Auch wenn ich EL Q sonst sehr schätze, halte ich den Versuch die Expansion Roms und die Karthagos und deren Vorgehen gleich zu setzen für gescheitert. Ich glaube es ist schon alles wichtige gesagt worden und mir fehlt auch die Zeit. Zusammenfassend war die Karthagische Expansion bis zum Ende des ersten punischen Krieges eher oberflächlich zu meist auf Handelsposten ausgerichtet als auf imperiale Expansion. Diese ergab sich erst nach dem Söldnerkrieg in Spanien für einen kurzen Zeitraum, bis zum Ende des zweiten punische Krieges. Danach war Karthago nur noch Opfer. Das hat Turgot sehr gut ausgeführt. Roms Geschichte ist durchgegehend geprägt von imperialer Expansion, welche die Römer als Geschichtsschreibende Partei im nachhinein hervorrragend zu rechtfertigen verstanden. Ich verstehe die Absicht von bestimmten Narrativen weg zu kommen. Karthago war kein Unschuldslamm. Aber wir können die Geschichte doch nicht einfach ignorieren und müssen Roms Handeln anders bewerten als das von Karthago.
Die häufigen Kriege Karthagos gegen die Griechenstädte Siziliens kann man nicht als auf die Errichtung von Handelsposten ausgerichtet abtun. Das hatte sehr wohl imperialen Charakter. Aber nicht nur dort: Karthago unterwarf sich auch in Afrika das Umland seiner Stadt, also etwa das Gebiet des heutigen Tunesien. Auf Sardinien scheint eine Kolonisierung bis ins Landesinnere stattgefunden zu haben.
Außerdem ist Dein Vergleich ziemlich unbillig, weil Du ex-post das Rom der späten Republik und Kaiserzeit mit dem Karthago bis zum 1. Punischen Krieg vergleichst. Unbillig auch deshalb, weil wir nicht wissen, wie sich Karthago weiterentwickelt hätte, wenn es gewonnen hätte. (Ich will hier gar keine Spekulationen anstellen.)
Beide Städte scheinen etwa zur selben Zeit gegründet worden zu sein. Karthagos Gründung wird traditionell auf das späte 9. Jhdt. datiert (die angebliche Gründung durch Dido etwa zur Zeit des Trojanischen Kriegs, also um 1200 v. Chr. herum, ist unhistorisch), die Roms auf die Mitte des 8. Jhdts. Man kann also sagen, dass beide Städte etwa zur selben Zeit starteten.
Zu Rom: In den ersten Jahrhunderten seiner Existenz expandierte es fast gar nicht. Selbst über seine unmittelbare Nachbarschaft, Latium, übte es, wenn überhaupt und nur zeitweise, nur eine lose Hegemonie aus. Erst Anfang des 4. Jhdts. v. Chr. gewann es mit der Zerstörung Veiis die völlige Kontrolle über den Unterlauf des Tiber. Erst in der zweiten Hälfte des 4. Jhdts. v. Chr. griff es nach Kampanien aus. Die Kontrolle über weite Teile Italiens gewann es erst kurz vor dem 1. Punischen Krieg. Diese „Expansion“ bestand aber nur selten in einer völligen Unterwerfung größerer Territorien. Meist wurden die Besiegten nur zum Abschluss von „Bündnissen“ gezwungen, behielten aber ihre Autonomie. Ansonsten beschränkte sich Rom darauf, in Italien diverse Kolonien anzulegen.
Nun zu Karthago: Bereits im 6. Jhdt. v. Chr. betrieb es eine aktive Großmachtpolitik im westlichen Mittelmeerraum und übernahm die Kontrolle über die dortigen anderen phönizischen Kolonien, im Fall Uticas als formal halbwegs gleichberechtigte Partnerstadt, im Fall der anderen Kolonien in Form einer sehr viel direkteren Herrschaft. Auch auf Sardinien und Korsika war es bereits aktiv und ging militärisch gegen die Griechen vor, die Korsika kolonisieren wollten. Auf Sizilien betrieb es eine aktive Expansionspolitik.
Zu Beginn des 1. Punischen Krieges haben wir also einerseits Rom, das große Teile Italiens teils direkt (durch Kolonien), teils indirekt (durch „Bündnisse“) kontrollierte, andererseits Karthago, das Tunesien, Sardinien und Westsizilien sowie die meisten phönizischen Städte des westlichen Mittelmeerraums direkt beherrschte, andere (wie Utica) durch „Bündnisse“. In Sachen „imperiale Expansion“ hatte Karthago bis zu diesem Zeitpunkt also eindeutig die Nase vorne.
Nach dem 1. Punischen Krieg unterwarf es dann aktiv noch größere Teile Spaniens, während sich Rom in dieser Zeit (neben der Kontrolle über die den Karthagern abgenommenen Gebiete) mit der Unterwerfung von ein paar illyrischen Küstengebieten und Inseln zur Ausschaltung illyrischer Piraten begnügte. Wer betrieb also in dieser Zeit die aktivere imperiale Expansionspolitik?
Zur imperialen Großmacht wurde Rom erst als Karthago schon gar nicht mehr im Spiel war.