Napoleons Scheitern eines vereinigten Europas

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von ratlos, 17. Januar 2013.

  1. ratlos

    ratlos Neues Mitglied


    Hallo.

    "woran scheiterte Napoleons Versuch einer Einigung Europas?"
    Das ist die Frage, die ich für ein Geschichte Referat beantworten muss.:S
    Scheiterte er bloß wegen den verlorenen Schlachten ab dem Russlandfeldzug? Oder hat es schon Früher angefangen bzw. aus anderen Gründen?:grübel:

    Mit freundlichen Grüßen
    Ein ratloser Ratlos
     
  2. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ein wenig Hilfe zur Selbsthilfe:
    Wer war Napoleons Hauptgegner? Warum konnte er diesen nicht besiegen?

    Des weiteren wuerde ich nicht nur rein militærische Gruende suchen.
    Wer wollte an Napoleons "vereinigten Europa" teilnehmen, wer nicht, und warum?
    Hat ein Land unbegrenzte Ressourcen?

    Gruss, muheijo
     
  3. excideuil

    excideuil unvergessen


    Da will dich wohl jemand aufs Glatteis führen. Meines Wissens gibt es keinen Beleg dafür, dass N. ein geeintes Europa anstrebte. Die Aufgabe soll wohl sein, die Falschheit der These zu beweisen.

    Grüße
    excideuil
     
  4. ratlos

    ratlos Neues Mitglied

    Erstmals Danke für die schnelle Antwort.

    Anfangs war es England und Später kam Russland dazu. England konnte er nicht bezwingen durch deren Insellage und ihren Kolonien. Russland wegen falscher Kriegsführung.

    Was meinst du mit Ressourcen?

    Ratlos
     
  5. Papa_Leo

    Papa_Leo Aktives Mitglied

    Was wäre denn das für eine europäische Einigung gewesen?

    "Ich brauche 800 000 Mann und ich habe sie; ganz Europa werde ich hinter mir herschleifen! Ich habe meine Bestimmung noch nicht erfüllt; ich will beenden, was kaum begonnen. Wir brauchen ein europäisches Gesetz, einen europäischen Gerichtshof, eine einheitliche Münze, die gleichen Gewichte und Maße. Aus allen Völkern Europas muss ich ein Volk und aus Paris die Hauptstadt der Welt machen."
    Napoleon im Dezember 1811

    Ist das eine Einigung, wie wir sie heute anstreben?
     
  6. excideuil

    excideuil unvergessen

    Mit Sicherheit nicht.
    Einigung kommt von einigen. Und ich kann mich nicht erinnern, dass sich N. wirklich geeinigt hätte. Der Begriff diktieren trifft es wohl besser. In dem Zusammenhang sei an die vor ihm im Staub kriechenden Fürsten des Rheinbundes 1808 in Erfurt oder 1812 in Dresden erinnert.

    Das durch mich Hervorgehobene ist geschickte Propaganda, denn mir ist keine gezielte Außenpolitik N. geläufig außer der Krieg gegen England.

    Grüße
    excideuil
     
  7. Decurion

    Decurion Neues Mitglied

    Ach, sie mal einer an ;) Im Zusammenhang mit England fiele mir auch eine französische Seeblockade ein, die eher den Franzosen schadete als den Engländern.
    Russland machte da ja bekanntlichermaßen nicht mit (zumindest seit 1812).

    Vielleicht Geldmittel und Truppen?

    Anbei würde ich bemerken, dass Napoléon I. Bonaparte wohl mehr eine Hegemonie Frankreichs (die es auch bis zum Wiener Kongress gab) anstrebte (was dann mehr oder weniger ein geeintes Europa ergeben hätte).
    In welchem anderen Sinn hätte er denn soetwas haben wollen und durchsetzen können? Indem er das erste europäische Parlament einführt?
     
  8. ratlos

    ratlos Neues Mitglied

    Vielen dank an euch alle.
    Ihr habt mir sehr geholfen.
    :winke:
    :prost:
     
  9. excideuil

    excideuil unvergessen

    Die Idee vom ersten europäischen Parlament ist wirklich gut!
    Zur Erreichung hat sich N. auch alle Mühe gegeben. Z.B.:
    Napoleon Kaiser der Franzosen und König von Italien
    Umwandlung der Batavischen Republik in eine Monarchie unter seinem Bruder Louis.
    Schaffung neuer Fürstentümer/Königreiche: Berg (Murat), Westphalen (
    Jérôme)
    Enthronung der Bourbonen in Neapel, dafür Einsetzung von Joseph.
    Bäumchenwechselspiele: Murat König von Neapel - Joseph König von Spanien
    Rangerhebung der Rheinbundfürsten: Bayern, Württemberg, Sachsen werden Königreiche, Baden wird Großherzogtum
    Hochzeit N. mit Marie Luise von Habsburg.

    Fehlte nur noch ein Sieg in Spanien, gegen Rußland, natürlich England, vllt. gegen das osm. Reich und dann hätte N. den vereinigten Monarchen von Europa das erste europäische Parlament vorstellen können. Blöd wäre es natürlich gewesen, wenn das Parlament N. dann in seiner ersten Sitzung absetzt ...
    Aber vllt. ist die Idee ja doch nicht so gut! :grübel:


    Grüße
    excideuil
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die bisherigen Beiträge zeichnen m.E. ein einseitiges Bild der napoleonischen Ära und ihrer Bedeutung für Europa

    Zunächst sollte man eine Reihe von analytischen Dimensionen unterscheiden, um die Fragestellung zu vertiefen:
    1. welche politischen Ziele hat er real verfolgt?
    2. welche Ziele hat er zur politischen Rechtfertigung formuliert?

    http://www.jstor.org/discover/10.2307/40194603?uid=3737864&uid=2&uid=4&sid=21101544490443

    3. welche Entwicklungen hat er durch seine Politik und durch seine Kriegsführung angestoßen?. allerdings ist dabei zu unterscheiden nach:
    3.1 welche hat er intendiert und auch in die Praxis umgesetzt
    3.2 welche egaben sich als quasi Adaption des Modernisierungsdrucks, der durch seine Aktionen erzeugt worden sind. Diesen Effekt kann man z.B. in Preußen im politisch-administrativen und militärischen Bereich als Modernisierung erkennen.

    Eine Beantwortung der aufgeworfenen Fragen werde ich kaum hier leisten können, sondern eher eine fragmentarische Kommentierung.

    Insgesamt ist es sicherlich richtig, die nachträgliche Rechtfertigung und die egoistische Ausrichtung seiner dynastischen Ziele bei der Eroberung sehr kritisch zu sehen, wie Excideuil es ja auch macht.

    Gleichzeitig wurden durch ihn jedoch auch Fakten geschaffen, die jenseits von dynastischer Willkür lagen und wichtige Elemente der Modernisierung der europäischen Staaten beinhaltete.

    Als da wären:
    - die zunehmende Bedeutung des Nationalstaates, wie beispielsweise bei Bell beschrieben

    The Cult of the Nation in France: Inventing Nationalism, 1680-1800 - David Avrom. BELL, David Avrom Bell - Google Books

    - die zunehmende Ausweitung der Bürokratie als zentrale Institution des Nationalstaates und die damit zusammenhängende Integration des Nationalstaates

    - auch ein wichtiger Aspekt, der erst die Mobilisierung und Aufstellung der zukünftigen gewaltigen Massenheere ermöglichte (ein durchaus sehr problematisches Erbe)

    - aber auch das Aufbrechen bisheriger staatlicher Strukturen (HRR etc.)

    Napoleon's Integration of Europe - Stuart Joseph Woolf - Google Books

    wie auch z.B. bei Rowe beschrieben:

    From Reich to State: The Rhineland in the Revolutionary Age, 1780-1830 - Michael Rowe - Google Books

    - Auf seinen Anteil an der Militarisierung Europas (vgl. Parker und Howard dazu), durch die Steigerung der Effizienz staatlicher Administration, bin ich kurz eingegangen und diese Form der bellizistischen Sichtweise wird dann auch ein Teil des europäischen Verständnisses im Rahmen der Politik gegenüber der restlichen Welt, stichwort Imperialismus

    Imperien: Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den ... - Herfried Münkler - Google Books (vgl. z.B. S. 60)

    Und nicht zuletzt thematisiert er eine Idee, die Idee einer vernüftigen Weltordnung (auch wenn er sie selber gründlich diskreditiert hat), die weiter über die Wiener Konferenz, dem Völkerbund in die UNO einmündet wie Mazower es darstellt.

    Governing the World: The History of an Idea - Mark Mazower - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Januar 2013
  11. Marie Luise

    Marie Luise Neues Mitglied

    excideuil bringt es gut auf den Punkt: Napoleons Äußerungen sind als Propaganda zu werten. D.h., die Ziele und Motive, die er vorgibt, müssen nicht unbedingt jene sein, an die er glaubt und die er realisieren wollte.

    Dazu braucht man sich nur anzusehen, wie sich Napoleon immer wieder als friedenswillig präsentierte - nur die anderen zwangen ihn unter den Einflüsterungen englischer Agenten immer wieder zu Kriegen.

    Von "Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit" wollte Napoleon bei der Gestaltung Europas vermutlich nichts wissen. In wie weit er wirklich eine Universalmonarchie anstrebte, wie ihm seine Gegner unterstellten, muss dahingestellt bleiben. Die hegemoniale Stellung Frankreichs (in polit. wie wirtschaftlicher Hinsicht) war jedoch wesentlich.
     
  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Sicht auf Napoleon, in ähnlicher Weise die Fokussierung auf andere historische Persönlichkeiten, übersieht in der Regel, dass er nicht alleine gehandelt hat, sondern eingebunden war in ein komplexes Netzwerk von Personen, die aus unterschiedlichen Gründen seine Sichtweise geteilt haben oder abweichende Meinungen vertreten haben.

    Eine Fundierung dieser Sichtweise findet sich bei Mann in Anlehnung an W. Weber.

    http://books.google.de/books?id=_r3...a=X&ei=uxn5UPWwOIr24QTXwYGgBg&ved=0CC8Q6AEwAA

    In diesem Sinne ist nicht die individuelle Sichtweise entscheidend, sondern die Interaktion der unterschiedlichen Sichtweisen, basierend auf einem vorhandenen Set an real vorhandenen historischen Voraussetzungen, und ihre bewußte oder implizite Umsetzung in praktische Politik.

    So schreibt beispielsweise Broers in seiner Einleitung und hat m.E. völlig Recht: "The first theme is the need to see the Napoleonic empire as a collective enterprise, not just as the capricious work of one man or, indeed, of the French Nation, central as both are to the history of the period. Napoleon did not work alone and the empire was not France." (S. 2)

    The Napoleonic Empire and the New European Political Culture - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Januar 2013
  13. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Ganz beiseite schieben sollte man das allerdings auch nicht.
    England brauchte nunmal seine "Festlandsdegen". Die "Balance of Power" in Europa war ja nicht gedacht, weil England so friedensliebend war. Es ging um die wirtschaftliche hegemoniale Stellung Englands in der Welt.
    Wæhrend sich Europa gegenseitig in Schach hælt, kann England sich um seine Kolonien kuemmern und hat die benøtigten Absatzmærkte.
    Welches Land wære bereit/in der Lage gewesen, Krieg gegen N. zu fuehren ohne englische Subsidien?

    Gruss, muheijo
     
  14. excideuil

    excideuil unvergessen

    Meine bisherigen Beiträge waren der doch ungewöhnlichen Fragestellung des Threaderöffners geschuldet. Allerdings beschleicht mich das Gefühl, dass dies tatsächlich die Fragestellung war und nicht: "Warum scheiterte N. in Europa?" lauten sollte.

    Die Ausgangs-Fragestellung impliziert, dass Aussagen N. wie:
    einen realen Hintergrund in der Politik N. gehabt haben müssten, und nicht als Propaganda, Vision, Träumerei ... charakterisiert werden.

    Erstaunlich ist, dass, obwohl die tatsächlichen politischen wirtschaftlichen Handlungen N. keine andere Alternative als die Hegemonie über den gesamten Kontinent zuläßt, diese Absicht N. infrage gestellt wird.

    Aber zur Fragestellung selbst ist aus meiner Sicht alles gesagt.

    Grüße
    excideuil
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Kommen wir auf die ursprüngliche Frage zurück und lassen das "europäische Programm" von N mal außen vor.

    Er scheiterte als Person und historischer Akteur m.E., vereinfacht, aber vermutlich zutreffend beschrieben an der "strategischen Überdehnung". Seine Mittel, trotz der Ausbeutung Kontinental-West- und Mittel-Europas, standen in keinem Verhältnis zu den Zielen der Hegemonie in Europa.

    Dabei hat er die nationalen Eigenheiten der besetzten bzw. besiegten Länder und die damit zusammenhängende politische, ökonomische und militärische Kollaborationsbereitschaft überschätzt und die vielfältigen Widerstände unterschätzt.

    Wie bei Kennedy und Münkler sehr gut beschrieben.

    Aufstieg und Fall der großen Mächte: Ökonomischer Wandel und militärischer ... - Paul M. Kennedy - Google Books

    Imperien: Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den ... - Herfried Münkler - Google Books

    Als historischer Akteur ist N., in einem deutlich anderen Sinne als von ihm selber intendiert, weniger gescheitert und er hat vor allem die Ideen und die damit zusammenhängenden Organisationspinzipen des Staates als Beitrag zur Modernisierung nach Europa gebracht. Militärisch und politisch ist er an der "Überdehnung" gescheitert, aber nicht als "Modernisierer". Und die Uhren der gesellschaftlichen Entwicklung ließen sich auch durch die WK nicht mehr zurückstellen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Januar 2013
  16. excideuil

    excideuil unvergessen

  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    ui...tks....meine Vergeßlichkeit läßt wohl grüßen. :winke:
     
  18. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Das schadet doch nicht, wenn du hier in Kurzform einiges genannt hast. Lesenswert!

    Das Thema welche Kräfte Napoleon durch seine Erfolge weckte wird wohl auch in den kommenden Jahren durch "runde Jahrtage" Stoff für Themen bieten. Dazu kommen auch jene Kräfte, die erst den Aufstieg eines kleinadeligen Korsen zu einem derart mächtigen Mann ermöglicht haben! Hat er sich nicht auch selbst einmal mit Alexander verglichen und folgte nicht auf den Tod Alexanders eine eigene "Epoche" in Form des Hellenismus? Ist nicht Napoleon auch einer der Erwecker des Nationalismus, während der "Code Civil" eher ein Erbe jener Kräfte sind, die ihm den Aufstieg ermöglichten?
     
    1 Person gefällt das.
  19. excideuil

    excideuil unvergessen

    Das ist wohl wahr. Eine Reihe Jahrestage stehen ins Haus. Dazu gehört dann sicher auch wieder eine Diskussion über die Handlungsweise der Personen/Gruppen in den Stunden/Tagen der Niederlage, die einst Napoleon auf dem Weg zur Macht geholfen haben.

    Alexander ist ein Stichwort zu einem Grund des Scheitern:

    Hunecke führt in seinem Buch [1] aus, dass die Diktatur zu Beginn der Herrschaft N. (Konsulat) hist. gerechtfertigt war, unter der Prämisse, dass sie im Verständnis einer temporären Diktatur eingerichtet wurde. In der Nichtbeschränkung N. und der Nichtverhinderung durch die politischen Kräfte liegt dann der Schlüssel des Scheitern: die zeitlich unbeschränkte absolute Macht. Sie machte dann alle Fehler möglich, die letzlich zum Scheitern führten.

    Als Erwecker würde ich eher die franz. Revolutionäre sehen, die die Verteidigung der Rev. nach außen organisierten und dann den Krieg als rev. Selbstverständnis betrachteten (Stichwort "natürliche Grenzen")

    Bei N. ist wohl zu differenzieren. Keine Frage, er war ein begnadeter Propagandist und Selbstdarsteller, und sicher nutzte er den Nationalismus. Sicher wird man aber auch feststellen können, dass er die positiven aus der Rev. stammende Elemente - wie zum Beispiel das Verbot der Marseillaise zeigt - mit Einrichtung des Kaisertums zu unterdrücken suchte. Dazu gehört auch, dass die Armee nicht mehr auf die Nation sondern auf seine Person eingeschworen wurde.

    Dem zweiten Halbsatz nehme ich das Fragezeichen, m.A.n. völlig korrekt.

    Grüße
    excideuil

    [1] Hunecke, Volker: Napoleon – Das Scheitern eines guten Diktators, Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2011
     
  20. General Höhl

    General Höhl Gesperrt

    1. Um nur mit einem Zitat Napoleon richtig darzustellen finde ich reicht nicht. Dieser Mann wollte denke ich noch viel mehr erreichen als Krieg Krieg Krieg.

    Einheit
    Freiheit
    Gleichheit

    Dies wollte er in ganz Europa verbreiten nicht nur in Frankreich und ich finde das sind bessere Gründe einen zur damaligen Zeit "gerechten Krieg" zu führen als aus Machthunger wie das ja damals normal war.

    Am ende MUSSTE Napoleon alleine gegen ganz Europa kämpfen das in einer Art "Nationalismus" war.

    deswegen ganz klar. Der Kriegstreiber war nicht nur Napoleon.
     

Diese Seite empfehlen