Geschlechterrollen in der Steinzeit

Dieses Thema im Forum "Frühzeit des Menschen" wurde erstellt von Nvth, 26. Februar 2009.

  1. Arldwulf

    Arldwulf Aktives Mitglied

    Wie schon ein paar mal gesagt: Die Vorstellung vom Speertragenden, dem Mammut hinterherjagendem Jäger schränkt das ganze sehr ein. Das sieht man schon beim Thema schweigsam. Es gibt genug Jagdmethoden welche Krach benötigen.

    Wenn man zumindest ansatzweise verstehen will wer dort eigentlich gejagt hat, muss man die Jagdmethoden analysieren. Selbst dann lassen sich keine Allgemeingültigen Aussagen treffen, aber besser als inhaltsleeres Spekulieren ist es allemal.
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Forschung ist sich ziemlich einig, dass die Großwildjad von den Männern betrieben wurde, während das Sammeln von Wurzeln, Beeren, Knollen, Schnecken oder Muscheln sowie die Kleintierjagd den Frauen und Kindern oblag. Es gab also eine Arbeitsteilung, die den physischen Kräften und der Verfügbarkeit angepasst war, da bei der Arbeit der Frauen auch Zeiten der Schwangerschaft, des Stillens und der Aufzucht von Kindern zu berücksichtigen waren.

    Die prähistorische Forschung ist allerdings ebenfalls der Meinung, dass der Ertrag der Sammlerinnen mindestens (!) ebenso bedeutsam zur Existenzsicherung der Horde bzw. Gruppe beitrug, wie die Großwildjagd der Männer, die nicht immer erfolgreich war oder sogar in einem Misserfolg enden konnte. Die Frauen der Altsteinzeit trugen also einen gewaltigen Teil zur Existenzsicherung bei und manche Forscher sind sogar der Meinung, dass dieser Anteil durchaus mit Dreiviertel des gesamten Nahrungsertrags der Horde zu bewerten ist.
     
  3. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Wer genau ist das?
     
  4. Arldwulf

    Arldwulf Aktives Mitglied

    Schon das ist doch sehr fragwürdig. Alleine weil es _die_ Grosswildjagd wohl nicht gab, sondern eine Vielzahl von verschiedenen Jagdmethoden und grossen Beutetieren.

    Können wir zum Beispiel bei Treibjagden ernsthaft davon ausgehen dass man auf einen grossteil der möglichen Treiber verzichtete? Und dies ist ja nicht die einzige Methode bei der Masse statt Klasse schlichtweg effektiver ist. Auch das ausheben von Gruben mag auf den ersten Blick Männerarbeit sein...Erde wegtragen und die Gruben beobachten ist aber etwas bei dem jeder helfen kann. Das Mammut welches im Sumpf einsackt mit Steinen zu bewerfen und weiter hinein zu treiben ebenso.

    Und wie ist es mit Wurzeln, Beeren und Knollen oder Muscheln? Auch hier ist es eher so dass diese natürlich auch von weiteren Reisen mitgebracht werden können, und eine Gruppe von Jägern die einige Kilometer entfernt am Wasserlauf auf Beutefang geht auf ihrem Weg natürlich auch Verpflegung einsammelt wenn dies möglich ist. Und beim Warten auf das Grosswild auch Kleinwild erlegen.

    Eine wirklich strikte Trennung wäre in vielen Fällen uneffektiv.
     
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  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man kann das auch anders formulieren:Tätigkeiten, die besonders viel Muskelkraft und Ausdauer verlangten, wurden vorwiegend von Männern erledigt. Das ist eine logische Konsequenz und wird durch Analogieschlüsse hinsichtlich heute lebender steinzeitlicher Stämme (u.a. Borneo, Brasilien usw.) bestätigt.

    Wie strikt das gehandhabt wurde, lässt sich im Abstand von über 15 000 Jahren und mangels ausreichender Quellen nicht mehr sagen. Dass es allerdings eine Arbeitsteilung gab, die die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen berücksichtigte, kann man zweifellos annehmen.
     
  6. Arldwulf

    Arldwulf Aktives Mitglied

    Ohne Frage aber das Thema dieses Threads ist ja eine sehr spezifische, auf die Nahrungsbeschaffung ausgelegte Geschlechtertrennung. Und da stellt sich dann halt erstmal die Frage welche Nahrung wie beschafft wurde.

    Das wird aber vom Klischee des speerwerfenden Mammutjägers nicht wirklich beantwortet, erst recht nicht für den gesamten Zeitraum.
     
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  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ob das ein Klischee ist, weiß ich nicht. Jedenfalls nimmt die Forschung an, dass das Sammeln von Nahrung vorwiegend von Frauen und Kindern ausgeübt wurde, was auch auf die wenigen heutigen Stämme zutrifft, die noch auf der Stufe der Steinzeit leben. Das muss aber nicht heißen, dass die Männer ihr Leben lang nur Mammuts jagten. Es gab sicher noch andere Tätigkeiten, die vorzugsweise Männer ausübten. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
     
  8. Stefan70

    Stefan70 Aktives Mitglied

    Wer ist das eigendlich "die Forschung"?
     
  9. Stefan70

    Stefan70 Aktives Mitglied

    Diese Antwort ist nicht fair. Ich habe meine Erfahrungen ins Forum eingebracht. Andere können andere Erfahrungen haben, aber ich meine, daß solche Beobachtungen sich übertragen lassen.
     
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  10. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wir haben uns leider missverstanden, Stefan. Ich dachte, du wolltest eine Definition von "Forschung", du hast aber Zitate von Forschern zur Arbeitsteilung von Männern und Frauen in der Altsteinzeit erwartet. Ich habe in den letzten Jahren viel darüber gelesen, aber nur noch wenige Reste zu dieser Thematik in meinem Bücherschrank. Daraus will ich gern zitieren.

    Da ist zunächst der berühmte afrikanische Paläoanthropologe Richard Leaky. In seinem Buch "Der Ursprung des Menschen" ("In Search of What Makes us Human") entwirft er in einer kurzen Sequenz ein "Lebensbild", in dem er darstellt, wie er sich die Arbeitsteilung von Männern und Frauen im Paläolithikum vorstellt. Das "Lebensbild" ist eingebettet in die wissenschaftliche Darstellung des Buchs:

    Eine ergänzende Darstellung liefert diese Publikation:

    In ähnlicher Weise äußert sich auch Hans Biedermann:

    Die Forschung geht in der Altsteinzeit von einer Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen aus, wobei Männern vorzugsweise die Jagd vorbehalten ist, Frauen und Kinder eine Sammeltätigkeit und Kleintierjagd ausüben.
     
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  11. Staufer

    Staufer Neues Mitglied

    Um es gleich zu sagen, ich habe den gesamten Thread gelesen. Vom Anfang bis zu den letzten Beiträgen. Sprich - ich weiss, dass es wieder! einmal fast zur Eskalation gekommen ist.

    Was obigen Beitrag betrifft, kann ich deine Beobachtung bestätigen.

    Es gibt immer jene welche vorauslaufen, dann einen großen Pulk in der Mitte und eine "Nachhut" die wirklich bummeln und tatsächlich ständig nur am Quasseln sind.
    Und du hast Recht. Vorne sind mehr Männer und hinten mehr Frauen. Aber es ist nicht so extrem wie man meinen könnte. Also nicht zehn (schweigsame) Männer + eine Frau vorn und elf (tratschende) Frauen + ein Mann hinten.

    In dieser Richtung habe ich einen, zumindest für mich, sehr interessanten Beitrag gefunden, welcher auch weiterführende Verweise beinhaltet.

    Ach so, eh ich das vergesse. Es gibt in solchen Gruppen auch immer einen oder eine der/die sich abwechselnd mal vorn, dann in der Mitte und später im letzten Drittel des Zuges aufhalten. Das sind jene, welche mit allen kommunizieren und möglicherweise die "gute Seele" der Gruppe darstellen.

    Ob man das unbedingt auf ein geschlechterbezogenes Verhalten in der Frühzeit übertragen kann, daraus Parallelen gezogen werden können und/oder sinnvolle Analogieschlüße daraus möglich sind, bezweifle ich allerdings.
    Es gibt uns wahrscheinlich nur Auskunft darüber, wie unterschiedlich Menschen im Allgemeinen sind und wie differenziert sie sich in Gruppen verhalten, nicht jedoch über geschlechterspezifische mentale oder gar physische Eigenschaften.

    Du weißt doch selbst zu was Frauen z.B. im Sport alles fähig sind.
    Egal ob es eine schnelligkeitsbezogene Disziplin oder eine Ausdauersportart ist. Frauen liegen bei den Ergebnissen immer ganz dicht bei den Männern.

    Oder schau dir die Rallye-Dakar an: Wer hätte sich das früher vorstellen können - eine Frau im Auto! besiegt hartgesottene Männer in einer WüstenRallye...
     
    Zuletzt bearbeitet: 27. August 2011
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  12. Staufer

    Staufer Neues Mitglied

    Weil ich gerade im Nachbarthread darüber gestolpert bin, möchte ich Teil eines Spiegelbeitrages der im o. vl. Thread thematisiert wurde, hier einfach mal einwerfen.

    Da immer wieder über das Klischee des speerwerfenden Mammutjägers, des - im Vergleich zur Frau - aggressiven Mannes ansich, geredet wurde, der kurze Exkurs und das Zitat.

    Ticken Männer in speziellen Situationen prinzipiell anders als Frauen? Ist es eine Frage der teilweise unterschiedlichen Sozialisierung, der kuturellen Tradierung - sprich, der unterschiedlichen Erziehung von Jungen und Mädchen - oder sind Teile des unterschiedlichen Verhaltens tatsächlich genetisch begründet und hinterlegt, also angeboren.

    Natürlich kann man diese Ergebnisse und Deutungen nicht so einfach auf die Geschlechterrollen in der Steinzeit, oder wer möchte, auch auf die der Neuzeit projezieren.

    Eine Anregung bzw. ein Hinweis, in welche Richtung man auch schauen sollte, ist es allemal.
    Um sich letztlich über mögliche Zusammenhänge ein zumindest grobes Bild machen zu können, müßte man sich allerdings mit den Arbeiten von Tania Singer, Ernst Fehr oder anderen in dieser Richtung forschenden Wissenschaftlern, etwas näher beschäftigen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. August 2011
  13. Beral

    Beral Neues Mitglied

    Man muss die Arbeitsteilung nicht auf die Nahrungsbeschaffung reduzieren, wie es leider sehr häufig geschieht. Das ist selbst in der Steinzeit bei weitem nicht der einzige arbeitsträchtige Lebensbereich. Es müssen auch Kleider hergestellt werden, es müssen Werkzeuge hergestellt werden, es müssen Kinder erzogen werden, es müssen Alte und Kranke gepflegt werden.

    Interessant ist zum Beispiel, dass sich in wenig technisierten Ethnien die Männer viel intensiver um die Kinderaufzucht kümmern als in westlichen Industriestaaten. Interessant ist aber auch, dass quer durch alle Kulturen hinweg Männer und Frauen typisch eigene Herangehensweisen an die Kindererziehung haben. Egal wo, egal wie technisiert - Frauen neigen mehr zu pflegerischen Tätigkeiten (Kind saubermachen, Streicheln), Männer mehr zu aufregenden Spielen (hochwerfen, Fangen spielen). Kinder brauchen beides. Man kann aus dem Blickwinkel der Psychologie erklären, warum Kinder beides brauchen. Man kann aus dem Blickwinkel der Psychologie auch erklären, warum Männer und Frauen systematisch zu spezifischen Erziehungsrollen neigen. Man kann zwei und zwei zusammenrechnen und festhalten, dass es in der Steinzeit nicht anders gewesen ist, auch wenn uns kein Steinzeitmensch ein Tagebuch als Beleg hinterlassen hat. Es wäre ja bescheuert, gegen die feinen biologischen Unterschiede anzuarbeiten und alle Sippenmitglieder zur Selbstverbiegung zu zwingen. Kultur verstärkt biologische Unterschiede. Das ist effektiv. Wir brauchen verschiedene Rollen. Wir haben sie schon immer gebraucht. Das macht unser Leben leichter. Man stelle sich nur vor, jeder von uns muss jeden Tag eine andere Rolle ausfüllen: heute liebende Mutter, morgen strenger Bundeswehrausbilder, übermorgen zuvorkommender Verkäufer, dann analytischer Forscher, dann... AHHH! Das wäre nicht nur nervig, das ist schlicht unmöglich. Wir begegnen der Komplexität unserer Aufgaben mit Spezialisierungen. Nichts anderes verbirgt sich hinter Rollenmodellen, Geschlechterrollen eingeschlossen.
     
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  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mehr Kultur durch weniger Testosteron?

    Kulturschub durch kooperatives Temperament? Der plötzliche Sprung in der Entwicklung des modernen Menschen vor 50.000 Jahren könnte auf einen geringeren Testosteron-Spiegel und damit einhergehendes sanfteres Gemüt zurückgehen. US-Forscher haben festgestellt, dass genau zu dieser Zeit die Gesichter der Menschen femininere Züge annahmen – ein typisches Zeichen einer geringeren Wirkung von Testosteron. Weniger männliche Geschlechtshormone könnten die Menschen sanfter gemacht haben und damit zu kooperativen Kulturschaffenden, vermuten die Anthropologen im Magazin "Current Anthropology".

    scinexx | Mehr Kultur durch weniger Testosteron?: Entwicklungsschub des modernen Menschen möglicherweise durch hormonelle Veränderungen - Ur-Mensch, Frühmensch, kulturelle Entwicklung - Ur-Mensch, Frühmensch, kulturelle Entwicklung, kulturelle Evolut
     
  15. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ...das hättest du als Zitat kenntlich machen sollen ;)

    ich zitiere aus derselben Quelle:
    ...die machen Sachen... ts ts ts ... in unserem vehement diskutierten Faden "Humangenetik ..." könnten die damit kaum reüssieren :D
     
  16. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Inwiefern? :confused:
     
  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    z.B. kann ein mit markanten Überaugenwülsten ausgestatteter Mensch durchaus friedlich und kooperativ sein ;) aus diesem unerheblichen äusseren Merkmal auf aggressiv-wüste Brünftigkeit im Zustand permanenten Testosteronrausches zu schließen, ist no go :rofl:(und überhaupt: Schädelformen klassifizieren...)
    schon Goethe spottete über Lavaters Physiognomik
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. August 2014
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dass Testosteron mit Knochenbau und Physiognomie verbunden wird, ist eigentlich nichts Neues (außer für Goethe).

    Unterhalb von "aggressiv-wüster Brünftigkeit im Zustand permanenten Testosteronrausches" bleibt sicher auch Platz für kleinere Verhaltensänderungen.

    Man kann die These in Frage stelle , wird sie vielleicht auch noch. Immerhin ist sie interessant, dass man das auch ohne Albernheiten aufnehmen kann.
     
  19. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    ob albern oder nicht: die These befasst sich mit Eigenschaftszuschreibungen anhand von äußeren Merkmalen. Das zumindest ist auf den ersten Blick :))) merkwürdig.
     
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  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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