Die erste europäische Segmentbogenbrücke

Dieses Thema im Forum "Geschichte der Naturwissenschaften" wurde erstellt von Gegenkaiser, 12. Oktober 2006.

  1. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Hallo,

    ich suche die erste Segmentbogenbrücke in Europa. Ein Segmentbogen ist ein Bogen, der einen Kreis beschreibt, der kleiner ist als ein Halbkreis, also kleiner als 180 Grad, also einen flacheren Bogen beschreibt.

    Segmentbogenbrücken stellen gegenüber Halbkreisbogenbrücken einen technischen Fortschritt insofern dar, als daß sie ein deutlich besseres Höhe-Spannweite-Verhältnis besitzen, also weniger Material bei gleicher Spannweite verwendet werden muß. Allerdings müssen sie dafür stärkere Widerlager haben, um den höheren lateralen Druck des flacheren Bogens auffangen zu können.

    Das Problem ist, daß der Übergang vom Halbkreisbogen zum Segmentbogen natürlich fließend ist und es deshalb schwierig ist, eine genaue Grenze zwischen den beiden Brückentypen zu ziehen.

    Mein ältester Kandidat war bislang die Ponte Vecchio in Florenz (Bj. 1335). Allerdings bin ich jetzt auf den Pont Saint-Bénezet in Avignon (circa 1170-75) gestoßen, dessen Bögen auch schon stark segmentartig sind. Also wer kennt sich mit der Materie etwas aus? Wer kennt das Höhen-Spannweite-Verhältnis für die vier verbliebenen Bögen der Avignon-Brücke?

    Fotos hier: http://www.romanarmy.com/rat/viewtopic.php?t=11327
     
  2. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Such mal hier:
    http://de.structurae.de/structures/data/index.cfm?ID=s0000258

    Das ist zwar eine chinesische Segmentbogenbrücke von 600, aber in der Datenbank findest du auch jede Menge über Europa.
    Ich bin mir nicht sicher, aber das hier könnte auch schon ein Segmentbogen sein:
    http://deu.archinform.net/projekte/11121.htm?ID=11e71f0de092b0c809aed042f8cdb1e9
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Oktober 2006
  3. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

    Also das finde ich ja sehr interessant. Die älteste Segmentbogenbrücke der Welt haben dann wohl die Römer gebaut, mit der Trajans-Brücke über die Donau. Die war zwar aus Holz, erfüllte aber das Prinzip der Segmentbogenbrücke exakt.

    Insofern wäre den alten Chinesen nur eine Verbesserung gelungen, indem sie im 6. Jahrh. eine steinere Version erfunden haben. Habe ich das insofern richtig verstanden ?
     
  4. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Mit Winkelmaßen kenn ich mich zwar nicht aus, aber vielleicht fällt ja die Steinerne Brücke in Regensburg darunter, die im 12. Jahrhundert erbaut wurde.
     
  5. Mercy

    Mercy unvergessen

  6. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

    Ich denke schon, dass du damit recht hast. Die Steinerne Brücke in Regensburg stellt einen Übergangstyp der mittelalterlichen Bautechnik dar. Vom Rundbogen- langsam zur Segmentbogenbrücke. Mercys Bild zeigt das deutlich, denn die Bögen sind keine perfekten Halbkreise mehr, sondern schon etwas länglicher.

    Leider ging die römische Bautradition ja wieder verloren, so dass die im Hochmittelalter erneut experimentieren mussten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 7. November 2006
  7. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 7. November 2006
  8. Lukrezia Borgia

    Lukrezia Borgia Moderatorin

    Dann wäre vielleicht die unsere Steinerne Brücke doch die erste, sie wurde nämlich bereits 1135 begonnen. Im Wikipediaartikel sind die Maße angegeben, die Mathematiker von euch können daraus vielleicht das Winkelmaß errechnen, wobei ich das nicht glaube, weil die Bögen zur mitte hin etwas steiler werden. Auf diesem Bild erkennt man, dass die Bögen allgemein aber recht flach sind, in live wirken sie noch flacher:
     

    Anhänge:

  9. Louis le Grand

    Louis le Grand Neues Mitglied

    Denke ich auch. Aber es ist dann die erste steinere Segmentbogenbrücke Europas. Die erste Segmentbogenbrücke der Welt (was ich so interessant finde) haben aber die Römer in der Antike erbaut. Nicht, wie so oft behauptet wird, die Chinesen haben sie im 6. Jahrh. erfunden, sondern Apollodor von Damaskus.

    Trajansbrücke 100 n. Chr

    Steinpfeilerbrücke von Heidelberg um 200 n. Chr

    Sind beides für mich erkennbar Segmentbögen, nur dass die Bögen noch aus Holz sind.
     
  10. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Steinerne Segmentbogenbrücken - insbesondere nur einbogige - waren schon seit langem gebräuchlich, wenn die örtlichen Verhältnisse es zuliessen. Die Ufer mussten sehr steil und felsig sein, um den hohen Querschub eines nicht vollständigen Bogens aufzunehmen. Das älteste mir bekannte Beispiel ist der Ponte della Rocca in Blera bei Viterbo, der auf 500 v.Chr. datiert wird, was bedeuten würde, dass die Brücke in der Blütezeit der Etrusker gebaut wurde.
    http://de.structurae.de/photos/index.cfm?JS=68116
    Der Ponte de Diavolo, ebenfalls in Blera, wird auf 285 v.Chr. datiert, wäre damit ebenfalls noch etruskisch.
    http://de.structurae.de/photos/index.cfm?JS=68115
    Die ufernahen Bögen des Ponte di Pietra in Verona, datiert auf 100 v. Chr.. sind schon recht flach, insbesondere am einen Ufer, während die beiden mittleren Bögen fast vollständige Rundbögen sind.
    http://de.structurae.de/photos/index.cfm?JS=21151
    Der Ponte in Pietra in Aosta (20 v. Chr.) zeigt seht schön das Widerlager zum Abfangen des Querschubes am Ufer.
    http://de.structurae.de/photos/index.cfm?JS=68104
    Alle diese reinen Steinbrücken sind noch ziemlich steil, aber erkennbar keine vollständigen Bögen mehr.
    Hölzerne Segmentbogenbrücken liessen sich sehr viel flacher bauen, weil das Eigengewicht der Brückenkonstruktion sehr viel geringer ist. Ausserdem lässt die Sprengwerkkonstruktion (es ist ja kein reiner Bogen, sondern eine Bogen/Fachwerk-Mischung) eine bessere Verteilung des Querschubes zu.
     
  11. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt


    Das stimmt nicht so ganz.

    Die erste erhaltene steinerne Segmentbogenbruecke Europas und vielleicht sogar der Welt steht in Alconetar bei Caceres (Spanien) und wurde von den Romern errichtet. Ihre Boegen sind ganz eindeutig Segmentboegen. Allerdings haben die Roemer es bei dieser Bruecke versaeumt, den Vorteil von SBB auszunutzen, naemlich eine hohe Spannweite bei geringer Hoehe zu erzielen. Deswegen ist die Bruecke zwar technisch gesehen eine Segmentbogenbruecke, aber vom Sinn her nicht.

    Korrekt muesste es also heissen: Anji Bruecke = erste erhaltene steinerne Segmentbogenbruecke im eigentlichen Sinne

    Bruecke von Alconetar: http://users.servicios.retecal.es/jomicoe/Alconetar.JPG
     
  12. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Kwschaefer,

    prima Auflistung, ziemlich findig. Allerdings finde ich, dass die Boegen doch noch stark halbkreisfoermig sind, auch wenn sie schon eine gewisse Verflachung erkennen lassen. Interessant duerfte bei den etruskischen Bruecken der Umstand sein, dass sie 350 Jahre aelter sind als die aeltesten roemischen steinern Bruecken und sogar 1000 Jahre aelter sind als die aeltesten chinesischen steinerne Bruecken.

    Aber weisst du was? Die Frage, inwieweit eine Bruecke SBB ist oder nicht, laesst sich ganz exakt loesen, naemlich durch das Verhaeltnis zwischen Bogenhoehe und Spannweite.

    Allerdings stellt das Internet solche Infos fast nicht bereit. Es gibt aber ein Superbuch ueber roemische Bruecken von einem englischen Ingenieur Colin O'Connor (Roman Bridges), leider nur suendhaft teuer, aber vielleicht hat es ja deine Bibi in der Umgebung.
     
  13. kwschaefer

    kwschaefer Aktives Mitglied

    Das ist ja wohl jedem klar.
    Bei einem Segmentbogen liegt der Kreismittelpunkt unterhalb der Horizontallinie, die die Kämpferpunkte verbindet.
    Die Bogenhöhe über der Horizontallinie wird als Stich bezeichnet.
    Und der Stich ist bei einer SBB immer kleiner als die Bogenweite.
     
  14. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Das führt uns zu der Frage, ob es irgendwo eine detaillierte Auflistung des Höhe-Weite-Verhältnisses von antiken oder mittelalterlichen Brücken gibt?
     
  15. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Bin der Frage weiter nachgegangen auf viel Material gestossen. Nach dem Stand meiner derzeitigen Recherchen sieht so aus, als ob in Europa ab dem 14. Jh. Segmentbogenbrücken in verstärktem Maße gebaut wurden und sogar bereits die größten Bogenspannweiten auf der Welt aufwiesen. Es sieht so aus, dass europäische Brückenbauer auf diesem Feld bereits im Spätmittelalter und noch vor der Renaissance die globale Führung übernommen hatten.

    Mittelalterliche Segmentbogenbrücken:
    Pont St. Bénézet - Wikipedia (nur leicht segmentiert: Verhältnis von Spannweite zu Bogenhöhe 2,5 zu 1)
    Ponte Scaligero - Wikipedia
    Trezzo-Brücke - Wikipedia (sehr wenig über Brücke zu finden. Enorme Spannweite, wenn zutreffend, deutet auf Segmentbogen hin).
    Pont Grand (Tournon) - Wikipedia

    Renaissance:
    Fleischbrücke - Wikipedia (6,4 zu 1, damit flacheste Brücke aus der Zeit (und davor), die ich kenne)

    Römer:
    Aber es wird noch interessanter. Colin O'Connor ("Roman Bridges", Cambridge University Press 1993, ISBN 0-521-39326-4, S.126) greift explizit Joseph Needhams Spekulationsthese auf, dass die Römer keine Segmentbogenbrücken gebaut hätten, und führt eine praktisch völlig unbekannte Segmentbogenbrücke in der heutigen Südtürkei bei Limyra (heute Finike, Nähe Aspendos) auf, die bei 330 m ein für die Zeit phänomenal flaches Profil von 5.3:1 hatte. Meines Erkenntnisstands Weltrekord bis zur Ponte Vecchio in Florenz (1340er), die den gleichen Quotienten besitzt. Die Brücke muß heute noch existieren und es gibt auch einen Fachartikel zu ihr.
     
  16. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    W. Wurster and A. Ganzert, "Eine Brücke bei Limyra in Lykien," Archäologischer Anzeiger (1978), 288-307

    Hat jemand dieses Goldstück? :D

    PS: Könnte die Redax so nett sein und meine Fäden in diesem Forum allesamt zu "Technikgeschichte" verschieben? Danke.
     
  17. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

  18. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

    Das Projekt über Römische Segmentbogenbrücken hat Fahrt aufgenommen. Bislang konnte ich ungefähr ein Dutzend solcher Brücken ausmachen. Kriterium war dabei, O'Connor folgend, ein Längen-Höhen-Verhältnis des Brückenbogens von min. 3 zu 1. Um bauliche Ungenauigkeiten und nachträgliche Formveränderungen der Bögen als Ursache auszuschließen. Eine genaue Ermittlung auf eine Stelle hinters Komma war jedoch mangels belastbarer Daten häufig leider nicht möglich. Auch das Baudatum ist häufig umstritten (und damit die Zuordnung als römische Brücke). Trotzdem sollte es jetzt hinreichend klar sein, daß die Römer den Segmentbogen auch im Brückenbau nutzten - und zwar um Jahrhunderte früher als sonstwo.

    Die älteste europäische Segmentbogenbrücke, um den Fadentitel direkt anzusprechen, stammt aus dem 1. Jh. v. Chr., die Ponte San Lorenzo in Padua (s.u.):

    Übersicht über alle Römerbrücken in der WP: Kategorie:Römische Brücke ? Wikipedia

    Römische Segmentbogenbrücken:
    Brücke bei Limyra ? Wikipedia
    Brücke bei Kemer ? Wikipedia
    Makestosbrücke ? Wikipedia
    Ponte San Lorenzo (Padua) ? Wikipedia
    Römerbrücke (Saint-Thibéry) ? Wikipedia
    Pont sur Laye ? Wikipedia
    Leontesbrücke ? Wikipedia

    Auch interessant war, dass es bereits viele Brücken mit Hohlkammersystem gab:
    Aiseposbrücke ? Wikipedia
    Weiße Brücke (Mysien) ? Wikipedia

    Ebenfalls dokumentiert sind die beiden größten Flußüberbauungen der Antike:
    Brücke von Pergamon ? Wikipedia
    Brücke von Nysa (Karien) ? Wikipedia

    Manchmal kann man nicht mehr Informationen herausbekommen als das wenige hier:
    Konstantinbrücke (Mysien) ? Wikipedia

    Oder sie dienen nur noch dazu, nen Holzschuppen zu tragen:
    Ponte del Gran Caso ? Wikipedia

    Römische Brücken gabs überall, selbst im Hauran in Syrien:
    Brücke bei Nimreh ? Wikipedia

    Einige stehen sogar noch auf etruskischen Fundamenten:
    Ponte dell' Abbadia ? Wikipedia

    So weit der Stand der Dinge erstmal. :devil:
     
    1 Person gefällt das.
  19. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

  20. Gegenkaiser

    Gegenkaiser Gesperrt

Diese Seite empfehlen