Bereits in der Antike gab es nicht nur "gehobene" Literatur, sondern es wurden auch haufenweise klischeehaft-kitschige Liebesromane und Unmengen minderwertiger Verse geschrieben, und so mancher selbsternannte Philosoph oder Sophist befüllte Hunderte Schriftrollen. (Philodemos spielte auch nicht gerade in der ersten Liga der Philosophen.)
Ich hatte noch in Erinnerung, dass Philodemos schon einmal erwähnt wurde im Zusammenhang mit der Bibliothek in Herculaneum:
Mein Gedächtnis hat mich getäuscht: der Vergleich bezog sich nicht auf Konsalik, sondern auf Simmel:
(nachfolgende Zitate aus dem oben verlinkten SPIEGEL-Artikel:
Aber:
Im verlinkten Spiegel-Artikel finden sich folgende charmante Aussagen über Philodemos' Werke:
Die neu entzifferten Texte stammen allesamt aus der Feder jenes Mannes, der den Herculaneum-Forschern längst zum Halse raushängt: Es ist der veritable Vielschreiber Philodemos (etwa 110 bis 40 vor Christus).
und
Doch anstatt unbekannte Texte von antiken Genies muss die Zunft nun noch mehr Philodemos verdauen. Es ist, als würde man eine Bibliothek der Weltliteratur suchen - und sämtliche Werke von Johannes Mario Simmel finden.
In der verschütteten Stadt Herculaneum wurden verkohlte Papyri aus der Antike entdeckt. Eine neue Fototechnik macht sie jetzt lesbar.
www.spiegel.de
Aber egal was gefunden werden mag: Realistischerweise muss man wohl davon ausgehen, dass die Rollen trotz aller Technik nur fragmentarisch gelesen werden können, also einzelne Wörter oder auch ganze Zeilen gar nicht oder nicht zuverlässig gelesen werden können. So wie es auch bei vielen Papyri aus Ägypten ist. Und so wie bei vielen Papyri aus Ägypten bliebe dann ein großer Vermutungs- und Unsicherheits-Spielraum, wie man die Lücken ergänzen könnte. Das Textverständnis wäre erst recht unsicher. An eine sichere und zuverlässige Rekonstruktion ganzer Bücher glaube ich nicht.
Ja, aber die technischen Möglichkeiten haben sich weiter entwickelt und werden das wohl auch in Zukunft machen. Hat man nach der Entdeckung die Papyrusrollen im 18. Jhdt. erst für Brickets gehalten (und dann sogar verfeuert), wurde im Laufe der Jahrhunderte die Methodik immer weiter verfeinert. Der von mir genannte Spiegel-Artikel ist von Anfang 2001 (also erst knappe 25 Jahre alt) und berichtet von neuen Fototechniken (mit einer speziellen Digitalkamera):
Diese bröseligen Dokumente - einige sind schwarz wie Briketts - hat der US-Forscher Steven Booras* nun mit einer speziellen Digitalkamera abgelichtet. Das Gerät besitzt mehrere Filter, die die chemische Spur der verblassten Tinte sichtbar machen. Gigante** spricht von einem »Wunder": »Selbst die Interpunktion ist wieder zu sehen.«
Und auch damals wurden schon große Erwartungen an die zu findenden/entziffernden Texte gestellt:
Kaum hatte Booras seinen Zauberkasten ausgeschaltet, überschlug sich letzte Woche die Presse. Schriften von Epikur und Aristoteles würden sich unter den Manuskripten befinden, meinte die »Neue Zürcher Zeitung«. Auch der römische Großschriftsteller Vergil, Dichter der »Äneis«, so die »Süddeutsche Zeitung«, sei wohl mit Originaltexten vertreten.
Auch unter optimistischen Annahmen, was die Weiterentwicklung der Technik angeht, muß natürlich etwas da sein, was entziffert werden soll. Klaffen Lücken in den Papyrusrollen oder fehlen diese ganz, wird ein ganzes Arsenal dieser Zauberkästen nicht weiterhelfen.
Die im Text erwähnten Forscher sind mittlerweile verstorben
* Steven Booras (1940 - 2023)
Steven William Booras - Walker Funeral Home
** Marcello Gigante (1923 - 2001)
Marcello Gigante – Wikipedia