Wie gesagt, ich kenn die Originalgeschichte gar nicht wirklich, sondern eigentlich nur die Einzelepisoden bzw deren Adaptionen der Neuzeit. Das der Film irgendwen überfordert kann ich mir nicht vorstellen. Die notwendigen Hintergrundinfos werden in dem "Ithaka-Erzählstrang" geliefert.
Zwei Aspekte noch: Es werden ("Ithaka-Erzählstrang") öfters die Seevölker erwähnt, und das deren Vordringe das Bestehen der Zivilisation selbst bedroht. Später, nach Odysseus Rückkehr, erklärt dieser dann an einer Stelle, sie, die Heimkehrer, seien diese Seevölker. Im Rahmen der erzählten Geschichte ein geschickter Schachzug, der nochmal die Sache mit Verantwortung und Folgen des eigenen Handelns betont. Historisch ist es aber eine etwas gewagte These, wenn mWn auch eine diskutierte. Und auch wenns zur ganzen Verantwortungs- & Folgen-des-eigenen-Handelns-Geschichte passt, fand ich es etwas gezwungen.
Das Ende ist anders als im Mythos. Im Film wird es so dargestellt, dass wer immer auch die Freier erschlägt, der Blutrache von deren Verwandten ausgesetzen sein würde, und gezwungen wäre, Ithaka zu verlassen. Das ist ein Grund, warum Telemachos nicht selbst versucht, mit Gewalt gegen die vorzugehen: Wenn er daraufhin ins Exil gewzungen würde, wäre Penelope völlig allein. Also bricht am Ende des Filmes Odysseus mit Penelope in den "unbekannten Westen" auf, und überlässt Telemachos die Herrschaft über Ithaka. Verstärkt wird das durch das Motiv, dass das irgendwie den Seelen von Odysseus unbestattet gebliebenen Gefährten im Totenreich helfen könnte. Beides (Blutrache & Seelsorge) scheint mir erfunden, zumindest so wie im Film dargestellt, und ich weiß nicht richtig, was ich daraus machen soll.
Außer eine zynische Vermutung zu äußern: Ich hab mich ja immer gefragt, warum nicht einer der Macher der Troja-Filme der letzten Jahre die Odyssee als Fortsetzung verfilmt hat. Ich mein, welches Franchise verzichtet sonst freiwillig auf einen zweiten Teil, va wenns schon eine Vorlage dafür gibt? Jetzt vermut ich, Nolan will Odysseus auf Aeneas treffen lassen, und in Teil 2 die Aeneis verwursten...
P.S.: Das Odysseus Vater (bzw Telemachos Großvater) noch lebt, wird im Film erwähnt, aber dann völlig ignoriert; ein Name wird auch nicht genannt.
In der Ilias setzt Homer die Kenntnis der Vorgeschichte voraus, die Handlung setzt ein im 10. Jahr der Belagerung, und der erzählte Zeitrahmen erzählt nicht den ganzen Trojanischen Krieg sondern auf einen Handlungsrahmen von einigen Wochen. Der Handlungsrahmen wo es so richtig Action gibt, der Zeitpunkt wo der Zorn des Achilleus umkippt von gekränktem Stolz von Zorn auf Agamemnon und die Griechen, die ihn, den Besten der Achäer gekränkt haben auf Hektor und die Troer ist sogar ein Zeitrahmen, der sich auf wenige Tage beschränkt.
Ähnlich ist es mit der Odyssee. Die fängt an mit der Frage: Wo steckt eigentlich Odysseus? Alle sind inzwischen mehr oder weniger glücklich heimgekehrt, nur Odysseus hängt immer noch bei Kalypso ab.
Wir erfahren wie es inzwischen auf Ithaka geht, wir erfahren, dass Telemachos allmählich zum Mann gereift ist. Mit Mentors und Athenas Hilfe entgeht er einem Hinterhalt der Freier, und er reist an die Höfe von Pylos und Sparta.
Erst im 5. Gesang tritt endlich Odysseus selbst auf. Er verlässt Kalypso, baut sich ein Floß und strandet bei den Phäaken. Die nehmen ihn gastlich auf, und in einer Schlüsselszene singt der blinde Sänger Demodokos (eine Hommage an Homer) von den Taten der Griechen, vom Streit zwischen Achilleus und Odysseus und wie es schließlich Odysseus gelingt, Troja zu erobern. Odysseus ist vom Gesang gerührt, bricht in Tränen aus und enthüllt, wer er ist. Dort berichtet er von seinen Irrfahrten und Abenteuern.
Auch in der Odyssee beschränkt sich der Zeitraum der eigentlichen Geschichte auf einige Wochen. Die Abenteuer und Irrfahrten des Odysseus werden in Rückblenden erzählt. Die Handlung setzt ein im 20. Jahr seit Odysseus nach Troja aufbrach. Wir erfahren, dass Penelope´ treu geblieben ist, dass sie und Telemachos von den Freiern belästigt werden, die sich über alle Regeln der Gastfreundschaft hinwegsetzen, die Odysseus Weinkeller leer saufen, seine Herden auffressen, seine Dienerschaft verführen, seine Sklavinnen beschlafen und sich so aufführen, weil sie nicht mehr damit rechnen, dass der Held zurückkommt. Es sind Usurpatoren.
Als dann Odysseus endlich auf Ithaka landet, da kennen wir die good guy und die bad ones, wir kennen die Zustände auf Ithaka. Auch hier beschränkt sich der Handlungsrahmen auf einige Wochen, Odysseus hängt bei Kalypso ab, Odysseus bei den Phäaken, die Telemachie, das umfasst einen Zeitraum von einigen Wochen, und die Action-Handlung sind auch hier nur wenige Tage. Die Tage, in denen Odysseus nach Ithaka zurückkehrt, bei Eumaios Aufnahme findet und gemeinsam mit Telemachos und mit der Hilfe seiner treuen Sklaven die Usurpatoren erledigt.
Odysseus Heimkehr und die Rache, das sind nur wenige Tage. Was inzwischen in Ithaka geschah, was Odysseus auf seinen Irrfahrten erlebt hat, dass erfahren wir aus Rückblenden, die Odysseus bei den Phäaken erzählt. Die Zustände auf Ithaka erfahren wir aus den ersten vier Gesängen.
In der Odyssee ist tatsächlich die Rede davon, dass es Stress gibt mit den Angehörigen der Freier. Vater Sohn und Großvater, Odysseus, Telemachos und Laertes kämpfen Seite an Seite, doch die Konflikte werden durch das Eintreten Athenes gelöst.
In der Ilias und Odyssee ist nicht eine Sekunde angedeutet, dass Odysseus Schuldgefühle hat, weil er Troja dem Erdboden gleich gemacht hat. Die Griechen haben auch nicht den Zorn der Götter auf sich gezogen, weil sie Troja erobert und die Trojanerinnen als Kriegsbeute mitgenommen haben, sondern weil sie jede Mäßigung vergessen haben. Ajax der Lokrer hat Cassandra an den Haaren aus dem Tempel gezerrt.