Übergang von der Antike zum Mittelalter

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Laraschumacher, 13. März 2021.

  1. Eumolp

    Eumolp Aktives Mitglied

    Der 1. Band von Herwig Wolfram ist von 1994, akt. Auflage, der 2. Band von Schulze ebenfalls 1994, akt. Auflage. Naja, nicht mehr ganz aktuell, doch der 2. Band behandelt die Völkerwanderung eher am Rande.
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Dass im Karolingerreich verschiedene Sprachen gesprochen wurden, hat wohl nie jemand bezweifelt. (Das ist der einzige "Strohmann", den ich hier sehe.)

    Vielleicht habe ich mich nicht ganz klar ausgedrückt, worum es mir ging.
    Verstanden habe ich Deine Formulierung folgendermaßen:
    "Im nördlichen Franken[reich] sprach man dagegen [aus dem Zusammenhang zu verstehen als: im Gegensatz zu den Gegenden, wo romanische Volkssprachen verbreitet waren] 'fränkisch', also einen westgermanischen Dialekt".
    Diese Formulierung erinnert mich sehr an die Steinbach-Petri-Thesen, von daher wäre zu prüfen, ob Schulze hier tatsächlich unkritisch Steinbach und Petri rezipiert.

    Da Du das Buch vor Dir hast, kannst Du Dich ja dazu äußern.



    Nach Wolfgang Kleiber ist in Mainz bis ins 7./8. Jahrhundert mit einem romanischsprachigen Bevölkerungsanteil zu rechnen.

    Zu einem der raren Zeugnisse - sogar aus dem 6. Jahrhundert - gibt es hier eine sprachliche Analyse:
    http://www.uni-koeln.de/phil-fak/ifa/zpe/downloads/1997/118pdf/118281.pdf

    Der Gondorfer Grabinschrift trägt bereits deutlich galloromanische Züge, es findet sich sogar ein Indiz für eine moselromanische (also nicht "französische") Dialektentwicklung:

    "Die beiden Zahlen zeigen allerdings bereits eine Form, die so nicht mehr überall, wo man in der Übergangsperiode zwischen Antike und Mittelalter Latein sprach, üblich war: dodece hätte man in Italien nicht geschrieben, qarranta erreichte die iberische Halbinsel nicht mehr. Die Form uisit statt des in Gallien bewahrten uixit könnte ein Charakteristikum des entstehenden Moselromanischen sein."
     
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  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Neustrien lag zur Gänze im romansichsprachigen Bereich, während Austrien beide Sprachgebiete umfaßte. Die aufeinanderfolgenden Hauptstädte Reims und Metz lagen und liegen im romanisch- und heute französischsprachigen Gebiet.

    Die Sprachgrenze spielte bei der Aufteilung in Austrasien und Neustrien keine Rolle. (Nach welchen Gesichtspunkten diese aufgeteilt wurden, ist mir allerdings auch nicht bekannt.)

    Insgesamt fällt mir spontan nur ein Beispiel ein, in der die Sprachgrenze zur politischen Grenzziehung benutzt wurde: das war 1871, als nach der französischen Niederlage die deutschsprachigen Gebiete Elsaß und Lothringen an das neu entstandene Deutsche Reich abgetreten wurden. Ausnahme bildete das französischsprachige Metz, aber das hatte strategische Gründe.

    Allerdings folgte die deutsch-belgische Grenze weitgehend der Sprachgrenze bis zum Abtritt dieser Gebiete nach dem 1. Weltkrieg. Und die Grenze zwischen dem Großherzogtum und Belgien (Provinz Luxembourg) folgt auch weitgehend der deutsch-französischen Sprachgrenze. Ob diese politischen Grenzen aufgrund der Sprachgrenzen entstanden sind, ist mir unbekannt.
     
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  4. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wenn das der Fall gewesen wäre, dann gäbe es das heutige Belgien nicht. Die Flamen wären dann Niederländisch und die Wallonie Frankreich. Das heutige Belgien sind mehr oder minder der Teil des Burgundischen Staates, der lange die Spanischen Niederlande waren. Übrigens war Flämisch als Amtssprache bedroht, als sich der Staat Belgien formiert. Die Wallonie war schwer reich, dank der Montanindustrie.
    Die heutige Sprachgrenze zwischen Deutsch und Niederländisch auf der einen Seite und Französisch auf der anderen Seite, soll so schon zu Zeiten KdG gewesen sein.
     
  5. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich habe oben noch ein kleines Wörtchen vergessen, dass ich jetzt nachtrage:

    Ich habe eben nachgesehen: nach der Unabhängigkeit Belgiens 1830 ging ein Teil Luxemburgs an Belgien (die heutige belgische Provinz Luxembourg). Diese Grenze entsprach mehr oder weniger der Sprachgrenze. Ob das nun das Kriterium der Grenzziehung, ist eine andere Frage.

    Aber damit entfernen wir uns nicht nur vom frühma Frankenreich, sondern auch vom Thema.
     
  6. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Beim Recherchieren bin ich heute auf dieses Buch gestoßen, das es noch nicht auf Deutsch gibt: Escape from Rome: The Failure of Empire and the Road to Prosperity – von Walter Scheidel.

    Er vertritt darin die These, dass der Zusammenbruch des Römischen Reiches das beste war, was Europa passieren konnte. Es ist zwar wenig wahrscheinlich, dass jemand hier das Buch schon gelesen hat, aber vielleicht kennt jemand den Autor von seinen anderen Büchern – er scheint ja richtig produktiver Bursche zu sein.
     
  7. stefan73at

    stefan73at Mitglied

    Der politische, eo ipso religionspolitische Umbruch geschah durch das Verschwinden Epikurs im allgemeinen Chaos.

    Durch die ausgestorbene Opposition wurde der Streit um die "Unsterblichkeit" hinfällig.

    Die konkurrenzlose Annahme einer unsterblichen Seele kennzeichnet den politischen Umbruch ins Mittelalter.

    Mit all den bizarren Auswirkungen, das politisch Engagierte nicht mehr den Cursus honorum in Angriff nahmen oder dessen Relikte, sondern zwischen Jerusalem und Santiago di Compostela hin und her pilgerten. Die Jakobsmuschel am Hut signalisierte "ich habe mich möglicherweise gerettet" und damit politische Kompetenz. Hielt man sich in diessen Nähe auf und applaudierte seinen Ansichten, war man vielleicht auch ein bisschen gerettet. Paradigmenwechsel von "Verwaltung das Allgemeinwohls" zu "Seelenrettung möglichst vieler Köpfe".

    Einer bizarren Logik folgend, sorgte die Wiederentdeckung von Epikur, Lukrez & Co. darum für den nächsten politischen Umbruch in die Renaissance. Die verschwundene Oppostition war wieder da.
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. März 2021
  8. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Teile des "cursus honorum" verloren bereits in der Kaiserzeit massiv an Attraktivität, insbesondere die Praetur, weil sie politisch weitgehend bedeutungslos wurde, von Praetoren aber die Ausrichtung prächtiger Spiele erwartet wurde, was für sie eine enorme finanzielle Belastung darstellte. (Das galt in der Spätantike auch für ein Engagement auf lokaler Ebene, weil Decurionen mit ihrem Privatvermögen für Steuerausfälle hafteten.) Das Konsulat hingegen blieb auch in der Spätantike als Auszeichnung begehrt.

    Im Übrigen war die Vorstellung einer unsterblichen Seele auch in der Antike der Standard. Die "klassische" griechische Religion sah ein Weiterleben im Hades (eventuell mit Bestrafung im Tartaros oder Freuden im Elysion) vor. Der Epikureismos war nie eine allgemein herrschende Strömung.
    Umgekehrt verschwand das Christentum mit seiner Seelenvorstellung nicht mit der Renaissance.
     
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  9. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Das kam allerdings erst ab der Klassik flächendeckend auf. Zwar unterschiedlich schnell, aber gerade im archaischen Athen beispielsweise spielte ein Jenseits überhaupt keine Rolle.
     
  10. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Was wissen wir denn schon über das archaische Athen? Bei Homer jedenfalls gibt es die Unterwelt bereits.
     
  11. Korbi

    Korbi Aktives Mitglied

    Bei Homer gibt es eine gewisse Vorstellung davon, ja, wenn auch recht grob. In der vermutlich späteren Odyssee ähnelt sie der "klassischen" Vorstellung in gewissen Punkten sehr. Ich sagte auch "flächendeckend", natürlich trat all das nicht in der Klassik zum ersten Mal auf.
    Das Wissen zum archaischen Athen ist in der Tat beschränkt, es gibt nicht viel Literatur, aber die Archäologie hat so einiges zu Tage gefördert. Jedenfalls muss man da nochmal unterscheiden. Zum einen gab es nun mal nicht "die" einheitliche, "griechische Religion", Entwicklungen geschahen in verschiedenen Poleis (wenn überhaupt in allen) in unterschiedlichem Tempo. Zum anderen ist es eine Sache, ob (detaillierte) Jenseitsvorstellungen existierten, eine ganz andere aber, ob sie überhaupt eine Rolle spielten - das taten sie nämlich in Athen erst wirklich ab dem Peloponnesischen Krieg. Es ist sehr interessant, sich den archäologischen Befund am Kerameikos genau anzuschauen in Verbindung mit sozialen und politischen Veränderungen.
    Nachdem die Grabungen am Kerameikos nach wie vor jährlich laufen, mache ich vielleicht mal dazu ein eigenes Thema auf, weil wir hier jetzt schon deutlich vom Ende der Antike abkommen.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 28. März 2021
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  12. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Darf ich darauf hinweisen, daß zur Verklammerung von Großstein- und Quaderarchitektur Bronzeklammern die Norm waren.
     
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