Liman-von-Sanders-Krise und die Dardanellen. (..Ein Versuch)

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von hatl, 23. April 2014.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Machtposition des Deutschen Reichs im Osmanischen Reich ist komplex angelegt. Die zentralen Einflussgrößen, die militärische Kooperation und die wirtschaftliche Zusammenarbeit waren bereits seit längerem im Jahr 1914 vorbereitet. Gleichzeitig muss aber auch gleich deutlich gemacht werden, dass es keinerlei Determinismus gab im Jahr 1914, dass das Osmanische Reich an die Seite Deutschlands und Ö-U trat. Es gab diplomatische Kontakte der anglophilen CUP-Fraktion, die auch dazu hätten führen können, dass es Schutz gegen die russische Bedrohung an der Seite der Entente gesucht hätte, entweder als neutraler Staat oder als aktiver Kombattant.

    Vor diesem Hintergrund wurde mit Wangenheim (vgl. #231) das direkte und das indirekte Potential des deutschen Einflusses auf die türkische Politik mit Wangenheim zutreffend beschrieben. Im Ergebnis der Mission, nachdem sie ca ein Jahr in Konstantinopel aktiv war, formuliert Wangenheim folgende m.E. zutreffende Beschreibung im September 1914, indem er an Jagow schreibt (PAA/AA, R 22402, 24. September 1914, No. 4): „Turkey currently controls the Straits and the Black Sea. …..Since Turkey knows that its strength depends amlmost entirely on our officers, it will have to suit policies to Germany`s wishes for as long as [it] needs our officers. Germany is hence currently in charge of Turkis affairs and is therefor able to control, through Turkey, the Straits, the Black Seas, and, to a certain extent, also the Balkan.“ (zitiert in Aksakal, S. 163).

    Gleichzeitig ergab sich seit dem Abschluss des Geheimabkommens aber auch die - erstaunliche - implizite Drohung, die Humann gegenüber Enver zur Geltung brachte, dass eine Einigung zwischen dem Deutschen Reich und Russland zu Lasten des Osmanischen Reichs, den Konflikt beenden könnte (Aksakal, S. 183). Die Unterstützung durch das Deutsche Reich war einerseits der Garant für die staatliche Integrität und andererseits war die Außenpolitik des Osmanischen Reichs vom Deutschen Reich diplomatisch abhängig geworden. Und somit auch das Militär.

    Vor diesem Hintergrund stellt sich nicht einseitig das Problem, welche Hilfestellung für das Osmanische Reich geleistet wurde, sondern auch die Frage, in welchem Umfang das Osmanische Reich – auch in der Vorstellung eines Liddel Hardt`s – einen signifikanten Beitrag der indirekten militärischen Kriegsführung zur militärischen Niederlage des zaristischen Russlands geleistet hat. Und beide Effekte sind m.E. zu erkennen und zeigen, dass die Allianz historisch eine „Win-Win“ Position war, bei der beide Seiten profitiert haben. Auch wenn sie letztlich erfolglos war.

    Und man kann festhalten, dass die Kooperation mit dem Osmanischen Reich zu einer signifikanten militärischen Unterstützung des Deutschen Reichs und von Ö-U führte. „It is true, of course, that the Germans provided substantial aid to their Ottoman ally, in gold bullion…[folgt eine bereits erwähnte Aufzählung]…particular after 1915….On Balance , though, it seems clear that both Germany and Austria_Hungary benefitted much more from the belligerency of the Ottoman Empire tahn vice versa, a point which has frequently been ignored by historians of World War 1.“ (Trumpener, S. 108)

    Mit dem Geheimabkommen vom 2. August 1914 war die offene Situation des Sommers 1914 beendet und Enver hatte sich für die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich entschieden. Und in der Folge nahm der Einfluss des Deutschen Reichs deutlich zu. (vgl. Gilbert, Kap 6) So erreichten Ende August beispielsweise 22 Offiziere aus Deutschland die Türkei und Mallet berichtete, dass 90 Matrosen via Sofia nach Konstantinopel unterwegs waren.

    Die generelle Rolle der deutschen Militärberater unterliegt dabei einer sich verändernden historischen Deutung, so Erickson. Frühere Darstellung führen die deutliche Steigerung der Kampfkraft der Osmanischen Armee auf das direkte Wirken der deutschen Berater zurück. Dieser Sicht widerspricht Erickson mit dem Hinweis auf das III. Armeekorps, das bei Gallipoli am erfolgreichsten kämpfte. Ein Armeekorps, das weitgehend ohne direkte deutsche Unterstützung reorganisiert wurde.

    Die effektive Rolle der deutschen Berater und Kommandeure im Jahr 1914 kann man ohnehin nur als ein langsam zunehmendes Momentum beschreiben, da das ankommende Personal verteilt eingesetzt wurde und viele ohnehin erst im Sommer in Konstantinopel eintrafen.

    Die wichtigste Größe des Einflusses des Deutschen Reichs auf das Osmanische Reich war die relativ lange Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Ausbildung von Generalstabsoffizieren. Diese mehrere hunderte umfassenden hervorragenden ausgebildeten osmanischen Offiziere dachten und agierten wir preußische Generalstabsoffiziere. Und in diesem Sinne resümieren Uyar und Erickson, dass die Militärmission von Liman keine deutlichen Impulse gegeben hat, die Geschwindigkeit der Reorganisation der Osmanischen Armee im Jahr 1914 zu verbessern. (Uyar & Erickson, S. 241)

    Die Tragfähigkeit und die Effizienz der Kooperation der beiden Seiten machte sich erst während der Kämpfe um Gallipoli im Jahr 1915 deutlich. So schreibt beispielsweise Iredale und sehr ähnlich Weber: „on 25 April 1915, General (now Marshal) Liman von Sanders Paşa was appointed to command the Turkish Fifth Army, which was responsible for defending Gallipoli. At this time, one-third of the senior commanders were German officers, for example General Erich Paul Weber (1860-1933), who commanded the XV Corps. Lieutenant Colonel Perrinet von Thauveney was his chief of staff. At divisional level there was Colonel Georg von Sodenstern (1889-1955) commanding the 5th Division as well as Colonel August Nicolai (1873-1947) commanding the 3rd Division. Lieutenant Colonel Hans Kannengiesser later took command of the 9th Division. Major Wilhelm Willmer commanded the "Anafarta Group", defending Suvla Bay from mid-June 1915 and Major Alexander Effnert commanded all the Fifth Army engineer units. Major Lierau, an experienced German heavy artillery officer, was in charge of all the Anafarta Group’s artillery from August 1915“ (vgl. Iredale)

    Jenseits der Gesamtzahlen der Unterstützung war auch das Timing der Lieferungen relevant (vgl. z.B. Trumpener, S.102). So wurden beispielsweise eine Reihe von MG-Abteilungen mit deutschen Seesoldaten zu Beginn der Schlacht um Gallipoli an die Dardanellen-Front verlegt. Und haben dort erfolgreich agiert, da vor allem MG der Osmanischen Armee fehlten.

    Daneben waren es aber auch individuelle Aktionen, die einen substantiellen Beitrag zur Entwicklung der Kämpfe um Gallipoli geleistet haben. "that the eventual containment of the Allies was equally due to the tenancy of a Bavarian cavalry officer, Major Wilhelm Willmer, who stubbornly held on to some key positions at kiresh Tepe with a small force of Ottoman soldiers and gendarmens.“(Trumpener, 2012, S. 102).

    „Successfully attacking Allied warships off Gallipoli was Lieutenant Commander Rudolph Firle, jointly commanding the Turkish destroyer Muavenet, which sank the English battleship HMS Goliath in the Dardanelles on 13 May 1915. The morale-boosting torpedoing of the battleships HMS Triumph on 25 May 1915 and HMS Majestic on 27 May was accomplished by Lieutenant Commander Otto Hersing (1885-1960), the famous captain of the German submarine U 21. “ (vgl. Iredale)

    Diese Auflistung sollte ergänzt werden vor allem durch das Agieren der deutschen Marineoffiziere, die die Artillerie der Befestigungen inspiziert und optimiert haben, die die Minensperren optimiert haben, die die Artillerie an „mobiles“ Schießen anpasten etc. Und insgesamt deutlich macht, wie tief das Deutsche Reich in die militärischen Strukturen des Osmanischen Reichs eingriff. Das heist aber nicht, dass deutsche Offiziere eigenständig agieren konnten im Sinne von KW II. , sondern im wesentlichen in enger Kooperation mit osmanischen Stellen.

    Versucht man vor diesem Hintergrund die Befürchtungen von Sasonow während der Liman von Sanders Krise 1913/1914 zu bewerten, dann waren sie im engeren militärischen Sinne für Anfang 1914 nur begrenzt objektiv berechtigt. Allerdings hatte er Recht mit Hinblick auf die mittel bis längerfristige Entwicklungsmöglichkeit. Und nach einem erfolgreichen Krieg wäre die militärisch und wirtschaftlich begründete Hegemonie des Deutschen Reichs über den Nahen Osten deutlich stärker geworden.

    Erickson, Edward J. (2001): Ordered to die. A history of the Ottoman Army in the First World War. Westport, CT, London: Greenwood Press
    Iredale, Thomas P. (2019): Role of German Officers in the Gallipoli Campaign. 1914-1918-Online International Encyclopedia of the First World War. Unter Mitarbeit von Ute Daniel, Peter Gatrell, Oliver Janz, Heather Jones, Jennifer Keene, Alan Kramer et al. Freie Universität Berlin. Berlin.
    Gilbert, Martin (2019): Winston S. Churchill. The Challenge of War. 1914-1916. London: C & T Publications Limited
    Trumpener, Ulrich (2012): The Turkish War, 1914-18. In: John Horne (Hg.): A companion to World War I. Chichester, U.K., Malden, Mass.: Wiley-Blackwell, S. 97–111.
    Wolf, Klaus (2020): Victory at Gallipoli, 1915. The german-ottoman alliance in the first world war. Vorwort von Stephen J. Chambers, Gallipoli Association. Barnsley: Pen & Sword Military.
    Uyar, Mesut; Erickson, Edward J. (2009): A military history of the Ottomans. From Osman to Atatürk. Santa Barbara, Calif: Praeger Security International
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. November 2020
  2. Shinigami

    Shinigami Aktives Mitglied

    Einen Determinismus gab es sicherlich nicht, ich würde aber doch behaupten jedenfalls eine starke Tendenz.

    Für die Dauer des Konfliktes alleine, wäre die Neutralität oder ein Zusammengehen mit der Entente für das Osmanische Reich sicherlich gangbar gewesen, nur hätte man sich dann offensichtlich im Erfolgsfall in eine perspektivisch ausweglose Situation begeben.
    Ein temporäres Zusammengehen gegen die Zentralmächte, hätte sicherlich nicht zum Verschwinden jahrhundertealter Begehrlichkeiten Russlands geführt, sondern nur dazu, diese von der Prioritätenliste vorläufig herunter zu nehmen.

    Demgegenüber hätte ein großer Sieg der Entente aber möglicherweise Österreich-Ungarn als aktiv handlungsfähige Großmacht am Balkan auf Dauer ausgeschaltet, jedenfalls aber auf absehbare Zeit und ob sich dann Deutschland, zumal bei potentiell schmerzhaften Territorialeinbußen in Zentraleuropa (Lothringen/Oberschlesien) noch in der Lage und willens gezeigt hätte, sich für die Verteidigung des Osmanischen Reiches gegen russische Ansprüche zu verwenden, wird man ebenfalls für fraglich halten dürfen.

    Eine Neuauflage des Krim-Krieges um des Wohl des OR Willen, wird man angesichts Frankreichs Bedürfnisses nach einem Bündnispartner im Osten auch für unwahrscheinlich halten dürfen, wollte man es von anno 1914 an perspektivisch betrachten.

    Wie hoch, auch wenn es dafür entsprechende Lobby-Gruppen gab, wird man denn die Wahrscheinlichkeit einer Entscheidung zu Gunsten der Entente ansetzen können?
    Ich halte das, offen gesagt, für ziemlich unrealistisch, mit Verweis darauf, dass es zwar die aktuelle Situation geklärt, perspektivisch für Istanbul aber eine möglicherweise noch schwierigere Lage verursacht hätte. Der Russischen Ambitionen wegen, musste ein Sieg der Zentralmächte, eigentlich schon im Interesse des Osmanischen Reiches liegen, denn von der Seite her, erhob man ja wenigstens keine unterschwelligen territorialen Ansprüche.

    (Bewaffnete) Neutralität, wäre sicherlich eine Option gewesen, wäre aber zu hinterfragen gewesen, ob die Meerengen dann für den militärischen Verkehr offen oder gesperrt gewesen wären.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bin mir da nicht so sicher, die Diskussion -- so mein Kenntnisstand der schon häufiger hier angeführten Literatur u.a. Aksakal - war relativ pluralistisch und offen. Es gab keine einheitliche außenpolitische Sicht der CUP. Es gab Kontakte nach Frankreich, intensive Bemühungen Richtung GB mit Churchill in prominenter Rolle und auch Annäherungen an Russland. Es ging um sichere Garantien für die Integrität und man glaubte, dass GB die Russen effektiv einschränken konnte.

    Zentral für den Stimmungsumschwung in der CUP, u.a. bei Talat, war der "Akt der Piraterie", die Großkampfschiffe zu konfiszieren. Nicht zuletzt, weil diese Schiffe ja der Hebel sein sollten, das Osmanische Reich vom Deutschen Reich fern zu halten.

    Und auf einen weiteren diplomatischen, britischen Hebel soll noch hingewiesen werden. Dass das Osmanische Reich dann auf der Seite von DR und Ö-U in den Krieg eintrat war aus der Sicht von GB nicht unerwünscht, da man hoffte, dass es ein Katalysator sein würde, auf dem Balkan Staaten zu finden, die sich gegen das Osmanische Reich verbünden würden.
     

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