gelesen habe ich, dass Germanicus im Jahr 16 die Wahl hatte den im Jahr 15 errichteten und danach zerstörten Varus Grabhügel wiederherzustellen oder nicht (er entschied sich dagegen). Dass er die Entscheidungsmöglichkeit hatte impliziert aber, dass er den Hügel mit seinen Legionen auch erreichen konnte.
Implikationen sind bei Tacitus so eine Sache. Da wäre ich vorsichtig:
Tacitus schafft es vier Marschtage Varusschlacht in nur einem Satz unterzubringen,
mit einem Dreilegionenlager zu Anfang oder vor der Schlacht und
einem kläglichen Lager, welches von den aufgeriebenen Resten am (vor)letzten Tag der Schlacht noch errichtet wurde.
(
prima Vari castra lato ambitu et dimensis principiis trium legionum manus ostentabant;
dein semiruto vallo, humili fossa accisae iam reliquiae consedisse intellegebantur
Oder er berichtet von der Landung an der Ems und ihrer Überquerung, dann von der Nachricht des Aufstands der Angrivarier/Ampsivarier, welche Germanicus beim Lagerbau erreicht, und seiner Niederschlagung und im nächsten Satz ist man bereits an der Weser. Das sind 150 km Luftlinie, über deren Überbrückung der Leser nichts erfährt. Der Lagerbau kann genauso gut noch an der Ems stattgefunden haben oder irgendwo auf dem Marsch zwischen Ems und Weser. Das erfährt man nicht. Nehmen wir mal an, Germanicus hätte die Weser nicht erreicht: Wir
müssten denken, dass das Lager an der Ems lag. Erst dadurch, dass im nächsten Satz der Marsch von der Ems zur Weser vollzogen ist, weil man sich nun, nach erfolgreicher Überquerung der Ems an der Weser mit den Germanen Aug in Aug gegenübersteht, wird deutlich, dass eben gar nicht klar ist, wo das Lager denn lag.
Und so erklärt sich
vielleicht auch, warum der Altar wieder hergerichtet wurde, der
tumulus aber nicht: Der Altar lag direkt außerhalb des Lagers. Von der Zerstörung des
tumulus hatte man nur Nachricht. Das ist natürlich nur eine unbeweisbare Vermutung meinerseits, sie entspricht aber dem, was wir von Tacitus gewohnt sind, der sich gerne mal in Details verliert, um dann im nächsten Augenblick radikal zu raffen.
Mit der Varus Variante Kalkriese ergibt sich nun ergibt sich nun: Germanicus ist beim Varus Grabhügel bei Kalkriese und damit 60 km westlich der Weser bei Minden/Bückeburg/Rinteln, da wo wir Idistaviso vermuten. Dann führt er die Legionen zum Rhein zurück, um sie dann 100 km nördlich von Kalkriese und damit 150 km nordwestlich von Minden and der Emsmündung wieder abzusetzen. Und auch wenn Germanicus nur in der Nähe des Grabhügels/Kalkriese war sieht das Szenario nicht viel anders aus. Da stimmt was nicht.
Aus dem Text ergibt sich, dass Germanicus an der Lippe war und dort einen Altar für seinen Vater sowie Infrastruktur wiederherstellte. Dass er das Varusschlachtfeld erneut besucht habe, steht dort nicht.
Aber ja, die Stelle ist rätselhaft.
Ich kann sie mir nur so erklären, dass hier wieder eine der taciteischen Raffungen vorliegt. Wenn Tacitus nicht Tacitus wäre, müsste man die Stelle so lesen, dass Tumulus, Altar und Aliso gleich beieinander lägen. Nun ist Tacitus aber nun mal Tacitus... Sicher ist, die Germanen hatten sowohl den
tumulus als auch den Altar vor der Ankunft des Germanicus bei Aliso zerstört - aber lagen sie deshalb alle bei Aliso? Warum restituierte er den
tumulus nicht? Bei den Baumaßnahmen, die er angeblich im Zusammenhang mit dem Feldzug 16-1 vornahm, wäre die Restitution des
tumulus doch wohl noch das geringste Problem gewesen. Was steht wörtlich bei Tacitus?
tumulum iterare haud visum - es wurde nicht dafür gesorgt, den Grabhügel wiederherzustellen.
Lag der
tumulus womöglich doch zu weit weg vom Lippelager, um ein Detachment dort hinzuschicken? Diese Formulierung von Tacitus bietet noch genug Stoff für Diskussionen die nächsten 2000 Jahre. Es sei denn, der äußerst unwahrscheinliche Fall trifft ein, dass Plinius' Geschichte über die Germanenkriege doch noch gefunden wird. Der dürfte viel Licht in das taciteische Dunkel bringen. Allein... ein Buch, dass schon im 4. Jhdt. unauffindbar schien (naja, in einer Zeit ohne Opacs) wird wohl wenig Chance haben, noch auf uns zu kommen.