoriert sehr schön die Eigenarten und Vorgehensweisen der Nazis.

    Ich weiß nicht ob es dir entgangen ist, aber die Nazis haben neben den "Juden" (wie sie den Begriff verstanden), auf der politischen Ebene die "Marxisten", worunter sie keineswegs nur die Kommunisten, sondern auch die Sozialdemokraten verstanden, zu ihrem Todfeind erklärt.
    Was das bedeutete, exerzierte die SA exerzierten die Konzentrantionslager bereits zeitlich syncron vor.

    Und bei den Reichstagsabgeordneten, der SPD handelte es sich nicht um irgendwelche Mitläufer, die man potentiell relativ einfach umdrehen und "unterstecken" konnte, dass waren genau die Köpfe, gegen die die Nazis Jahrelang Hass geschürt und ihre eigenen Anhänger aufgehetzt hatten.

    Die standen bereits auf Todeslisten und Listen für die Unterbringung in KZs und Zuchthäusern, bevor die Abstimmung anberaumt wurde.
    Stimmen gegen das Ermächtigungsgesetz erhöhten das Risiko für diese Personen nicht, weil das Risiko bereits maximal war und selbst Zustimmungen, wären wohl wenig geeignet gewesen daran etwas zu ändern, weil die Nazis aus ihrer politischen Grundhaltung heraus die Sozialdemokraten, anders als die Zentrumsläute nicht als nebensächliches Ärgernis, sondern als politischen Hauptfeind betrachteten.

    Warum genau sollten die Sozialdemokratischen Abgeordneten also darauf rechnen, dass die Nazis ihnen schon irgendwie gnädig sein würden, wo doch gerade sehr offenbar wurde, wie kompromisslos diese bereit waren ihre Gegner auszuschalten?
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    Du diskutierst m.E. am Thema vorbei. Die Abgeordneten waren verpflichtet dem nicht zuzustimmen.
    Dass viele dieser Verpflichtung nicht nachkamen mag unter den gegebenen Umständen verzeihlich sein.
    Doch ändert es ja nichts an einer Pflichtverletzung, die half Hitlers Macht zu stärken.
    Wenn wir uns vorstellen, wir wären in der Situation gewesen, so hätten wir möglicherweise ebenso gehandelt.
    D. h. aber nicht, dass wir nicht zu verurteilen gewesen wären, sondern um Nachsicht bitten müssten.
    .."das hohe Ross der Moral" ist kein hohes. Es ist wohl eher der kleine Esel des Anstands
     
  10. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Und warum hatten die Abgeordneten des Zentrums und anderer Parteien keinen Arsch in der Hose? Weil sie sich haben „kaufen“ lassen mit Versprechungen, wie dem Konkordat. Und Selbstbetrug, wird schon nicht so schlimm kommen.
     
  11. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Ich habe dir doch wirklich schon mehrfach mitgeteilt, das es mir darum überhaupt nicht geht.
     
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  12. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Mit dieser Äußerung schießt eindeutig über das Ziel hinaus. Mir zu unterstellen, Konzentrationslager für moralisch zu halten ist nicht in Ordnung.
     
  13. Clemens64

    Clemens64 Aktives Mitglied

    Otto Wels beispielsweise ist im Mai ins Ausland (zunächst ins französisch beherrschte Saarbrücken) gegangen und im Jahr 1939 in Frankreich gestorben. Es ist also keineswegs so, dass die SPD-Abgeordneten (oder ihre Angehörigen) sowieso mit dem Allerschlimmsten rechnen mussten und deshalb mit der Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes kein zusätzliches Risiko eingingen. (Eigentlich ist das doch alles selbstverständlich, wenn ich das mal sagen darf.)
    Klar, niemand von uns weiß genau, wie er oder sie sich damals verhalten hätte, aber alle wissen doch hoffentlich, wie sie sich hätten verhalten sollen.
     
  14. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Das habe ich dir überhaupt nicht unterstellt.
    Sondern du hast unterstellt, die Zentrumspolitiker hätten der NS-Diktatur (und damit dann auch den schon damals entstehenden "wilden" Konzentrationslagern) eine moralische Basis verschafft.
    Damit unterstelle nicht ich dir, du würdest Konzentrationslager für moralisch halten, sondern du hast der zeitgenössischen Bevölkerung damit implizit unterstellt, dass sie das für moralisch gehalten hätte, nebst anderer Machenschaften, weil das Zentrum die Diktatur legitimiert habe.

    Ich bezweifle das. Und aus den darauf folgenden Sätzen geht auch klar hervor, wie das gemeint war. Ich bezweifle, dass die Bevölkerung damals das, was die Nazis da veranstalteten für moralisch hielten, weil das Zentrum unter Pression zugestimmt hat.
    Das ist eine Überhöhung des Effekts, den die Zustimmung dazu hatte, den du, wer weiß wo her nimmst, den ich aber nicht für sinnvoll halte, weil nicht wirklichkeitsnah.
    Kein Nicht-Nazi, der mit diesem Machenschaften vor dem Ermächtigungsgesetz ein Problem hatte, fand die auf einmal gut, weil das Zentrum "amen" dazu gesagt hat, noch dazu unter Pression.

    Ich hoffe, dieses Missverständnis konnten wir damit berinigen.



    Wenn die nicht mit dem Schlimmsten rechnen mussten, dann sag mir mal warum Wels und die ganzen anderen Granden, die da berechtigte Sorge haben mussten, dass ihnen entsprechendes passieren würde und deswegen ins Ausland flüchteten?
    Ich würde ja meinen, ins Exil geht man nur dann, wenn man sich zu Hause nicht mehr blicken lassen kann, weil man Willkürmaßnahmen gegen die eigene Person fürchten musste.
    Gab ja auch genügend Leute von KPD und SPD, die da geblieben sind. Das Schicksal Ernst Thälmanns und anderer ist bekannt?

    Das die Nazis nicht gleich zur Feier des Ermächtigungsgesetzes die sozialdemokratischen Abgeordneten vor dem Reichstag öffentlichkeitswirksam aufhängten, man noch einsichtig sein, man war ja im gewissen Maße daran interessiert, wenigstens dem Ausland noch ein einigermaßen zivilisiertes Bild zu verkaufen.
    Aber was da perspektivisch drohte, dass musste klar sein.
     
  15. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Die Mitglieder der SPD und der KPD standen eh auf schwarzen Listen. Deshalb konnten es sich die Abgeordneten der SPD leisten, was Zentrum und Co nicht konnten? Zumindest einen Versuch wagen und trotz Einschüchterung durch SA moralisch und Verfassungsgemäß abstimmen?
    Entschuldigung das ist Vogel Strauß in Reinkultur. Allein dafür muss man im Nachhinein die anderen Parteien moralisch verurteilen.
     
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  16. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Womit wir wieder beim "wozu" wären.
    Verfassungsmäßig abstimmen, damit verfassungsmäßig abgestimmt wurde, während in der Realität der Rechtsstaat schon längst in den Orkus geschickt worden war und die Nazis tun und lassen konnten, was sie wollten, völlig egal, was da abgestimmt wurde?
    Ich glaube unsere Vorstellungen davon, was Vogel Strauß nun ist, gehen da ein wenig auseinaner.

    Ich stehe nach wie vor auf dem Standpunkt und dabei bleibe ich, dass von niemandem verlangt werden kann sein Leben oder das seiner Angehörigen für reine Symbolpolitik ohne jede Erfolgsaussicht zu geben.

    Und selbstverständlich macht es einen Unterschied, ob man weiß, dass man auf einer schwarzen Liste steht und dass in absehbarer Zukunft die Hölle über einen hereinbrechen wird, egal was man tut oder aber ob man hoffen kann, bislang noch nicht auf dieser Liste zu stehen und durch entsprechendes Verhalten vermeiden zu können, da drauf zu kommen.

    Wer weiß, dass er nichts mehr zu verlieren hat, hat naturgemäß größere Spielräume und weniger Blockaden, als jemand, der meint sich noch irgenndwie mit ein paar Blessuren retten zu können.



    Und damit ich hier nicht falsch verstanden werde, ich bin politisch wie historisch kein Freund des Zentrums oder schwarzer Politik in Vergangenheit und Gegenwart überhaupt.
    Entsprechend schwer fällt es mir das Handeln der Zentrumsabgeordneten hier in dieser Weise zu verteidigen. Aber ich muss dabei bleiben:
    Von jemandem zu fordern, dass er ohne weiteren Effekt einfach damit Menschen 100 Jahre später etwas zu beklatschen haben, gefälligst zu krepieren oder seine Familie auf's Schaffott zu schicken hat, ist........ sagen wir mal ethisch nicht meins.
    Und da halte ich formale Verpflichtungen gegenüber einem faktisch längst untergegangenen Staatswesen für ein schwaches Argument.

    Wie gesagt, ein praktisch nutzloses Zeichen zu setzen um eben ein Zeichen gesetz zu haben, wem nutzt das?
    Und was für eine Form von Ethik steht dahinter, dafür gefälligst noch Blut fließen sehen zu wollen?
     
  17. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Du brauchtest eine 2/3 Mehrheit. Punkt. Und hätte das Zentrum und die anderen anders abgestimmt, währe es nicht dazu gekommen. Das die SA und Konsorten sich weiter auf den Straßen ausgetobt hätte, ist klar. Aber wieder, sich einfach wegzuducken, in der Hoffnung das der Sturm über einen Weg geht, ist ein Unding. Alleine deshalb ist das Verhalten zu verurteilen.
    Und hat es genutzt sich wegzuducken? Die Parteien wurden nach kurzer Zeit verboten und den Rest der Geschichte kennen wir. KZ mit allen seinen Folgen für politische Gegner, Homosexuelle, Priester, Juden Roma, Behinderte, nur um einige zu nennen. Und der Weltenbrand auch. Da ist kein Blut geflossen. Interessante sichtweiße.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juli 2021
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hältst du es denn für wahrscheinlich, dass die Geschichte wesentlich anders verlaufen wäre, wenn das Ermächtigungsgesetz nicht durchgekommen wäre? Glaubst du, das Zentrum hätte den Lauf der Geschichte mit einem anderen Abstimmungsverhalten noch drehen können?

    ————————

    Also Leute kommt mal runter, hier stehen einige Vorwürfe gegenüber Diskussionspartnern im Raum, die gänzlich unangemessen sind. Da werden dann Implikationen unterstellt, die sich nicht ergeben.

    Der Disput besteht doch eigentlich in zwei Dingen:
    1.) Kann bzw. muss man das Zentrum moralisch für seine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz verurteilen oder akzeptiert man die Zwangslage in der es sich befand (die Drohkulisse war ja präsent, einerseits durch das Verschwinden kommunistischer und auch einiger sozialdemokratischer Abgeordneter und dem Ignorieren der Abgeordnetenimmunität, andererseits durch SA in den Gängen der Krolloper, dir bereits vor der Sitzung Abgeordnete mindestens verbal bedroht hatte)?
    2.) Gibt es Indizien dafür, dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn es die Zustimmung zum Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich nicht gegeben hätte?

    Dass es darüber unterschiedliche Auffassungen gibt, ist doch völlig in Ordnung. Dass hier teilweise aus der divergierenden Auffassung eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen herausgelesen wird, ist im bisherigen Verlauf des Threads nicht gerechtfertigt.
     
  19. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Das wissen wir alle nicht. Was wir wissen ist das sich die anderen Parteien weggeduckt haben. Zum großen Teil wider besseren Wissens.
    Und warum haben die Braunhemden so einen Druck im Plenarsaal ausgeübt? Weil sie sich nicht sicher waren. Das ist zumindest meine Auffassung.
     
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  20. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Und weshalb haben die Naziterroristen so einen großen Wert auf das "legale" Zustandekommen des sogenannten "Ermächtigungsgesetztes gelegt? Das ist hier bisher noch nicht erläutert worden? Dafür muss es ja schließlich einen Grund geben?

    Weshalb wird bis zum heutigen Tag dieser Vorgang, dieses Ereignis in den Schulbüchen unserer Kids ausführlich behandelt? Zu den Jahrestagen findet man auch häufig in den Printmedien entsprechende Artikel in den Medien. Wenn man eh nichts ändern konnte, als das "Wozu sich verweigern" ,einen so geringen Stellenwert hatte, warum wird dem Thema doch so eine Aufmerksamkeit geschenkt? Und wenn das Fernsehen mal eine Doku zum Thema "Machtergreifung" sendet, fehlt das traurige Ereignis "Ermächtigungsgesetz" ebenfalls nicht. Und weshalb ist das so?, wenn das eh nichts gebracht hätte.

    Und weshalb meinte Fraktionschef Ludwig Kaas noch mit den Nazis für die Abschaffung der Republik und allen allen seinen grauenhaften Folgen, für die katholische Kirche das Konkordat mit dem Papst zu erhandeln? Das hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Beigeschmack.

    Und weshalb meinten dann die Abgeordneten der SPD sich den brutalen Forderungen der Nazis heldenhaft widersetzten zu müssen?, wenn das alles eh nichts bringt.

    Das "Ermächtigungsgesetz" war das Schlüsselgesetz für die Gleichschaltung des Reiches auf sämtlichen Ebenen. Die SPD hatte ausdrücklich vor den Gefahren dieses Gesetzes gewarnt gehabt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. Juli 2021
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