Napoleon gegen die Industrielle Revolution: 0 zu 1

Dieses Thema im Forum "Technikgeschichte" wurde erstellt von Gegenkaiser, 26. Juli 2010.

  1. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Nona, es tat sich ja noch viel mehr: zunächst mal ein konstantes Größenwachstum der rated vessels. So wuchsen die Standardfregatten von ca. 600 tons, 28guns im Siebenjährigen Krieg auf 1200 tons und mehr, 38-Gun- ships in den 1790ern. Den Linienschiffen ging es ähnlich. Grund war, dass man mit solchen Größen und Hebeln stabilitätsmäßig besser umzugehen gelernt hatte - sprich, solch ein Rumpf nach einem Dienstjahr nicht total durchgebogen war. Die durchgehende Kupferbeplankung war eine Revolution, die die notwendige Zeit zwischen dem Docken mehr als verdreifachte. Eiserne Wassertanks waren auch ein erheblicher Fortschritt, nachdem die Kinderkrankheiten vorbei waren. Compaß timber (sauteures, weil krumm gewachsenes Holz) wurde mehr und mehr durch Eisen ersetzt. Für die Beiboote wurden Davits eingeführt. Gegenüber der früheren Lagerung auf dem Oberdeck machte das das Bootshandling schneller, einfacher und sicherer.
    Dazu kamen die erheblichen Fortschritte in der Navigation, die Bestimmung des Längengrades mit dem revolutionären seefahrtstauglichen Chronometer von Harrison, die Fortschritte in der Medizin und Hygiene der Seeleute usw.. Der wissenschaftliche und wirtschaftliche Fortschritt hat sich ganz erheblich auf die Schiffahrt ausgewirkt. Auch die ersten dampfgetriebenen Hafenschlepper kamen m. W. noch vor 1815 in England auf - großartig, um Schiffe zum Be- und Entladen an die Pier oder gar gegen den Fluß- und/oder Gezeitenstrom nach London zu bringen...
    Dass allerdings der Kriegsschiffbau wissenschaftlich betrieben wurde, mag ein schönes Gerücht sein, das Franzosen und Spanier in die Welt gesetzt haben. De facto bauten sie ihre Schiffe nach den selben Prinzipien wie VW oder Opel ein neues Auto: ein paar wissenschaftliche Grund-Grundlagen und der Rest ist Trial und Error und Erprobung beim Kunden. Entgegen der landläufigen Meinung gab es auch grottenschlechte Schiffsdesigns von Franzosen und gute Modelle aus England. Zu den hochgelobten ach-so-schnellen französischen Schiffen hab ich mal nen zeitgenössischen französischen Kommentar gelesen, in dem beklagt wurde, dass die französischen Wissenschaftssuperschiffe bei ihren Erprobungsfahrten zwar gelaufen seien wie Sau; nach den Erprobungsfahrten mussten sie aber unmittelbar konstruktiv verstärkt werden, um nicht sofort auseinanderzufallen - und das Mehrgewicht der Verstärkungen habe den schönen Geschwindigkeitsvorteil null und nichtig gemacht. Außerdem mögen die Franzosen in der Theorie mehr über notwendige Materialeigenschaften gewusst haben. Das hat ihnen aber herzlich wenig gebracht, weil sie in Frieden und Krieg an entsprechendes Material nicht rankamen:zunge:
     
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  2. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Z.Zt. habe ich leider nicht meine Bücher zur Hand und kann nicht nachschauen. Ich erinnere mich jedoch, dass zumindest eine Fregatte quasi als Nahkampfschiff nur mit Karronaden bewaffnet wurde. Bei kleineren Schiffen wie Sloops und Cutters war es häufiger der fall, dass ist aber ein anderes Thema. Bei Linienschiffen wurden mehrere große Karronaden (sogar 36. Pfünder) auf dem Oberdeck bzw. Forecastle montiert.
     
  3. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Da war dann auch noch die "Glatton", ein zum Kriegsschiff konvertierter Ostindienfahrer, die unter dem Kommando eines gewissen William Bligh an der Schlacht von Kopenhagen von 1801 teilnahm.
    HMS Glatton (1795) - Wikipedia, the free encyclopedia
    Zu ihrer "Höchstzeit" trug sie 28 68-Pfünder-Karronaden und 28 42-Pfünder-Karronaden. Interessanterweise bekam sie später wieder 18-Pfünder-Langrohrgeschütze. Eigentlich müsste die Feuergeschwindigkeit gerade bei den 68-Pfündern ganz schön in die Knie gegangen sein - ein einzelner Mann hantiert auf so engem Raum wahrscheinlich doch ganz schön schlecht mit einer über 30 kg schweren Kugel rum...
     
  4. Neddy

    Neddy Aktives Mitglied

    Das Thema, das Caro weiter oben angeschnitten hat hat, ist doch nicht so ganz ohne. Letzte Woche ist mir in London in den National Archives ein (gedruckter) Befehl des Duke of York (Oberbefehlshaber der British Army) Prince Frederick, Duke of York and Albany - Wikipedia, the free encyclopedia in die Hände gefallen (in ADM 1/4352). Dieser datiert vom 24. Oktober 1795 und legt fest, dass eingeschiffte Heeresontingente den an Bord gültigen Vorschriften Folge zu leisten haben und dafür dem höchsten Offizier an Bord (ergo dem Kommandanten) sowie dem Geschwaderchef Gehorsam zu leisten haben. Mit der Begründung:
    wird festgelegt, dass (von mir zusammengefasst) Heeresangehörige disziplinar ebenso zu behandeln sind, wie ich es oben für die Marines geschildert habe. Das beinhaltet auch das Recht des Kommandanten, gemeine Heeresangehörige vorbehaltlich der Zustimmung des Führers des eingeschifften Kontingentes auspeitschen zu lassen. Damit unterwirft die army ihr an die Marine ausgeliehenes bzw. von dieser transportiertes Personal audrücklich weitestgehend deren Bestimmungen für das Verhalten an Bord (was eigentlich auch logisch sein sollte). Allein die Tatsache, dass es in dem laissez-faire Staat für notwendig gehalten wurde, so etwas per Befehl von ganz oben zu regeln, weist darauf hin, dass die Einschiffung von Heereskontingenten disziplinar wohl doch nicht ganz unproblematisch war und es zuvor zu Konflikten gekommen sein muss.
     

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