Aufbau von norditalienischen Republiken

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von Mithridates, 20. Januar 2010.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Zunächst ist festzuhalten, dass Besatzungsregimes stets unbeliebt sind. Wer möcte schon von einer fremden Macht aus einem völlg anderen geografischen Winkel beherrscht werden?

    Bei Venedig kam erschwerend hinzu, dass die "Lateiner" in der gesamten griechisch-byzantinischen Ökumene verhasst waren, da griechisch-orthodoxer Glaube und katholischer für die Menschen nicht kompatibel waren. Das erlebten die fränkischen Kreuzritter in Konstantinopel ebenso, wie die Venezianer auf Zypern oder Kreta, obwohl sie auf diesen Inseln lange Zeit - auf Kreta sogar Jahrhunderte - saßen. Auf Kreta gab es unzählige Aufstände gegen die venezianischen Besatzer, allerdings kamen sie nach der Eroberung durch die Türken vom Regen in die Traufe. In den Städten bildeten bald die Türken die Mehrzahl und auch gegen sie kam es zu Aufständen.
     
  2. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Es gibt aber den Unterschied, dass es auf Kreta Aufstände gab, die von venezianischen Feudalherren geführt wurden. Ihnen waren die Abgaben zu hoch, die sie an Venedig zu leisten hatten.In die sogenannte Sankt- Titus- Revolte, 1363 waren Grundbesitzer, Mitglieder altehrwüdiger venezianischer Familien wie Veniero, Querini und Gradenigo verwickelt, die eine neue Steuer zur Wartung des Hafens von Candia nicht entrichten wollten und sich mit den Griechen verbündeten.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die Betonung liegt auf "rückblickend". Es stellt sich aber die Frage, was Fehleranalysen und Verbesserungsvorschläge im Rückblick, unter Zugrundelegung heutiger Denkweisen, bringen sollen, wenn sie völlig die historischen Umstände, Interessen und Denkweisen derer, die quasi im Rückblick belehrt werden sollen, ignorieren.

    Es geht völlig an der historischen Realität und dem Denken des Mittelalters und der frühen Neuzeit vorbei, wenn man Venedig rückblickend vorwirft, dass es nicht seinen privilegierten Status in seinem Reich aufgegeben und sich nicht freiwillig mit einem Status als eine Stadt unter vielen begnügt hat, bzw. wenn man der Nobilität Venedigs rückblickend vorwirft, dass sie nicht freiwillig auf ihre Macht und ihren Einfluss (und wohl auch einen Teil ihres Wohlstands) verzichtet hat.

    Im Übrigen garantiert Mitsprache allein noch lange nicht Treue zum Gesamtstaat und die Identifikation mit diesem. Mitsprache hatte auch die Bevölkerung der Südstaaten der USA vor der Sezession. Mitsprache haben auch die Katalonen in Spanien und die Schotten in Großbritannien.
     
  4. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    und die Bayern in Deutschland:pfeif:
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Es ist eine gute historische Tradition, die Effektivität von Staaten sowie deren machtpolitisches Wirken zu bewerten. Was z.B. Rom oder Karthago betrifft, so haben wir das in diesem Forum in endlosen Threads praktiziert, ganz abgesehen von diesbezüglichen Publikationen. Warum sollte das für die aristokratische Republik Venedig nicht gelten?

    Es geht am "Denken des Mittelalters" keineswegs vorbei, wenn Staaten oder Reiche ihren Adel an der Staatsführung beteiligen. Venedig hat das für seinen neu gewonnenen Festlandsbesitz nicht praktiziert, was eine Identifikation des festländischen Adels mit dem Staat verhinderte. Das sehen zahlreiche Historiker kritisch und dieser Meinung kann man sich durchaus zustimmen.

    Warum Venedig dadurch allerdings eine "Stadt wie viele" geworden wäre, erschließt sich mir nicht. Angesichts der strikten Aufnahmebedingungen in die verschiedenen venezianischen Staatsorgane wären wichtige Repräsentanten der Nobilität der Terra ferma im Großen Rat, Kleinen Rat, der Quarantia, dem Senat und dem Rat der Zehn vertreten gewesen. Das hätte weder die Macht noch die Effizienz oder das Selbstverständnis der Republik von San Marco beschädigt, sondern ganz im Gegenteil die Stabilität des Staates gefördert.
     
  6. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Faszinierend finde ich, das Rechtswesen Venedigs, welches, trotz auch drakonischer Strafen und der Anwendung der Folter, den übrigen mittelalterlichen Staaten um jahrhunderte voraus war. So waren, z.B. Minderjährige und geistig Behinderte vor der Todesstrafe geschützt. Zeugen konnten zur Verhandlung nach Venedig geholt werden und es gab Berufungsverfahren, die nicht selten, aus Mangel an Beweisen oder Verfahrensfehler mit dem Freispruch endeten. Es gab bereits die strenge Unterscheidung bei Tötungsdelikten, in Mord und fahrlässiger Tötung. Das ganze wurde nochmals in versehentliches töten, Notwehr, hinterhältigen und vorsetzlichen Mord untergliedert. Gleiches Recht galt für alle, egal welchen Standes. Im Rechtssystem Venedigs konnten sowohl mildernde Umstände geltend gemacht, als auch Klagen, mangels Beweisen oder wegen Geringfügigkeit abgewiesen werden.
    Jedem Statthalter wurden die Knie weich, wenn die" provveditori", die Untersuchungsbeamten erschienen, Bücher prüften und Klagen anhörten. Mancher hohe Provinzfürst musste die Beamten, in Ketten nach Venedig begleiten. Die Republik kannte keine Gnade für korrupte Beamte oder bei Rechtsbeugung.
    Dieses Rechtssystem dürfte auch ein Grund für den Erfolg des Staates gewesen sein. Es galt der Grundsatz: "Die Ehre der Republik verlangt, dass all ihre Lenker hervorragendes leisten."
     
  7. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Soweit es mich betrifft, habe ich es noch nie als sonderlich sinnvoll erachtet, darüber zu sinnieren, ob die römische Republik stabiler gewesen wäre, wenn man den Senat und die Volksversammlungen durch ein von allen Reichsbewohnern gewähltes Parlament nach heutigem Vorbild ersetzt hätte. Genauso gut könnte man fragen, ob es für das Frankenreich vorteilhaft gewesen wäre, die Republik mit einem gewählten Präsidenten einzuführen, um die ständigen Erbteilungen zu vermeiden.

    Die Effektivität von Staaten sowie deren machtpolitisches Wirken kann man natürlich bewerten. Wenn man aber "Lösungsvorschläge" aus der heutigen Perspektive heraus erstellt und dann noch ableitet, wenn sie damals umgesetzt worden wären, hätten die Staaten besser funktioniert, ist das kontrafaktische Geschichtsschreibung.

    Ich denke schon, dass es für eine Stadt und ihren Adel einen Unterschied macht, was Macht, Einfluss und Selbstverständnis betrifft, ob ihre Organe zu 100% oder nur zu 10% von Adligen aus der Stadt besetzt sind und die restlichen 90% von Provinzialen. Für eine völlige Integration nach heutigem Verständnis hätte obendrein natürlich auch der Doge in der Regel aus der Provinz sein müssen. Ob es wirklich weder die Macht noch das Selbstverständnis der Republik von San Marco beschädigt hätte, wenn ein Friauler oder gar ein Kreter oder Zypriot Doge gewesen wäre?
    Aber da kann man wohl unterschiedlicher Ansicht sein.

    Man hätte natürlich nicht so weit gehen müssen und sich auch darauf beschränken können, lediglich ein paar Alibi-Vertreter aus der Terra ferma aufzunehmen, die gegen die Nobilität Venedigs eh nicht ankommen. Dann aber stellt sich die Frage, ob das etwas gebracht hätte oder ob sie nicht auch als genau das, nämlich als Augenauswischerei, betrachtet worden wären. Zufrieden wäre dann erst recht niemand gewesen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2014
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Mit der venezianischen Geschichte vertraute Autoren sind da ganz anderer Meinung als du. Sie heben die Frustration der Nobilität der Terra ferma ausdrücklich hervor und sehen sie als eines der zentralen Motive für den Niedergang der Republik Venedig.

    Die Einbindung der Terra ferma in die Organe der Regierung hätte die Stabilität des venezianischen Staates unbestreitbar gefördert und zur Abwehr feindlicher Mächte auf dem Festland beigetragen. Die meisten anderen Faktoren des Niedergangs wie die Verlagerung der Handelswege in den Atlantik oder das Vordringen der Türken konnte Venedig nicht beeinflussen. Man muss sich wundern, dass die Republik von San Marco überhaupt so lange überlebte: immerhin rund 1200 Jahre.
     
  9. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Dass die Nobilität der Terra ferma frustriert war, habe ich doch überhaupt nie thematisiert oder bestritten.
    Mir ging es nur um die Nobilität Venedigs.
     

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