Unsinnige Lehrerfragen z.B. "Gründung des Kaiserreichs - Anfang des deutschen Übels?"

Dieses Thema im Forum "Schulprojekte" wurde erstellt von Cliomara, 30. Oktober 2010.

  1. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Aber besteht da nicht erst recht die Gefahr, dass da das Ergebnis des "eigenständigen" Denkens schon vorgegeben wird? Wenn ein Schüler eine solch tendenziöse Fragestellung erhält, könnte er meinen, dass der Lehrer von ihm erwartet, dass er herausarbeitet, dass die Reichsgründung zwangsläufig zu den Weltkriegen und dem Holocaust geführt hat.
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wieso? Die Behauptung "Reichsgründung = Wurzel allen Übels" wird doch gerade in Frage gestellt. Der Schüler ist nun aufgefordert, Argumente zu finden, entweder für oder gegen die These und schließlich die gefundenen Argumente gegeneinander abzuwägen.
     
  3. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Da kommt mir das Zitat Napoleons in den Sinn: "Geschichte ist eine Lüge, auf die man sich geeinigt hat".

    Das Thema Geschichte ist wohl ein Dauerbrenner; und es gibt immer wieder neue Erkenntnisse (ich denke da z.B. an die Pfahlbauten, die eben meist am Wasser standen, aber nur in ganz seltenen Fällen im Wasser). Gerade bei den Kulturen, die keine (oder sehr wenige) schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, ist die Rekonstruktion schwierig, man muss sich aus archäologischen Funden (oder ggf. aus Schriften von Reisenden wie z.B. Plinius etc. schlau machen, wobei auch solche Schriften sehr kritisch zu betrachen sind. Abgeschrieben wurde auch schon in der Antike; und Greuelpropaganda, womit man den anderen herabzusetzen versuchte, gab es auch schon damals).

    Im übrigen finde ich die Fragestellung im vorliegenden Fall insofern gut, dass man fast gezwungen ist, Fluch und Segen der Kaiserreichgründung resp. deren Folgen aufzuzeigen. Die Fragestellung schliesst übrigens auch nicht aus, dass man ihre quasi negative Suggestion pulverisiert, indem man z.B. argumentiert, dass ein starkes Reich durchaus seine Vorteile hat gegenüber einem zwar vielleicht einem etwas demokratischeren Staat, der in Krisenfällen (wie z.B. Hegemoniegelüsten von Nachbarn) wohl etwas schwerfälliger gewesen wäre. Ein straff geführtes Reich braucht nicht per se schlecht zu sein, ein Herrscher kann sich auch z.B. für soziale Wohlfahrt einsetzen, oder eine rechtsstaatliche Justiz einführen, fördern, eine gute Infrastruktur erstellen bzw. instandhalten, etc.. Man müsste dann die Geschichte des deutschen Reiches detailliert analysieren, um sich ein Bild zu machen - somit wäre wohl die Zielsetzung resp. Absicht des Fragestellers erreicht.
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehe ich genau so, das wäre ein Ansatzpunkt.

    Und anhand des Beitrags #1 im Thema würde ich anmerken, dass die kritische Befassung auch in die außenpolitische Richtung gehen kann, wo sie anhand der Wahrnehmung anderer Großmächte im Verlauf Ansätze finden kann (german peril, german danger usw.).

    Dies hier, insbesondere "erinnern":
    würde ich daher als Verengung der Betrachtung verstehen.
     
  5. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Genauso habe ich diese Frage verstanden. Vielleicht, weil ich die Apo (Außerparlamentarische Opposition, eine Sammlung teils Autonomer Linker) , RAF (Rote Armee Fraktion zum Teil eine deutsche Terrorgruppe) noch in Aktion erlebt habe. Und diese Sprache die Sprache der APO war.

    {Erklärungen für die Nachgeborenen, man bin ich alt]
     
  6. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    @Ravenik und Wilfried:

    Ihr interpretiert zuviel in die Fragestellung hinein. Die ist nämlich gar nicht tendenziös.:p Stellt Euch vor: die kann man sogar verneinen.:autsch: Es bedarf keiner Lenkung der Schüler durch die behütende Aufgabenstellung "Erklärt warum die Reichsgründung nicht der Anfang allen Übels war". He Leute, warum sollte man im Unterricht nicht über "Gründung des Kaiserreichs - Anfang des deutschen Übels?" diskutieren können?:motz:

    Interessant aber ist schon, welche Assoziationen bei dieser Frage aufsteigen. Das erinnert mich irgendwie an meine Lehrer der 80er, die überall nur Tendenzen, die APO und Kommies sahen.:still:
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. November 2010
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  7. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    Jeder ist ein Kind seiner Zeit, auch ich. Und so war eben die Sprache des SDS
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich wüsste nicht, was an dieser Frage auffällig "links" sein sollte.
     
  9. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Ich auch nicht. Das ist ein Fall für den Psychologen, vielleicht auch noch für den Sprachforscher. "Die Sprache" "der APO" bzw. "des SDS" klang doch ganz anders.
     
  10. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Was soll denn ein Psychologe damit tun?
     
  11. excideuil

    excideuil unvergessen

    Sehe ich auch so.
    Die Fragestellung läßt sich nicht durch bloßes abschreiben aus einem Lehrbuch erledigen, und kann damit nicht zu reiner "Fleißarbeit" verkommen, die aber nicht erkennen läßt, ob ein Schüler sich mit dem Thema beschäftigt, gar es verstanden hat.

    Grüße
    excideuil
     
  12. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Der soll wohl klären, wieso Wilfried und ich bei so einer Aufgabenstellung tendenziöse Absichten des Lehrers vermuten.
     
  13. Treibsand

    Treibsand Neues Mitglied

    Und das es tendenziöse Absichten sowie in ihre eigenen Ansichten
    unverrückbar gefangene Lehrer gibt , sollte wohl beinahe jeder
    in seiner eigenen Schulzeit erlebt haben .....:winke:

    falls nicht - Gratulation !

    .:rofl:
     
  14. megatrend

    megatrend Aktives Mitglied

    Da kommt mir eine Aussage von Al Imfeld (Schweizerischer Entwicklungshelfer) in den Sinn, die ihm seinerzeit sein Vater gemacht hatte: "fünfzig Prozent, was Dein Lehrer erzählt, sind richtig, die anderen fünfzig Prozent sind Quatsch. Du musst selbst herausfinden, was richtig ist und was quatsch ist."
     
  15. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich finde den APO-Bezug gar nicht mal so unpassend; alleine vom "deutschen Übel" reden zu können, ohne als "Vaterlandsverräter" darzustehen, ist v.a. den Enwicklungen seit den 60ern zu verdanken.

    Ich kann Dir daher im Prinzip nur zustimmen: Die Frage ist mE durchaus geeignet, durch ihre provokante, aber nicht grundsätzlich tendeziöse Fragestellung zu einer Auseinandersetzung mit der deutschen geschichte anzuregen; der "Anfangsverdacht", den es kritisch zu untersuchen gilt, ist einfach da... ;)
     
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  16. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Helfen Bezugsideen abzubauen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. November 2010
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  17. Lili

    Lili Neues Mitglied

    So kann man es auch sagen =)
     
  18. FoxP2gen

    FoxP2gen Neues Mitglied

    Also, ich kann mich auch noch daran erinnern, dass meine Lehrer manchmal Fragen betont schwammig oder provokant gewählt haben, um uns zum Lernen bzw. Nachforschen zu animieren. Fand ich als Schülerin gar nicht so verkehrt, zumal wir nach Beantwortung der Frage meistens darüber diskutiert haben, ob die Frage nicht anders hätte heißen müssen. Zumindest bei den Lehrern, die noch gerne unterrichtet haben und uns zu DENKENDEN Individuen erziehen wollten :D Da gabs auch ein paar Andere, die keine Denker, sondern Mitläufer wollten, aber das ist eine andere Geschichte.

    Ich kann die Kritik nachvollziehen, dass man klare Sprache verwenden sollte, allerdings muss man den Unterschied zwischen einem Universitätsdozenten (der kriegt ja im Normalfall bereits denkende junge Individuen) und einem Gymnasiallehrer sehen.

    Wenn ein Lehrer eine 11. Klasse übernimmt, bekommt er einen Haufen Jugendlicher, die meistens von den anderen Lehrern im Vorfeld "versaut" wurden, gelinde gesprochen (ich war eine der wenigen an der Schule, die wirklich Glück mit ihren Geschichtslehrern hatte, ausgenommen das 7. & 8. Schuljahr). Ich meine damit, dass diese Kids mit dem Gefühl in den Unterricht gehen, dass Geschichte ein dröges Fach ist und dass außer dem 2. Weltkrieg nichts Wichtiges passiert ist.

    Um diese Menschen wieder für das Fach zu begeistern, erfordert es ein gesundes Maß an Provokation, wie ich finde. Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Als ich in der 12. Klasse war, begann gerade Bush Juniors Krieg gegen den Irak. Unser Lehrer war der Ansicht, dass es sinnvoll wäre, diesen Krieg zwischen zwei Themenblöcke zu schieben, um die Begeisterung für aktuelle Tages- und Weltpolitik zu fördern. Am Ende dieser Betrachtung (von geographischen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten des Landes) stand ein schriftliches Referat, welches wir in einer Präsentation zuvor vorstellen mussten.
    Die Themen waren alle reißerisch, ich erwischte "Christentum vs. Islam - die neuen Kreuzzüge" (soviel zur Provokation). Ich fand die Fragestellung, die hinter diesem plakativen Titel steckt, mehr als nur interessant und hab ungefähr zwei Wochen allein in der Bibliothek verbracht um Infos zu suchen.

    Bei meinen anderen Klassenkameraden war es nicht anders. Und daher denke ich, ein wenig Pathos oder eben Provokation gehört zum Unterrichten von Schülern eben dazu. Natürlich wurde von uns erwartet, die Referate in dem Unterricht angemessener Sprache zu verfassen, aber die Referatsthemen haben die Leute überhaupt erst dazu gebracht, sich in das Thema versenken zu wollen und sich damit zu befassen.

    Von daher bin ich ganz bei den Lehrern, die sowas machen. Allerdings sollte das auf die Oberstufe bzw. Abschlussklasse beschränkt werden. Einem Schüler in der 7. oder 8. Klasse so ein Thema zu geben ist utopisch - diese Kids müssen erst lernen, Informationen zu suchen und Thesen zu formulieren, da sind klare Anweisungen notwendig.
     
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  19. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

  20. Lili

    Lili Neues Mitglied

    Ich wette mit dir um nen Kasten dass der Müll mit der "Zufriedenheit" auf Schülerchens Mist gewachsen ist. Ich gebe nicht umsonst einen eindeutigen Hinweis zur Zufriedenheit und Unzufriedenheit in dem Zusammenhang. Die eigentliche Frage stellt er ja in seinem Beitrag und dort steht ganz eindeutig
    Herangehensweise normalerweise: woran kann man die Akzeptanz eines politischen Systems grundsätzlich messen? Und dann: Akzeptanz der Verfassung der DDR - Akzeptanz der Wahlverfassung - Vergleich der beiden sowie beantworten der Leitfrage, sofern man anfangs eine stellt, bspw. "Ist die Akzeptanz eines politischen Systems höher, wenn die Verfassungsgebung durch das Volk erfolgt?" Das ist nichts anderes als eine Erörterung eines historischen Themas. Was soll daran unsinnig sein?
     

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