Wussten die Deutschen was (!) sie 1929-1933 wählten?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von qwe1, 1. Juni 2011.

  1. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Verzeihung, aber welche Ikone? In der Rückschau herrscht doch was die historische Betrachtung angeht, weitgehend Konsens dahingehend, dass Ebert als Reichspräsident in Teilen sehr unglücklich aggiert hat, mitunter auch daran mitwirkte die Blaupause für Ausbrüche aus der Verfassung mit zu schaffen.
    Ich persönlich kenne da niemanden, weder seriösen Historiker, noch geschichtsbewusster Sozialdemokrat, der Ebert heute noch über den grünen Klee loben würde.
    Sofern überhaupt in der rückläufigen Betrachtung jemand aus der Riege der Weimarer Politiker heraussticht, dass er zur ikone taugen würde, dürfte dass dann eher Stresemann sein.

    Hier beginnt es dann ein bisschen abstrus zu werden. Was genau hat denn Ebert nun mit den Morden an Liebknecht und Luxemburg zu schaffen?
    Die sind wohl eher ein Produkt aus Noskes eigenmächtig verschärftem Schießbefehl, der Herangehensweise und Absichten der anwesenden Freikorps-Kader, so wie der Neigung der Spartakus-Anhänger zur bewaffneten Aktion.

    Ebert hat weder Spartakus zum bewaffneten Aufstand und zur Okkupation von Teilen der Berliner Innenstadt aufgestachelt, noch hat er Liebknecht/Luxemburg dazu gezwungen, sich an dieser Aktion zu beteiligen, noch war er anwesend, als die Freikorps-Leute taten, was sie dann anschließend taten.
    Sicherlich eine unglückliche Tatsache, dass diese Formationen herangezogen wurden, andererseits, ohne Aufstand wäre es nicht nötig gewesen diese herbei zu rufen.
    Dass die Regierung ohne eine solide Basis an verlässlichen regulären Truppen darstand, wusste man unter den Aufständischen ganz gut, deswegen hat man ja auf die bewaffnete Aktion gesetzt. Das in dieser Situation die Regierung sich dann mit anderen Mitteln verteidigen würde, hätte man vorher absehen können.

    Kannst du mir aus diesen 1.000 Bücher 10 nennen, die man ernst nehmen kann?
    Ferner ist auch dieser Vergleich schief.
    Zum einen existierten Blaupausen für eine Pression der politischen Linken, seit dem Kabinett Papen auf ebene von Reichsregierung und RP, siehe dazu #7 im Faden zum Reichstagsbrand:
    Reichstagsbrand 1933

    Insofern ist dass, was du hier betreibst Schönfärberei Hindenburgs. Der Mann war auch ohne Zutun Hitlers prinzipiell bereit außerhalb der Mittel der eigentlichen Verfassung gegen die politische Linke (mindestens aber die Radikale) vorzugehen, einzig bis zum Reichstagsbrand fehlte der konkrete Anlass.
    Darüber hinaus ist der Vergleich von 1918/1919 zu Anfang 1933 insofern Unsinn, als dass 1918/1919 die Situation vollkommen unübersichtlich und chaotisch war.
    Die Armee löste sich zunehmend auf (freilich ohne ordnungsgemäße Demobilisation und ohne dass man auch nur einen Überblick über das im Umlauf befindliche Kriegsmaterial gehabt hätte, geschweite denn in der Lage gewesen wäre, es einzusammeln), der politische Umbruch kam knall-auf Fall und in Teilen begleitet von bewaffneten Auseinandersetzungen, wenn die auch meist glimpflich abgingen.
    Ein geordnetes politisches System geb es nicht und so mancher versuchte in dieser Situation seine eigene Revolution zu machen, hinzu kommt das Beispiel des russischen Bürgerkrieges, der ja zu dieser Zeit ein präsentes, tagesaktuelles Ereignis gewesen ist.

    Entsprchrend dem Mangel an zuverlässiger Information war zu diesem Zeitpunkt kaum seriös einzuschätzen, wie stark die extreme Linke im Volk tatsächlich war.

    Die Situation 1933 ist eine vollkommen andere. Das mitgeführte, unterschlagene Kriegsgerät, dass 1918/1919 einiges an Kopfzerbrechen machen durfte, war anno 1933 entweder völlig veraltet, vernutzt oder aufgebraucht, Moskau hatte seine Aufstands-Taktik seit Mitte der 1920er Jahre ad acta gelegt und die von der KPD eilfertig befolgte Direktive Stalins die Sozialdemokratie als Hauptfeind zu betrachten und danach zu handeln, sorgte nachhaltig für eine gesellschaftliche Isolation der KPD, mit einer Wirkmächtigkeit von irgendwas zwischen 10 und 15% Zustimmung in der Bevölkerung.

    Insofern konnte man anno 1918 unter den damaligen Umständen noch ganz andere begründete Befürchtungen hinsichtlich linksgerichteten Umsturzes haben, als anno 1933.

    Das die Wirtschaftskrise und die Brüning'sche Deflationspolitik bei Hitlers Aufstieg eine ganz erhebliche Rolle spielten, ist überhaupt nicht weg zu reden.
    Sie mah für den Sprung von > 30% auf die Regierungsbank nicht mehr ausschlaggebend gewesen sein, sie war aber sehr wohl ausschlaggebend für den Sprung von 3% auf > 30% und diesen hielt die NSDAP.

    "Die Arbeiter hatten Mitte 1932 schon mehr Lohn", ist auch eine nicht zu Ende gedachte Interpretation. das diejenigen die Arbeit hatten möglicherweise leichte Lohnsteigerungen (branchenspezifisch) verbuchen konnten, half denen, die keine hatte nicht.
    Darüber hinaus. Etwa im Rekurs auf Falters Forschungen hinsichtlich der Zusammensätzung der Wählerschaft der NSDAP, ist noch ein ganz anderer Punkt in Rechnung zu stellen. Nimmt man die Ergebnisse ernst und dementsprechend an, dass die überwiegende Anzahl der beruflich Perspektivlosen, sich bei der KPD, nicht aber bei der NSDAP sammelte und sich die Wählerschaft der NSDAP ohnehin mehr aus Angestellten, Handwerkern, Bauern und Kleinbürgertum, als aus der tatsächlichen Industriearbeiterschaft zusammensetzte, ist bei eben dieser Wählerschaft weniger von persönlicher Verzweiflung durch Perspektivlosigkeit als Motiv auszugehen, sondern eher die Befürchtung in diese Situation hinein geraten zu können.
    Wenn du nun also behauptest, die Wirtschaftskrise sei für die Wahlentscheidung nicht der Ausschlaggebende Punkt berücksichtigst du dabei nicht, dass neben der desperaten Situation gerade bei der Wählerschaft der NSDAP massive Verlustängste eine Rolle spielten.
    Mit der Landwirtschaft im Osten ging es seit Bismarcks Zeiten und seitdem das Zarenreich dank Eisenbahn und Dampfschiffahrt seine Lebensmittel-Exporte massiv steigern konnte, kontinuierlich bergab.
    kleine Handwerker und Dienstleister, sind damit ihr Geschäft einigermaßen gut funktionieren kann weitgehend darauf angewiesen, dass die Bevölkerung en gros zahlungskräftig und investitionsfreudig ist.
    Das ist, würde ich meinen, eine etwas andere situation, als wenn für staatliche, semistaatliche Abnehmer, den Export oder die weiterverarbeitenden Industrie produziert wird und wenn in Folge sinkender Kaufkraft der Bevölkerung und allgemeiner Verunsicherung die Auftragsbücher leer bleiben oder das zu befürchten steht, nutzt es den genannten Personengruppen herzlich wenig, wenn die Löhne der Industriearbeiter anfangen sich zu stabilisieren.

    Für die "Tilgung der Schmach" der Niederlage im ersten Weltkrieg musste man aber nicht NSDAP wählen. DVP, DNVP und KPD lehnten den Versailler Vertrag ja schließlich genau so ab, wie die NSDAP, SPD, Zentrum und DDP waren seinerzeit zwar für die Annahme um die Konsequenz möglicher weiterer territorialer Einbußen abzuwenden und das Elend der Bevölkerung zu beenden, versuchten aber auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Angelegenheit auf friedlichem Wege zu umgehen, neu zu verhandeln oder zu revidieren, siehe Rapallo, Locarno, den der Ruhrbesetzung vorrausgegangenen Versuch die Entente dadurch zu spalten Frankreich zur Aktion zu reizen, siehe Lausanne.

    Wenn die wirtschaftliche Situation keine Begebenheit gewesen sein soll, aus der die NSDAP ganz erheblichen Profit schlug, war es der Versailler Vertrag 3 mal nicht.
     
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  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    1. Die SPD hat sich schwer getan mit der Bewertung der "Novemberrevolution". Käppner und Niess fordern deswegen auch - m.E. zu Recht - dass sie als zentrales Ereignis für die demokratische Kultur Deutschlands begriffen und gewürdigt wird.

    Käppner, Joachim (2017): 1918 - Aufstand für die Freiheit. Die Revolution der Besonnenen. München: Piper.
    Niess, Wolfgang (2017): Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie. Berlin, München, Zürich, Wien: Europa Verlag

    2. Bei der Bewertung der Vorgänge zwischen 1918 und 1920 entspricht Deine Sicht nicht dem "Konsens" der Historiker. Richtig ist, dass festgehalten wird, dass die SPD eine "vorsichtige" Politik betrieben hat, vor dem Hintergrund der - blutigen - Ereignisse in Russland.

    Deutlich wird diese "Vorsicht" beispielsweise an der Distanz gegenüber den "Räten" und der geringen Bereitschaft der SPD - Volksbeauftragten, die Forderungen zur "Ent-Mlitarisierung" der Armee umzusetzen. (vgl. Beschluss des Reichsrätekongresses zur Kommandogewalt (Sieben Hamburger Punkte) vom 18.12.1918)

    1. Die Kommandogewalt über Heer und Marine und Schutztruppen üben die Volksbeauftragten unter Kontrolle des Vollzugsrats aus.
    2. Als Symbol der Zertrümmerung des Militarismus und der Abschaffung des Kadavergehorsams wird die Entfernung aller Rangabzeichen und des außerdienstlichen Waffentragens angeordnet.
    3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und für die Aufrechterhaltung der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich. Der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte ist der Überzeugung, daß die unterstellten Truppen den selbstgewählten Soldatenräten und Vorgesetzten im Dienste den zur Durchführung der Ziele der sozialistischen Revolution unbedingt erforderlichen Gehorsam erweisen. Vorgesetzte außer Dienst gibt es nicht mehr.
    4.Entfernung der bisherigen Achselstücke, Unteroffizierstressen usw., Kokarden, Achselklappen und Seitengewehre ist ausschließlich Angelegenheit der Soldatenräte und nicht einzelner Personen. Ausschreitungen schädigen das Ansehen der Revolution und sind zur Zeit der Heimkehr unserer Truppen unangebracht.
    5. Die Soldaten wählen ihre Führer selbst. Frühere Offiziere, die das Vertrauen der Mehrheit ihres Truppenteils genießen, dürfen wiedergewählt werden.
    6. Offiziere der militärischen Verwaltungsbehörden und Beamte im Offiziersrange sind im Interesse der Demobilisation in ihren Stellungen zu belassen, wenn sie erklären, nichts gegen die Revolution zu unternehmen.
    7. Die Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der Volkswehr sind zu beschleunigen.

    Und richtig ist auch, dass der objektive politische Spielraum der Volksbeauftragten größer gewesen ist wie sie selber angenommen haben, so der Konsens der oben angeführten Fachhistoriker. Das ist aber auch immer die Haltung des "Klugscheißers", der hinterher sowieso immer alles besser weiss.

    3. Ansonsten wird vieles vermischt, was nichts miteinander zu tun hat. Die Vorgänge um die Ermordung von Liebknecht und Luxemburg haben keinen Bezug zur Dolchstosslegende.

    4. Und "die Arbeiter" zwar auch zum Teil Hitler gewählt haben. Aber mehrheitlich SPD oder KPD und die Stimmen für Hitler in starkem Maße aus anderen Milieus kamen.

    Insgesamt ist festzuhalten, dass die Vielfalt und Unsystematik der "steilen Thesen" von "nefteta" dafür systematisch korreliert sind mit der Verweigerung, sie in irgendeiner Form zu belegen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2020
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  3. nefteta

    nefteta Neues Mitglied

    Ich sehe es trotz aller wortreichen Beteuerungen, dass es unausweichlich gewesen sein soll, denn DAS ist der Tenor, Diee Deutschen der Jahre 1928 bbis 33 wussten, was sie wählten,, es war die Majorität der Mittelschicht. die Beamten kaum Arbeiter, das war später .Hitler hatte sie auch nicht hinters Licht geführt, wie nach 1945 entschuldigend gesagt wurde. Die meisten Deutschen waren ein rachsüchtiges Volk, mit ausgeprägten antijüdischen und antirussischen Ressentiment. Sie bekamen den Hitler, den sie im tiefsten Herzen wollten. ... und sich dann noch beschweren.....
     
  4. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Derartiger Unsinn ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Und offensichtlich hat heute jemand zuviel Zeit und schreibt ein bißchen seine persönliche Sicht der "Deutschen Geschichte".

    Festzuhalten ist, dass es keine Studien gibt, die belegen könnten, dass die "Deutschen" rachsüchtig" waren. Es gab, wie in allen Ländern einen veritablen nationalistischen Chauvinismus. Der sich stark auf die Rückeroberung von Gebieten von Polen -Stichwort Danzig - konzentriert hatte. Das ganze differenzierte sich allerdings über Parteigrenzen deutlich und war eher auf dem rechten Parteienspektrum stärker ausgeprägt (vgl. Fromm: Arbeiter und Angestellte...)

    Es gab Rassismus gegenüber Juden im Deutschen Reich - zuletzt diskutiert im Rahmen der sogenannten "Judenzählung" - und später in der Weimarer Republik und das ist auch insgesamt ausführlich im Forum schon dargestellt worden. Mal wieder ein alter Hut, den nefteta da simplifiziert und polemisch zugespitzt präsentiert.

    Es ist richtig, dass im NS-System konservative Kreise den Aufstieg von Hitler begrüßt haben. Und es ist auch richtig, dass KZ`s - wie Dachau etc. - in der publizierten Öffentlichkeit - häufig - keine Kritik erfuhren haben. Sondern die "Erziehung" von "Novemberverbrechern" etc. positiv gesehen wurde (vgl. z:B. Gellatelly: Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany)

    Generell erhielt die NS-Bewegung aus vielerlei Gründen einen Zuspruch. (vgl. Brockhaus: Attraktion der NS-Bewegung)

    Ansonsten erwarteten die meisten Wähler von Hitler die Sicherung einer "kleinbürgerlichen Idylle", die vor allem materielle Sicherheit und eine "ordentliche" Lebensplanung sicher stellen sollte. Nicht mehr und nicht weniger und sicherlich hat "das deutsche Volk" von Hitler weder den "Holocaust" noch einen Weltkrieg erwartet (vgl. Taylor). Für diesen Krieg gab es keine Begeisterung.

    Taylor, Frederick (2019): Der Krieg, den keiner wollte. Briten und Deutsche: Eine andere Geschichte des Jahres 1939. München: Siedler.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2020
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  5. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Seltsam. Wenn es so ein ausgeprägtes antirussisches Ressentiment gab, warum wählte dieses Volk dann mehrheitlich bis Ende der 1920er Jahre konsequent Parteien, deren zusammenarbeit mit der Sowjetunion, mithin auch die Umgehung der Bestimmungen des Versailler Vertrags in diesr Weise, ein mehr oder minder offenes Geheimnis war, so offen, dass man sich nicht genierte, diese Causa im Rahmen des "Weltbühne-Prozesses" Anfang der 1930er Jahre sogar öffentlich zu verhandeln?

    Wenn sie den Hitler aus tiefstem Herzen gewollt hätten, hätten sie ihn mehrheitlich gewählt, dann hätte es keinen Hindenburg und keine konventionelle nationalistische Rechte gebraucht um ihm den Weg an die Hebel der Macht zu ebnen, brauchte es aber.

    Antisemitismus war innerhalb der deutschen Bevölkerung sicherlich ein weit verbreitetes Phänomen. Er war allerdings offensichtlich kein entscheidendes Element beim kippen des demokratischen Systems, denn wenn ein latent schon immer vorhandener Antisemitismus, der von der extremen Rechten bediehnt wurde hierfür ausschlaggebend gewesen wäre, hätte die republik schon den Kapp-Lüttwitz-Putsch nicht überstanden, geschweigedenn die restliche Zeit bis 1933.
     
  6. nefteta

    nefteta Neues Mitglied

    Deine Argumentation ist falsch, und seltsam. Versailles galt nicht für die CCCP,
    Die NSDAP WURDE mehrheitlich gewählt, , woher hast Du nur Deine Zahlen, fast 40 % im Juli 1932, im Nov 1932 etwas weniger, aber es war die Mehrheit, wende nur eine von 4 Grundrechenarten an.
    So dumm wie so gerne dargestellt war Hindenburg nicht, es ist nicht sein Verwechseln des österreichischen Braunaus mit der Namensschwester in Böhmen, Hindenburg sah die Gefahr von Hitlers Bewegung,, weigerte sich bis zum Schluss den Mann zum Kanzler zu ernennen, erst die Lüge Goebbels über einen bevorstehenden kommunistischen Putsch lies ihn umstimmen.
    Wie sehr Tucholsky mit dem Satz, dass Soldaten Mörder sind und damit an den Grundpfeilern deutschen Denkens
    rüttelte , hat der Prozess gezeigt,
    Und: bei allem Wohlwollen, Antisemitismus ist kein Phänomen, damit redest Du Hitlers und der Deutschen Mordlust klein
    @thanpower, Du siehst ernstlich keinen Unterschied zwischen Rachsucht und dem Bestreben , schuldhaft verlorene Territorien wieder zurückzuholen ?
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    "Fast 40%" sind also mehr als der Rest von über 60%?

    Interessante Anwendung der Grundrechenarten.

    (Alte Volksweisheit: 30 von 100 Abiturienten haben keine Ahnung vom Prozentrechnen. Das sind über 60 Prozent!)
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Wo kann man einen derartigen Unsinn nachlesen?
     
  9. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

    Zu den Reichstagswahlen gibt es ja genügend Informationen. Hier mal die beiden Wahlen, damit wir wissen von welchen Zahlen man ausgeht. Diese findet man übrigens auch im Statistiken Jahrbuch für das Deutsche Reich.
    (Quelle der Bilder: https://www.dhm.de/lemo/bestand/objekt/reichstagswahl-6-november-1932.html)

    Standardwerk zu den Wahlen: Jürgen W. Falter. Hitlers Wähler. C.H. Beck Verlag 1991 443 Seiten.

    [​IMG]


    [​IMG]
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2020
  10. nefteta

    nefteta Neues Mitglied

    Haarspalterei, 40 % von 100 % bei Aufteilung der 60 % auf 6-8 Andere sind nun einmal die einfache Mehrheit, die anderen 6-8 waren ja nun auch keine Demokraten.

    Der SPD und den Linken hängt der Vorwurf nach, sie hätten kein geklärtes Verhätnis zu Gewalt, hätten ihre unseelige Vergangenheit nicht geklärt , die Angst bestünde , ein Wiedererwachen kommunistischer Tendenzen wäre denkbar.

    Gilt das aber auch für die CDU und für das intime Verhältnis ihrer Vogängerpartei, dem katholischen Zentrum zur NSDAP ?
    Erinnern wir uns, die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitlers, dass Erreichen der verfassungsmäßigen 2/3 Mehrheit war nur durch die Stimmen des Zentrums möglich. Der Deal, den die Vorgänger der CDU mit Hitler gemacht hatten hieß: Uns geschieht nicht, was Hitler mit der SPD und KPD gemacht hat, wir werden geschohnt, dafür
    stimmen wir für das Ermächtigungsgesetz
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    ... ist das, was Du jetzt betreibst.

    Es geht um folgendes:
    Tatsache (und nicht Haarspalterei) ist: Hitler bekam unter demokratischen Bedingungen nie eine Wählermehrheit, weder bei der Reichspräsidentschaftswahl 1932 noch bei den Reichstagswahlen.
     
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  12. nefteta

    nefteta Neues Mitglied

    Zum 30.1 .33 gab es in Berlin das Gerücht eines bevorstehenden Militärputsches, mit Verhaftung Hindenburgs, um letzlich Hitler zu verhindern, nachzulesen u.a bei scriba, deutsches historisches museum berlin. Goebbels schreibt in seinem Tagebuch, dass sein Planfür ein Gerücht über einen bevorstehenden kommunistischen Putsch aufgegangen sei. , er die Angst der Deutschen vor dem Kommunismus richtig genutzt hat.

    Nicht einfach von "Unsinn " gar Langeweile schreiben, auch wenn vielleicht das eine oder andere nicht so leicht ins Ohr geht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2020
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch als Ergänzung zu Falter:
    Childers, Thomas (1983): The Nazi voter. The social foundations of fascism in Germany, 1919-1933. Chapel Hill: University of North Carolina Press.
    Mühlberger, Detlef (2003): The social bases of Nazism, 1919-1933. Cambridge, New York: Cambridge University Press

    Und als "statistisches Arbeitsbuch":
    Falter, Jürgen W.; Lindenberger, Thomas; Schumann, Siegfried (1986): Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten, 1919-1933. München: C. H. Beck
     
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  14. nefteta

    nefteta Neues Mitglied

    Rechnen !!!, 37 % im juli 1932 , 33 % im Nov 1932 sind einfache Mehrheit, und das waren demokratische Wahlen mit einer hohen Wahlbeteiligung d,h. die Leute, die der NSDAP fast 40 % gaben, Wollten die NSDAP
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Rechnen kann ich.
    Deine Haarspaltereien interessieren mich nicht.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Scriba schreibt auf der Seite des DHM folgendes:

    "Währenddessen führte Papen mit Zustimmung Hindenburgs mehrere Sondierungsverhandlungen mit Hitler, um in die Regierung zurückzukehren. Sein Vorhaben, selbst das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen, musste dabei durch den Führungsanspruch Hitlers zurückgestellt werden. Der 85-jährige Reichspräsident gab schließlich dem Drängen seiner Ratgeber aus Politik und Wirtschaft nach und stellte seine politischen und persönlichen Vorbehalte gegenüber Hitler hinten an. Insbesondere Papen überzeugte Hindenburg davon, dass ein von einer konservativen Kabinettsmehrheit "eingerahmter" und neutralisierter NSDAP-Führer als Träger der Regierungsgewalt eine nur geringe Gefahr bedeute. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und die Vereidigung seines Kabinetts am 30. Januar 1933 erfolgten aufgrund eines Gerüchts über einen unmittelbar bevorstehenden Militärputsch in einer hektischen Atmosphäre. Angeblich plante Schleicher mit der Verhaftung Hindenburgs, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler zu verhindern. Damit zerstreuten sich beim Reichspräsidenten auch die letzten noch möglichen Bedenken gegenüber Hitlers Kanzlerschaft."

    Das ist mir neu, dass es dieses Gerücht gegeben haben soll. Es werden keine Verweise angeführt. Kennt jemand entsprechende Literatur, die diese Passage bestätigt.

    Bisher kenn ich nur die Variante, die ich vor Jahren auch mal im Forum geschrieben habe, dass Hindenburg eine Reihe seiner Freunde gefragt hätte, denen er vertraut hat, und die ihm die wirtschaftspolitische Kompetenz von Hitler bestätigt hatten. Daraufhin hätte Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler ernannt, weil er gehofft hatte, dass im Rahmen eines autoritären Regimes sich die wirtschaftliche Situation in der WR bessern würde. Entsprechende Fundstelle im GF oder in der Literatur müßte ich suchen.
    _____________________
    Nachtrag:
    Fündig geworden: Pyta: Hindenburg, S. 750ff zur positiven Einschätzung der wirtschaftlichen Komeptenz von Hitler durch Hindenburg. Es finden sich bei Pyta keine Hinweise auf die Bedeutung eines "Militärputsches" im Zusammenhang mit der Ernennung. Bei Bracher u.a. "Die Nationalsozialistische Machtergreifung" (S. 43 - 44) ist ein kurzer Hinweis auf das Gerücht: Das hinderte allerdings nicht, dass noch am 29. Januar von interessierter Seite [wer war das?????] das Gerücht von einem bevorstehenden Putsch der Reichswehr lanciert und dann auch von Hindenburgs Umgebung zur Beschleunigung der letzten Verhandlungen und des Regierungswechsels selbst benutzt wurde."

    Dass Scriba dieses Gerücht so aufbläht in seiner Bedeutung ist m.E. erstaunlich.

    Gibt es weitere Fundstellen zur Bedeutung eines "angeblichen" Militärputsches, die Hindenburg beeinflußt haben könnten?
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Mai 2020
  17. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Was nichts daran ändert dass die Weimarer Politiker der 1920er Jahre die Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrags und die damit verbundene Ausbildung militärischer Kader durch ""outsourcing"systematisch umgingen, wobei die Sowjetunion als Partner eine herausragende Rolle spielte.
    Folglich bemühten die demokratischen Politiker von SPD, Zentrum, BVP, DDP, DVP und zeitweise auch USPD und DNVP als direkte Regierungsparteien oder durch Tolerierung einer Minderheitsregierung, die ach so verhassten "Russen" als Hebel zur Umgehung verschiedener Bestimmungen des Versailler Vertrags.

    Wenn jemand meint, weil 40% der Wählerschaft hinter ihm stünden, stünde ihm die Übernahme der Regierungsgeschäfte zu, auch wenn er nicht im Stande ist eine Mehrheit der Parlamentsmadate hinter sich zu bringen und versucht dass dann in die Tat umzusetzen, nennt man ihn für gewöhnlich einen Putschisten.
    < 40% sind offensichtlich keine Mehrheit, die jemanden zur Übernahme der Regierungsgeschäfte qualifizieren würde und es ist erst recht keine Mehrheit, die jemanden zur Änderung oder Aussetzung der Verfassung qualifizieren würde.
    Hitler wurde nie von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt und selbst wenn er von einer Mehrheit gewählt worden wäre, wäre dies geschehen um ihn im Rahmen des existierenden politischen Systems mit den Kompetenzen eines Reichskanzlers auszustatten, nicht mit denen eiens allmächtigen Diktators.

    Zum einen, dafür würde ich ganz gerne mal einen belastbaren Quellenverweis sehen. Zum anderen, widersprichst du dir damit ein ganzes Stück weit selbst, wenn du einerseits unterstellst Hindenburg war nicht dumm, andererseits sei er aber auf eine offensichtliche Luftnummer seitens Goebbels hereingefallen und hätte einzig auf dieser Basis immens wichtige strategische Entscheidungen getroffen.

    Was hatten denn die Kommunisten anno 1933? Sie hatten eine Zustimmung von zwischen 10 und 15% in der Bevölkerung und den Rest scharf gegen sich, wofür sie mit ihren ständigen Attacken gegen die Sozialdemokratie selbst gesorgt hatte.
    Sie hatte kaum Politiker von Format, die tatsächlich Massen mobilisieren konnten, sie hatte mit dem was vom Rotfrontkämpferbund noch übrig war lediglich geringes militärisches Potential.
    Demgegenüber standen 85-90% der Gesellschaft, die sich wenigstens in dem einen einig waren, dass sie keine "russischen Zustände" in Deutschland wollten, mit dem Gewaltpotential der Reichswehr, der jeweiligen Polizeikader der Einzelstaaten und dem paramilitärischen Potential von Reichsbanner, Stahlhelmbund und SA.
    Unter solchen Bedingungen, soll der alte Feldmarschall Angst vor einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Kommunisten gehabt haben?
    Ich würde eher annehmen, hätte man solche Gerüchte an ihn heran getragen und er sie ernst genommen, hätte ihn das hoch erfreuen müssen, weil ein Putschversuch der Kommunisten unter diesen Umständen ohnehin zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. er wäre aber die Handhabe gewesen nach Niederschlagung die KPD zu verbieten und den linken Flügel der Sozialdemokratie zu repressieren, womit sich eine Rechtsverschiebung des gesammten Parlaments ergeben hätte, die in Hindenburgs Sinn gewesen wäre und möglicherweise auch wieder zu rechtslastigen, parlamentarischen Mehrheiten geführt hätte, also genau auf den Wunschzustand Hindenburgs zu.

    Tucholskys Einlassung hat mit Hitler genau was zu tun?

    Selbstredend ist Antisemitismus als Sentiment erstmal ein Phänomen, dass Teile der Gesellschaft in unterschiedlichem Maße von überhaupt nicht bis extrem betraf.
    Wäre die deutsche Gesellschaft stramm antisemitisch gewesen, wären die Nürnberger Rassegesetze nicht 1935 von den Nazis oktroyiert worden, sondern man hätte sie direkt 1919 (oder vergleichbare Handhabungen für Repressionen) in die Weimarer Verfassung geschrieben.
    Fakt ist und lediglich davon sprach ich, dass der Antisemitismus per se, offensichtlich kein Kriterium war Wahlentscheidungen herbei zu führen, ansonsten hätte die DNVP als diejenige Partei mit dem größten antisemitischen Potential vor dem Auftreten der NSDAP eine veritable Massenpartei mit entprechenden Wahlergebnissen sein müssen. Sie kam aber zu keiner Zeit deutlich über die 20% hinaus, ihr bestes Wahlergebniss erreichte sie im Dezember 1924, mit 20,5% und 103 Sitzen.
    Das war dann allerdings auch die Westarp-DNVP, die sich im Vergleich zur späteren Hugenberg-DNVP gemäßigt benahm und die Kabinette Luther I, Marx IV und Brüning I mittrug, sich also in keinem scharfen Gegensatz zum demokratischen System an und für sich befand.

    Die mindestens teilweise offen antisemitische DNVP und die NSDAP, konnten bis zum September 1930 niemals mehr als rund ein 1/4 der Wählerschaft mobilisieren, wenn man ihre Einzelergebnisse aufsummiert. Das bereits bevor man berücksichtigt hat, dass sich hier noch die Frage stellt, wie große Teile der Wählerschaft diese Parteien wegen oder trotz ihres Antisemitismus (Das "trotz" dürfte bei der DNVP eine größere Rolle gespielt haben, als bei der NSDAP, jedenfalls vor Hugenberg) gewählt haben.
    Wenn wir also nicht annehmen wollen, dass der unheilige Geist des Antisemitismus am Abend des 13. September 1930 in das deutsche Volk fuhr, sondern man einen gewachsenen, latenten Antisemitismus von Teilen der Bevölkerung als gegeben voraussetzt, ist offensichtlich, dass dieser Aspekt keine wesentliche Rolle bei der Findung der Wahlentscheidung der Mehrheit spielte.
    Hätte er das getan und die Bevölkerung gemäß einem allgemeinen antisemitischen Sentiment gewählt, währen dabei Keine Regierungen zu stande gekommen, in denen keine mindestens teilweise programmatisch antisemitische Partei beteiligt gewesen wäre. Eben solche Regierungen dominierten allerdings bis zum Beginn der Präsidialkabinette die politische Landschaft Deutschlands.

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    Das ist selbstredend keine Haarspalterei.
    Und es handelt sich auch nicht um eine einfache Mehrheit, sondern lediglich um eine relative, die aber zu keiner Übernahme politischer Ämter qualifiziert, jedenfalls nicht nach dem damaligen Wahlrecht.
    Bis zum Juli 1932 war in der Weimarer Republik stets die SPD die stimmstärkste Partei, also mit einer relativen Mehrheit ausgestattet. Das berechtigte deren Vorsitzenden allerdings nicht dazu irgendwelche Regierungsämter zu beanspruchen und mit Ausnahme des Kabinetts Müller II, war sie seit dem Kabinett Stresemann II an keiner Weimarer Regierung mehr direkt beteiligt.
    Innerhab der 13 Jahre von Beginn der Weimarer Republik an, bis zu dem Zeitpunkt als die NSDAP stärkste Kraft im Reichstag wurde, war die bis dahin politisch stärkste Kraft SPD die Hälfte der Zeit überhaupt nicht in der Regierung und abgesehen von der Anfangszeit unter der provisorischen Regierung auch nicht in der Lage die Politik maßgeblich im Alleingang zu prägen.

    Insofern nein. Wenn < 40% der Wahlberechtigten Hitler wählte, hat nicht "das Volk" Hitler mit einer wie auch immer gearteten Mehrheit ausgestattet und erst recht hat es Hitler dadurch nicht mit einem Mandat ausgestattet die Verfassung aus den Angeln zu heben, als Diktator zu wirken und Krieg und Völkermord den Weg zu bereiten.
     
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  18. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Teil 2:

    Zum einen ist dass was du dan ansprichst Tagespolitik, zum anderen hat doch niemand per se der SPD vorgeworfen, dass sie ein nicht geklärtes Verhältnis zur Gewalt gehabt hätte. Das würde ich auch der USPD per se nicht vorwerfen. Mit ihrem Spaltprodukt dem Spartakusbund und der KPD verhielt es sich dann allerdings ein klein wenig anders.

    In der Rückschau, kann man den Einsatz der Mittel zur Niederschlagung der Gewaltaktionen der extremen Linken sicherlich als unangemessen beurteilen.
    Für eine saubere historische Beurteilung sind dann allerdings, wie etwa in jüngerer Zeit bei M. Jones geschehen auch die Begleitumstände in Rechnung zu stellen.
    Darüber hinaus, bleibt das Faktum des bewaffneten Aufstands von Teilen der extremen Linken, wenn dieser auch eher erfolglos blieb, sofern es Spartakus und die spätere KPD betrifft einmal bestehen. Und das auch nicht als Einzelfall im Januar 1919, sondern etwa auch im Rahmen des Ruhraufstands 1920 und der Weigerung diverser Akteure ihre Waffen abzugeben und den Kampf gegen die legale Regierung einzustellen, ditto etwa bei der Münchner Räterepublik.
    Die extreme politische Linke hatte mindestens bis 1923 ein sehr klärungsbedürftiges Verhältnis zur Anwendung von Gewalt. Die Kritik an den regierungsseitigen Gegenmaßnahmen ist in Teilen, wie gesagt berechtigt, nur wenn man sich auf diese allein fokussiert, lässt man dabei geflissentlich das Faktuk außer acht, dass diese in weiten Teilen Reaktion auf linksgerichtete Umsturzversuche und nicht Aktion gegen die politische Linke darstellte.

    Ich finde es immer wieder interessant wie versucht wird, aus dem Hinweis auf nicht bestreitbare historische Tatsachen, wie die Gewaltbereitschaft von Spartakus und KPD und deren Inrechnungstellen bei der Beurteilung der Situation in den verschiedenen Phasen der Weimarer Republik versucht wird, daraus irgendwelche politischen Standpunkte des Hinweisenden zu konstruieren.
    Da du das in deine Antwort an Sepiola geschrieben hat, es de facto aber in thanes und meine Richtung zielt, kann ich dir dazu nur sagen, dass was mich betrifft, deine Antizipation der persönlichen politischen Position falsch ist, du dich bei einem Blick auf meinen Wahlzettel sehr wundern würdest und somit das politische Meta nicht nur im Rahmen des Forums unangebracht ist, sondern auch auch am Zeil vorbei geht, wegen falscher persönlicher politischer Verotrung des Adressaten.
    Insofern würde ich anregen es ad acta zu legen.

    Zu pauschal. Das übersieht, dass mit der Reichstagsbrandverordnung die Büchse der Pandora bereits in der Möglichkeit zur außerverfassungsmäßigen Ausschaltung der politischen Opposition gegeben war, manifestiert in der Zerschlagung der KPD und ihrer Organisationen, so wie Repression der SPD und ihrer Funktionäre.

    Die Behauptung, es sei nur durch das Zentrum möglich und gleichzeitig verfassungsmäßig gewesen, postuliert zum einen, dass die Zerschlagung der KPD und das Kassieren ihrer Mandate, mit der entsprechenden Verschiebung der Machtverhältnisse im Reichstag, die dem Beschluss des Ermächtigungsgesetzes zu Grunde liegt, verfassungsmäßig gewesen wäre, wie auch die gewaltsame Repression der politischen Linken im vorrangegangenen Wahlkampf.
    Das möchte ich persönlich bestreiten und somit kann und muss man mMn auch infrage Stellen, inwiefern man das Ermächtigungsgesetz als verfassungsmäßig beschlossen ansehen kann.

    Nehmen wir aber einmal an, wir würden es als verfassungsmäßig sehen, dann würde wegen des Zustandekommens daraus resultieren, dass auch die demvorrangegengene Pression der politischen Opposition, die den Hauptteil dazu leistete die Stimmehrheit zu ermöglichen, ebenfalls verfassungsmäßig rechtens was.
    Wenn aber die Repression des politischen Gegners ohne Scharfe Abgrenzung (Terrorisierung nicht nur der KPD, sondern faktische Repression auch der sozialdemokratischen Abgeordneten und ihres Wahlkampfes) rechtens gewesen sein soll, was hätte Hitler dann daran hindern sollen bei Bedarf die restlichen Abgeordneten der SPD, DDP des Zentrums und der BVP ebenfalls zu verhaften und ihre Mandate zu kassieren um das Gesetz dann anschließend einem einzig aus DVP, DNVP und NSDAP bestehenden Rumpfparlament vorzulegen, in dem nach Maßgabe der Stimmverteilung basierend auf dem Wahlergebniss vom März 1933, abzüglich der kassierten Mandate der politischen Gegner die NSDAP allein eine Zweidrittelmehrheit zustande gebracht hätte?

    Daraus kann man, wie ich das sehe 2 Schlüsse ziehen:

    1. Auf Grund der vorrangegangenen Manipulation, der außerverfassungsmäßigen und in Teilen auch wiederrechtlichen, gewalttätigen Repression der politischen Opposition, die der Stimmehrheit für das Ermächtigungsgesetz zu Grunde lag, kann dieses ohnehin nicht als rechtens betrachtet werden, weil gewählte Abgeordnete, ohne einen nachweislichen plausiblen Grund an der Wahrnehmung ihres Mandats und der Bekundung ihrer Gewissensentscheidung, ihres politischen Willen und dem ihrer Wählerschaft aktiv gehindert wurden.

    2. Man kann das ignorieren und das Ermächtigungsgesetz persönlich für rechtens halten. Dann kann man aber die Möglichkeit zur beliebigen Fortsetzung der Repression, die man somit für rechtens befunden hat, nicht außer acht lassen und wird somit zu dem Schluss kommen müssen, dass Zentrum und BVP keine Handhabe hatten, den Beschluss des Ermächtigungsgesetzes zu verhindern, sondern allenfalls eine, sie bis zur verhaftung ihrer eigenen Mandatsträger zu verzögern.
    Ob dann damit dem Volk wesentlich besser gedieht worden wäre, kann man lediglich mutmaßen.
     
    ursi gefällt das.
  19. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Teil 3

    "Deal" unterstellt, dass es zu diesem Zeitpunkt noch realistische machtpolitische Alternativen dazu gegeben hätte. Wie genau hätten die ausgesehen? Die Organisationen der KPD waren weitgehend zerschlagen, ihre Funktionäre Verhaftet oder untergetaucht und an der SPD wurde eben dies gerade vollzogen.
    Die populäre Rezeption des Ermächtigungsgesetztes von 1933 als Wende von der Republik zum NS-Reich hin, ist für mich insofern ein großes Missverständnis, als dass dieses Gesetz nicht die Abschaffung der Demokratie ermöglichte, sondern das es diesich auf Basis der Reichstagsbrandverordnung und der Toleranz Hindenburgs gegenüber deren äußerst großzügiger Ausweitung und Überschreitung, vollziehende Abschaffung der Demokratie, die sich faktisch bereits in der Manipulation der Parlamentszusammensetzung bei Abstimmung manifestierte, eine rückwirkende Legitimation verschaffte.

    Insofern wurde die letzte reale Chance auf Widerstand, die nur auf einem Schulterschluss von KPD, SPD und Zentrum gegen die Bestimmungen der Reichstagsbrandverordnung hätte bestehen können, zu einem Zeitpunkt verschenkt, als dass Ermächtigungsgesetzt im Wortlaut dem Parlament zur Abstimmung noch gar nicht vorlag.
    Insofern wäre eine Ablehnung symbolträchtig zwar honorig gewesen, hätte aber an der machtpolitischen Realität wohl kaum etwas verändert.
    Demgegenüber hatte die KPD seit dem Sturz des Kabinetts Brüning I kontinuierlich die Möglichkeit einen Staatsstreich von rechts zu verhindern, wenn sie bereit gewesen wäre ihre Fundamentalopposition gegen den Parlamentarismus aufzugeben.
    Im Falle eines konstruktiven Mitwirkens der KPD im Parlament hätte es weiterhin die Möglichkeit zur Mehrheitsbildung gegeben und bereits der Übergang zu Notverordnungen und Präsidialkabinetten wäre rechtlich nicht gangbar gewesen. Eine Wiederwahl Hindenburgs als PR 1932 hätte man mit der gemeinsamen Unterstützung eines gemäßigt linken oder eines Zentrumskandidaten, ebenfalls verhindern können, im Besonderen so lange die DNVP zunächst auf einer Nominierung Theodor Duesterbers als eigenem Kandidaten bestand und sich weigerte im ersten Wahlgang Hitler zu unterstützen.

    Insofern wird man Zentrum und SPD vorwerfen können im Moment des Regierungsantritts Hitlers und dem Erlass des Ermächtigungsgesetzes nicht rechtzeitig gemeinsam dagegen opponiert zu haben. Der KPD wird man demgegenüber vorwerfen können, in den beiden vorraus gegangenen Jahren politisch daran versagt zu haben einen Beitrag zur Erhaltung der Demokratie zu leisten.
    Im Rahmen der Abstimmung um das Ermächtigungsgesetz vertraten Zentrum/BVP, so weit es ihnen möglich war, ihre partikularen Interessen, mit der Aufstellung Thälmanns bei der RP-Wahl 1932 und der Weigerung für parlamentarische Mehrheiten zu sorgen um Hindenburgs außerverfassungsmäßige Notstandandamaßnahmen ins Unrecht zu setzen, stellte die KPD zuvor die ihrigen vor das Gemeininteresse der Erhaltung der Demokratie.

    Der Unterschied im Versagen zwischen KPD und Zentrum liegt darin, dass das Versagen des Zentrums punktuell, das Versagen der KPD hingegen kontinuierlich war und die KPD bei ihren Fehlentscheidungen völlig andere Spielräume gehabt hatte, als das Zentrum, als es um das Ermächtigungsgesetz ging.
    Die Zentrumspolitiker hätte man verhaftet und ihre Partei zerschlagen, wenn sie das abgelehnt hätten. Die KPD-Politiker hätte, wenn sie einen sozialdemokratischen RP-Kandidaten unterstützt oder eine Minderheitsregierung toleriert hätten, niemand verhaftet oder ihre Parteimitglieder repressiert, sondern sie hätten allenfalls einige Wählerstimmen und die (finanzielle) Rückendeckung Moskaus eingebüßt.

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    Oben schreibst du was von wegen Gerüchten um einen Kommunistischen Putsch und jetzt hier von solchen um einen Militärputsch. Was denn nun?
    Oder war die Führung der Reichswehr auf einmal geschlossen in die KPD eingetreten und bekam ihre Direktiven aus dem Kreml von Stalin persönlich?
    Ich möchte nicht allzu gehässig erscheinen, aber dadurch, dass du dich mit dir selbst nicht auf den Protagonisten einigen kannst, wird doch klar, wie substanzlos dass von Anfang an gewesen sein muss. Wenn es solche Gerüchte gab, wiso hätte das Hindenburg in seiner Entscheidung beeinflussen sollen? Mal agesehen davon, dass das dem Forschungsstand hinsichtlich der Entscheidungsfindung (siehe etwa Pyta: "Hindenburg") widerspricht.

    Warum es unwahrscheinlich es, dass Gerüchte um einen kommunistischen Putschversuch Hindenburgs Entscheidung signifikant beeinflussten, habe ich oben dargelegt.
    Was einen "Militärputsch" angeht: Welche Veranlassung hatte das Militär denn die Einsetzung einer Regierung Hitler unter Mitwirkung der nationalistischen Rechten und der Konservativen unbedingt verhindern zu wollen? Von diktatorischen Vollmachten exklusiv für die Nazis war ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede. Eine Einbindung der NSDAP oder mindestens von Teilen davon in die Regierung ist von Hitlers Vorgänger Schleicher durch dessen Zugehen auf Strasser, mit der Absicht die NSDAP zu disziplinieren oder zu spalten, ja durchaus aktiv betrieben worden.

    Hitlers Regierung zusammen mit der DNVP hatte zu Beginn keine parlamentarische Mehrheit und dem Trend der Wahlausgänge (mit dem du selbst argumentiert hast) folgend, wäre eine solche in der Folge auch nicht zu erwarten gewesen, von qualifizierenden Mehrheiten für Verfassungsänderungen ganz zu schweigen.
    Die Reichswehr hatte von einer von der NSDAP-geführten Regierung als Institution selbst weniger Einbußen, als Förderung zu erwarten.
    Schleicher verlor dadurch zwar seinen Posten, aber welche Konsequenzen ergaben sich dadurch für die Mannschaften, die einen putsch mit hätten tragen müssen und vor allem, was hätte diese aus ihrem soldatischen Weltbild heraus veranlassen sollen gegen ihren "Feldmarschall" und "Helden von Tannenberg" zu putschen?
    Die Vorstellung, dass sich da substanzielle Kräfte potentiell hätten finden können, um einen Staatsstreich durchzuziehen mit dem expliziten Ziel Hiterl zu verhindern, musste schon damals grottesk anmuten.
    Spinntisierte absurde Vorstellungen von der politisch eingebundenen Teile der Generalität vielleicht, aber mehr hätte man auf Grund der vorligenden Situation kaum antizipieren können.

    Nun hätte ich 2 persönliche Fragen an dich:

    1. Wie passt deine Vorstellung eines dominierenden Antisemitismus und einer deutschen Mordlust, so wie deinem Postulat der Zustimmung zu Hitler durch das Volk zu der Vorstellung, Putschgerüchte des Militärs um Hitler zu verhindern hätten von irgendwem ernst genommen werden können?

    2. Wie kommst du eigentlich rein methodisch auf den Trichter den Einlassungen Goebbels in dessen Tagebüchern auf's Wort zu glauben? Dass Goebbels möglichererweise Annahm die Entscheidung Hindenburgs zu Gunsten Hitlers als Kanzler maßgeblich beeinflusst zu haben, kann auch einfach Produkt aus Selbstüberschätzung und mangelnder Einsicht in den Entscheidungsprozess bei Hindenburg selbst geschuldet sein. Nach der vorliegenden Sachlage, ist dies deutlich wahrscheinlicher, auch gemessen am Forschungsstand zur Person Hindenburgs.
     
    thanepower und ursi gefällt das.
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Im Tagebuch von Goebbels (Tagebücher , Band 2, Piper, 30.01.1933, S.756) finden sich Hinweise auf diesen angeblichen Militärputsch von Schleicher. Morgens kommt Alvensleben mit der "tollen Mär", dass sich Schleicher und die Reichswehr die Absetzung nicht gefallen lassen würde. Und die Personen um Hindenburg verhaftet werden sollen. "Also Staatsstreich. Drohung, Ernst, Kinderei?" waren dann die Assoziationen von Goebbels.

    Darauf verständigt Göring Meißner und Papen. Und so wird das Gerücht zum "Vergifter" für die Situation.

    In der FN der Tagebücher findet sich der Hinweis zu diesem Vorgang, dass die Drohung der Verhaftung von Hindenburg durch Schleicher bzw. die Garnison von Potsdam zur Beschleunigung der Ernennung geführt hätte. Und bezieht sich auf eine Niederschrift von Hammerstein, in Hillgruber: Die Auflösung der Weimarer Republik.

    Szenenwechsel: Um 14.00 Nachmittags bekam Graf Kessler die Information, dass Hitler zum RK ernannt worden ist. Kessler war von der Lösung und auch der Geschwindigkeit der Ernennung überrascht. Abends war er zum Essen bei Seeckt eingeladen.

    Am 31.01. wird Alvensleben als "Kronzeuge" von der Polizei vernommen in Bezug auf Schleicher und Hammerstein. v. Blomberg neuer Reichswehrminister.

    Die Bedeutung des Gerüchts kann in der Beschleunigung gelegen haben. Dennoch zeichnete sich die Ernennung ab. Das Gerücht selber hat keine Auswahl von Hindenburg für Hitler gehabt. Und ich persönlich kann nicht nachvollziehen, dass diesem Gerücht bei Scriba ein so breiter Raum in der Darstellung des DHM eingeräumt wird.

    Nicht zuletzt, wie Shinigami es zutreffen in # 139 andeutet, dass man den Vorgang quellenkritisch beurteilen sollte.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf-Hermann_von_Alvensleben
     

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