Woran glaubten die Menschen in der Steinzeit?

Cordfire

Neues Mitglied
Hi. Ich beschäftige mich ein wenig mit der Steinzeit. Woran glauben die Menschen damals? Was gab es für Rituale? Ist da was bekannt?

Cordfire
 
Deine Frage ist in mehrfacher Hinsicht problematisch.

1.) Homo Sapiens Sapiens und andere Menschen
Über die kognitiven Fähigkeiten anderer Menschen als des HSS wird unter Paläontolgen heftig gestritten. Es ist nicht bekannt, ab wann die Menschen "glaubten", denn dazu bedarf es kognitiver Fähigkeiten. Konnte "Lucy" an etwas glauben?
Bis vor wenigen Jahrzehnten stritt man noch, wie ähnlich uns der Neandertaler (HSN) war, heute geht man davon aus, dass der Neandertaler uns nicht s unähnlich war. Offensichtlich ausreichend verwandt mit uns, dass es zu Paarungen zwischen HSS und HSN kam, die sich in unserem Erbgut noch wiederfinden. Es ist davon auszugehen, dass der gemeinsame Vorfahr von HSS und HSN wohl schon hinreichend kognitive Fähigkeiten hatte, zu glauben.

2.) Der HSS, die Steinzeit und unser historisches Gedächtnis
Den HSS gibt es seit 200.000 Jahren. Seit Jesus Christus sind 2.000 Jahre vergangen. Der Vater der Geschichtsschreibung (Herodot) lebte vor ca. 2.500 Jahren. Unser historisches Gedächtnis beträgt also gewissermaßen 1 % der Menschheitsgeschichte. Bzw., eigentlich ein wenig mehr. Wir können wohl regional bis um 7000 Jahre zurück gehen, was schriftliche Quellen anbelangt. So weit reicht unser historisches Gedächtnis. Und dann gibt es noch die Archäologie.

Die Steinzeit reicht also in die Zeit von vor 200.000 Jahren bis ungefähr 3.500 v. Chr. (Bronzezeit). Also: 2 % unserer Geschichte sind nicht der Steinzeit zu verorten, 98 % unserer Geschichte liegen in der Steinzeit, die wir in Paläolithikum, Mesolithikum, Neolithikum und Chalcolithikum unterteilen (und es gibt noch feinere Unterteilungen), also Alt-, Mittel-, Jung- und Kupfersteinzeit.
Die Mittelsteinzeit ist durch die letzte große Eiszeit gekennzeichnet, die zu einem technologischen Fortschritt geführt hat (Magdalenién) aber nicht zu einer grundsätzlichenn Abkehr vom Jäger- und Sammlerleben.
Das Neolithikum (Beginn etwa vor 12.000 Jahren) bringt einen grundsätzlichen Wandel: Ackerbau und Viehzucht, verstärkte Sesshaftigkeit zumindest eines Teils der Gemeinschaften.

Das ist bis hierher noch sehr euro- und mediterranzentristisch gewesen: Das Magdalenién war eine Kultur, die von den Pyrenäen ausstrahlte, die Neolithisierung begann im Nahen Osten (Fruchtbarer Halbmond) und wanderte von dort über die Welt.

Aber es waren eben auch Teile der Welt davon abgekoppelt, etwa die Amerikas, wo es eine eigene Entwicklung gab - daher greifen auch die Begriffe Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit hier nicht in unserem Sinne.
Außerdem gibt es gewisse Zeitverzögerungen von mehreren Jahrhunderten, bis eine Technologie von Ort X bis zu Ort Y gekommen ist.

3.) Die Antwort auf deine Frage
Bisher habe ich deine Frage noch gar nicht beantwortet. Was glaubten die Menschen der Steinzeit? Sinn der ganzen Übung bisher war im Prinzip, dir vor Augen zu führen, dass sich die Frage - wenn überhaupt - nur punktuell und dann auch nur spekulativ aufgrund archäologischer Funde und deren Interpretationen beantworten lässt.

Man kann wohl davon ausgehen, dass der Wandel von einer Jäger- und Sammler-Kultur zu einer sesshaften Kultur von Viehzüchtern und Ackerbauern auch einen Wandel von Glaubensvorstellungen ausgelöst hat. So kann man sich vorstellen, dass die Jäger und Sammmler eher Animisten waren, also an die Beseeltheit von Landmarken und Tieren glaubten, wohingegen Ackerbauern wahrscheinlich Fruchtbarkeitsgöttern (Ceres, Diana) und Naturgewalten (Poseidon/Neptun, Hephaistos/Vulcanus, Helios/Sol) huldigten. Spuren von beidem finden wir in den antiken Religionen wieder, ohne die Schichten im Einzelnen immer trennen zu können.
 
Um es noch mal anders auszudrücken: Man kann wohl anhand der archäologischen Hinterlassenschaften ahnen, dass vor 17.000 Jahren rund um die Pyrenäen die Menschen sehr ähnliche Glaubensvorstellungen hatten. Aber hatten sie dieselben Vorstellungen wie ein Zeitgenosse, der an der israelisch-libanesisch-syrischen Küste siedelte? Oder wie jemand, der vor 14.000 Jahren in den Ural vorstieß?
 
Es ist schwierig, ausschließlich aufgrund materieller Hinterlassenschaften auf menschliche Vorstellungen zu schließen, zumal Stonehenge über mehr als ein Jahrtausend genutzt und immer wieder verändert worden ist. Müssten wir aus einer barockisierten gotischen Kirche allein aufgrund ihrer äußeren Gestalt und Ausschmückung auf die Glaubensvorstellungen ihrer Erbauer schließen, würden wir vielleicht auch weit in die Irre gehen.
 
Es ist schwierig, ausschließlich aufgrund materieller Hinterlassenschaften auf menschliche Vorstellungen zu schließen, zumal Stonehenge über mehr als ein Jahrtausend genutzt und immer wieder verändert worden ist. Müssten wir aus einer barockisierten gotischen Kirche allein aufgrund ihrer äußeren Gestalt und Ausschmückung auf die Glaubensvorstellungen ihrer Erbauer schließen, würden wir vielleicht auch weit in die Irre gehen.

Ergänzend zu Stradivari:
Diese Frage ist ohne schriftliche Aufzeichnungen, denen sich Glaubensinhalte entnehmen lassen, nicht seriös beantwortbar.
Ich gebe euch grundsätzlich Recht.

Wir können aber bei Stonehenge zumindest mit Sicherheit sagen, dass es auf den Sonnenaufgangspunkt am Mittsommer- bzw. den Sonnenuntergangspunkt am Mittwintertag ausgerichtet ist. Damit wissen wir noch nicht wirklich etwas über die Glaubensvorstellungen, können aber auf dieser Basis mit größter Wahrscheinlichkeit sagen, dass der Verlauf des Sonnenjahres eine sehr große Role spielte. Da Stonehenge im Kontext weiterer Megalithbauten steht, und bei Megalithgräbern wir i.d.R. eine Öffnung in Richtung des Sonnenaufganges haben, liegt die Vorstellung eines Glaubens oder einer Hoffnung auf Wiedergeburt nahe. Die Ausrichtung von Graböffnungen oder Blickrichtungen bestatteter Toter auf den Sonnenaufgang (der natürlich jeden Tag woanders liegt, aber grob im Osten) kommt aufällig oft in vormodernen Kulturen und global vor, so dass hier von einer anthropologischen Konstante auszugehen ist. Naja gut, der Begriff anthropologische Konstante ist vielleicht zu stark gewählt, ich würde ihn etwas abgeschwächt verstehen wollen, aber die Richtung würde ich grundsätzlich gehen.
 
In einer Dokumentation über Stonehenge erwähnt der Archäologe Michael Parker Pearson einen madagassischen (wars, glaub ich...) Kollegen, der es für einen Platz der Ahnenverehrung hält. Da es verschiedene Formen der Ahnenverehrung in allen mögichen prähistorischen Kulturen gegeben hat, scheint mir das keine schlechtere Interpretation zu sein als so viele andere. Spekulativ bleibt es natürlich trotzdem. Wie schon andere sagten: Man kann aus dem Grundriss der Kölner Kathedrale nicht den katholische Katechismus ableiten.
 
Da Stonehenge im Kontext weiterer Megalithbauten steht, und bei Megalithgräbern wir i.d.R. eine Öffnung in Richtung des Sonnenaufganges haben, liegt die Vorstellung eines Glaubens oder einer Hoffnung auf Wiedergeburt nahe.
Aber warum liegt da etwas abstraktes wie Wiedergeburt nahe, warum nicht quasi etwas schlichter und bodenständiger Gedeihen/Fruchtbarkeit?
 
Aber warum liegt da etwas abstraktes wie Wiedergeburt nahe, warum nicht quasi etwas schlichter und bodenständiger Gedeihen/Fruchtbarkeit?
Nehmen wir mal was einfaches – die Hockerbestattung. Ist die Körperhaltung eine Schlafposition oder eine embryonale Position? Also Schlaf oder Wiedergeburt? Schläft der Verstorbene nur ewig, oder wird er wiedergeboren? Der Hämatit/Ocker mit dem er bedeckt wurde? Wegen der einfachen Verfügbarkeit oder als Symbol für Blut?

Im PPN werden die Angehörigen unter dem Boden der Häuser begraben und verwesen dort auch. Andere heben den Schädel auf und modellieren das Gesicht nach. In der Wetterauer LBK sind die Hockergräber selten und sie werden in Gruben und den Hausgräbchen nur ein paar Zentimeter tief abgelegt. Eine Pallisadenkreisanlage gibt es in der Wetterau auch, aber vielleicht sind sie auch nach Herxheim gepilgert?

Der Therianthrop in der Höhlenmalerei – Wirklich ein Mischwesen oder nur ein Kopfschmuck? Der Löwenmensch – ein Mensch wird zum Löwen, oder ein Löwe zum Menschen? Übernimmt der Schamane die Kraft des Löwen? Ist die Figur nun eine Votivgabe oder ein Totem, oder wie mal einer vorschlug nur Kinderspielzeug? Ein Aquilifer wirft sich ja auch dekorativ einen Löwen oder Bären über den Kopf.

Auch wenn man die anderen Bestattungsformen dazu nimmt, es ist der Teil einer Religion die wahrscheinlich noch in der synkretistische oder prä-institutionelle Phase sein könnte, oder wir können sie nicht sehen. Nach Neubauer und Hublin 2025 ist die Globularisierung des HSS Gehirns in der Phase des Out of Africa am Ende angekommen und damit ist er zu 100% mit uns auf Augenhöhe. Also bis zu Stonehenge hat er 90.000 Jahre Zeit alle Spielarten zu entwickeln.

An dem Punkt erreicht der HSS und in Teilen der HSN den Punkt – Alles was ein Anfang hat, hat auch ein Ende und körperlich geht es nur in eine Richtung. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum? Wenn ein geliebter Mensch stirbt oder ich ein Tier auf der Jagd erlege, es ist für beide zu Ende.

Bei wildbeuterisch lebende Jäger und Sammler denke ich mir das es eher glaubensmässig Richtung Fauna und bodenständig geht und bei Neolithiker eher Richtung Himmel. Also eine Verbindung des Lebens und Tod der Lebenswesen vs. dem Lauf der Jahreszeiten durch die Himmelsobjekte. Aber Ahnenverehrung ist bei den Wildbeuter und Zeit in einem anderen Maßstab auch dabei ist. Beim Bauer, der auf sein Land mit Feldern und seinem Haus angewiesen ist, kann man ja auch vermuten das er über seine Ahnen mit dem Boden verbunden war. Wir gehören hierher, wir haben das Land urbar gemacht, unsere Vorfahren nähren den Boden. Aber was ist mit der pastoralen z.B. La-Hoguette Kultur?

Die Naturwissenschaft kann sagen ob der Hocker seine Haltung vor, während oder wahrscheinlich nach dem lösen der Leichenstarre erhalten hat, aber bei dem Warum bleibt es bei der Interpretation.

Wie hat es Reinecke so schön mit dem Kölner Dom gesagt? Man kann daraus nicht den katholische Katechismus ableiten. Nicholas J. Conrad sagte – mit einem Kruzifixe kann man das Christentum nicht erkennen, mit mehrere wird es interessant. Genauso ist es mit dem Löwenmensch, weitere Löwenköpfchen in der selben Gegend, bis zu den Löwen der Grotte Chauvet.
 
Bei wildbeuterisch lebende Jäger und Sammler denke ich mir das es eher glaubensmässig Richtung Fauna und bodenständig geht und bei Neolithiker eher Richtung Himmel. Also eine Verbindung des Lebens und Tod der Lebenswesen vs. dem Lauf der Jahreszeiten durch die Himmelsobjekte. Aber Ahnenverehrung ist bei den Wildbeuter und Zeit in einem anderen Maßstab auch dabei ist. Beim Bauer, der auf sein Land mit Feldern und seinem Haus angewiesen ist, kann man ja auch vermuten das er über seine Ahnen mit dem Boden verbunden war. Wir gehören hierher, wir haben das Land urbar gemacht, unsere Vorfahren nähren den Boden. Aber was ist mit der pastoralen z.B. La-Hoguette Kultur?

Die Naturwissenschaft kann sagen ob der Hocker seine Haltung vor, während oder wahrscheinlich nach dem lösen der Leichenstarre erhalten hat, aber bei dem Warum bleibt es bei der Interpretation.

Wie hat es Reinecke so schön mit dem Kölner Dom gesagt? Man kann daraus nicht den katholische Katechismus ableiten. Nicholas J. Conrad sagte – mit einem Kruzifixe kann man das Christentum nicht erkennen, mit mehrere wird es interessant. Genauso ist es mit dem Löwenmensch, weitere Löwenköpfchen in der selben Gegend, bis zu den Löwen der Grotte Chauvet.
Der wildbeuterische Jäger kann auch selber zum Opfer werden. Daher sind animistische Vorstellungen, die an die Gleichheit der bewegten Lebewesen und vielleicht auch der Bäume und Felsen glauben, weswegen sich der Jäger bei der Beute bedankt oder entschuldigt oder beim Baum den er fällt, hier recht wahrscheinlich.

Mit der Neolithisierung, als man Tiere und Pflanzen züchtete, einhegte, etc. da veränderte sich das Verhältnis, die Gleichrangigkeit zwischen dem Geist des Menschen und dem Geist der Pflanze oder des Tiers im Pferch war nicht mehr aufrechtzuerhalten. die Menschen war gewissermaßen die Herren der Tiere geworden, dementsprechend entwickelte sich vermutlich auch mit der Neolithisierung eine erste Götterwelt.

Allerdings: Hier kann es keine Gesetzmäßigkeiten geben, á la das war überall so und lief überall in etwa so ab.
 
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